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Gesundheit

Streit um Stickoxide

Wie gefährlich ist das Reizgas für den Körper?

Immer mehr Städte in Deutschland diskutieren über Dieselfahrverbote, um die Bewohner vor Stickoxiden zu schützen. Was sind das für Stoffe und was machen sie mit dem Körper?

DPA

Auspuff eines Diesel-PKWs

Dienstag, 09.10.2018   16:29 Uhr

Kann ein flächendeckendes Fahrverbot für Dieselautos vor Krankheiten schützen? Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sagt ja, denn vielerorts werden die Grenzwerte für Stickoxide überschritten. Wie sehr aus Dieselmotoren kommende Schadstoffe die Gesundheit beeinträchtigen, ist allerdings im Einzelfall nur schwer zu untersuchen.

"Für die gesamte Bevölkerung wissen wir aus epidemiologischen Studien, dass Feinstäube und NO2 (Stickstoffdioxid) aus Dieselabgasen die Gesundheit stark schädigen können", sagt Anett Neumann vom Umweltbundesamt (Uba) in Berlin. "Es gibt bislang aber wenige Studien, die die gesundheitliche Wirkung den einzelnen Luftschadstoffen zuordnen können." Wie groß also der Beitrag der Stickoxide an den Erkrankungen ist und wie groß der Einfluss des Feinstaubs, ist unklar.

Woher kommen Stickoxide?

Stickoxide entstehen überall, wo Kohle, Öl, Gas oder Holz verbrannt werden. In Städten stammen dem Umweltbundesamt zufolge jedoch 60 Prozent der Stickoxide aus dem Verkehr. Benziner bilden so gut wie keine Stickoxide, deshalb konzentrieren sich die Diskussionen auf Diesel.

Da Stickoxide der Gesundheit schaden, gilt europaweit ein Grenzwert von 200 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) pro Kubikmeter Luft pro Stunde. Er darf eigentlich nicht öfter als 18-mal pro Jahr überschritten werden. Zudem gilt ein Grenzwert von höchstens 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel.

Wie wirken sich Stickoxide auf den Körper aus?

Die Diskussionen drehen sich vor allem um Stickstoffdioxid, ein ätzendes Reizgas. Es gelangt hauptsächlich beim Atmen in den Körper und dringt bis zur Lunge vor. Ab einer bestimmten Menge kann es die Atemwege reizen und so Brustschmerzen, Atemnot und Husten verursachen. Forscher in Jena haben Anfang des Jahres außerdem Hinweise darauf gefunden, dass ein rascher Anstieg der Stickoxidkonzentration in der Luft das Herzinfarktrisiko erhöht.

Die beobachteten Folgen: In Zeiten mit einer hohen Stickstoffdioxidbelastung müssen laut Studien mehr Menschen wegen chronischer Bronchitis, Asthma und Herz-Kreislauf-Krankheiten ins Krankenhaus. Besonders gefährdet sind demnach Personen mit Grunderkrankungen, etwa Asthmatiker oder Herz-Kreislauf-Kranke. Als Risikogruppe gelten auch Kinder, da sich ihre Atemwege noch entwickeln.

Gibt es Zahlen dazu, wie viele Menschen betroffen sind?

Die Stickoxidbelastung in Deutschland ist einer Untersuchung des Umweltbundesamts zufolge die Ursache für Krankheiten von Millionen Menschen. Demnach lassen sich allein für das Jahr 2014 rund 49.700 verlorene Lebensjahre aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die Belastung mit Stickstoffdioxid zurückführen. Dabei handelt es sich jedoch um eine statistische Schätzung. Die mögliche Spannbreite liegt zwischen 17.000 und 82.000 verlorenen Lebensjahren.

Das klingt doch eindeutig. Warum bezweifeln manche Forscher trotzdem das große Ausmaß der Stickoxidproblematik?

Das Problem ist, dass sich die Auswirkungen von Stickoxiden nur schwer isoliert untersuchen lassen. Stattdessen handelt es sich bei den meisten Untersuchungen um sogenannte Beobachtungsstudien: Dafür analysieren Forscher, wie groß die Stickoxidbelastung in bestimmten Gebieten ist und wie viele Menschen dort etwa an einem Herzinfarkt erkranken.

Diese Art von Studien haben alle die gleiche Schwäche. Sie können nie absolut sicher sagen, dass tatsächlich die Stickoxide schuld an den beobachteten Erkrankungen sind und nicht etwa andere Faktoren wie der Feinstaub. Um das Risiko solcher Verzerrungen so weit wie möglich zu reduzieren, rechnen Forscher den Einfluss anderer bekannter Faktoren heraus. Trotzdem liefern die Ergebnisse nie absolute Sicherheit.

Wie ist die Gefahr durch Stickoxide im Vergleich zu Feinstaub?

Manche Experten sehen das Hauptproblem tatsächlich nicht in den Stickoxiden, sondern im Feinstaub. "Außer der reizenden Wirkung gibt es keinen Beleg für eine ernsthafte toxische Wirkung von Stickoxiden", sagt etwa Hans Drexler von der Universität Erlangen. Beim Feinstaub hingegen gelten schädliche Wirkungen wie Reizungen der Atemwege oder ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als eindeutig nachgewiesen.

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Feinstaub entsteht unter anderem beim Abrieb von Reifen oder Bremsbelägen, auch kann es sich aus Stickoxiden bilden. Als größtes Problem gelten in diesem Zusammenhang jedoch nicht Dieselfahrzeuge, sondern Benziner mit Direkteinspritzer. Was diesen Aspekt angeht, bringen die aktuellen Fahrverbote also keine Erleichterung.

irb/dpa

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