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Gesundheit

Opioid-Epidemie

Immer mehr Organspenden in den USA stammen von Drogentoten

In den USA steigt die Rate der Drogentoten seit Jahrzehnten kontinuierlich an - und auch die Zahl der Organspenden von Opioid-Opfern. Sind ihre Herzen und Lungen noch funktionstüchtig genug?

Getty Images/ Science Source
Donnerstag, 17.05.2018   14:22 Uhr

Weil immer mehr Menschen in den USA an Heroin und anderen Opioiden sterben, hat auch der Anteil der Organspender deutlich zugenommen, die aufgrund von Drogen ums Leben gekommen sind: Die Zahl der Drogentoten, die mindestens ein Organ spendeten, hat sich von 59 im Jahr 2000 auf 1029 im Jahr 2016 erhöht. Damit stammen in den USA mittlerweile fast 14 Prozent sämtlicher Organspenden von Drogentoten.

Dabei liegt allerdings die Frage nahe: Wie sicher und funktionsfähig sind Organe von Menschen, die ihren Körper mit Drogen vergiftet haben? Forscher der University of Utah in Brigham geben nun zumindest für Lungen und Herzen Entwarnung, wie sie im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" berichten.

Die Wissenschaftler um Mandeep Mehra sichteten die Transplantationsakten von 2360 Patienten aus 17 Jahren und stellten fest: Spenderherzen und -lungen von Drogentoten funktionierten ein Jahr nach der Transplantation genausogut wie Organe von Menschen, die an einem Schlaganfall, an Hirnblutungen oder Schusswunden gestorben waren.

Besser geeignet als gedacht

"Wir waren überrascht, zu sehen, dass fast die gesamte Erhöhung der Transplantationsaktivität in den USA der vergangenen fünf Jahren auf die Drogenkrise zurückgeht", sagt Mehra. In den USA stehen 110.000 Kranke auf der Warteliste für ein lebensrettendes Organ. Ebenso wie in Deutschland gilt auch in den USA die Feststellung des Hirntodes als Grundvoraussetzung für die Möglichkeit, dass ein Verstorbener als Organspender infrage kommt.

Für die aktuelle Datenauswertung seien Herz und Lungen ausgewählt worden, weil diese Organe besonders sensibel auf Sauerstoffmangel reagierten, ergänzt Co-Autor Josef Stehlik vom Zentrum für Herztransplantation der University of Utah. Mögliche Schäden hätten bald nach einer Transplantation sichtbar werden müssen. Das war aber nicht der Fall. "Bislang werden diese Organe oft als nicht geeignet für Organspenden angesehen", sagt Stehlik und hofft, dass sich das nach der Studie weiter ändert.

Organspendeausweis als PDF

In den USA steigt die Rate der Drogentoten seit Jahrzehnten kontinuierlich an, wie es die Drogenbehörde Nida dokumentiert. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Todesopfer durch Opioide wie Schmerzmittel, Heroin und synthetisches Fentanyl aber massiv zugenommen. 2016 kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl aller Drogentoten: In dem Jahr starben 62.000 Menschen nach einer Überdosis, 22 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Im Mittleren Westen wuchs die Opferzahl sogar um 70 Prozent. Für 2017 rechnen Experten mit einem weiteren Anstieg.

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In Deutschland spielen Spenderorgane von Drogentoten kaum eine Rolle. Ihr Einsatz ist - nach gründlicher Prüfung auf Infektionen wie HIV oder Hepatitis - zwar möglich, aber nur, wenn die Empfänger zuvor zugestimmt haben, solche Organe zu akzeptieren. "Der Anteil der Organe ist extrem niedrig", berichtet Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation. "Er lag in den Jahren 2011-13 bei nur 0,6 Prozent aller Spender." 2017 starben in Deutschland 1272 Menschen an illegalen Drogen.

