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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Die Bohnen rochen so komisch

Eine 47-Jährige kann kaum noch sprechen, ihre Lider hängen, die Atmung stockt. Am nächsten Tag muss auch ihr Mann in die Klinik. War das Familienessen schuld?

Getty Images/ iStockphoto

Familie am Esstisch

Von
Samstag, 03.02.2018   18:50 Uhr

Acht Stunden nachdem ihre Beschwerden begonnen haben, begibt sich eine 47-Jährige ins Krankenhaus in Halle an der Saale. Ihr ist schwindelig, sie sieht doppelt. Außerdem fällt es ihr schwer, zu sprechen. Ihre Augenlider hängen herunter.

Alle Beschwerden sprechen für ein neurologisches Problem. Mit dem Nervensystem der Patientin scheint etwas nicht zu stimmen. Die Ärzte beginnen, nach der Ursache zu suchen:

Während die Ärzte rätseln, verschlechtert sich der Zustand der Patientin rapide. Ihre Lider sind mittlerweile so stark gelähmt, dass sie ihre Augen nicht mehr öffnen kann. Die Muskeln in Armen und Beinen beginnen, zu versagen. Die Frau wird immer schwächer.

Rund 24 Stunden, nachdem die 47-Jährige ins Krankenhaus gekommen ist, schafft ihr Körper es nicht mehr, selbst genug Luft in die Lungen zu pumpen. Die Ärzte beginnen, sie künstlich zu beatmen. An diesem Tag kommt auch der Mann der Frau in die Klinik.

Doppeltes Leid

Seit dem Vortag ist ihm schlecht und schwindelig. Wie seine Frau leidet er unter zunehmenden Sprachstörungen, sieht doppelt. Seine Lider beginnen ebenfalls, zu hängen. Die Muskeln für seine Augenbewegungen sind geschwächt. Das Sprechen und Schlucken fällt ihm immer schwerer.

Die ähnlichen Beschwerden der beiden wecken bei den Ärzten einen Verdacht: Ist ein einfaches Familienessen schuld?

Die Mediziner befragen den Sohn der beiden. Und tatsächlich: Drei Tage, bevor seine Mutter ins Krankenhaus gekommen war, hatten seine Eltern selbst eingelegte Bohnen gegessen. Der Sohn hatte verzichtet - die Bohnen rochen so komisch.

Für die Ärzte ist der Fall damit klar. Ihre Patienten haben sich unbewusst mit Botulinumtoxin vergiftet, vielen besser bekannt als Faltenglätter Botox. Ein Bluttest der Mutter bestätigt die Diagnose, auch im Bohnenrest aus dem Elternhaus findet ein Labor Spuren des Gifts.

Bevor die Schönheitsindustrie Botox entdeckte, kannten die Menschen den Stoff lange Zeit als Gefahr durch verdorbenes Essen, zu erkennen an aufgeblähten Konserven. Botox entsteht, wenn Gemüse, Fleisch oder Fisch beim Einlegen nicht ausreichend erhitzt wurde und sich bestimmte Bakterien vermehren konnten. Mit dem Essen eingenommen, können schon wenige Millionstel Milligramm ausreichen, um einen Menschen zu töten.

Getty Images/ Visuals Unlimited

Bakterium Clostridium botulinum

In Deutschland kommt es seit der Einführung von Konservierungsstoffen nur noch selten zu Vergiftungen. Pro Jahr werden rund zehn Fälle gemeldet, meist ausgelöst durch selbst eingelegte Konserven.

Zu spät fürs Gegengift

Zwar wissen die Ärzte jetzt, was ihre Patienten quält. Doch für das Gegengift ist es laut der deutschen Leitline zu spät. Stattdessen bleibt den Ärzten nur, die Körper ihrer Patienten so gut es geht zu unterstützten. Botox lähmt Muskeln, indem es ihre Kommunikation mit den Nerven verhindert. Mit der Zeit erholen sich Nerven und Muskeln von selbst.

Anfangs geht es dem Ehepaar jedoch immer schlechter, wie die Ärzte um Dorothea Hellmich im "Journal of Medical Case Reports" schreiben. Der Mann kann kaum noch sprechen, seine Zunge ist gelähmt. Ab dem dritten Tag im Krankenhaus muss auch er künstlich beatmet werden.

Der 51-Jährige ist äußerst unruhig und nicht mehr richtig ansprechbar, dokumentieren die Mediziner. Er hat einen hohen Blutdruck, den sie mit Medikamenten nicht kontrollieren können und hohes Fieber. Nur langsam wird es besser.

