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Gesundheit

Achilles Classics

Irrer im Regen

Eine Dreiviertelstunde im Regen trainieren? Da kann das Laufen schon mal zäh werden. Doch Wunderläufer Achim Achilles hat so seine Tricks, die Zeit doch irgendwie rumzukriegen - oder zumindest so zu tun.

DPA

Joggerin unter einer Regenwolke

Von
Donnerstag, 20.04.2017   15:44 Uhr

Achilles-Klassiker

In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Es ist kühl. Der Wind peitscht ins Gesicht. Der zweite Schritt landet in einer tiefen Pfütze. Gut, dass Mona den Kreditkartenbeleg für die neuen Laufschuhe nicht gesehen hat, als sie mir gestern mal wieder Bargeld aus der Brieftasche mopste. 140 Euro für diese Treter aus Fortschrittsfaser, die nicht mal wasserdicht sind. Die nassen Socken in den nassen Schuhen schmatzen wie Aliens.

Gudrun späht aus ihrem Kiosk. Wahrscheinlich ruft sie gleich die Polizei. "Kommen Sie schnell! Und bringen Sie das Betäubungsgewehr mit! Da läuft so'n Irrer durch den Regen!" Gudrun raucht und steht sieben Morgen die Woche um halb sechs in ihrem Zeitungsladen. Wer seine Zeit mit Laufen vertrödelt, "der hat'se doch nicht alle", sagt sie.

Seit Jahren hat Gudrun nicht mehr ausgeschlafen. Mir wird es auch so ergehen. Die nassen Kunstfasern kleben luftdicht am Körper. Von wegen Membran, die die Feuchtigkeit ausschließlich von innen nach außen transportiert. Das Gegenteil ist der Fall. Mir ist kalt. Ich bin müde. Mir ist schlecht. Ich kann nicht mehr. Toller Frühling.

Ein Blick auf die Uhr: vier Minuten, 28 Sekunden, und noch nicht mal am Eingang des Volksparks. Wenn ich jetzt umdrehe, wäre ich nach neun Minuten wieder zu Hause. Ich wäre überzeugend nass und dreckig, aber Mona würde nachrechnen und sich schlapplachen. Laufen, Achim, immer weiterlaufen.

Läufer sind erstklassige Kopfrechner. Denn sie rechnen pausenlos, wie lange sie noch laufen müssen, um bei ihren Mitmenschen Eindruck zu schinden. Ich zum Beispiel muss noch mindestens zwölf Minuten laufen, bevor ich umdrehe. Die Rechnung ist ganz einfach: vier gelaufene plus zwölf zu laufende macht 16 mal zwei gleich 32 Minuten, eine gute halbe Stunde. Daraus wiederum lässt sich folgender Dialog mit Mona konstruieren:

Sie (scheinbar gelangweilt, in Wirklichkeit aber lauernd): "Naaa, wie lange warste denn unterwegs?"

Er (tut so, als ob er es nicht ganz genau wüsste und guckt auf die Uhr): "Mal rechnen" - leises Zahlenbrummeln - "so 'ne Dreiviertelstunde ungefähr".

Mona überlegt, wann der Wecker geklingelt hat, weiß nicht, dass ich beim Anziehen getrödelt habe - und kann mir nicht widersprechen. Dreiviertelstunde, das ist die magische Größe. Eine halbe Stunde klingt wie 20 Minuten, die Dreiviertelstunde dagegen hat den Sound der fast vollen Stunde.

Ich gucke auf die Uhr. Sieben Minuten und 13 Sekunden, macht zusammen 14, 26. Differenz bis zur Zielzeit knapp 20, also noch zehn Minuten. Der Volkspark Wilmersdorf ist unheimlich. Hier wurde vor Jahren mal ein Jogger erstochen. Der Täter wurde nie ermittelt. Wahrscheinlich seine Ehefrau. Ihr Mann hatte ihr erzählt, er laufe eine Dreiviertelstunde. Eines Tages hat sie ihn verfolgt und mitgestoppt. Sie kam auf nur 32 Minuten. Jahrelang hatte er sie betrogen. Mona hat zum Glück Angst vor Waffen.

Ein Blick auf die Uhr. Neun Minuten und 48 Sekunden. Fast ein Drittel. Lauf, Achilles, du musst laufen. Die Lunge reißt. Sie ist diese übermenschlichen Belastungen nicht mehr gewohnt. Ich bin zu schnell. Meine Beine werden schwer. Meine Beine? Was ist eigentlich mit der rechten Wade? Ach du Schreck, den Muskelfaserriss völlig vergessen. Ich spüre in die Wade. Nichts. Ich fühle genauer. Gar nichts. Sie läuft wie ein Schiffsdiesel, kräftig, präzise, unverwüstlich. Echte Sportler können kleinere Verspannungen einfach weglaufen, habe ich mal gelesen.

Tja Achilles, du bist schon ein harter Bursche. Training bei Wind und Wetter, du beißt dich durch, gibst alles.

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Die Uhr zeigt 29 Minuten und elf Sekunden, als ich wieder in unsere Straße einbiege. Vor unserem Haus steht Roland, unser Nachbar. Er wartet auf das Taxi zum Flughafen. Dreimal im Jahr schickt ihn seine mittelmäßige PR-Agentur auf eine größere Dienstreise.

"Achim, alte Schnecke", brüllt Roland über die Straße, "du kommst aber spät aus der Kneipe." Ich sage nichts und gucke wie Bruce Willis in "Stirb langsam". "Wo warste?", fragt Roland. "Ooch, kleine Runde durch den Volkspark, nur 'ne knappe Dreiviertelstunde", sage ich lässig. Erfolglos versucht Roland, seine Bewunderung zu zügeln. Ihm fällt nichts Gehässiges ein.

"Komm doch mit morgen früh", sage ich. "Neee", erwidert er, "ich hab da seit Wochen so ein Drücken im Knie, Meniskus oder so." Ich gucke mitfühlend: "Das kann man weglaufen, so ganz auf locker." Das Taxi biegt um die Ecke. "Nee, lass mal, 'ne Dreiviertelstunde ist mir eh zu viel", sagt Roland beim Einsteigen. Wenn du mal nur 'ne halbe Stunde machst, sagst du mir Bescheid." Ich sage: "Ja, klar." - "Tschaui", sagt Roland. Die Uhr zeigt 31 Minuten und 37 Sekunden. Tja Mona, jetzt du.

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