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Gesundheit

Was gegen Stottern hilft

"Hilfe, Mama, ich kann nicht mehr sprechen"

Etwa fünf Prozent aller Kinder stottern. Bei richtiger Behandlung kann die Störung komplett verschwinden. Es ist aber wichtig, auch für Erwachsene, eine seriöse Therapie zu finden.

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Das Vorlesen ist für stotternde Kinder eine Herausforderung

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Montag, 05.02.2018   05:36 Uhr

Sechs Jahre alt war Nils Kleibrink, als er merkte, dass etwas mit seiner Sprache nicht stimmte. "Hilfe, Mama, ich kann nicht mehr sprechen." Mit diesem Satz sei er eines Tages aus der Grundschule nach Hause gekommen, erzählte ihm seine Mutter. Angefangen hat das Stottern auch bei ihm im typischen Alter von etwa vier Jahren. "Meine Eltern wollten mir natürlich helfen", erinnert sich der heute 28-Jährige. Gemeinsam suchten sie eine Logopädin. "Unter Druck gesetzt haben sie mich nie. Ihre Devise war: Wenn dich das stört, suchen wir dir Unterstützung."

Gestört hat es den Schüler allerdings schon. Am schwierigsten sei es in der Schulzeit am Gymnasium gewesen. "Ich habe versucht, mein Stottern zu verstecken", sagt er. Wörter, die für ihn schwierig auszusprechen waren, tauschte er gegen andere aus. "Am Ende habe ich dann nicht mehr das gesagt, was ich wollte. Aber einige Lehrer wussten lange Zeit überhaupt nicht, dass ich stottere." Scheinbar ein Erfolg. Doch heute sagt Kleibrink ganz deutlich: "Ich habe mir das Leben damals selbst schwer gemacht."

So wie Nils Kleibrink geht es vielen Stotternden. Sie versuchen ihre Schwierigkeiten zu verbergen, vermeiden Sprechsituationen oder tauschen Wörter aus. "Manche wollen eigentlich eine Cola und bestellen stattdessen eine Limo, weil das flüssiger auszusprechen geht", sagt Katrin Neumann, Leiterin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am St. Elisabeth Hospital der Ruhr-Universität Bochum. Andere gehen nicht ans Telefon, wenn es klingelt oder melden sich nicht mehr in der Schule. Mitunter gelten Schüler lieber als verhaltensgestört, als ihr Problem zuzugeben. Stottern kann emotional extrem belastend sein. Und der Leidensdruck so hoch, dass Betroffene bereit sind, für zweifelhafte Therapieseminare, die eine angebliche Heilung versprechen, Tausende von Euro zu bezahlen.

Experten wie Neumann ist es daher wichtig, über die Störung und tatsächlich wirksame Therapiemethoden aufzuklären. Gemeinsam mit Kollegen hat sie 2016 eine Behandlungsleitlinie zu Redeflussstörungen herausgebracht, die erstmals verschiedene Methoden bewertet. "Stottern lässt sich oft gut in den Griff bekommen", sagt sie. "Und wenn rechtzeitig sinnvoll therapiert wird, stehen insbesondere bei Kindern die Chancen gut, dass es sich weitgehend oder gar komplett zurückbildet."

Was ist Stottern eigentlich? Bei der Redeflussstörung ist der Sprechablauf unwillkürlich unterbrochen - und zwar durch Wiederholungen von Lauten, Silben oder Worten, Blockierungen oder Dehnungen. Manche Stotternde bewegen ihre Arme oder ihren Kopf mit, um das Stottern zu überwinden. Bei anderen verkrampft die Gesichtsmuskulatur. Dazu kommen emotionale Belastungen.

Typischerweise tritt Stottern zum ersten Mal im Alter von zwei bis fünf Jahren auf. Selten ist es in diesem Zeitraum nicht. "Im Laufe der Kindheit stottern fünf bis acht Prozent der Kinder einmal", sagt Neumann. Bei bis zu 80 Prozent davon bildet es sich allerdings von selbst wieder zurück. Unter den Erwachsenen stottert nur noch knapp ein Prozent, wobei deutlich mehr Männer betroffen sind als Frauen.

