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Gesundheit

Studie

Schaden Mandel-OPs mehr, als sie helfen?

Vielen Kindern werden die Mandeln entfernt, wenn sie sich zu oft entzünden. Doch welche Folgen hat das langfristig? Dazu liegt jetzt erstmals eine große Studie vor.

Getty Images/iStockphoto
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Dienstag, 12.06.2018   07:33 Uhr

Die Gaumenmandeln sollen den Körper vor Krankheiten schützen. Als Teil des Immunsystems erkennen sie Erreger und bekämpfen diese. Doch die Mandeln haben dabei nicht immer Erfolg. Sie können sich selbst entzünden und so Beschwerden verursachen. Oft sind dann Antibiotika notwendig, damit die Entzündung abheilt.

Eine Lösung bei häufig wiederkehrenden Entzündungen ist die Entfernung der Mandeln. Die kurzfristigen Chancen und Risiken des Eingriffs sind bekannt. Aber welche Auswirkungen hat es langfristig auf die Gesundheit, wenn die Mandeln im Kindesalter entfernt werden?

Dieser Frage ist ein internationales Forscherteam nun nachgegangen. Die Wissenschaftler werteten Daten von knapp 1,2 Millionen Menschen aus, die zwischen 1979 und 1999 in Dänemark geboren wurden.

Erhöhtes Risiko für Asthma, Lungenentzündung, COPD

Im Fachblatt "JAMA Otolaryngology Head and Neck Surgery" berichtet die Gruppe, dass die Operationen unter anderem mit einem deutlich erhöhten Risiko für spätere Erkrankungen der Atemwege einhergingen, also unter anderem Asthma, Grippe, Lungenentzündung und chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD).

Die Kinder, denen die Gaumenmandeln entfernt wurden, hatten bis zum 30. Lebensjahr ein fast dreimal so hohes Risiko für Erkrankungen der oberen Atemwege im Vergleich zu den Nichtoperierten. Weil diese Krankheiten zusammengenommen nicht selten sind, entspricht das etwa 19 zusätzlichen Krankheitsfällen unter 100 Menschen. Auf jede fünfte OP kommt demnach eine zusätzliche Erkrankung der oberen Atemwege, zu denen unter anderem Nasennebenhöhlen- oder Halsentzündungen zählen.

Die Entfernung der Rachenmandeln war mit einem etwa verdoppelten Risiko für die Krankheiten verbunden - also etwa 10 Krankheitsfällen mehr unter 100 Menschen, berichtet das Team um Sean Byars von der University of Melbourne, Australien. Auch das Risiko für COPD war für die Operierten etwa verdoppelt. Weil die schwere Krankheit deutlich seltener auftrat, kommt auf etwa eine von 350 Operationen ein zusätzlicher COPD-Fall.


Wann kommen die Mandeln raus?

Vergrößerte Rachenmandeln können zu oft wiederkehrenden Mittelohrentzündungen oder Nasennebenhöhlenentzündungen führen. Außerdem erschweren sie die Atmung durch die Nase, sodass Betroffene eher durch den Mund atmen und im Schlaf schnarchen. Auch können sie das Hören erschweren und bei Kleinkindern deshalb den Spracherwerb verzögern.

Bertesmann Stiftung/ Dalkowski

Lage der Rachen- und Gaumenmandeln

Bei den Gaumenmandeln orientieren sich Ärzte oft an den sogenannten Paradise-Kriterien, wenn sie sich für eine OP entscheiden. Demnach ist sie sinnvoll, wenn jemand in einem Jahr mindestens sieben Halsinfektionen hatte, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren pro Jahr mindestens fünf oder in drei aufeinanderfolgenden Jahren pro Jahr mindestens drei solche Infekte.


Auf der anderen Seite erfüllten die Eingriffe auch ihren Zweck: Die Rate der Mandelentzündungen sank drastisch bei den Operierten und die Entfernung der Rachenmandeln reduzierte Schlafprobleme.

Allerdings erkrankten die Operierten langfristig genauso oft oder sogar häufiger an Nasennebenhöhlen- und Mittelohrentzündungen wie die Menschen in der Vergleichsgruppe.

Experten-Interview

Die Forscher empfehlen deshalb, Nutzen und Schaden der Eingriffe noch genauer abzuwägen. Und die Mandeln möglichst spät zu entfernen, wenn das Immunsystem ausgereift ist - über die Risiken einer OP nach dem neunten Lebensjahr sagt die aktuelle Studie nichts aus.

Liegt es wirklich an den Operationen?

Obwohl die Forscher auf eine Fülle von Daten von mehr als einer Million Menschen zurückgreifen konnten, bleiben Fragen offen. Denn letztendlich ist nicht sicher zu klären, ob die Operationen für das spätere erhöhte Krankheitsrisiko verantwortlich sind oder ob es an anderen Faktoren liegt.


