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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Warum Herr B. Dutzende Male in der Notaufnahme landete

Es beginnt mit schwerem Brustschmerz Mitte der Neunziger: Ein Patient in Kalifornien kommt über zwei Jahrzehnte mehr als 40-mal in die Notaufnahme. Schließlich finden Ärzte die richtige Therapie für ihn.

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Symbolbild

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Samstag, 09.06.2018   07:47 Uhr

Heute ist Herr B. 90 Jahre alt. Seine ungewöhnliche Krankengeschichte, die sich über mehr als 20 Jahre zieht, lässt auf den ersten Blick darüber staunen, dass er noch am Leben ist.

Es beginnt 1995 in der Notaufnahme einer Klinik im Süden des US-Bundesstaates Kalifornien. Dort stellt sich Herr B. mit heftigem Schmerz in der Brust vor, der in die Schultern strahlt. Die Ärzte verabreichen ihm Nitroglyzerin, das seine Pein lindert. Der Wirkstoff, der den meisten Menschen wohl als Sprengstoff bekannt ist, erweitert die Adern. Deshalb setzen Mediziner ihn bei Angina pectoris ein, also Schmerzen in der Brust aufgrund verengter Herzkranzgefäße.

Die Notärzte überweisen Herrn B. in die Kardiologie, wo Spezialisten eine Reihe von Tests durchführen. Doch sie entdecken keinen Hinweis auf eine akute Krankheit.

Ohnmacht, Krampfanfälle, Diabetes

Bis zum Jahr 2001 kommt Herr B. immer wieder in die Notaufnahme. Insgesamt elf Mal meldet er sich, meist mit schwerem Brustschmerz. Immer wieder führen die Ärzte Tests durch, um die Ursache seiner Beschwerden zu finden, doch weder Bluttests noch andere Untersuchungen liefern Hinweise.

Zudem plagen den Mann weitere gesundheitliche Probleme: Er spricht von Ohnmacht, Krampfanfällen, einem schlecht eingestellten Diabetes. Einmal ist er eine Treppe hinuntergefallen. Die Ärzte gehen seinen Hinweisen nach, doch entdecken weiterhin keine körperlichen Ursachen für seine Beschwerden. Wegen des Diabetes geben sie ihm Insulin zum Spritzen mit.

Im Jahr 2001 wechselt Herr B. das Krankhaus, nun stellt er sich in einer Notaufnahme in Zentralkalifornien vor, wie das Ärzteteam um Anjani Amladi von der University of California, San Francisco, in Fresno in seinem Fallbericht schildert. Wieder plagt ihn schwerer Schmerz in der Brust.

Depressionen, Sucht und Suizidgedanken

Zwischen 2001 und 2017 erscheint der Patient 34-mal in der Klinik. Bei einigen Besuchen im Krankenhaus schildert er, dass er Lähmungserscheinungen hat, unter Schwäche leidet, gestürzt ist. Dazu kommen inzwischen auch psychische Probleme. Herr B. berichtet von Depressionen und Suizidgedanken oder davon, dass er einen Drogenentzug benötigt. Mehrmals erwähnt er den Medizinern gegenüber Suizidversuche - durch Medikamente oder den Sprung von einem Dach.

Herr B. erzählt Ärzten und Pflegepersonal auch Persönliches. So spricht er etwa bei unterschiedlichen Aufenthalten mit verschiedenen Angestellten des Krankenhauses von einem Autounfall, bei dem seine Frau ums Leben kam. Doch beim Datum gibt es Ungereimtheiten. Einmal ereignete sich der Unfall 2002, dann 2003, 2005, 2007, 2009 und 2015. Auch sein Vater starb bei einem Autounfall, erzählt Herr B., ebenso wie mehrere seiner Kinder. Auch in diesen Schilderungen nennt er verschiedene Jahreszahlen. Und 2006 sei seine gesamte Familie bei einem Unfall gestorben, erzählt er einmal.

Als den Ärzten im Jahr 2004 erstmals auffällt, dass die Geschichten von Herr B. so vielleicht nicht stimmen, unterziehen sie ihn einigen kognitiven Tests. Doch der Mann hat keine Gedächtnisprobleme. Als sie den Test 2016 wiederholen, hat er zwar leichte kognitive Schwächen - da ist Herr B. allerdings auch Ende 80.

