Lade Daten...
05.12.2012
Schrift:
-
+

Hartes Outdoor-Training

Drill dich fit

Von
Philip Baske/ Original Bootcamp

Bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus: Immer mehr Sportverrückte trimmen ihren Körper in Fitness-Bootcamps. Statt ins warme Studio geht es bei jedem Wetter nach draußen, Parkbänke und Treppen ersetzen teure Sportgeräte. Vor allem Anfänger überschätzen sich dabei allzu leicht.

Wenn nur dieses Grinsen nicht wäre. In aller Ruhe zählt Trainer Chris die Sekunden herunter. Die Zeit kontrolliert er mit seiner Stoppuhr. Vor ihm liegen knapp ein Dutzend verschwitzte Körper auf dem Asphalt, die im gleichen Rhythmus Liegestütze machen. Der Schweiß rinnt in Strömen, die Gesichter sind verzerrt. "Noch drei, noch zwei, noch eine", befiehlt der Trainer, "und gleich weiter".

Chris, der eigentlich Christian Mielke heißt, arbeitet für einen Hamburger Sportanbieter und treibt regelmäßig Fitnessverrückte durch die Hamburger HafenCity, das schicke neue Wohnquartier direkt an der Elbe. "Wir nehmen alles mit, was wir so finden. Egal, ob Geländer oder Rasenflächen", sagt Mielke. So werden Treppenstufen zum Wadenstrecken genutzt und Design-Bänke für Sit-ups zweckentfremdet. Auch im Winter bei Schnee und Eis. Im Gegensatz zu einer normalen Jogging-Einheit trainieren die Teilnehmer nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern steigern auch Kraft und Beweglichkeit.

Chris joggt über das Kopfsteinpflaster voran, die Truppe schleppt sich hinterher, dann setzt er zu einem kleinen Zwischenspurt an. Japsend erreichen alle die nächste Station: Auf einem Ponton direkt am Wasser wird die Armmuskulatur gefordert. Bei der Partnerübung müssen die Arme seitlich auf und ab bewegt werden. Der Andere umfasst die Handgelenke und sorgt für Widerstand -bis beiden Sportlern Bizeps und Trizeps schmerzen. Die Gruppe feuert sich mit leisen Kommandos an. Schlapp machen will keiner.

Keine Lust auf Fitnessstudios

An seine Grenzen kommt bei dem Bootcamp-Training jeder. Es richtet sich vor allem an Sportfans, die keine Lust auf stickige Fitnessstudios haben, für ein hartes Individualtraining aber nicht motiviert genug sind. "Alleine würde ich die Übungen nicht so konsequent durchziehen. Wenn der Nachbar nicht aufgibt, mache ich aber auch weiter", beschreibt Teilnehmerin Stephanie ihre Motivation.

Der Ursprung des militärisch anmutenden Trainings liegt in den USA. Nach dem Vorbild der Bootcamps, einem Ausbildungsprogramm der US-Army, lassen sich New Yorker Fitness-Masochisten schon seit Jahren über die Brooklyn Bridge treiben oder durch den Central Park jagen. Der ehemalige Kampfsportler Billy Blanks vermarktet mit "Billys Bootcamp" weltweit eine DVD, die körperliche Fitness wie ein US-Marine verspricht. Längst existieren auch in Berlin oder in München Angebote, bei denen Trainer Fitness-Liebhaber regelmäßig auf individuelle Trimm-dich-Pfade jagen.

Auch in London hat sich das Unternehmen British Military Fitness mit einem solchen Programm etabliert. Die Sportler werden dort sogar von einem Mann in Militärkleidung gedrillt. Gründer Robin Cop ist ein ehemaliger Soldat. Doch obwohl die Teilnehmer bei knallharten Laufeinheiten und jeder Menge Übungen keuchen und schwitzen, scheinen sie ihren Spaß zu haben: Seit über zwölf Jahren bietet Cop seine sportlichen Drill-Einheiten an. Sie sind inzwischen so gefragt, dass der Ex-Major seine Firma auf der Insel zu einem Fitness-Imperium ausgebaut hat.

Erfolgsgeheimnis Gruppendynamik

Das Erfolgsgeheimnis des Konzepts ist vor allem die Gruppendynamik, sagt auch die Diplom-Sportlerin Saskia Herrmannsdörfer. Als Trainerin des Kölner Anbieters Original Bootcamp bringt sie Willige in achtwöchigen Kursen auf Vordermann. Die gemeinsame Anstrengung verbindet: "Der innere Schweinehund hat bei diesem Training keine Chance. Hier machen alle das Gleiche durch", sagt Herrmansdörfer.

BMI-Rechner

Corbis

kg cm

23,3

Jetzt BMI berechnen!

Experten wie Jeannine Ohlert von der Deutschen Sporthochschule Köln können das bestätigen. "Bei dem Konzept wird viel richtig gemacht. Wenn die Ziele bei allen übereinstimmen, kommen die Leute auch eher wieder. Fitnessstudios berücksichtigen das zu wenig. Dabei helfen schon einfache Partnerübungen bei der Team-Bildung", erklärt die Sportpsychologin. Offenbar motiviert das gemeinsame Leiden in der Gruppe die Teilnehmer besonders.

Ihr Kollege von der Deutschen Sporthochschule, der Trainingswissenschaftler Markus de Marées, weist aber auch auf Risiken hin. "Die Voraussetzung für so ein Training ist, dass ich gesund bin. Dem Trainer kommt hier eine große Verantwortung zu, denn gerade bei Anfängern besteht die Gefahr der Überlastung." Saskia Herrmannsdörfer bremst übermotivierte Booties schon mal aus. Vor allem Arbeitskollegen im Wettkampf miteinander seien häufig ehrgeiziger als es ihr Herz-Kreislauf-System zulasse, sagt sie.

Auch bei der Truppe in Hamburg ist schon mal ein Anfänger kollabiert. Deshalb wird trotz allem Ehrgeiz auf die Langsameren geachtet. Viele der Teilnehmer verbindet inzwischen eine Freundschaft. Einige treffen sich im Sommer zum Grillen oder im Winter zu einem Weihnachtsmarkt-Bummel. Das klingt dann doch eher nach gemütlichem Vereinsleben als nach hartem Militärdrill.

"Auch wenn unser Training Richtung Bootcamp geht, wird bei uns keiner schikaniert oder angebrüllt", sagt Chris. "Aber Leute, die das ernst meinen und regelmäßig da sind, werden schon mal härter angesprochen", fährt er fort - und grinst.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
1. Fordermann ?????
pebe 05.12.2012
...neue Sprachschöpfung: Mann/Mensch, der was fordert (von sich/von anderen?)...oder nur Rechtschreibschwäche?
Zitat von sysopAls Trainerin des Kölner Anbieters Original Bootcamp bringt sie Willige in achtwöchigen Kursen auf Fordermann. Fitness-Bootcamps: Outdoor-Training bei jedem Wetter - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/fitness-bootcamps-outdoor-training-bei-jedem-wetter-a-857276.html)
...neue Sprachschöpfung: Mann/Mensch, der was fordert (von sich/von anderen?)...oder nur Rechtschreibschwäche?
2. Genau mein Ding
zufriedener_single 05.12.2012
Ich fahrle lieber 200km mit dem Rad als in irgendeiner stinkenden Fitnessbude mit warmduschern "Wohlfühlatmosphäre" zu simulieren. Zielvorgabe für 2013: 300km 20h am Stück fahren
Ich fahrle lieber 200km mit dem Rad als in irgendeiner stinkenden Fitnessbude mit warmduschern "Wohlfühlatmosphäre" zu simulieren. Zielvorgabe für 2013: 300km 20h am Stück fahren
3.
patina 05.12.2012
Schönschön. Aber trainiert das die Oberarm- oder Rückenmuskeln???
Zitat von zufriedener_singleIch fahre lieber 200km mit dem Rad als in irgendeiner stinkenden Fitnessbude mit warmduschern "Wohlfühlatmosphäre" zu simulieren. Zielvorgabe für 2013: 300km 20h am Stück fahren
Schönschön. Aber trainiert das die Oberarm- oder Rückenmuskeln???
4.
Plasmabruzzler 05.12.2012
Was ist denn bitteschön ein Eignungs-Stiefelzeltlager?
Zitat von sysopImmer mehr Sportverrückte trimmen ihren Körper in *Fitness-Bootcamps*.
Was ist denn bitteschön ein Eignungs-Stiefelzeltlager?
5. komische Rechnung
ekznamu 05.12.2012
Häh ?? ... wenn Du so gut drauf bist wie ich glaube, schaffst Du doch locker 20km/h Schnitt ohne Dich zu quälen. Warum das ganze dann nicht in 15h ?
Zitat von zufriedener_singleZielvorgabe für 2013: 300km 20h am Stück fahren
Häh ?? ... wenn Du so gut drauf bist wie ich glaube, schaffst Du doch locker 20km/h Schnitt ohne Dich zu quälen. Warum das ganze dann nicht in 15h ?

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Zum Autor

  • Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

Video

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Fitness
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten