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Gesundheit

Arbeitnehmer 2.0

Wie Exoskelette körperliche Arbeit gesünder machen sollen

Räder wechseln, anstreichen, Hecke schneiden: Überkopfarbeiten sind anstrengend. Hersteller von Exoskeletten versprechen nun, die Tätigkeiten zu erleichtern.

DPA

Frau mit Exoskelett

Mittwoch, 05.12.2018   16:27 Uhr

Das Gestell am Rücken von Sönke Rössing ist nicht schwerer als ein Rucksack. Doch der Entwickler vom niedersächsischen Prothesenhersteller Ottobock verspricht, dass die umgeschnallten Streben und die Seilzugtechnik große Vorteile für Handwerker wie Heimwerker haben können. Wände streichen, Hecken schneiden, verschiedenste Überkopfarbeiten: Mit dem Exoskelett soll das alles viel einfacher von der Hand gehen. "Mein Traum ist es, dass nächstes Jahr an Weihnachten ein Exoskelett für den Heimwerker angeboten werden kann."

Bisher werden Exoskelette vor allem bei der Rehabilitation von Querschnittsgelähmten angewendet. Mehr dazu lesen Sie hier. Nun sollen sie auch in der Arbeitswelt zum Einsatz kommen. Das Prinzip: Streben und Seilzüge sollen das Gewicht besser im Körper verteilen.

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"Exoskelett" des Prothesenhersteller Ottobock

Bei Rössings Modell werden zunächst zwei Kugelgelenke an einem Hüftgurt angebracht. Von dort führen zwei Metallstangen nach oben, an deren Ende Gelenke befestigt sind, die die Funktion der Schultergelenke nach außen spiegeln. Von dort führen die nächsten Streben zu den Oberarmen. Mit Hilfe von Seilzügen wird so die Belastung von den Armen ohne Umweg über den Rücken oder die Schulter direkt in die Hüfte abgeleitet.

Der Prothesenhersteller hat sein Modell im Herbst auf den Markt gebracht, bereits mehr als 30 Kunden seien beliefert worden, zudem lägen zahlreiche Kundenanfragen vor. Ottobock ist nicht das einzige Unternehmen, das Exoskelette entwickelt. In Deutschland arbeitet beispielsweise auch das Augsburger Unternehmen German Bionic System daran.

Langzeitfolgen unklar

Doch können Exoskelette wirklich das Rezept gegen Schulterbeschwerden, Bandscheibenvorfälle und kaputte Knie sein? Darüber werde in der Wissenschaft noch heftig diskutiert, sagt Sascha Wischniewski von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). Die entscheidende Frage sei, ob die Systeme tatsächlich den Körper unterstützen oder lediglich die Lasten verteilen. "Belastungen werden meistens woanders wieder in den Körper eingeleitet", sagt Benjamin Steinhilber von der Uni-Klinik Tübingen. "Es ist noch schwierig abzuschätzen, ob die Erhöhung der körperlichen Belastung an einer anderen Stelle zu einem Schaden führen kann."

Das größte Problem bei der Einschätzung: Langzeiteffekte konnten an der neuen Technologie noch nicht erforscht werden, weil sie dafür zu neu ist. Grundsätzlich sei es das Ziel, einen guten Arbeitsplatz auch ohne den Bedarf für ein Exoskelett zu gestalten, mahnt Wischniewski. "Ein Exoskelett sollte nicht das erste Mittel bei der Arbeitsplatzgestaltung sein, sondern da eingesetzt werden, wo es keine ergonomisch sinnvollere Alternativen gibt."

Auch Steinhilber sieht das so und empfiehlt den Unternehmen, nicht jede Tätigkeit künftig mit einem Exoskelett zu verknüpfen. Darüber hinaus gebe es noch viel Verbesserungspotential, etwa beim Gewicht und an den Stellen, an denen das Exoskelett den Menschen berührt. "Kurzfristig glaube ich nicht, dass die Exoskelette so gut werden, dass man sie über acht Stunden bei der Arbeit tragen kann."

Rössing glaubt trotzdem an seine Erfindung. Seine Kunden wollen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter möglichst gesund bleiben. Dieser Faktor gewinne wegen der steigenden Lebenserwartung und der alternden Belegschaft enorm an Bedeutung. Ob sich Rössings Traum vom Exoskelett unter den Weihnachtsbäumen im Jahr 2019 erfüllen lässt, ist allerdings noch fraglich. Der Preis von 4900 Euro dürfte den meisten Menschen für den privaten Gebrauch ohnehin zu hoch sein.

Im Video: Die Mensch-Maschinen - Revolution in der Medizin

Foto: SPIEGEL TV

von Fabian Nitschmann/dpa/koe

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