Psychiatrische Tests, die wegen seiner psychischen Probleme durchgeführt werden, kommen zum Ergebnis, dass Herr B. keine Depression hat. Ebenso wenig leidet er an einer bipolaren Störung, an Angststörungen oder einer Psychose. Mit dem Einverständnis des Patienten sprechen die Ärzte auch mit seinen Freunden, ob er früher psychiatrische Diagnosen erhalten hat oder vielleicht Symptome zeigt, die zu einer bestimmten Krankheit passen.

Die Diagnose, die alle Symptome erklärt

Aufgrund der intensiven Befragungen und Tests finden die Ärzte in der Psychiatrie endlich die Diagnose, die sämtliche Klinikaufenthalte des Patienten erklärt: Er hat das sogenannte Münchhausen-Syndrom. Betroffene mit dieser psychischen Störung erfinden körperliche Beschwerden und schildern diese in der Arztpraxis oder im Krankenhaus. In manchen Fällen fügen sich die Betroffenen tatsächlich selbst Schaden zu. Abzugrenzen ist das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, bei dem Betroffene anderen - meist ihren Kindern - Schaden zufügen und dann medizinische Hilfe suchen.

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In ihrem Fachartikel im "International Journal of Psychiatry in Medicine" erklären die Ärzte den Klinikwechsel, den Herr B. vollzog.

Auch im ersten Krankenhaus hatte er zahlreiche Geschichten über sein Leben erzählt, die Ärzte und Pfleger allerdings skeptisch stimmten. So sagte er etwa, er habe einen hohen Rang im Militär innegehabt. Ein anderes Mal schilderte er, er sei Ingenieur. Nachfragen offenbarten aber, dass er sich auf beiden Gebieten nicht auskannte. Auch seine Krankheitsgeschichten übertrieb er maßlos. Schon Tausende Male sei er ohnmächtig geworden, erzählte er etwa. Oder dass er einen Flugzeugabsturz überlebt habe. Medizinische Unterlagen dazu gab es aber nicht. Als das Personal seine Geschichten offen anzweifelte, suchte er sich eine neue Klinik.

Das Fazit des Fallberichts: Binnen 22 Jahren verbrachte Herr B. nach Überweisungen aus der Notaufnahme 64 Tage im Krankenhaus und 47 in der Psychiatrie. Der Patient erhielt zahlreiche teure und zum Teil auch potenziell gefährliche Tests und Behandlungen, wie etwa Herzkatheteruntersuchungen, Röntgenaufnahmen, CT- und MRT-Aufnahmen. Neben Nitroglyzerin bekam er unter anderem Dobutamin, ein Mittel gegen Herzschwäche, und das gerinnungshemmende Heparin verabreicht. Auch die bereits erwähnten Insulinspritzen - obwohl er gar kein Diabetiker war. Herr B. hatte in den 22 Jahren in den Kliniken Termine bei Kardiologen, Lungenärzten, Neurologen, Psychiatern, Notärzten, Familienärzten, Internisten, Radiologen und Chirurgen.

Ein rätselhafter Patient

Auch nach der Diagnose kommt Herr B. weiterhin in die Notaufnahme und die Ärzte prüfen ganz bewusst objektiv, ob seinen Beschwerden eine medizinische Ursache - jenseits des Münchhausen-Syndroms - zugrunde liegt. Das Ziel sei, ihn mitfühlend und ohne ihn zu verurteilen zu behandeln, schreiben die Ärzte. Denn ihm Vorwürfe zu machen oder ihm gar Hilfe zu verweigern, würde nicht dazu führen, dass Herr B. seine Diagnose akzeptiert.