hei/dpa

insgesamt 29 Beiträge
agt69 17.05.2018
1. Warum nicht?
Warum sollten diese Organe nicht geeignet sein? Grade die Opiate sind dafür bekannt, dass sie den Körper kaum schädigen. Interessant wäre es, ob die rechtlichen Voraussetzungen für eine Organspende in den USA genauso hoch [...]
Warum sollten diese Organe nicht geeignet sein? Grade die Opiate sind dafür bekannt, dass sie den Körper kaum schädigen. Interessant wäre es, ob die rechtlichen Voraussetzungen für eine Organspende in den USA genauso hoch sind, wie hier. Braucht es auch dort einen Spenderausweis? Wenn ja, dann überrascht mich die große Zahl an Drogenabhängigen, die sich einen solchen Ausweis besorgt haben.
Ex-Pyro 17.05.2018
2. Auch in Deutschland braucht es keinen Spenderausweis
In Deutschland wird aktuell die "erweiterte Zustimmungslösung" angewendet. Ein Spenderausweis ist zwar für alle Beteiligten hilfreich, ist aber keine Voraussetzung für eine Spende. In aller Regel wird über ein [...]
In Deutschland wird aktuell die "erweiterte Zustimmungslösung" angewendet. Ein Spenderausweis ist zwar für alle Beteiligten hilfreich, ist aber keine Voraussetzung für eine Spende. In aller Regel wird über ein Gespräch mit den Angehörigen der vermutliche Wille des Verstorbenen ergründet, und dann entsprechend entschieden. Das Nadelöhr des (brach liegenden) deutschen Organspendewesens ist das "nicht daran denken" und "nicht melden" eines möglichen Organspenders durch die Krankenhäuser an die entsprechenden Koordinierungsstellen. Einen Spenderausweis hatte nur ein Bruchteil aller realisierten Organspender.
jetbundle 17.05.2018
3.
Viele der Drogensüchtigen in den USA kommen aus der bürgerlichen Schicht und sind durch Schmerzmittel abhängig geworden. Das sind Leute mit College Abschluss und (ehemahls) bürgerlichem Leben. Wenn Sie mal in Seattle beim [...]
Zitat von agt69Warum sollten diese Organe nicht geeignet sein? Grade die Opiate sind dafür bekannt, dass sie den Körper kaum schädigen. Interessant wäre es, ob die rechtlichen Voraussetzungen für eine Organspende in den USA genauso hoch sind, wie hier. Braucht es auch dort einen Spenderausweis? Wenn ja, dann überrascht mich die große Zahl an Drogenabhängigen, die sich einen solchen Ausweis besorgt haben.
Viele der Drogensüchtigen in den USA kommen aus der bürgerlichen Schicht und sind durch Schmerzmittel abhängig geworden. Das sind Leute mit College Abschluss und (ehemahls) bürgerlichem Leben. Wenn Sie mal in Seattle beim Uni-Campus durch die Gegend gehen sehen Sie Menschen auf der Straße leben die Sie normaler Weise im Starbucks treffen.
Softship 17.05.2018
4.
IN den USA werden Menschen bei der Führerscheinvergabe (in der Regel alle 5 - 10 Jahre) gefragt, ob Sie Organspender sind. Wenn ja, wird der Führerschein entsprechend gekennzeichnet. Da die meisten Amerikaner eine [...]
Zitat von agt69Warum sollten diese Organe nicht geeignet sein? Grade die Opiate sind dafür bekannt, dass sie den Körper kaum schädigen. Interessant wäre es, ob die rechtlichen Voraussetzungen für eine Organspende in den USA genauso hoch sind, wie hier. Braucht es auch dort einen Spenderausweis? Wenn ja, dann überrascht mich die große Zahl an Drogenabhängigen, die sich einen solchen Ausweis besorgt haben.
IN den USA werden Menschen bei der Führerscheinvergabe (in der Regel alle 5 - 10 Jahre) gefragt, ob Sie Organspender sind. Wenn ja, wird der Führerschein entsprechend gekennzeichnet. Da die meisten Amerikaner eine Führerschein besitzen, ist es nicht überraschend, dass auch Drogenabhängige Organspender sind. Nebenbei bemerkt, viele Drogenabhängige nehmen ganz normal am Leben teil, also besitzen ein Haus, ein Auto und haben Arbeit. Und viele der Amerikaner, die Drogensüchtig sind, sind es, weil sie sich verschreibungspflichtige schmerzstillende Medikamente nicht leisten können.
Pickle_Rick 17.05.2018
5.
Jop, auch in den USA läuft es wie in Deutschland. Man muss aktiv zustimmen. "Ihr Ja oder Nein zur Organspende geben die Amerikaner unbürokratisch. Jeder Bürger, der einen Führerschein macht oder neu beantragt, wird [...]
Zitat von agt69Warum sollten diese Organe nicht geeignet sein? Grade die Opiate sind dafür bekannt, dass sie den Körper kaum schädigen. Interessant wäre es, ob die rechtlichen Voraussetzungen für eine Organspende in den USA genauso hoch sind, wie hier. Braucht es auch dort einen Spenderausweis? Wenn ja, dann überrascht mich die große Zahl an Drogenabhängigen, die sich einen solchen Ausweis besorgt haben.
Jop, auch in den USA läuft es wie in Deutschland. Man muss aktiv zustimmen. "Ihr Ja oder Nein zur Organspende geben die Amerikaner unbürokratisch. Jeder Bürger, der einen Führerschein macht oder neu beantragt, wird automatisch gefragt, ob er zum Spenden bereit sei. Mehrere Millionen Amerikaner werden auf diese Weise jährlich vor die Wahl gestellt. Bei positiver Antwort wird auf dem Führerschein gut sichtbar ein kleines rotes Herz abgebildet." https://www.aerzteblatt.de/archiv/147782/US-amerikanisches-Gesundheitswesen-Fast-jeder-Zweite-ist-Organspender Find ich gut.

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