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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Vom Garten in die Klinik

Der Mann leidet unter Schmerzen im linken Bein und Fuß, der Unterschenkel ist geschwollen, er humpelt. In der Klinik fragen die Ärzte zuerst, ob er einen Unfall hatte. Doch der 77-Jährige hat bloß seinen Garten gepflegt.

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Symbolbild

Von
Sonntag, 05.08.2018   11:22 Uhr

Der Mann werkelt, wie nahezu jeden Tag, in seinem Garten, als die Schmerzen einsetzen. Der linke Fuß und das linke Bein bereiten ihm von diesem Moment an Probleme. Die Pein breitet sich von den Zehen nach und nach bis zum Knie aus. Der Unterschenkel schwillt an. Gehen kann der 77-Jährige nur noch unter Schmerzen. An Gartenarbeit ist schon bald nicht mehr zu denken.

Etwa sechs Wochen nach Beginn der Beschwerden sucht der Mann Hilfe an der Uniklinik Basel, Schweiz. Wenn er das Bein nicht belastet, hat er keine Schmerzen, erzählt er den Ärzten. Er klagt auch nicht über Schwäche oder Missempfindungen in Bein oder Fuß. Aber wenn er geht, fühle es sich an, als laufe er über eine Metallstange.

Die Schwellung reicht von Knie bis Fuß. Es handelt sich um ein Ödem: Flüssigkeit staut sich in der Extremität. Die Haut ist nicht gerötet, aber der geschwollene linke Unterschenkel ist etwas wärmer als der rechte. Als die Ärzte den linken Fuß des Mannes bewegen, tut ihm das weh. Beim Gehen humpelt der Mann merklich - kein Wunder bei den Schmerzen.

Suche nach dem Blutgerinnsel

Ist die Ursache möglicherweise eine Verletzung? Der Mann kann sich an keinen Unfall erinnern. Auch seine Frau sagt, ihm sei nichts zugestoßen.

Die Mediziner notieren, dass der normalgewichtige Patient einen Diabetes und eine koronare Herzerkrankung hat. Insgesamt nimmt er sechs verschiedene Medikamente wegen dieser Krankheiten ein. Doch das alles kann seine Beschwerden nicht erklären.

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Die Ärzte vermuten, dass der Mann eine sogenannte tiefe Venenthrombose hat, also dass ein Blutgerinnsel ein tiefliegendes Gefäß im Bein verstopft. Dies geht mit Schmerzen und Schwellungen einher. Eine solche Thrombose ist durchaus problematisch: Löst sich das Gerinnsel und wird in die Lunge gespült, kann es eine lebensgefährliche Lungenembolie auslösen.

Da ist etwas gerissen

Per Ultraschall schauen sich die Ärzte die Gefäße genauer an, doch sie entdecken keine Anzeichen für eine Thrombose. Stattdessen stellen sie fest, dass der Mann eine kleine sogenannte Baker-Zyste am Knie hat, die gerissen ist. Das heißt: Es hatte sich Flüssigkeit abgekapselt, und diese Kapsel ist irgendwann geplatzt. Das kann zwar schmerzen, doch die Ärzte sehen die Zyste nicht als Ursache der Beschwerden.

Um sich einen genaueren Überblick zu verschaffen, untersuchen sie das Bein per Magnetresonanztomografie (MRT) genauer.

Die Aufnahme liefert einen eindeutigen Befund: Die Achillessehne im linken Bein ist gerissen. Zusätzlich ist ein Muskel im Unterschenkel, der sogenannte Schollenmuskel, angerissen, berichtet das Team um Athina Papadopoulou im Fachblatt "Oxford Medical Case Reports".

Die Ärzte bitten den Mann, sich auf die linken Zehen zu stellen und auf diesen zu gehen. Beides misslingt ihm, was bei einer gerissenen Achillessehne zu erwarten ist. Beim Abtasten können sie nun auch Schäden an der Sehne erspüren. Dies war den Ärzten wohl aufgrund der starken Schwellung bei der ersten Untersuchung nicht aufgefallen.

Dass die Achillessehne ohne einen klaren Auslöser reißt, ist ungewöhnlich, kommt aber vor, bemerken die Mediziner abschließend in ihrem Fallbericht. Möglicherweise habe die Gartenarbeit, bei der der Mann viel kniend oder gebückt arbeitete, die Sehne dauerhaft überlastet und so den Riss herbeigeführt, vermuten sie.