Nach Monaten zu Hause

Nach etwas mehr als zwei Wochen im Krankenhaus, an Tag 15, entlassen die Ärzte zuerst den Mann in eine Reha-Klinik. Zu diesem Zeitpunkt muss er noch beatmet werden, seine Gesichts- und Augennerven sind noch immer gelähmt.

Seine Frau folgt zwei Wochen später, auch sie muss bei der Entlassung in die Rehaklinik noch beatmet werden. Ihre Arme und Beine sind extrem geschwächt. Allerdings ist sie bei Bewusstsein und kann Fragen mit Handzeichen oder schriftlich beantworten, schreiben die Ärzte.

Erst nach 4,5 Monaten können die Mediziner den Mann, nach fünfeinhalb Monaten die Frau vom Beatmungsgerät trennen. Acht Monate nach der Mahlzeit kommt er endlich nach Hause, bei seiner Frau dauert es noch drei Monate länger. Die Vergiftungsbeschwerden der beiden gelten als geheilt. Obwohl sie schwach sind, haben sie Glück gehabt.

Doch auch psychisch müssen sie sich noch erholen. Die Frau ist bei ihrer Entlassung depressiv, schreiben die Krankenhausärzte. Erst nach der Heimkehr des Paars erfahren sie außerdem einen Grund für die Unruhe des Mannes: In der ersten Zeit im Krankenhaus hatte er durch die Vergiftung sein Gedächtnis verloren. Nach drei Monaten kam es wieder.


Tipps, um eine Botox-Vergiftung zu verhindern:

Quelle der Tipps: Bundesinstitut für Risikobewertung.

