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Gesundheit

Mentaltraining im Sport

"Wir justieren nur das, was der Klient ändern möchte"

Viele Leistungssportler setzen auf Mentaltraining. Sie wollen Blockaden lösen und Selbstzweifel abbauen. Mentalcoach David Goldberg über hilfreiche Startrituale und Hypnose als Doping.

DPA
Ein Interview von David Bedürftig
Montag, 07.08.2017   09:53 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Goldberg, seit Freitag läuft die Leichtathletik-WM in London. Sehen Sie Sportlern aus der Ferne an, ob sie mental stark oder schwach sind?

Goldberg: Ja, ich achte genau auf die Haltung und Körpersprache. Oft sehe ich Ängste in den Augen oder erkenne sie in der Mikromimik, wenn die Gesichtsausdrücke für den Bruchteil einer Sekunde preisgeben, was hinter der Fassade los ist.

SPIEGEL ONLINE: Trotz intensiver Vorbereitung können einige Sportler ihre Leistung nicht auf den Punkt abrufen. Warum ist das so?

Goldberg: Oft sind es ehemalige Misserfolge, die Selbstzweifel bewirken. Sie rufen eine Angst hervor, dass sich die Niederlage wiederholen könnte. Im Unterbewusstsein arbeiten Bilder und Glaubenssätze wie: "Im Training bin ich immer der Beste, aber wenn es um die Wurst geht, versage ich."

SPIEGEL ONLINE: Deswegen muss ich doch nicht gleich schlechter rennen oder springen?

Goldberg: Nicht unbedingt, aber die Muskeln blockieren, der Körper verspannt und nimmt eine Angsthaltung ein. Man ist gehemmt und saubere Bewegungen sind nicht mehr möglich.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sportler gegen Selbstzweifel tun?

Goldberg: Es geht darum, die eigentlichen Auslöser zu finden. Die meisten Sportler kennen sie gar nicht. Das Unterbewusstsein ist wie eine Blackbox, die alles mitschreibt. Wir finden mit Sporthypnose oder NLP-Techniken die tiefer liegenden Ursachen und lösen die Blockade gezielt auf. Das Gefühl ist befreiend, wie die Lösung der Handbremse.

SPIEGEL ONLINE: Hypnose kennen viele nur aus Zaubershows - klingt ein bisschen nach Schabernack oder Esoterik.

Goldberg: Sporthypnose ist was ganz anderes als Showhypnose. Man verliert nicht seinen Willen, im Gegenteil: Die Sportler bekommen alles mit und wir justieren nur das, was der Klient ändern möchte.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht eine Sitzung konkret aus?

Goldberg: Die Sportler sitzen vor mir, schließen die Augen und konzentrieren sich auf meine Worte. Ich führe sie dann in eine leichte bis mittlere Trance, in der ich sie entspannen lasse. Oder sie sollen auf dem Ergometer die Leistung simulieren. Der Kopf ist in Trance, aber der Körper bringt wie von alleine die optimale Leistung, sodass ein Automatismus entsteht.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange muss man Mentaltraining machen, um erste Erfolge zu erreichen?

Goldberg: Oft reichen schon vier Sitzungen für wesentliche Durchbrüche.

SPIEGEL ONLINE: Können Selbstgespräche für Sportler in Wettbewerbssituationen helfen?

Goldberg: Der innere Dialog hat eine hohe Wirkung - positiv wie negativ. Positive Affirmationen pushen Sportler nach vorne. Man muss sich das wie ein Mantra immer wieder aufsagen: "Ich schaffe das, ich schaffe das." So visualisieren Sportler, wie sie die Ziellinie überqueren, das Unterbewusstsein denkt ja in Bildern. Es ist besser, an das Ergebnis zu denken als an den Prozess des Laufens.

SPIEGEL ONLINE: Viele Sportler haben Rituale vor dem Start - bringt das was?

Goldberg: Da sind schon Psychospiele mit dabei. Ich habe eine junge Klientin, die gerne lächelt, wenn sie auf den Platz geht. Im Sport lacht derjenige, der gewinnt. Wenn sie also in einer erfolgsbewussten Haltung an den Start geht, zeigt sie dem Gegner: Eigentlich habe ich schon gewonnen. So aktiviert man alle Kräfte, erzeugt positive Bilder in sich selbst und lässt keine Angst zu. Dieses mentale Spiel kann man lernen.

SPIEGEL ONLINE: Kann ich mit Mentaltraining auch besser regenerieren?

Goldberg: Von der Anspannungsphase schnell in die Regeneration zu kommen, ist für Spitzensportler existenziell. Mit speziell erlernten Entspannungstechniken können Sportler sich selbst in Trance versetzen, um die Muskulatur optimal zu auszuruhen und zu regenerieren, Selbstheilungskräfte freizusetzen und Schmerzen zu lindern. Das richtige Mentaltraining ist also ein ungeheurer und nebenwirkungsfreier Wettbewerbsvorteil. Doping ist dagegen ein Waisenkind.

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