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Gesundheit

Umgang mit Krebs

"Es gibt viel Raum für Zuversicht"

Eine Tumordiagnose stellt das Leben oft auf den Kopf. Vor dem Weltkrebstag beschreibt der Psychoonkologe Schulz-Kindermann, wie Betroffene damit zurechtkommen - und warum für Todkranke Pläne wichtig sein können.

Getty Images/iStockphoto
Ein Interview von
Sonntag, 03.02.2019   08:16 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Schulz-Kindermann, zu Ihnen kommen täglich krebskranke Menschen. Worüber redet man, wenn man Angst hat zu sterben?

Schulz-Kindermann: Zunächst einmal: Krebs muss kein Todesurteil mehr sein. Neuere Therapien verlängern die Lebenserwartung heute ganz anders als noch vor zehn Jahren. Darüber aufzuklären, ist natürlich Aufgabe des Arztes. Ich habe aber Patienten, die mehrere Jahre mit einem metastasierten Tumor leben. Für sie ist die große Herausforderung, zu akzeptieren, dass sie nicht mehr geheilt werden können, aber auch nicht zwangsläufig innerhalb kürzester Zeit an ihrer Krankheit sterben.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich dadurch die Themen verändert, denen sich Ihre Patienten stellen müssen?

Zur Person

Schulz-Kindermann: Früher gab es vor allem die Gespräche mit Todkranken und mit Überlebenden. Für letztere war die Aufgabe, nach überstandenem Krebs zurück ins Leben zu kommen. Heute gibt es zusätzlich viele Patienten, die sich Fragen stellen wie: "Was bedeutet palliative Behandlung für mich? Wie kann ich mit dem Krebs leben?"

SPIEGEL ONLINE: Wie können Sie dabei helfen?

Schulz-Kindermann: Zunächst klären wir mit allen Patienten, wer für sie eigentlich die Fäden in der Hand hält. Ist es der Hausarzt, der Onkologe, der Facharzt, der Palliativmediziner, der Pflegedienst, ein Angehöriger, der Krankenhausbehandler oder möglicherweise der Komplementärmediziner? In dieses Wirrwarr aus Verantwortlichen bringen wir Ordnung und arbeiten die Wünsche, Bedürfnisse und Fragen der Patienten heraus.

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SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr praktisch orientiert.

Schulz-Kindermann: Richtig, das ist zunächst enorm wichtig, denn oft sind die Betroffenen nach der Diagnose mit vielem überfordert. Bei uns können sie sich in Ruhe sortieren. Auf psychologischer Ebene sprechen wir darüber, wie es dem Patienten geht und welche Veränderungen die Krankheit mit sich bringt. Gibt es Schmerzen, Behinderungen, Müdigkeit? Wir reden auch darüber, was die Krankheit für den Partner bedeutet, für die Familie und die Arbeit. Über diese Themen zu sprechen, gelingt den meisten noch ganz gut. Schwieriger wird es, wenn es um das Sterben und die Sinnsuche geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Psychoonkologe. Muss man mit Ihnen über den Tod sprechen?

Schulz-Kindermann: Nein, keinesfalls. Aber ich biete das Thema an und frage: "Beschäftigt Sie der Tod?" Manche Patienten handeln das kurz für sich ab, andere beschäftigen sich intensiv damit. Beides ist in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE : Wie ertragen es Ihre Patienten, wenn sie erfahren, dass sie an ihrem Krebs sterben werden?

Schulz-Kindermann: Das ist sehr unterschiedlich. Häufig gibt es sowohl alltagsorientierte als auch todesbezogene Themen. Manche Patienten planen ihre Beerdigung, suchen den Grabstein aus und schreiben die Gästeliste für die Trauerfeier. Dadurch sind sie aktiv und können ihre Angehörigen entlasten. Mitunter spüren sie viel Lebensenergie und schmieden Reisepläne. Dann wieder dreht sich alles um Abschied und Verlust. Dieses Nebeneinander so widersprüchlicher Gefühle ist - auch für das Umfeld - oft schwer aushaltbar.

