Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit

Achilles Classics

Disteln im Schritt

Der menschliche Körper verhält sich zuweilen unmenschlich. Er bunkert Fett - dagegen hilft nur eins: lange Läufe, mindestens zwei Stunden. Also rein in die Sportschuhe.

DPA

Jogger in der Stadt

Von
Donnerstag, 13.04.2017   16:15 Uhr

Achilles-Klassiker

In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Eins habe ich mir fest vorgenommen: längere Läufe zu absolvieren, langsam, aber ausdauernd, wegen der Fettverbrennung. Leider sind lange Läufe die Pest: Sie tun weh, sie dauern, sie sind langweilig, demütigend, eklig. Lange Läufe heißen lange Läufe, weil ihr einziger Sinn darin besteht, lange zu laufen. Es ist wie mit dem Hammer auf den Daumen zu schlagen: Kann man kurz machen, kann man lange machen.

Ich bin morgens um halb sieben losgetuckert, Richtung Volkspark. Habe alle drei Minuten auf die Uhr geguckt. Habe den Volkspark Lichtjahre hinter mir gelassen. Habe darauf geachtet, dass ich meinen Puls auf gar keinen Fall über 128 Schläge jage. Jetzt sind 83 Minuten vergangen. Ich langweile mich zu Tode. Ich hasse die Villen im Grunewald. Und es ist noch nicht mal die Hälfte. Nicht, ein, nicht zwei, nein, drei Stunden soll man wetzen, sagen die Laufpäpste, 30 Kilometer mindestens, sonst wird das nie was mit dem Marathon. Fitnessguru Peter Greif befiehlt sogar 35 Kilometer, die letzten davon volle Pulle. Wirklich, sehr witzig: Wie soll man auf dem Zahnfleisch sprinten?

Lange Läufe sind durch keine Tricks zu ersetzen. Wer einen Marathon überleben will, entkommt ihnen nicht. Denn nur auf langen und langsamen Läufen lernt der Körper, sein Fett zu verbrennen. F-e-t-t v-e-r-b-r-e-n-n-e-n - klingt total sexy, oder? Man läuft durch die Gegend, und das Fett schmurgelt einfach davon: Weg mit dir, böses Schwabbelfett! Brennen sollst du, Hexentran! Fettverbrennung. Wer dieses Wort erfunden hat, der ist ein begnadeter Demagoge: Wer wollte das nicht - Fett verbrennen?

Anzeige
Achim Achilles:
Sehnen lügen nicht

Neues vom Läufer der Herzen

Heyne Verlag; 240 Seiten; 9,99 Euro

Bei mir ist es gleich so weit. Eine halbe Stunde noch. Dann brennt's. Der Körper hat ja zwei große Energietanks. Im ersten ist Glykogen gebunkert, reine Kohlenhydrate, Nudeln, Brot und Reis also, wovon sich aber nicht viel speichern lässt. Nach zwei Stunden ist auch der letzte Krümel davon verbrannt. Praktisch unbegrenzt viel Energie ist im Tank zwei gespeichert, an Hüften, Schenkeln und besonders viel über dem Sixpack.

Doch Fett ist wie Sonne: Theoretisch bietet sie wahnsinnig viel Energie, praktisch aber nie dann, wenn man sie braucht. Der Körper will sein Fett nicht hergeben. Er hat über Jahrmillionen gelernt, überschüssige Kalorien zu speichern, als Reserve für lange kalte Winter. Er klammert sich an sein schönes warmes Fett. Also muss man den Körper einlullen, ihn gefügig machen, ihm den Eindruck zu geben, es kämen große Anstrengungen auf ihn zu. Ab zwei Stunden Langsamlaufen, da macht er sein Fett locker. Läuft man zu schnell, dann dreht er den Fetthahn zu. Und der Läufer bleibt stehen. Oder fällt gleich hin. Er ist auf jeden Fall am Ende.

Ich bin jetzt 110 Minuten unterwegs. Vor 20 Minuten bin ich umgedreht, am Parkplatz Großer Stern. Noch eine Viertelstunde, dann habe ich meinen Rekord eingestellt. Zwei Stunden und fünf Minuten. Es ist langweilig. Mein Knie tut weh. Warum habe ich meinen iPod nicht mitgenommen? Die Buddenbrooks hätte ich schon halb durchgehört. Dauernd überholen mich irgendwelche Blödmänner. Aber ich darf nicht schneller werden. Sonst breche ich ein.

Gut, dass ich einen 20-Euro-Schein in die Unterhose gesteckt habe. Zur Not nehme ich mir ein Taxi. Aber woher kriege ich zum Teufel ein Taxi im Grunewald? Die Hose scheuert. Ich hätte mir noch einen Klacks Vaseline mehr zwischen die oberen Oberschenkel schmieren sollen. Alles brennt, nur das Fett nicht. Wahrscheinlich läuft schon Blut das Bein hinab in die Schuhe. Im Magen ziept es. Wahrscheinlich sucht der Körper die letzten Glykogenreste zusammen. Oder er fängt jetzt doch langsam an, Fett zu verbrennen. Walker reden auch immer von Fettverbrennung. Je langsamer sie durchs Unterholz schleichen, desto besser fackelt der Hüftring, glauben sie. Warum nur sind Walker dann alle so pummelig?

Anzeige
Achim Achilles:
Achilles' Verse

Mein Leben als Läufer

Heyne Verlag; 256 Seiten; 8,99 Euro

Ich kann nicht mehr. Mein Puls ist fast bei 140. Zweieinhalb Stunden und das verdammte Fett will nicht brennen. Noch drei Kilometer. Ich kriege die Beine nicht mehr hoch. Die Knie wackeln. Disteln im Schritt. Stacheldraht im Bauch. Scherben in den Schenkeln. Warum schickt Mona keinen Krankenwagen? Ich schleiche. Eine ältere Dame mit ihren Einkaufstaschen geht 100 Meter vor mir. Ich komme ihr nicht näher.

Zwei Blocks noch. Schon drei Stunden und zehn Minuten. Laufen ist scheiße und lange laufen noch viel mehr. Da vorn steht Roland, mit einer Brötchentüte unterm Arm. Er winkt. Ich will den Arm heben. Aber er will nicht hoch. "Mann, Achim, schon 'nen halben Marathon gelaufen heute morgen, wa?" brüllt Roland über die Straße. "Mehr", wispere ich. Roland lacht gehässig. "Alter Angeber", sagt er. Wenn ich könnte, würde ich ihm eine reinhauen.

Achilles Podcast für langweilige lange Läufe: soundcloud.com/achim-achilles/tracks

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP