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Gesundheit

Experiment geglückt

Nierenkranke erhalten infizierte Organe - und leben heute gesund

Auch das ist eine Folge der Opioidkrise in den USA: Die Zahl möglicher Organspender steigt, viele sind jedoch mit Hepatitis C infiziert. Ein aktueller Versuch zeigt, dass ihre Nieren trotzdem Leben retten können.

DPA

Symbolbild

Dienstag, 07.08.2018   18:05 Uhr

Brauchen Patienten dringend eine Niere, können sie auch von einem Organ profitieren, das mit Hepatitis C infiziert ist. Das ist das Ergebnis eines Experiments aus den USA. Der Ansatz könnte Menschen in Zukunft helfen, die sonst Jahre auf ein Spenderorgan warten müssten.

Normalerweise zählt eine Hepatitis-C-Infektion zu den Ausschlusskriterien für eine Organspende - zumindest, wenn der Empfänger nicht auch infiziert ist. Bei dem Versuch erhielt eine Gruppe von 20 Patienten trotzdem die Nieren und wurde anschließend mit Medikamenten behandelt, um das Virus zu unterdrücken.

Im Durchschnitt waren die Teilnehmer 56,3 Jahre alt. Alle hatten Rezepte für eine Langzeit-Dialyse, weil ihre Nieren nicht mehr ausreichend Schadstoffe aus dem Blut filterten. Außerdem war ihr Gesundheitszustand so kritisch, dass sie die Wartezeit bis zu einer Organspende auf dem herkömmlichen Weg vielleicht nicht überlebt hätten.

Das Experiment glückte. Auch ein halbes beziehungsweise ein Jahr nach dem Eingriff gehe es den Patienten den Umständen entsprechend gut, berichten die Forscher um Peter Reese von der University of Pennsylvania im Fachblatt "Annals of Internal Medicine". Keiner war an Hepatitis C erkrankt, bei allen entwickelten sich die Nieren wie nach einer gesunden Spende.

"Können nicht so weitermachen"

"Wenn es so einen Organengpass gibt, können wir nicht weitermachen, als wäre nichts geschehen", sagt Reese. "Wir müssen von der Annahme loskommen, dass diese Organe wertlos sind und Patienten sie nicht wollen."

In den USA erhielten 2017 insgesamt 19.850 Personen eine Nierenspende. Auf der Warteliste stehen jedoch fast 95.000 Menschen. Damit deckte die Zahl der Spenden nur rund 20 Prozent des Bedarfs. Gleichzeitig wurden 2016 rund 800 mögliche Nierenspenden abgelehnt, weil die Organspender mit Hepatitis C infiziert waren.

Die tatsächliche Zahl möglicher Spenderorgane mit Hepatitis C sei sogar noch deutlich höher als derzeit bekannt, schreiben die Autoren. Hunderte werden demnach gar nicht erst erfasst. Zusätzlich treibe die Opioidkrise in den USA die Zahl möglicher Spender mit Hepatitis C in die Höhe. Das Virus wird ähnlich wie HIV über gemeinsam genutzte Nadeln übertragen.

"Kann wieder an Familienfeiern teilnehmen"

Hepatitis C zerstört die Leber. Mittlerweile gibt es jedoch Medikamente, mit denen sich die Infektion bei mehr als 95 Prozent der Betroffenen heilen lässt. Bei der aktuellen Studie erhielten die Patienten insgesamt zwölf Wochen ein Mittel, das den Erreger bekämpft. Die Behandlung schlug bis jetzt bei allen an.


Wer hat's bezahlt?

Die Studie wurde von Merck & Co finanziell unterstützt. Außerdem stellte das Unternehmen die Hepatitis-C-Medikamente, mit denen die Patienten behandelt wurden.


Kiran Shelat, war zwei Jahre auf der Warteliste für ein neues Organ, bevor er einwilligte, an dem Experiment teilzunehmen. Jetzt fühle er sich wieder voller Energie, könne ins Fitnessstudio gehen und an Familienfeiern teilnehmen, erzählt der 65-jährige Bauingenieur.

Aus seiner Sicht rettet der neue Ansatz Leben. "Man kommt runter von der Liste, und man bekommt eine Niere. Es gibt nichts, wovor man Angst haben muss", glaubt er. Andere Transplantationsmediziner sind zwar etwas zurückhaltender, aber ebenfalls positiv gestimmt.

Infiziertes Organ statt auslaugender Dialyse

"Solange die Patienten die Risiken akzeptieren, unterstütze ich das", sagt Josh Levitsky von der Northwestern University, der nicht Teil des Studienteams ist. Matthew Cooper vom Georgetown University Hospital sieht es pragmatisch: Die Tatsache, dass es sich um ein infiziertes Organ handele, könne dadurch wieder wettgemacht werden, dass die Belastung der Dialyse wegfalle.

Arbeiten die Nieren nicht mehr richtig, müssen Betroffene regelmäßig zur Blutwäsche. Viele empfinden das als auslaugend, sagt Cooper, der auch nicht an dem Versuch beteiligt war. "Außerdem müssen die Betroffenen ihr ganzes Leben rund um die Dialyse herum planen."

Die wirkungsvollen Hepatitis-C-Medikamente haben allerdings auch ihren Preis. Eine Behandlung mit dem jetzt erprobten Mittel Zepatier kostet in den USA rund 54.600 Dollar. Das ist aber trotzdem noch weniger als ein Jahr Dialyse.

Die American Society of Transplantation fordert größere Studien, bevor die infizierten Nieren routinemäßig zum Einsatz kommen. Bislang gibt es einen weiteren, ebenfalls kleinen Versuch, bei dem Menschen ohne eine Hepatitis-C-Erkrankung infizierte Organe transplantiert bekamen. Er fand 2016 an der Johns Hopkins University statt, allen Teilnehmern geht es bis heute gut.

irb/AFP

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