Hier finden Betroffene Hilfe

Grundsätzlich steht jedem Krebspatienten eine psychologische Beratung zu. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen. Sogenannte Psychoonkologen sind speziell für die Beratung von Krebspatienten geschult. Psychoonkologen können Ärzte sein, Psychologen, Pflegekräfte oder Seelsorger. Als Qualitätsmerkmal gilt die Teilnahme an der zertifizierten Weiterbildung Psychosoziale Onkologie (WPO).
Kliniken
In vielen Fällen werden Krebspatienten bereits im Krankenhaus psychologisch betreut, ohne dass sie darum bitten müssen. Falls nicht, können sie ihren behandelnden Arzt darauf ansprechen. Doch auch nach dem Klinikaufenthalt gibt es zahlreiche Hilfsangebote.
Ambulante Betreuung
Niedergelassene Psychoonkologen beraten Krebspatienten auch nach der Zeit im Krankenhaus. Eine Übersicht des Krebsinformationsdiensts zeigt, welche Angebote es in Ihrer Nähe gibt.
Krebsberatungsstellen
In vielen Städten in Deutschland gibt es zusätzlich Krebsberatungsstellen. Diese arbeiten kostenlos oder gegen einen geringen Geldbetrag, der die Unkosten deckt. Auch Angehörige finden hier Ansprechpartner. Neben psychologischen Fragen geht es auch um praktische Tipps. Zum Beispiel um die Frage, welche Sozialleistungen Betroffenen zustehen. Eine Übersicht über die Krebsberatungsstellen finden Sie hier.
Selbsthilfegruppen
Wer sich mit anderen Krebspatienten oder Angehörigen austauschen will, kann eine Selbsthilfegruppe aufsuchen. Über diese Homepage finden Sie Angebote in Ihrer Nähe.
Am Telefon
Die Deutsche Krebshilfe bietet persönliche Beratungen am Telefon an. Die Berater stellen nach dem Gespräch persönlich zugeschnittene Informationsmaterialien zusammen, beispielsweise über passende Anlaufstellen und Hilfsangebote vor Ort. Die Beratung ist unter der Nummer 0800 80708877 zu erreichen und kostenlos.
Online
Im Internet gibt es zahllose Foren, die sich dem Thema Krebs widmen. Doch nicht alle sind seriös. Sie sollten sich nicht zu sehr auf die Informationen verlassen, die Sie dort finden. Dennoch kann es hilfreich sein, zu erfahren, wie andere die Krankheit erlebt haben. Auf der Homepage der Deutschen Krebshilfe erzählen Betroffene ihre Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese Ambivalenz?

Schulz-Kindermann: Ich glaube, dass sich die Seele Schutz sucht und sich durch Aktivität ablenkt. Sie kann sich nicht 24 Stunden am Tag mit Tod, Trauer und Trauma auseinandersetzen. Eine junge, schwer krebskranke Frau sprach in einer Sitzung viel von ihrer Beerdigung, vom Sterben, vom Loslassen. Danach schrieb sie mir in einem Brief, dass sie über diese Themen in Zukunft nicht mehr reden wolle. Beim nächsten Treffen fing sie wieder davon an. Ich habe es als ein wichtiges Bedürfnis von ihr gesehen, darüber zu sprechen, und sie darin bestärkt, das Nebeneinander von Verlust und naher Zukunft zuzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Patienten einen Sinn in ihrer Krebserkrankung suchen?

Schulz-Kindermann: Das würde ich selbst nie so formulieren. Aber wenn ein Patient für sich einen Sinn findet, dann unterstütze ich ihn dabei. Fragen wie "Warum? Warum ich? Warum jetzt?" beschäftigen viele.

SPIEGEL ONLINE: Antworten können Sie vermutlich auch nicht geben.

Schulz-Kindermann: Nein, ich nicht. Aber als Therapeut kann ich dem Patienten bei der Suche nach seinen ganz persönlichen Antworten helfen. Denn oft steht hinter dem "Warum?" der schmerzhafte Verlust des persönlichen Narrativs.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Schulz-Kindermann: Eine Krebserkrankung zerstört die eigene Geschichte, den vorgestellten Lebenslauf mit Familie oder Freunden, mit Plänen, Arbeit und Freizeit, die ausgemalte Zukunft. Die Patienten brauchen eine neue Erzählung für ihr Leben. Wir helfen ihnen dabei, dieses neue Narrativ zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Angehörigen in Ihrer Arbeit?

Schulz-Kindermann: Sie sind ein ganz wichtiges Element. Wir haben hier in der Uniklinik gemeinsame Gruppensitzungen für Krebskranke und Familienmitglieder. Ein Angehöriger kann allein zu mir kommen, und ich biete Partnergespräche an. Da geht es mitunter ganz konkret um Kommunikation mit dem Partner. Sie glauben ja nicht, was alles schiefgehen kann, auch wenn man helfen will.

SPIEGEL ONLINE: Was kann denn so schiefgehen?