Über die Ursachen der Störung wurde lange vieles gemutmaßt. Mittlerweile ist klar: Stottern ist vor allem genetisch bedingt, das zeigen etwa Zwillingsstudien. Auch wenn eineiige Zwillinge getrennt aufwachsen, tritt es mit derselben Wahrscheinlichkeit bei beiden auf. Oft kommt es in Familien gehäuft vor. Und auch die Tatsache, dass Jungs häufiger betroffen sind, lässt sich so erklären: "Man kennt Gene, die geschlechtsspezifisch mit dem Auftreten verbunden sind", sagt Neumann.

Dass die Störung vor allem genetische Ursachen hat, bedeutet auch: "Die Eltern sind nicht schuld am Stottern ihrer Kinder", sagt Neumann. "Es ist kein Erziehungsfehler, das kann man gar nicht oft genug betonen."

Eltern kommt allerdings eine entscheidende Rolle zu, wenn das Stottern auftritt. Denn es gibt ein optimales Zeitfenster, in dem behandelt werden sollte. "Das kindliche Hirn ist noch plastisch, im Alter zwischen drei und fünf Jahren lässt sich Stottern oft noch komplett heilen", sagt Neumann. "Nach der Pubertät ist das extrem unwahrscheinlich." Hieß es früher oft: "Das wächst sich aus", so gilt heute eher: nicht zu lange abwarten. Allerdings: Nicht jedes Stottern muss gleich behandelt werden. Bei einem Großteil der Kinder verliert es sich auch ohne Therapie wieder.

"Leider lässt sich keine konkrete Vorhersage treffen, bei welchem Kind das Stottern von selbst wieder verschwindet und bei welchem eine Chronifizierung droht", sagt Martin Sommer. Der Oberarzt in der Abteilung für Klinische Neurophysiologie an der Universität Göttingen erforscht die Sprechstörung. Er stottert selbst und ist Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe (BVSS). In der Leitlinie, an der Sommer mitgewirkt hat, hat man sich daher auf einen Kompromiss geeinigt: Nach Stotterbeginn sollte ein Kinderarzt in der Regel nicht länger als sechs Monate (maximal zwölf Monate) warten, bis er die Therapie verschreibt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Störung von selbst verschwindet, ist im ersten Jahr am größten.

Umgehend sollte mit einer Behandlung begonnen werden, wenn das Stottern das Kind belastet - und wenn andere Risikofaktoren hinzukommen. Dazu zählen etwa leibliche Verwandte, die stottern, und das männliche Geschlecht. Bei jüngeren Kindern gilt: Ob sie zu Beginn leicht oder nur stark stottern, ist egal: "Das sagt rein gar nichts darüber aus, ob die Sprechstörung wieder verschwindet", so Neumann. "Auch bei nur leicht stotternden Kindern muss man vorsichtig sein - und bei Bedarf frühzeitig therapieren." Besteht das Stottern länger als zwei Jahre, ist das Risiko groß, dass es anhält.

Wichtig auch: Die Therapie muss erwiesenermaßen wirksam sein. Denn auch das ist eine Gefahr: Mit der falschen Behandlung lässt sich viel kostbare Zeit verplempern. "Wir sehen immer wieder jahrelang falsch und vergeblich behandelte Kinder, bei denen Therapeuten etwa an zeitgleich auftretenden Aussprachestörungen gefeilt haben - statt die Sprechstörung Stottern zu behandeln."