Der 77-Jährige wird operiert und erholt sich danach bestens. Bei einem Kontrolltermin nach acht Monaten sind sowohl die Schmerzen als auch die Schwellung verschwunden.

insgesamt 15 Beiträge
merkel123 05.08.2018
1. Venenthrombose
Auch wenn sie hier zum Glueck nicht vorlag, ist diese Erkrankung wenig bekannt und bei diesem Beschwerdebild durchaus in Betracht zu ziehen, was ja auch gemacht wurde. In der BRD versterben jaehrlich rund 30.000 Personen - auch [...]
Auch wenn sie hier zum Glueck nicht vorlag, ist diese Erkrankung wenig bekannt und bei diesem Beschwerdebild durchaus in Betracht zu ziehen, was ja auch gemacht wurde. In der BRD versterben jaehrlich rund 30.000 Personen - auch juengere - an meist durch TVT ausgeloesten Lungenembolien! Oft ist kein Grund fuer eine TVT feststellbar, langes Sitzen in beengter Position zB. im Flugzeug kann u.U. Ursache sein. Haeufiger Bewegung wird praeventive Wirkung zugeschrieben.
anderl1103 05.08.2018
2. Ein MRT mach oft eine körperliche Untersuchung überflüssig
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass im vorliegenden Fall niemand den Patienten ordentlich untersucht hat, zumindest nicht jenseits der Verdachtsdiagnose "Venenthrombose". Aber sonst wäre es ja auch ein [...]
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass im vorliegenden Fall niemand den Patienten ordentlich untersucht hat, zumindest nicht jenseits der Verdachtsdiagnose "Venenthrombose". Aber sonst wäre es ja auch ein unspektakulärer Fall gewesen und kein Anlass für eine Publikation ....
joseferl 05.08.2018
3.
Also das Krankheitsbild finde ich jetzt weder selten noch besonders spannend. Interessant aber wenn man sich überlegt ob so eine Geschichte auch bei uns passieren könnte mit erste Untersuchung teilweise, Ultraschall teilweise, [...]
Also das Krankheitsbild finde ich jetzt weder selten noch besonders spannend. Interessant aber wenn man sich überlegt ob so eine Geschichte auch bei uns passieren könnte mit erste Untersuchung teilweise, Ultraschall teilweise, MRT, klinische Nachuntersuchung klar. Ganz klar: selbstverständlich. Durch die häufige Trennung zwischen Internisten und Chirurgen wird eine "Beinschwellung ohne Trauma" erstmal den Internisten zum Ausschluss Thrombose vorgestellt. Genau wie hier. Dann geht die Geschichte weiter und erst später erkennt man doch die halt eigentlich traumatische, vor allem aber degenerative, Ursache... schön zu sehen, dass es woanders genauso läuft. Für Deutschland wäre übrigens typisch: "seit 6 Wochen Schmerzen und Schwellung, noch nicht bei einem sonstigen Arzt gewesen, Vorstellung Samstag abend 22 Uhr in einer Klinik und dann motzen weil man mehr als eine Stunde waren muss obwohl man doch ein Notfall sei, bisher habe man aber aufgrund der Freizeitaktivitäten noch keine Zeit für Arztbesuche gehabt". Das Thema mit der rupturierten Bakerzyste ist für mich im Artikel bissl zu wenig abgehandelt. Eine rupturierte Bakerzyste kann ebenfalls Schmerzen machen die bei Bewegung stärker sind, Flüssigkeitsansammlungen in den Muskelkompartimenten etc. Letztlich kann daraus auch ein Kompartmentsyndrom mit massiven Ruheschmerzen und Muskeluntergang resultieren. Wobei man das im Falle eines Kompartmentsyndroms auch klar im Ultraschall sieht, die Flüssigkeit abpunktiert, einen Kompressionsverband anlegt und den Patienten sehr sehr glücklich erstmal nach Hause schicken kann. Sowas, also mit sehr einfachen Mitteln einen Patienten glücklich machen, ist dann doch wieder befriedigend genug, dass man doch weitermacht. Auch wenn die Notaufnahme ansonsten sich zu immer größeren Katastrophen entwickelt.
flohzirkusdirektor 05.08.2018
4. Glauben Sie imir:
In Der Insel gibt es weitaus spektakulärers zu berichten als ein gerissenes Tendinum calcanei - nur aös Beispiel meinen lietenden Oberarzt mit einem frei flottierenden Thrombus in der Arteria poplitea. Das Interessante [...]
Zitat von anderl1103Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass im vorliegenden Fall niemand den Patienten ordentlich untersucht hat, zumindest nicht jenseits der Verdachtsdiagnose "Venenthrombose". Aber sonst wäre es ja auch ein unspektakulärer Fall gewesen und kein Anlass für eine Publikation ....
In Der Insel gibt es weitaus spektakulärers zu berichten als ein gerissenes Tendinum calcanei - nur aös Beispiel meinen lietenden Oberarzt mit einem frei flottierenden Thrombus in der Arteria poplitea. Das Interessante hierbei ist, dass ein scheinbar internistischer Patient erst nach gescheiter Untersuchung ein orthopädischer/traumatologischer wurde. Es wäre schön, wenn die Kollegen Internisten auch zumindest ein klein wenig Ahnung von der orthopädischen Minimalstuntersuchung hätten, e.g. wie hier den Zehenstand. Wir von der "Komkurrenz" hören ja auch unsere Patienten bei der Erstuntersuchung routinemässig ab ...
kindchen 05.08.2018
5. Bestimmte Antibiotika ...
..., die Fluorchinolone, können zu einem spontanen Riß der Achillessehne führen, auch noch längere Zeit nach der Einnahme. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/02/10/fluorchinolone-auf-dem-pruefstand
..., die Fluorchinolone, können zu einem spontanen Riß der Achillessehne führen, auch noch längere Zeit nach der Einnahme. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/02/10/fluorchinolone-auf-dem-pruefstand
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