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Gesundheit

Verblüffende Hirn-Aufnahme

Da fehlt doch was?!

Eigentlich sucht ein 84-Jähriger nur Hilfe bei seinem Hausarzt, weil er ab und zu die Balance verliert und seine linke Körperseite schwach ist. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, was sich in seinem Kopf verbirgt.

BMJ Case Reports 2018

CT-Bild des Kopfes

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Dienstag, 13.03.2018   19:10 Uhr

Die Beschwerden des 84-Jährigen sind für sein Alter nicht ungewöhnlich. In den vergangenen Monaten habe er immer mal wieder sein Gleichgewicht verloren, schildert der Mann seinem Hausarzt in Nordirland. Außerdem fühlten sich sein linker Arm und sein linkes Bein seit drei Tagen etwas schwach an.

Die Probleme auf seiner linken Seite könnten für einen Schlaganfall sprechen, ansonsten geht es dem Mann aber gut. Er ist weder verwirrt, noch hat er Lähmungserscheinungen im Gesicht, Sehprobleme oder Schwierigkeiten beim Sprechen. Sicherheitshalber schickt der Hausarzt seinen Patienten trotzdem in die Notaufnahme, um die Beschwerden weiter abklären zu lassen.

Der 84-Jährige hat einen Grünen Star und ist vor 25 Jahren mal an einer Hirnhautentzündung erkrankt, ansonsten ist seine Krankenakte unauffällig. Für sein Alter ist der Patient sehr fit, er kann sich selbst versorgen und lebt zusammen mit seiner Frau und zwei Söhnen in einem eigenen Zuhause, schreibt der Hausarzt Finlay Brown im Fachblatt "BMJ Case Reports".

Luft ins Gehirn gedrückt

Die Ärzte machen eine Blutuntersuchung, doch die Werte sind in Ordnung. Auch neurologische Tests, etwa der Augenbewegungen oder des Sprachvermögens, zeigen nichts Auffälliges. Als die Ärzte ihren Patienten jedoch ins CT schieben, um sein Gehirn zu untersuchen, entdecken sie Verblüffendes: Ein Teil seiner rechten Hirnhälfte scheint verschwunden zu sein.

Als Hausarzt Brown sich die Aufnahme ansieht, während er auf die Deutung der Röntgenspezialisten wartet, mutmaßt er sogar, dass der Patient ihm etwas verheimlicht hat. "Ich habe mich im ersten Moment gefragt, ob er vergessen hat, von einer früheren Gehirnoperation zu erzählen oder ob er mit einer Gehirn-Fehlbildung geboren wurde", schildert Brown dem Portal "Life Sciences" seine Gedanken.

BBC-Doku: Wie entsteht unser Gehirn?

Foto: BBC

Dann aber stoßen die Ärzte auf eine andere Erklärung. Es muss Luft ins Gehirn des Mannes eingedrungen sein. Bei dem dunklen Fleck auf dem Bild handelt es sich um eine neun Zentimeter große Luftkammer, die das Gehirn verdrängt und zusammendrückt.

Um den Bereich genauer betrachten zu können, machen die Ärzte noch eine MRT-Aufnahme des Kopfes. Die Bilder bestätigen nicht nur den Luft-Verdacht, sie zeigen auch die Ursache. An den Nasennebenhöhlen des Mannes wuchert ein gutartiger, langsam wachsender Knochentumor, der über die Zeit den Knochen zwischen Nasennebenhöhlen und dem Gehirn zermürbt hat. Das Ergebnis: Bei hohem Druck, etwa beim Niesen, wird Luft in das Gehirn gedrückt.

BMJ Case Reports 2018

MRT-Aufnahme der Kammer

Operation abgelehnt

Damit ist die Diagnose klar. Der Mann leidet unter einer Pneumatozele, einer durch Verletzungen im Schädelinneren auftretenden Luftansammlung. Pneumatozele sind sehr selten, oft entstehen sie wie bei dem Mann durch gutartige Knochentumoren. Noch seltener kann es auch passieren, dass die Knochen etwa bei einem Niesanfall verletzt werden. Während manche Betroffenen gar nichts davon bemerken, kann es bei anderen zu Kopfschmerzen, Unruhe oder mentalen Problemen kommen - abhängig vom Ort der Luftkammer.

Die Ärzte bieten dem Patienten an, ihn zu operieren. Dafür müssten sie allerdings den Schädelknochen öffnen, um die Luftkammer sowie den Tumor zu entfernen. Dem Mann sind die Risiken zu groß, er entscheidet sich gegen den Eingriff. Weil er sich auch noch eine Infektion der unteren Atemwege zugezogen hat, muss der 84-Jährige trotzdem eine Weile im Krankenhaus bleiben. Anschließend aber darf er nach Hause - mit der Anweisung, wiederzukommen, falls sich sein Zustand verschlechtert.

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Doch der Patient hat gute Nachrichten: Die Schwäche in seiner linken Körperhälfte, die auf Durchblutungsstörungen durch die Luftkammer zurückgeht, verschwindet innerhalb der folgenden zwölf Wochen. Es geht ihm gut. Es sind mehrere Fälle bekannt, bei denen sich die Beschwerden durch Abwarten verbesserten. Andere Patienten hingegen hatten weniger Glück, bei ihnen verschlimmerten sich die Probleme. Manche entwickelten auch Infektionen des Gehirns, schreibt der Hausarzt am Ende seines Fallberichts.

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