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13.11.2012
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Achilles' Verse

Sportlich ausmisten

Corbis

Klamotten aussortieren: Zwei von einem Teil sind viel zu wenig!

Blauschwarz, matt-anthrazit oder dunkel-aubergine? Für Sportler eine durchaus wichtige Frage - vor allem, wenn es ums Ausmisten geht. Zusätzlich erhöhen untragbare Textilien mit hohem historischen Wert - etwa das Finisher-T-Shirt - die Qual der Wahl. Ein Besuch im Kleiderschrank von Achim Achilles.

An der Umgehungsstraße, kurz vor den Mauern unserer Stadt, steht ein neues sehr eckiges Gebäude, wie es noch keiner gesehen hat, mit dem Fassungsvermögen sämtlicher Schuhschränke der Stadt. "Store" steht daran. Bislang dachte ich, "Store" heißt Geschäft. Aber dieses "Store" meint Lagerflächen, ab einem Quadratmeter. Großartig, eine externe Festplatte, nur eben nicht für Daten, sondern für Sportsachen zum Beispiel, die aus meinem Keller.

Die Latten vom Kellerverschlag ächzen wie meine Frau Mona, sie stehen unter Spannung, trotz meiner ausgefeilten Stopfstrategie, die so sonst nur noch bei der Gänseleberproduktion angewendet wird. Zwischen den Latten gucken Laufräder, ein Neoprenarm und das Ende der Langhantel heraus, die wegen eines krassen Missverhältnisses zwischen Kosten, Einsatz und Nervenstrapaze ins Kellerverließ verbannt werden musste.

"Schmeiß dein Gerümpel doch einfach weg", hatte Ihre Herzlosigkeit empfohlen: "Du trägst ja doch immer die gleichen drei Klamotten." Die Gattin hat ja keine Ahnung. Ich trage vorwiegend schwarz, um meiner vorwinterlichen Kältedepression modisch Ausdruck zu verleihen. Woher wissen wir denn, dass der Sommer wieder kommt? Vielleicht war es der letzte und ich muss die nächsten dreißig Jahre in dunkler Hitze wetzen, weil: Klimawandel ist ja auch noch. Durch die blöde Zeitumstellung sind auf einen Schlag fünf tägliche Trainingsstunden verschwunden, ausgerechnet zu den Tagesrandzeiten, also dann, wenn man Zeit hätte, wäre es nicht duster und kalt, früh oder spät.

Ich würde heute wirklich gern trainieren, aber zuerst muss ich ausmisten, hat Mona gesagt. Die Winterklamotten, die ich elegant in den Schränken der Kinder versteckt hatte, müssen nun in meine engen Sommerklamottenschubladen, weil die Kinderwinterklamotten - hach, es ist kompliziert.

"Ausmisten", ist so leicht dahingeworfen. Aber wie geht das? Nun, es gibt Regeln, zum Beispiel:

1) Alles wegwerfen, was man die vergangenen zwölf (zwanzig, hundert) Monate nicht getragen hat.

2) Von gleichen Teilen nur zwei Exemplare.

3) Alles schwarz, maximal ein Tupfer weiß, so spart man sich Trendfarbenkonflikte.

Die Hintertasche ist die Spardose des kleinen Läufers

Problem: Schwarz ist nicht gleich schwarz und gleich ist auch fast nichts. Ich besitze vier lange Laufhosen, die aber gar nicht gleich lang sind, und farblich sehr unterschiedlich, vom Matt-Anthrazit bei der Dreiviertellangen bis zum satten Blauschwarz bei der ganz Langen.

Zwei von jedem Teil sind eh zu wenig: Was, wenn man an richtig kalten Tagen auch mal dreilagig starten will? Zack, schon eine Lungenentzündung. Nur wegen Ausmisten. Ich entscheide mich für eine EU-artige Regelauslegung und werde statt zu sparen umgehend eine Dreiviertellange in sattschwarz erwerben. Immerhin habe ich in all den langen Hosen zusammen 13 Euro und 45 Cent gefunden, Reservegeld aus dem letzten Winter. Jaha, die Hintertasche ist die Spardose des kleinen Läufers, da traut sich kein Bankster ran.

Problematischer sind T-Shirts. Ich wähle das Drei-Haufen-System: Einen für die, die ich gern trage. Den zweiten für jene, von denen ich mir vorstellen könnte, sie irgendwann vielleicht mal wieder zu tragen. Und den dritten für die, die ich auf gar einen Fall jemals wieder tragen werde, die aber historischen Wert haben. Finisher-Shirts zum Beispiel - nie schön, aber unendlich wertvoll. Eigentlich hätte ich sechs Haufen machen müssen, weil: Funktion und Baumwolle mal drei. Und was tun mit Risiko-Farben wie Aubergine? Könnte in den ländlichen Teilen der Republik nächstes Jahr angesagt sein. Okay, Heldentat: weg damit, wenigstens mal eins.

