Lade Daten...
26.11.2012
Schrift:
-
+

Speis und Zank

"Für mich nur einen Salat, bitte"

Eine Kolumne von Jan Spielhagen
DDP

Bunter Salat mit Erdbeeren: "Uninspiriert zusammengestellte Rohkostindividuen, die es vermutlich auf keine einzige Karte eines deutschen Sternerestaurants geschafft haben"

Salat soll die Antwort auf einfach alles sein. Auf das Übergewicht, die Massentierhaltung, die CO2-Diskussion. In Wahrheit ist die scheinheilige Liebe zu den übertriebenen Blätterkombinationen aber nur eines: Verrat am guten Geschmack.

Salat ist Frieden, Liebe, Religion. Salat ist weiblich, schlank, schön. Salat ist Erlösung, Verantwortung und Freispruch. "Für mich nur einen Salat, bitte", ist der Code zur nachhaltigen Gesellschaft, die Parole zum Eintritt ins Paradies. Jedenfalls für den, der diese Worte spricht. Für alle anderen sind sie der Beginn des schlechten Gewissens, der Startschuss zur Tortur der Kasteiung. Weil man sich zum Lunch gerade ein kleines Steak gönnen wollte. Oder eine Tüte Chips vor dem Fernseher.

"Für mich nur einen Salat, bitte", das ist längst mehr als eine Bestellung im Restaurant. Das ist ein Credo, die neue Währung im großstädtischen Ablasshandel. Wir alle sollten diese Worte sprechen. Eigentlich immer, bei jeder Mahlzeit. Nur: Wer etwas von gutem Essen versteht, der bringt sie einfach nicht über die Lippen. Denn Salat ist Verrat am guten Geschmack. Eine kulinarische Verwirrung. Und er hat viele, so viele fürchterliche Gesichter.

Zum Beispiel die deutsche Version: ein hellgrüner Haufen Eisbergsalat, die Blätter zu groß, um sie artgerecht in den Mund zu befördern, darauf blasse Achtel einer traurigen holländischen Tomate, ein paar Paprikastreifen, die zwar unterschiedlicher Farbe sind, aber alle gleich schmecken, als wären die grünen nicht so bitter wie die roten süß. Ein Nest wässriger, geraspelter Möhren und eine Billigöl-trifft-Industrieessig-Kombination, die so sauer ist, dass man gar nicht schmeckt, dass der Salat nicht schmeckt.

Oder das mediterrane Arrangement: mit drei schwarzen Oliven garniert, die aus einem Glas mit salziger Lake stammen, Streifen zu Tode getrockneter Tomate, penetranten roten Zwiebelringen und der unvermeidlichen Rucola, die so italienisch ist, dass man sie nicht als die seit Jahrhunderten in Deutschland bekannte Rauke wiedererkennt. Klingt halt appetitlicher auf Italienisch.

Das Salatgeheimnis vergesslicher Franzosen

Ja, und dann sind da noch die Kreativ-Kombinationen, zusammengestellt nach dem Motto der Swingerszene "Alles kann, nichts muss". Die Fantasy-Salate. "Star Wars" im Gemüsefach des Restaurantkühlschranks in ungezählten Episoden. Mal mit eingelegtem Weißkohl, Gurkenscheiben, Goudawürfeln, Perlzwiebeln aus dem Glas und weißem Joghurtdressing, aus dem man vor allem den Süßstoff herausschmeckt. Mal in einer Version aus Speckwürfeln, Apfelspalten und den Walnusshälften der letzten Weihnachtssaison. Essen, du musst! Dabei hätte man so gerne die Macht und ein Lichtschwert...

Nicht, dass Sie mich für einen Gemüsemuffel halten. Ich liebe Gemüse. Grüne Bohnen, lauwarm mit Olivenöl, Basilikum und einem Hauch Knoblauch. Oder Linsen. Als kalte Beilage mit Balsamessig abgeschmeckt und knusprigen Pinienkernen. Oder Rote-Bete-Carpaccio, Arganöl und Parmesan darüber. Oder das Ratatouille von meiner Freundin Eva, bei dem auf die Garzeit jeder einzelnen darin enthaltenen Gemüsesorte Rücksicht genommen wird. Einfache Küche, großer Geschmack. Gerne täglich. Auch in der Mittagspause. Aber Salat? Dieser Haufen uninspiriert zusammengestellter Rohkostindividuen, der es vermutlich auf keine einzige Karte eines deutschen Sternerestaurants geschafft hat? Nicht mit mir!

All jene von Ihnen, die jetzt zu mosern beginnen und ein leises "Merde!" fluchen, weil sie schon einmal in Frankreich waren und das Privileg hatten, einen dieser wahnsinnig guten Salades niçoises zu genießen, sei zugerufen: Der Name führt absichtlich in die Irre. Das machen die französischen Köche zum Selbstschutz. Denn bei einer Zubereitungszeit von locker 45 Minuten und einer Liste mit über 20 Zutaten, darunter frische Anchovis, Prinzessbohnen, Sardellen, Thunfisch, Kapern, Radicchio und Frisée ist der Salade niçoise gar kein Salat. Er ist ein phantastisches Gemüsegericht.