Schulz-Kindermann: Es gibt Angehörige, die den Kranken anspornen wollen, ihn aber unter Druck setzen. "Du musst immer positiv denken", lautet dann ein Appell. Andere sind selbst körperlich oder psychisch stark mitgenommen und die nächsten werden zum Vertreter des Patienten. Sie nehmen ihm buchstäblich das Heft aus der Hand und laufen mit der Krankenakte unterm Arm von einem Arzt zum anderen. Der Patient selbst kommt nicht mehr zu Wort und wird immer passiver.

SPIEGEL ONLINE: Auch Ärzte lassen die Patienten oft mit einem Berg von Fragen zurück, manche drucksen herum, wenn es um das Ausmaß der Erkrankung geht. Sollten Ärzte die Hoffnung ihrer Patienten um jeden Preis aufrechterhalten?

Schulz-Kindermann: Hoffnung ist ein extrem starker Motor, und ich finde es sehr sinnvoll, sich maximal mit Hoffnung zu beschäftigen. Das soll aber nicht heißen, dass man nicht ehrlich sein darf zu dem Patienten. Auch ein Mensch mit metastasiertem Krebs kann Hoffnungen haben, die ihn glücklich machen.

Hier finden Betroffene seriöse Informationen

Wer selbst eine Krebsdiagnose bekommt oder von der Erkrankung eines Angehörigen erfährt, hat meist viele Fragen. Die Suche nach Antworten führt oft ins Internet. Doch längst nicht alles, was Google ausspuckt, stimmt. Zuverlässige Informationen finden Sie beispielsweise hier:
Krebsinformationsdienst
Der Krebsinformationsdienst bietet kostenlose, neutrale und vertrauliche Informationen. Das Angebot richtet sich sowohl an Patienten als auch an Angehörige und Fachpersonal.
Zentrum für Krebsregisterdaten
Das Robert Koch-Institut betreut eine Datenbank zum Thema Krebs. Diese führt die Daten aus den einzelnen Landesregistern zusammen und prüft, ob sie vollständig und zuverlässig sind.
Infonetz Krebs
Die Deutsche Krebsgesellschaft und die Stiftung Deutsche Krebshilfe betreiben gemeinsam das Infonetz Krebs, das sich vor allem an Krebspatienten und ihre Angehörigen richtet. Neben medizinischen Informationen bietet die Seite auch praktische Tipps, etwa für psychische Probleme oder rechtliche Fragen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ängste plagen ihre Patienten?

Schulz-Kindermann: Sehr verschiedene. Da gibt es die Angst vor Schmerzen, vor Kontrollverlust, vor der Abhängigkeit von anderen. Auch die Angst vorm Alleinsein und vor dem Sterben an sich. Manche befürchten, durch den Tod in eine Art Schwebezustand zu geraten, losgelöst vom Körper, aber für immer gefangen in einem luftleeren Raum. Solche Gespräche können sehr tief gehen und nicht nur die Patienten inspirieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit all dem Leid und Tod um Sie herum um?

Schulz-Kindermann: Ich empfinde das nicht als zu belastend oder kräftezehrend, sondern überwiegend als bereichernd. Es gefällt mir, für mein Gegenüber da zu sein, ihm Respekt und Wertschätzung zu geben und einen geschützten Raum, in dem er alles sagen darf, was ihn beschäftigt. Ich finde meine Arbeit sehr kreativ und anregend. In den Gesprächen gibt es viel Raum für Hoffnung und Zuversicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn jemand stirbt?

Schulz-Kindermann: Dann bewegt mich das, manchmal sogar sehr. Mir hilft dann unser Ritual hier am Institut: Wir kommen zusammen und zünden eine Kerze an. Wir sprechen über den Verstorbenen und schweigen eine Weile. Es gibt Raum zum Innehalten. Wenn es den nicht gäbe, wäre es noch schwieriger.