Das Wohnzimmer ist mit Klamottenhaufen zugelegt. Mona kommt mit Flammenwerfer-Blick und sagt: "Aha." Die Übersetzung: In zwanzig Minuten ist der Textilschrott verschwunden, sonst kannst du dein Trainingslager im nächsten Frühjahr im Innenhof veranstalten. Ich recke stolz die Einkaufstüte mit dem Auberginen-Hemd in die Luft: "Das kommt in den Container für Afrika." Kein Applaus. Immerhin trenne ich mich noch von drei einzelnen Socken, eine davon sogar ohne Loch. Statistisch gesehen müssten in der Sammelstelle für Altkleider unendlich viele Sockenpaare wieder zusammenfinden.

Und der Rest? Gut, dass es bei fast jedem Rennen diese praktischen Beutel gibt. Die werfe ich nie weg, ich benutze sie nicht mal, wegen des Sammlerwerts. Ich habe noch einen von den allerersten Cyclassics in Hamburg, dicke Seemannsbaumwolle, so gut wie neu, die Blaue Mauritius unter den Kleiderbeuteln. Ich stopfe T-Shirts in die Beutel. Morgen fahre ich zu so einem Store-Store vor den Mauern unserer Stadt. Ein Quadratmeter sollte reichen, für den Anfang.

Mehr wertvolle Tipps zum Ausmisten gibt es in dem neuen Buch "Bewegt Euch! Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles.

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Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
1. Weg mit!
movfaltin 13.11.2012
---Zitat--- Finisher-Shirts zum Beispiel - nie schön, aber unendlich wertvoll. ---Zitatende--- Nöö, genau andersrum: Unheimlich peinlich. Am besten sofort verbrennen, diese "Ich war dabei" oder "Hey, ich habe die [...]
---Zitat--- Finisher-Shirts zum Beispiel - nie schön, aber unendlich wertvoll. ---Zitatende--- Nöö, genau andersrum: Unheimlich peinlich. Am besten sofort verbrennen, diese "Ich war dabei" oder "Hey, ich habe die 42,195 km geschafft"-Selbstdarstellungen - das impliziert meist eine Laufdauer von fünf Stunden plus! Noch peinlicher als eine solche Abendgarderobe der Freizeitschnecken sind nur Competitor-Shirts. Besser Fotos schießen (lassen) und an die Wand hängen. Die geben mehr her, waschen sich nicht ganz so schnell aus - und sind mir vor allem nicht so hochnotpeinlich.
2. Oder ...
Tom Joad 13.11.2012
Statt der Klamotten einfach mal die Sportart wechseln. Unter Kletterern zum Beispiel gibt es keine Modesünden. Da ist auch mal eine Kombination aus lila, giftgrün und neonorange drin - eigentlich gilt: je krasser, desto besser. [...]
Statt der Klamotten einfach mal die Sportart wechseln. Unter Kletterern zum Beispiel gibt es keine Modesünden. Da ist auch mal eine Kombination aus lila, giftgrün und neonorange drin - eigentlich gilt: je krasser, desto besser. Doofe Mützen werden auch gerne gesehen. Einzige Ausnahme (die hat allerdings eher praktische Gründe, wegen des Hüftgurtes): Ganz kurze Hosen entsprechen nicht dem Dresscode, knielang müssen sie schon sein. Es sei denn, man ist eine Frau, dann geht sowieso alles.
3.
patina 13.11.2012
In der Praxis kommt noch ein zusätzlicher Haufen dazu mit den häßlichen, aber für die demnächst (ca. 2037) geplante Wohnzimmerrenovierung noch zu gebrauchenden Klamotten...
In der Praxis kommt noch ein zusätzlicher Haufen dazu mit den häßlichen, aber für die demnächst (ca. 2037) geplante Wohnzimmerrenovierung noch zu gebrauchenden Klamotten...
4.
Max Dralle 13.11.2012
Ich persönlich messe solchen Konflikten ja nur eine sehr geringe Bedeutung bei. Wenn es ums Laufen geht, und nur ums Laufen, ist jede Farbkombination erlaubt.
Zitat von sysop3) Alles schwarz, maximal ein Tupfer weiß, so spart man sich Trendfarbenkonflikte. Achilles' Verse: Wenn Läufer ausmisten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/achilles-verse-wenn-laeufer-ausmisten-a-866875.html)
Ich persönlich messe solchen Konflikten ja nur eine sehr geringe Bedeutung bei. Wenn es ums Laufen geht, und nur ums Laufen, ist jede Farbkombination erlaubt.
5. Finishershirts...
a|rik 13.11.2012
...sind die heutigen ABI 2000 peinlichkeiten :)
...sind die heutigen ABI 2000 peinlichkeiten :)

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  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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