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Gesundheit

Tod von drei Krebspatienten

Staatsanwaltschaft Krefeld klagt Heilpraktiker an

Er soll eine ungeeignete Waage benutzt und so eine gefährliche Substanz überdosiert haben: Einem Heilpraktiker in Nordrhein-Westfalen wird die fahrlässige Tötung von drei Patienten vorgeworfen.

DPA

Ehemalige Praxis des Heilpraktikers in Brüggen-Bracht

Donnerstag, 12.04.2018   14:57 Uhr

Nach dem Tod von drei Menschen klagt die Krefelder Staatsanwaltschaft einen Heilpraktiker aus Nordrhein-Westfalen wegen fahrlässiger Tötung an. Er hatte die krebskranken Patienten behandelt.

Der Heilpraktiker Klaus R. soll den Schwerkranken Ende Juli 2016 eine erheblich überdosierte Infusionslösung verabreicht haben, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Den Ermittlungen zufolge hatte der 61-Jährige für die Herstellung der Infusion eine ungeeignete Waage benutzt. Dadurch habe er den experimentellen Wirkstoff 3-Bromopyruvat (3-BP) um das Drei- bis Sechsfache zu hoch dosiert. Zwei Frauen und ein Mann starben.

Neben fahrlässiger Tötung in drei Fällen wirft die Staatsanwaltschaft dem Heilpraktiker auch Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz in vier Fällen vor. Er hatte am selben Tag auch einem vierten Patienten in seiner Praxis in Brüggen eine 3-BP-Infusion verabreicht.

"Schwere oder sogar tödliche Nebenwirkungen bei Überdosierung zu erwarten"

3-BP ist nicht als Arzneimittel zugelassen. "Bromopyruvat wird seit einigen Jahren in Zellkulturen und an Tieren erforscht. Die notwendige klinische Forschung, die in Europa vor einer Zulassung notwendig ist, ist jedoch noch nicht erfolgt", erklärte Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst (KID) am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) im Juli 2016.

Eine Anwendung des Wirkstoffs war dem Heilpraktiker aber nicht grundsätzlich verboten. Heilpraktiker dürfen zwar keine rezeptpflichtigen Arzneien verschreiben oder herstellen. Doch einen experimentellen, nicht zugelassenen Wirkstoff wie 3-BP durfte der Mann seine Patienten spritzen.

Allerdings sei bei der Verabreichung von 3-BP besondere Sorgfalt erforderlich, weil bereits bei einer geringen Überdosierung schwere oder sogar tödliche Nebenwirkungen zu erwarten seien, argumentiert die Staatsanwaltschaft. 3-BP greife den Zellstoffwechsel und die Zellatmung an, so dass Gehirnzellen abstürben. Dies habe rechtsmedizinisch nachweisbar zum Tod der drei Patienten geführt.

Laut Staatsanwaltschaft Krefeld hat der Heilpraktiker die ungeeignete Waage bereits seit April 2016 verwendet, in den Ermittlungen hätten sich aber keine Hinweise auf vergleichbare Fälle ergeben.

Klaus R. hatte seine Praxis als das "Biologische Krebszentrum Bracht" bezeichnet und auf seiner Webseite unter anderem damit geworben, dass er nur mit nichttoxischen Substanzen arbeite. Seine Behandlung sei "100 Prozent frei von giftigen Stoffen (im Gegensatz zur Chemotherapie, die fast komplett toxisch ist)", war dort zu lesen.

Wer in Deutschland als Heilpraktiker arbeiten will, muss in einer theoretischen und mündlich-praktischen Prüfung unter Beweis stellen, dass seine Ausübung der Heilkunde keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung und seiner Patienten darstellt. Danach gilt er als staatlich anerkannt. Eine verbindliche Berufsausbildung, in der man etwa das Setzen von Injektionen lernt, gibt es nicht.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Angaben zur Heilpraktiker-Prüfung präzisiert.

wbr/dpa

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