insgesamt 23 Beiträge
pr8kerl 03.02.2019
1. Pläne und Optimismus sind total wichtig
Meine frühere Schweizer Freundin bekam mit Mitte 50 Darmkrebs mit Metastasen in Leber und Lunge. Sie hat sich als allererstes ein neues Auto gekauft und dann Wünsche formuliert: Die Krankheit überstehen und noch Enkelkinder [...]
Meine frühere Schweizer Freundin bekam mit Mitte 50 Darmkrebs mit Metastasen in Leber und Lunge. Sie hat sich als allererstes ein neues Auto gekauft und dann Wünsche formuliert: Die Krankheit überstehen und noch Enkelkinder sehen. Fortan hat sie sich an Kleinigkeiten wie blühenden Obstbäumen oder jungen Hunden begeistert und vor allem das Positive und Schöne im Leben gesehen. Sie hat die Krankheit angenommen, aber sich immer wieder gesagt, dass sie stärker sei. Der Darm wurde verkürzt, ein Leberflügel herausgeschnitten, die Lugen-Metastase von hinten im MRT mit einer "heißen Nadel" verbrannt. 12 Mal hatte sie Chemotherapie, die einen Menschen für Tage körperlich niederprügelt. Trotzdem haben wir Reisepläne geschmiedet. Ich glaube, Optimismus, Vorhaben und Ziele helfen, neben einer exzellenten Medizin, total in dieser Situation. Im Frühjahr 2020 gilt sie als geheilt, weil dann fünf Jahren ohne Neubefund.. Zwei Enkelkinder hat sie auch bekommen. Auch ich hatte nie einen sehnlicheren Wunsch als den, sie möge den Krebs überleben.
Saure Gurke 03.02.2019
2.
Je früher Krebs entdeckt wird, umso größer sind die Heilungschancen. Wie man damit umgeht - nun ja, vielleicht möchte man nicht gleich auf Krebs reduziert werden. Und vielleicht können Freunde und Verwandten der Betroffenen [...]
Je früher Krebs entdeckt wird, umso größer sind die Heilungschancen. Wie man damit umgeht - nun ja, vielleicht möchte man nicht gleich auf Krebs reduziert werden. Und vielleicht können Freunde und Verwandten der Betroffenen ja auch Ich-Aussagen machen und sich selber Unterstützung suchen.
magerneid 03.02.2019
3. Einfach nur Danke
Ich bin nicht persönlich vom Thema betroffen, finde es aber in höchstem Maße anerkennenswert, was Herr Schulz-Kindermann da macht. Es ist nämlich eben nicht ein Abarbeiten von Aufgaben wie bei manch anderen Berufen, sondern [...]
Ich bin nicht persönlich vom Thema betroffen, finde es aber in höchstem Maße anerkennenswert, was Herr Schulz-Kindermann da macht. Es ist nämlich eben nicht ein Abarbeiten von Aufgaben wie bei manch anderen Berufen, sondern ein Mitgehen, Mitfiebern, ein Mitfühlen, Hoffen und Leiden. Dafür braucht man eine unfassbare Kraft, und deswegen kann man ihm nur vielfach danken und Respekt zollen.
olletolle 03.02.2019
4. Ich habe auch Krebs.
Das weiß ich jetzt seit exakt 2 Monaten. Ich kann eigentlich nicht verstehen, dass mir das völlig egal ist. Mein Krebs wurde operativ entfernt, nur eine fette Narbe erinnert noch daran. Kommt er zurück? Möglich. Vielleicht. [...]
Das weiß ich jetzt seit exakt 2 Monaten. Ich kann eigentlich nicht verstehen, dass mir das völlig egal ist. Mein Krebs wurde operativ entfernt, nur eine fette Narbe erinnert noch daran. Kommt er zurück? Möglich. Vielleicht. Wahrscheinlich. Morgen fange ich dann mit der Chemotherapie an. Eigentlich wollte ich keine machen, aber meine Angehörigen setzen mich - nach dem Motto "WAS? Keine Chemotherapie? Das kannst du mir doch nicht antun!" - unter Druck. Aber wer weiß, vielleicht fühle ich mich dann ja endlich krebskrank.
supernicky_reloaded 03.02.2019
5. Oh glückliches Hamburg.
Angehörigengruppen sind ja ein Träumchen, allerdings ist psychoonkologische Betreuung, und dann auch noch für Angehörige, für die meisten von uns wohl eher ein ferner Traum. Gibt es schlicht nicht. Und von den [...]
Angehörigengruppen sind ja ein Träumchen, allerdings ist psychoonkologische Betreuung, und dann auch noch für Angehörige, für die meisten von uns wohl eher ein ferner Traum. Gibt es schlicht nicht. Und von den "normalen" Selbsthilfegruppen hält man sich ja besser fern, wenn man sich nicht komplett runterziehen lassen möchte. Aber gut, dieser Therapeut scheint ja eher mit den ganz schwer Kranken zu tun zu haben, denn die normalen Ängste wie "Hilfe, ich gehe pleite" oder "Schiet, mein Mann hat eine Depression bekommen und droht, vor den nächsten Baum zu fahren" kommen in seiner Aufzählung gar nicht vor.

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