insgesamt 21 Beiträge
permissiveactionlink 03.02.2018
1. Unter gar keinen Umständen
eine Konservendose öffnen, bei der sich der Deckel schon durch Druck nach außen wölbt ! Botulinumtoxin (BTX) ist als Biowaffe eingestuft, bei Inhalation sind bereits 3ng/kg Körpergewicht tödlich. Es handelt sich um eines der [...]
eine Konservendose öffnen, bei der sich der Deckel schon durch Druck nach außen wölbt ! Botulinumtoxin (BTX) ist als Biowaffe eingestuft, bei Inhalation sind bereits 3ng/kg Körpergewicht tödlich. Es handelt sich um eines der stärksten wenn nicht sogar das stärkste Gift, das man in der Natur finden kann. Die Dosen stehen unter Druck, da sich Chlostridium botulinum anaerob in dem konservierten Nahrungsmittel vermehrt hat, und dabei Gärgase produziert. Öffnet man eine solche Dose in der Küche, dann kann man den Kampfmittelräumdienst oder besser gleich die ABC-Truppe der Bundeswehr anfordern. Das Toxin ist ein Protein. Wenn man die (geschlossene !) Dose für 15min in kochendem Wasser in geschlossenem Topf kocht, ist das Gift denaturiert, und stellt keine Gefahr mehr dar. Im Inneren sind dann vermutlich noch überlebensfähige Cl. botulinum Sporen vorhanden, die sich nur im Autoklaven abtöten lassen, aber kein Toxin mehr.
DrStrang3love 03.02.2018
2.
Das meiste, was Sie schreiben, stimmt zwar absolut, aber das ist völlig übertrieben: C. botulinum ist eh ubiquitär im Erdboden vorhanden, und sofern Sie Ihre Küche nicht ablecken, direkt nachdem Sie eine kontaminierte [...]
Zitat von permissiveactionlinkeine Konservendose öffnen, bei der sich der Deckel schon durch Druck nach außen wölbt ! Botulinumtoxin (BTX) ist als Biowaffe eingestuft, bei Inhalation sind bereits 3ng/kg Körpergewicht tödlich. Es handelt sich um eines der stärksten wenn nicht sogar das stärkste Gift, das man in der Natur finden kann. Die Dosen stehen unter Druck, da sich Chlostridium botulinum anaerob in dem konservierten Nahrungsmittel vermehrt hat, und dabei Gärgase produziert. Öffnet man eine solche Dose in der Küche, dann kann man den Kampfmittelräumdienst oder besser gleich die ABC-Truppe der Bundeswehr anfordern. Das Toxin ist ein Protein. Wenn man die (geschlossene !) Dose für 15min in kochendem Wasser in geschlossenem Topf kocht, ist das Gift denaturiert, und stellt keine Gefahr mehr dar. Im Inneren sind dann vermutlich noch überlebensfähige Cl. botulinum Sporen vorhanden, die sich nur im Autoklaven abtöten lassen, aber kein Toxin mehr.
Das meiste, was Sie schreiben, stimmt zwar absolut, aber das ist völlig übertrieben: C. botulinum ist eh ubiquitär im Erdboden vorhanden, und sofern Sie Ihre Küche nicht ablecken, direkt nachdem Sie eine kontaminierte Konserve geöffnet haben, selbst wenn irgendwas verspritzt sein sollte. Wegwerfen der verdächtigen Konserve, haushaltsübliche Hygienemaßnahmen und richtige Zubereitung der Lebensmittel reichen völlig. Der beschriebene Fall erinnert mich sehr an einen sehr ähnlichen, den ich in meiner Zeit als Krankenpfleger auf der Intensivstation erlebt habe: ein Vater und sein erwachsener, behinderter Sohn hatten selber eingemachte Bohnen gegessen, und sind mit ähnlichen Symptomen (hängende Lider, Doppeltsehen, Schluckstörungen) zu uns ins Krankenhaus gekommen. Zum Glück stand die Diagnose Botulismus schnell fest, so dass beide mit Antitoxin behandelt werden konnten. Dem Vater ging es recht schnell wieder gut, konnte nach ein paar Tagen von der Beatmung genommen werden, und nach etwa vier Wochen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Bei dem Sohn hatte das Antitoxin allerdings nicht so gut angeschlagen: er lag noch fast zwei Monate beatmet bei uns auf der Station, bevor er in die Reha verlegt wurde.
permissiveactionlink 03.02.2018
3. #2, DrStrange3love
Durchaus möglich, dass ich leicht übertrieben habe, aber beim Öffnen einer unter Druck stehenden Dose werden eben leider auch feinste Aerosole frei, die dann im ungünstigsten Fall eingeatmet werden. Ein anderes, hochgiftiges [...]
Durchaus möglich, dass ich leicht übertrieben habe, aber beim Öffnen einer unter Druck stehenden Dose werden eben leider auch feinste Aerosole frei, die dann im ungünstigsten Fall eingeatmet werden. Ein anderes, hochgiftiges Toxin, das von Bakterien vermutlich in Korallen der Gattung Palytoa (P. toxica) produziert werden, kann für Seewasseraquarianer zu einer ernsthaften Gefahr werden, wenn Korallenbewachsene Aufbautenteile ohne Handschuhe dem Becken entnommen, und abgebürstet (!) werden. Auch dabei gelangt das Toxin als Aerosol in die Luft, ist aber auch hautgängig. Schon die normale Raumluft kann kontaminiert sein. Mit einer LD50 von 10ng/kg (Maus) ist Palytoxin unwesentlich weniger giftig als Botulinumtoxin. Bakterielle Toxine stellen absolute Supergiftstoffe dar, das gilt z.B. auch für die von Micromonospora echinospora produzierten Calicheamicine (Zytotoxine), gegen die kein Gegenmittel existiert, verglichen mit denen menschlich erdachte Toxine (insbesondere Neurotoxine vom Thiophosphonsäuretyp) vergleichsweise hohe Toxindosen erfordern. Natürlich ruft man nicht die Bundeswehr, wenn man eine solche Dose im Schrank entdeckt. Öffnen würde ich sie dennoch erst nach längerem Kochen. Lieber einmal zu viel vorsichtig, als einmal zu wenig !
Ambrosicus 03.02.2018
4.
Spätestens bei "ihre Augenlider hängen herunter" war Botulismus doch recht wahrscheinlich. Warum es da mehr als 24h bis zur Diagnose dauert, ist seltsam und wohl nur durch die Seltenheit des Krankheitsbildes zu [...]
Spätestens bei "ihre Augenlider hängen herunter" war Botulismus doch recht wahrscheinlich. Warum es da mehr als 24h bis zur Diagnose dauert, ist seltsam und wohl nur durch die Seltenheit des Krankheitsbildes zu erklären.
koroview 04.02.2018
5. Buchwürmer könnyen das Rätsel leichter lösen
John Steinbeck, East of Eden. Da wird allerdings ein Giftmord mit einem verdorbenen Konservdose als versehentliche Botulin vergiftung getarnt....
John Steinbeck, East of Eden. Da wird allerdings ein Giftmord mit einem verdorbenen Konservdose als versehentliche Botulin vergiftung getarnt....
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