Das Syndrom selbst im Rahmen einer Psychotherapie anzugehen, ist nur möglich, wenn der Patient einsieht, dass er dieses Problem hat und sich entsprechend eine Behandlung wünscht.

insgesamt 21 Beiträge
Frida_Gold 09.06.2018
1.
Das ist aber schon sehr traurig, dass zwei Krankenhäuser über 20 Jahre brauchen, um die Diagnose zu stellen. Da stimmt doch was mit dem System nicht.
Das ist aber schon sehr traurig, dass zwei Krankenhäuser über 20 Jahre brauchen, um die Diagnose zu stellen. Da stimmt doch was mit dem System nicht.
God 09.06.2018
2. Tut mir leid, das ist krank und auch nicht statthaft !
Auch von den Ärzten, und nirgendwo auf der Welt ! Auch ein Münchhausensyndrom hat eine Ursache ! Nämlich im Leben, psychisch und geistig, und man kann es behandeln und heilen ! Ev. ist der Mann vereinsamt, hat keinen [...]
Auch von den Ärzten, und nirgendwo auf der Welt ! Auch ein Münchhausensyndrom hat eine Ursache ! Nämlich im Leben, psychisch und geistig, und man kann es behandeln und heilen ! Ev. ist der Mann vereinsamt, hat keinen Lebenssinn und weiß wenig mit sich anzufangen.
weltraumschrott 09.06.2018
3. Das "System"...
... geht eben davon aus, dass der Betroffene seine Beschwerden wahrheitsgemäß schildert. Und das ist auch gut so, denn jeder Kranke hat zuallererst ein Recht darauf, dass seine Klagen ernst genommen werden. Die verschwindend [...]
Zitat von Frida_GoldDas ist aber schon sehr traurig, dass zwei Krankenhäuser über 20 Jahre brauchen, um die Diagnose zu stellen. Da stimmt doch was mit dem System nicht.
... geht eben davon aus, dass der Betroffene seine Beschwerden wahrheitsgemäß schildert. Und das ist auch gut so, denn jeder Kranke hat zuallererst ein Recht darauf, dass seine Klagen ernst genommen werden. Die verschwindend geringe Anzahl von "Münchhausen"-Simulanten verwinden wir schon, wichtiger ist, den anderen Menschen mit dem Ernstnehmen von Symptomen Leben und Gesundheit zu retten bzw. wiederherzustellen.
mirage122 09.06.2018
4. Das Budget aufgebessert?
Diese Geschichte schreit derartig zum Himmel und zeigt auf, wie in Krankenhäusern mit wahrer Begeisterung Kosten produziert werden. Die unendlichen Untersuchungen über 22 Jahre hinweg sind finanziell kaum zu erfassen. Diente [...]
Diese Geschichte schreit derartig zum Himmel und zeigt auf, wie in Krankenhäusern mit wahrer Begeisterung Kosten produziert werden. Die unendlichen Untersuchungen über 22 Jahre hinweg sind finanziell kaum zu erfassen. Diente das Ganze vielleicht einer Sanierung? Der Verdacht liegt nahe und zeigt auf, was in unserem Gesundheitssystem nicht stimmt. Da muss ganz massiv angesetzt werden, aber wahrscheinlich schreitet da wieder die entsprechende Lobby ein!
Frida_Gold 09.06.2018
5.
Das System hat aber auch die Verantwortung, auch seltene Leiden zu erkennen und zu behandeln. Dass das im Fall von Münchhausen dauert, ist klar. Aber über 20 Jahre? Das ist nicht hinnehmbar und bedeutet, dass ein großer [...]
Zitat von weltraumschrott... geht eben davon aus, dass der Betroffene seine Beschwerden wahrheitsgemäß schildert. Und das ist auch gut so, denn jeder Kranke hat zuallererst ein Recht darauf, dass seine Klagen ernst genommen werden. Die verschwindend geringe Anzahl von "Münchhausen"-Simulanten verwinden wir schon, wichtiger ist, den anderen Menschen mit dem Ernstnehmen von Symptomen Leben und Gesundheit zu retten bzw. wiederherzustellen.
Das System hat aber auch die Verantwortung, auch seltene Leiden zu erkennen und zu behandeln. Dass das im Fall von Münchhausen dauert, ist klar. Aber über 20 Jahre? Das ist nicht hinnehmbar und bedeutet, dass ein großer Teil solcher Fälle gar nicht erkannt wird. Ich finde es traurig, dass für Sie Menschen mit Münchhausen-Syndrom weniger wichtig sind als andere. Die verdienen genauso eine gute Behandlung wie jeder andere Patient.
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