Welche Therapien sind hilfreich? Für Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren hat sich vor allem das sogenannte Lidcombe-Verfahren bewährt - ein auf Konditionierung beruhendes Prinzip. "Die Eltern werden dafür von erfahrenen Therapeuten angelernt, das Kind in strukturierten Spielsituationen für flüssiges Sprechen zu loben und auftretendes Stottern sanft zu korrigieren", sagt Neumann. Das passiert durch Hinweise wie: "Oha, hier bist du wieder ein wenig gehüpft. Macht nichts." So soll langsam der Anteil des flüssigen Sprechens gesteigert und in Alltagssituationen überführt werden. Auch indirekte Methoden haben sich in diesem Alter als wirksam erwiesen. Sie zielen darauf ab, die Sprechumgebung individuell so anzupassen, dass die Sprechflüssigkeit des Kindes zunimmt - etwa durch langsameres oder vereinfachtes Sprechen.

Bei Schulkindern, Jugendlichen und Erwachsenen werden vor allem sprechstrukturierende Verfahren wie Fluency Shaping empfohlen. Dabei wird eine neue Sprechweise erlernt - etwa durch ein zu Beginn stark verlangsamtes Sprechtempo, bestimmte Atemtechniken oder weiche Stimmeinsätze bei Wortanfängen. Ziel ist es, Stottern erst gar nicht aufkommen zu lassen.

Als andere große Therapieform für Erwachsene gilt die Stottermodifikation, die aber prinzipiell in jedem Alter eingesetzt werden kann. Dabei arbeitet der Stotternde an seiner Reaktion auf auftretende Unflüssigkeiten. Durch bestimmte Techniken lernt er, direkt in sein Stottern einzugreifen, es zu mildern und aus den Stottermomenten herauszukommen. Auch eine Kombination aus beiden Methoden ist möglich.

Als nicht wirksam gelten Verfahren, die allein auf eine Atemregulation setzen, Hypnose und logopädische Therapien ohne klar erkennbares Konzept. Auch für Akupunktur, Homöopathie, Bachblüten, Entspannungsverfahren oder Psychotherapien als alleinigem Behandlungsansatz gibt es keine Belege, dass diese helfen. Medikamente sind nicht zu empfehlen. "Die Stotterpille gibt es nicht", sagt Neumann.

"Wenn die durch das Stottern entstandenen Ängste sehr groß sind, kann eventuell auch zuerst oder begleitend eine Verhaltenstherapie sinnvoll sein", so die Phoniaterin. Experten raten auch eher zu intensiven Stottertherapien, bei denen in Intervallen immer wieder mehrere Tage oder Wochen am Stück geübt wird. Auch Gruppensitzungen sollten Teil der Behandlung sein. Als Richtlinie gilt: Jede Behandlung sollte innerhalb von etwa drei Monaten einen Nutzen zeigen.

Jede gute Therapie hat überdies ein Konzept, wie mit der Nachsorge und Rückfällen umzugehen ist. "Denn die langfristige Umsetzung des Erlernten im Alltag ist mit das Schwierigste", so Sommer. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Betroffene wieder in alte Sprechmuster zurückfallen. Sie selbst oder die Angehörigen dann dafür verantwortlich zu machen, ist unseriös."

Genau das kommt aber bei zweifelhaften Anbietern vor. "Der Markt ist groß und Scharlatane nutzen häufig den Verfremdungseffekt", sagt Sommer. "Durch Atmung und Sprechrhythmus lassen sich schnell Erfolge erzielen, dadurch bekommen sie selbst einen schwer Stotternden vorübergehend flüssig."

Auch die Leitlinie warnt, dass sich Stottern durch die Behandlung solcher Einzelsymptome oder die vorübergehende Änderung der Sprechweise vor allem in isolierten Situationen rasch vermindern lasse - "wie beispielsweise bei einer populären Atemtherapie, die angeblich das Zwerchfell trainiert". Dies könne kurzfristig eine Heilung vortäuschen, in den Alltag lasse sich das jedoch selten retten. Die BVSS hat daher ein Merkblatt erstellt, wann Patienten skeptisch sein sollten. Ein Hinweis dafür ist, dass Heilung versprochen wird - und das meist in kurzer Zeit.