Wer hat's bezahlt? Die Studie wurde von der Dänischen Forschungsstiftung und einem Marie Curie International Incoming Fellowship finanziert.


Zwar kommt die Forschergruppe zum Schluss, dass die operierten Kinder vor dem Eingriff im Schnitt nicht kränker waren als die Vergleichsgruppe, aber sie konnten hierzu nicht alle Details erfassen. Unbekannt ist etwa, welche Kinder in Raucherhaushalten aufwuchsen, was das Risiko für viele Krankheiten erhöht und so für eine Mandel-OP und für spätere Atemwegserkrankungen verantwortlich sein kann.

"Kinder, die per se ein höheres Risiko für Mittelohrentzündungen haben, werden wahrscheinlicher eine Mandel-OP haben und erkranken danach dann wahrscheinlich immer noch häufiger an Mittelohrentzündungen als gesunde Kinder aus der Vergleichsgruppe", schreibt Richard Rosenfeld vom SUNY Downstate Medical Center in einem Begleitartikel zur Studie. Es sei deshalb bislang eine sehr dünne Beweislage, so der Arzt.

insgesamt 52 Beiträge
jozu2 12.06.2018
1. Artikel ungenau - Ursache und Wirkung
Die Studie kann doch nur festgestellt haben, dass operierte Kinder häufiger später Asthma etc. haben. Ihr Artikel behauptet auch gleich, die OP sei die Ursache. Das kann die Studie aber gar nicht als zwingenden Schluss [...]
Die Studie kann doch nur festgestellt haben, dass operierte Kinder häufiger später Asthma etc. haben. Ihr Artikel behauptet auch gleich, die OP sei die Ursache. Das kann die Studie aber gar nicht als zwingenden Schluss feststellen. Vielleicht tragen die Kinder auch schon vor der OP die Ursache für das Asthma in sich und das ist gleichzeitig auch die Ursache für die Entzündungen, in deren Folge operiert wird.
clamence 12.06.2018
2. Gegenbeispiel
Mit 12 Jahren hatte ich eine durch Viren verursachte Meningitis (Hirnhautentzündung), die mein Immunsystem nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, da es durch eine 1-2 Jahre andauernde chronische Rachenmandelentzündung [...]
Mit 12 Jahren hatte ich eine durch Viren verursachte Meningitis (Hirnhautentzündung), die mein Immunsystem nicht mehr unter Kontrolle halten konnte, da es durch eine 1-2 Jahre andauernde chronische Rachenmandelentzündung geschwächt war. Die Sache ging relativ glimpflich aus; nach ca. 3 Monaten war die Erkrankung überwunden. Tödliche Verläufe bzw. lebenslange Behinderungen gibt es aber auch. Mittelohrentzündung oder Lungenprobleme habe ich bis heute (Alter 58) nie gehabt. In der Medizin aus einer, wenn auch gut gemachten, Statistik auf den Einzelfall zu schließen kann fatal enden.
BeatDaddy 12.06.2018
3. Ich habe
als Kind (vor vierzig Jahren) die Mandeln entfernt bekommen und keinerlei negative Auswirkungen dadurch gehabt, ganz im Gegenteil. Und husten muss ich nur, wenn ich Husten habe oder zuviel rauche. Aber Milch zu trinken, mit [...]
als Kind (vor vierzig Jahren) die Mandeln entfernt bekommen und keinerlei negative Auswirkungen dadurch gehabt, ganz im Gegenteil. Und husten muss ich nur, wenn ich Husten habe oder zuviel rauche. Aber Milch zu trinken, mit Holzkohle zu grillen oder gar Nationalstolz zu haben ist ja auch nicht mehr gut, von daher... Man hat wahrscheinlich festgestellt, dass man mit medikamentöser Behandlung von entzündeten Mandeln mehr verdienen kann, als mit der bloßen Entfernung derselben. Das ist doch das, worum es heutzutage geht...
gerdigerdsen 12.06.2018
4. Fahrlässig
Mit Anfang 20, vor 30 Jahren wollte man mir die Mandeln entfernen. Umstellung auf vegane Ernährung und Vitamin D3 mit K2 hochdosiert heben dazu geführt, dass ich nie wieder krank war in Sachen Erkältung, Mandeln, Fieber und so [...]
Mit Anfang 20, vor 30 Jahren wollte man mir die Mandeln entfernen. Umstellung auf vegane Ernährung und Vitamin D3 mit K2 hochdosiert heben dazu geführt, dass ich nie wieder krank war in Sachen Erkältung, Mandeln, Fieber und so weiter. It's the food
theobald_fuchs 12.06.2018
5. weitere Möglichkeit
1953 wurden meine Mandeln geschält und nicht entfernt. Sie wuchsen nach. Frühere Probleme tauchten später nicht mehr auf.
1953 wurden meine Mandeln geschält und nicht entfernt. Sie wuchsen nach. Frühere Probleme tauchten später nicht mehr auf.

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