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Gesundheit

Jagen, Gärtnern, Sammeln

Der beste aller Lebensstile

In Sachen Herz und Kreislauf sind die Tsimane das gesündeste Volk der Welt. Das zeigt, welcher Lebens- und Ernährungsstil für uns wirklich ideal wäre. Aber nützt die Erkenntnis etwas, wenn man nicht im Dschungel lebt?

UC Santa Barbara/ Michael Gurven
Von
Freitag, 17.03.2017   17:42 Uhr

Die Debatte um den gesündesten Lebens- und Ernährungsstil bekommt neues Futter: Eine umfangreiche Studie im medizinischen Fachblatt "The Lancet" erklärt die bolivianischen Tsimane zur gesündesten je gefundenen Menschenpopulation, wenn es um Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen geht. Auf einer Kardiologentagung in Washington DC stellen Studienleiter Hillard Kaplan und seine Koautoren an diesem Wochenende unter anderem den Fall eines 80-jährigen vor, dessen Herz und Gefäßsystem dem eines etwa 50-jährigen Amerikaners entspräche.

Die plakative Botschaft ist klar: Die Tsimane leben gesund, wir Menschen der Industrienationen nicht. Die Studie reiht sich in die Untersuchungen des seit 2002 laufenden Tsimane Life History and Health Project ein. In den vergangenen Jahren wurden bei den Tsimane Blutdruck und Hormonspiegel vermessen, die Seltenheit von Herzkrankheiten vermerkt und der Einfluss ihrer Lebensweisen auf ihre allgemeine Gesundheit analysiert.

85 Prozent der Untersuchten zeigen der Studie zufolge kein feststellbares Herzinfarkt-Risiko. Bis ins hohe Alter bleiben sie ungewöhnlich gesund: Selbst bei 65 Prozent der über 75-Jährigen fanden die Forscher keinerlei kardiovaskuläre Beschwerden oder feststellbare Risiken. Es sind die niedrigsten Quoten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die jemals bei einer Menschengruppe gefunden wurden. Zum Vergleich: Nur 14 Prozent der US-Amerikaner zwischen 45 und 84 gelten in dieser Hinsicht als gesund und ohne Risiko.

Muss man im Dschungel leben, um gesund zu bleiben?

Blutbild, -druck und -zucker, Cholesterin und Puls - alle bei den Tsimane gemessenen Werte fallen besser aus als bei uns. Nur Entzündungen sind bei ihnen häufiger, was normalerweise mit erhöhtem Risiko von Arteriosklerose einhergeht. Auch die ist bei den Tsimane aber deutlich seltener, die Entzündungswerte gehen also eher auf Infektionen zurück - klar in ihrem tropischen, auch an Parasiten reichen Lebensraum.

All die positiven Unterschiede aber, glauben die Forscher, ließen sich auf den spezifischen Lebensstil der Tsimane zurückführen. Das Problem daran ist nur, dass sie dort leben, wo Bolivien wirklich schwer zugänglich ist: an den Ufern des Amazonas. Sie sind Indigene und leben bis heute vornehmlich als Jäger, Gartenbauer und Sammler. Schön für sie, könnte man da folgern, aber für Großstadtbewohner dann wohl leider ein Muster ohne Wert.

Doch das stimme nicht, sagt Studienleiter Hillard, dessen Team aus Anthropologen und Kardiologen über zwei Jahre die Bewohner von 85 Tsimane-Dörfern untersuchte und dabei 705 Personen verschiedenen Alters durch den Computertomographen schickte. Aus den Erkenntnissen der Studie ließen sich wertvolle Informationen ableiten.

Und dabei geht es neben körperlicher Aktivität vor allem um die Ernährung.

Kaum ein Gesundheitsthema treibt uns mehr um, es ist Stoff für Dokus und Bestseller: Sollte man mehr oder weniger Fleisch essen? Ist Fisch besser, sollte man Kohlenhydrate suchen oder meiden, und was für eine Rolle spielen Eiweiße? Wie also ernähre ich mich wirklich optimal? Es sind Fragen, an denen sich nicht nur Geister scheiden, sondern regelrechte Ideologien festmachen.

Die Studie beantwortet sie mit statischen Daten. Die kardiovaskulär gesundeste Menschengruppe der Welt setzt auf eine mit wenigen Sätzen zu beschreibende Ernährung:

Nicht rauchen, viel Bewegung und eine kohlenhydratreiche, viel Rohkost und unbehandelte Lebensmittel enthaltende Nahrung mit geringem Fleischanteil: So einfach sieht das Tsimane-Rezept zur kardiovaskulären Gesundheit offenbar aus.

Die Botschaft der Tsimane: Arteriosklerose ist vermeidbar

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Tsimane: Natürlich gesund

Oder stecken doch genetische Faktoren hinter ihrer verblüffenden Fitness? Die Autoren glauben dies nicht, aber beweisen können sie es noch nicht: Das Zusammentreffen zweier Auffälligkeiten - Lebensstil und Gesundheit - beweist noch nicht, dass das eine auch vom anderen verursacht ist. Es ist nur eine logisch begründete Annahme - und ein beobachtbares, messbares Phänomen.

Im schlimmsten Fall wird die Zeit den Beweis liefern: In den vergangenen Jahren kamen Tsimane vermehrt mit der technisierten Zivilisation in Kontakt. Neue Straßen und die zunehmende Verbreitung motorisierter Boote haben den Zugang zu den Märkten erleichtert - und damit auch zu Industriezuckern und industriell produzierten Ölen. Sollte dies die Gesundheit der Tsimane mittelfristig messbar verschlechtern, wäre es eine Art experimenteller Nachweis an der lebenden Bevölkerung.

Lebe lieber einfach

Die Autoren glauben, dass ihre Ergebnisse schon jetzt eindeutig genug sind, Konsequenzen daraus abzuleiten.

"Diese Studie", sagt Ko-Autor Gregory S. Thomas, "deutet darauf hin, dass Arteriosklerose vermieden werden könnte, wenn Menschen Teile des Tsimane-Lebensstils übernähmen und beispielsweise ihre Cholesterinwerte, ihren Blutdruck und ihren Blutzucker sehr niedrig hielten."

Mehr körperliche Bewegung und der Verzicht auf Nikotin wären ebenfalls machbar. Die Studie zeige, wie extrem sich die konsequente Ausrichtung an diesen Prinzipien für einen Menschen auswirken könne.

Thomas: "Die meisten Tsimane schaffen es, ihr ganzes Leben völlig ohne Arteriosklerose zu leben. So etwas hat man noch in keiner Studie nachweisen können. Obwohl in der industrialisierten Welt schwer zu erreichen, kann man doch Aspekte dieses Lebensstils übernehmen, um möglicherweise eine Erkrankung zu vermeiden, von der wir bisher annahmen, dass sie irgendwann so gut wie jeder von uns bekommt."

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