Das komplette Verschwinden des Stotterns vor allem im Kindesalter ist das Ziel der Therapie. Erreichen lässt es sich jedoch auch da nicht immer.

"Man muss sich letztlich ein Leben lang damit auseinandersetzen", sagt Neurophysiologe Sommer. "In den Griff bekommen habe ich mein Stottern bis heute nicht. Aber ich gehe offen damit um und habe auch einen Sprechberuf ergriffen, was richtig war." Sommer wünscht sich, dass Stotternde mutiger werden, ihre Störung nicht als unabänderliches Schicksal hinnehmen und sich in ihren Perspektiven, etwa bei der Berufswahl, nicht einschränken. "Es gibt gute Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten." So haben Stotternde auch gesetzlich verankert das Recht auf einen Nachteilsausgleich - zum Beispiel bei mündlichen Prüfungen in der Schule.

Auch Nils Kleibrink hat sein Stottern nicht komplett verloren. Er hat aber gelernt, damit umzugehen und es nicht mehr zu verstecken. Bei Referaten in der Uni oder bei Vorstellungsgesprächen etwa, hat er es vorher angekündigt. "Das nimmt den Druck aus der Situation", sagt er. Als er bei der Hochzeit seines Bruders eine Rede hielt, hat er es ähnlich gemacht - und dann die ganze Rede über nicht gestottert. "Das hat mich im offenen Umgang mit meinem Stottern bestärkt", sagt er. Ermutigt hat ihn auch, dass die Reaktion der Umwelt in den meisten Fällen sehr entspannt war - "und meine Ängste meist unbegründet".

Mittlerweile arbeitet Nils Kleibrink als Projektreferent bei der BVSS, sein Traumjob. Eine Therapie macht er nicht mehr, übt aber zu Hause und engagiert sich auch in einer Selbsthilfegruppe. "Es tut gut zu sehen, dass andere dasselbe Problem haben. Dadurch verliert es seinen Schrecken", sagt er. Gehadert hat er mit der Situation aber durchaus immer mal wieder. "Kommunikation ist die Grundlage des Zusammenlebens. Da habe ich mich natürlich schon gefragt, warum mir ausgerechnet das so schwerfallen muss."

Manche Alltagssituationen, in denen er sich nicht erklären kann, machen ihm auch noch immer zu schaffen. "Schlimm ist etwa, wenn ich beim Bäcker stehe und nicht herausbekomme, was ich bestellen möchte und das Gegenüber drängelt und wird ungeduldig", sagt er. Dann fragt er schon einmal nach einer "Laugenbrezel" statt nach einer "Brezel" - was im Prinzip keinen Unterschied macht, ihn aber dennoch ärgert: "Denn Laugenbrezel lässt sich leichter aussprechen." Irgendwie hat er also wieder versucht, sein Stottern zu verstecken.

Genau davon würde er seinem jüngeren Ich allerdings vehement abraten: "Sag, was du willst, schweig nicht", das wäre aus heutiger Sicht sein Tipp an sich selbst. Von seinem Gegenüber wünscht er sich, dass es ihn ganz normal behandelt und einfach geduldig ist. "Ich weiß, was ich sagen will. Es braucht halt einfach etwas länger."

Rat, Hilfe und Informationen

Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V.

Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. hilft bei der Therapeutensuche – etwa durch Beratung oder Listen mit Therapeuten in Wohnortnähe. Zum Thema Nachteilsausgleich finden sich dort ebenfalls Informationen, etwa auch dazu, wie die einzelnen Bundesländer in Schulen damit umgehen.

Beratungsstellen
Gesammelte Informationen
Gesammelte Informationen finden sich auch auf der Seite "Patienten-Information.de", einem Service der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung. Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) hat ebenfalls eine aktuelle Broschüre zu dem Thema veröffentlicht.
Selbsthilfegruppen
Selbsthilfegruppen gibt es für Erwachsene und Jugendliche. Die BVSS hat auch ein Netzwerk für Eltern und ein Forum zum allgemeinen Austausch ins Leben gerufen.

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