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Gesundheit

Achilles Classics

Rekord im Couch-Marathon

Unser Wunderläufer schafft nichts mehr, das Sofa ist sein bester Freund. Fast jedenfalls. Noch lieber hat er seinen neuen Mitbewohner - einen reinrassigen Schweinehund. Kluge Wahl: Dieses Haustier muss nie vor die Tür.

imago/ Westend61

Entspannen auf der Couch (Symbolfoto)

Montag, 06.03.2017   10:17 Uhr

Achilles-Klassiker

In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Das Sofa saugt mich ein. Eine eigenartige Starre hat sich meines Körpers bemächtigt. Das Heben der Fernbedienung erfordert übermenschliche Kräfte. Karl und Mona sind im Kino. "Ich geh laufen", hatte ich gesagt. Das war eine Lüge. Ich sollte laufen. Aber ich kann nicht aufstehen. Seit Wochen. Ich mag nicht. Es ist zu warm für den Winter.

Das ist verdächtig. Der Kälteeinbruch lauert garantiert schon an der deutschen Grenze. Er kommt genau dann, wenn ich losgelaufen bin. Und ich hole mir eine Zerrung oder Schlimmeres. Ein Japaner soll sich neulich beim Lauftraining das Gemächt abgefroren haben.

Es könnte auch regnen. Mit einer Lungenentzündung ist nicht zu spaßen. Ich müsste Antibiotika nehmen und dürfte nicht laufen. Ist doch viel gesünder, wenn man ohne Antibiotika nicht läuft. Auf nassen Straßen kann man außerdem ausrutschen und sich alles brechen. Ich huste trocken. Vogelgrippe im Anflug. Mir tut alles weh. Laufen? Lebensgefährlich, in meinem Zustand. "Sie sind schneller als Sie denken", sagt der US-amerikanische Laufpapst James Fixx. Ja, schneller auf dem Sofa.

Seit September bin ich nicht mehr ordentlich gelaufen. Regeneration ist wichtig. Sagen alle Mediziner. Gerade in meinem Alter. Der Infarkt lauert hinter jedem Kilometerstein. Im linken oberen Brustbereich zieht es so merkwürdig. Ich regeneriere sicherheitshalber noch ein Weilchen.

Laufen ist eh langweilig. Und anstrengend. Ich habe ohnehin nichts zum Anziehen. Meine im Internet gestalteten Trendtreter schauen mich vorwurfsvoll an. Sie sehen gut aus, so nagelneu. Wollen geschont werden, gerade in dieser schmutzigen Jahreszeit.

Ich habe die Laufbücher rausgekramt. Die Motivationstricks sind überall gleich schlecht. Tolle Idee: Laufschuhe vors Bett stellen, damit man sie beim Aufstehen gleich sieht. Mir doch egal. Ich gucke sie seit Wochen jeden Morgen mit Abscheu an. Man möchte ja wenigstens anspruchsvoll veräppelt werden. Besiegen Sie Ihren inneren Schweinehund?, schreien Ulrich Strunz und Co. Warum soll ich ihm wehtun? Ich mag meinen Schweinehund. Er ist wie ich. Er will auch nicht laufen. Der einzige sympathische Hund auf der ganzen Welt.

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"Du brauchst ein Ziel", sagt Lauf-Guru Herbert Steffny. Welches Ziel? Der Winter ist die brutalste Zeit des Läufers. Zeit ohne Ziele. Saison vorbei. Ich war schlecht wie immer. Das nächste Rennen ist noch weit. Und ich werde nicht besser sein. Also Sofa.

Mir ist schlecht. Vielleicht hätte ich die 1000-Gramm-Packung mit den puddinggefüllten italienischen Keksen als Betthupferl aufbewahren sollen. Auf die drei Kohlrouladen mit Rahmwirsing von heute Mittag kommen die Kekse gar nicht gut. Schon gar nicht mit der Lage dazwischen, einer Doppelportion Amaretto-Eis, das sich um die Bratkartoffeln schmiegt.

Zur Person

Wer im Lauftraining steckt, kann essen, was er will und wird nicht dicker. Ich esse, was ich will. Aber ich laufe gerade nicht. Gestern habe ich ein neues Loch in den Gürtel gebohrt - es ist das letzte, danach hilft nur noch eine Büx mit Gummizug. Die passt (sich) immer (an).

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Ich sollte mich mal wieder auf die Waage stellen. Lieber nicht. Das Ding zeigt sehr unsauber an. Der Schock wäre womöglich groß, und meine Motivation völlig dahin. Morgen gehe ich zum Arzt. Er wird mir eine Laktat-Allergie bescheinigen. Vielleicht darf ich in den Computertomografen. Jeder hat eine exotische Krankheit. Nur ich nicht.

Ich kann nicht so einfach wieder anfangen. Es wird wehtun. Ich werde mich hassen für meine Langsamkeit. Alle werden auf mich zeigen und grienen. Ich, der einsamste Mensch im Land des Hechelns. Quälende Sinnfragen: Warum soll ich laufen? Ich werde eh nicht schneller. Kenne jeden Feldweg. Habe panische Angst vor Kälte. Warum halten Tiere Winterschlaf? Mir reicht der Gedanke, dass ich wieder anfangen könnte, jetzt sofort, wenn es sein müsste. Aber es muss ja nicht sein.

Der Schlüssel klimpert in der Tür. Mona und Karl kommen zurück. Ich stelle mich schlafend. Karl springt mir auf den Bauch. "Schön weich", sagt er. Ich bin für die Wiedereinführung der Prügelstrafe. "Hast du etwa zweieinhalb Stunden auf dem Sofa gelegen?", fragt mich meine hyperaktive Gattin. "Natürlich nicht", sage ich, nahezu wahrheitsgemäß. Schließlich bin ich zweimal aufgestanden, um den Kühlschrank nach einer kleinen Zwischenmahlzeit zu durchsuchen. Der Hungerast ist ja das Schlimmste, was Läufern passieren kann.

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