Die Franzosen haben nur vergessen, ihn warm zu machen.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
1. Salate
Dark Agenda 26.11.2012
Leider hat der Mann recht mit dem ganzen Elend. Das Menü Drei in deutschen Studentenkneipen ist öfters mal der Industrieeisberg mit Industriejoghurtsoße (McDonalds: Industriebalsamicosoße). Oder auch mal Schnitzel mit Salat (genau [...]
Leider hat der Mann recht mit dem ganzen Elend. Das Menü Drei in deutschen Studentenkneipen ist öfters mal der Industrieeisberg mit Industriejoghurtsoße (McDonalds: Industriebalsamicosoße). Oder auch mal Schnitzel mit Salat (genau da fehlen die Pommes). Gerne möchte man den schlanken Studentinnen zurufen: "Halte ein, ein Salat ist doch kein vollwertiges Mittagessen!" Schlimmer ist nur der allgegenwärtige, gruselige, kalte Hühner(?)streifensalat - kein richtiges Fleischgericht, kein vegetarisches Gericht. Einen guten Beilagensalat in einem preiswerten Lokal zu finden ist hierzulande ausgeschlossen anders als z.B. im Elsaß.
2. Kommt wie immer darauf an
twister-at 26.11.2012
Das, was einem in vielen Ecken als Salat kredenz wird, ist in der Tat eher ein lieblos zusammengestückeltes Etwas - Fertigsauce, Süßstoff, Fertigzutaten aus dem Frischhaltebeutel wie die Salata bei den Hamburgerbrätern eben. [...]
Das, was einem in vielen Ecken als Salat kredenz wird, ist in der Tat eher ein lieblos zusammengestückeltes Etwas - Fertigsauce, Süßstoff, Fertigzutaten aus dem Frischhaltebeutel wie die Salata bei den Hamburgerbrätern eben. Aber ein Salat kann eben auch etwas höchst Delikates sein, so wie ja auch Pommes sehr delikat sein können, wären sie nicht fast immer in Öl ertränkte Billigkartoffeln oder wäre z.B. der griechische Salat nicht immer aus Billigfeta etc. gemacht. Das gilt aber für jegliche Rezepte - wer die Pfannkuchen mit Vanilleeis einmal selbstgemacht hat oder sie im Gasthof aß, wo sie selbstgemacht wurden, der bekommt auch Krämpfe wenn er einen Tütenpfannkuchen mit Vanilleeispampf bekommt oder als Suppe ein Brühwürfelgemisch mit Gemüse aus dem Beutel. Dagegen ist z.B. ein Salat, der die einzelnen Geschmacksrichtungen hervorhebt, genauso eine tolle Kreation wie eben die mit Liebe und frischen Zutaten gekochte Suppe etc. Knackige Radieschen, mit einem Topf zum Platzen gebracht und dann mit frischem Zwiebelgrün, Sojasauce und Fischsauce angemacht beispielsweise; Vogerlsalat mit frisch angerösteten Haselnussblättchen und Balsamico oder auch der einfache grüne Salat, frisch geerntet, mit einem frischen Joghurt und frischen Kräutern angerichtet, mit kurz angebratenen Speckstreifen und ein paar kleingeschnittenen Backpflaumen... himmlisch.
3. Verkorkster Artikel
TSTS 26.11.2012
Ein Header sollte auf den folgenden Text inhaltlich verweisen. Und dann liest man die ganze zeit etwas über Gastronomie-Kritik und dass die Freundin des Autors Essen besser zubereiten könne. Ja Glückwunsch Herr Autor, und weiter? [...]
Ein Header sollte auf den folgenden Text inhaltlich verweisen. Und dann liest man die ganze zeit etwas über Gastronomie-Kritik und dass die Freundin des Autors Essen besser zubereiten könne. Ja Glückwunsch Herr Autor, und weiter? Eigentlich hatten Sie ja über den neumodischen Städter und seinem Credo im Sinne eines gesellschaftskritischen Einwands schreiben wollen. Aber ohne tiefere Recherche klappt das halt nicht besonders. Mal hastig einige Gemeinplätze in die Tastatur hauen und künstlich die Unterdrückung von Genussmenschen behaupten. Da haben sich wohl beim Autor unangenehme Gefühle zum eigenen Körper angestaut. So jedenfalls kommt man mit seinem eigenen Äußeren nicht ins Reine lieber "Journalist". Einfach nur peinlicher Journalismus!
4. optional
TeslaTraX 26.11.2012
Salat macht doch nicht satt, da müsste ich den ganzen Tag ununterbrochen Salat essen, wie ne Kuh halt :-)
Salat macht doch nicht satt, da müsste ich den ganzen Tag ununterbrochen Salat essen, wie ne Kuh halt :-)
5. Frage des Geschmacks
impeerator 26.11.2012
Dem feinen Herrn ist ein einfacher Bauernsalat halt einfach nicht gut genug. Etwas anderes lese ich aus dem Artikel nicht heraus. Standard ist out, es muss schon sowas wie Carpaccio sein. Klingt halt besser als Salat, moderner, [...]
Dem feinen Herrn ist ein einfacher Bauernsalat halt einfach nicht gut genug. Etwas anderes lese ich aus dem Artikel nicht heraus. Standard ist out, es muss schon sowas wie Carpaccio sein. Klingt halt besser als Salat, moderner, hipper (wie das angesprochene Ruccola statt Rauke). Ich esse jedenfalls gerne Salat. Und ich habe da noch einen Tipp: Wenn die Salate im Lokal nicht gut genug sind: Probieren Sie es doch mal mit selbermachen. Da kann man sich (oh Wunder) die Zutaten wie Gemüsesorten, Öl und Essig selber auswählen und nach Wunsch auf Industriefraß verzichten. Wohl bekomm's!

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Zum Autor

  • Ralf Gellert für BEEF!
    Speis und Zank: Alle Kolumnen
  • Jan Spielhagen ist Chefredakteur von "BEEF!" und Hobbykoch. Seit er das Kochmagazin für Männer gründete, auf dem meist ein Stück Fleisch als Covermodell dient, wird er entweder als Fleischpapst oder Tiermörder denunziert. Beides ist ihm unangenehm, weil ihn nämlich weder religiöse noch kriminelle Motive leiten, wenn er an seinem Lieblingsplatz vor dem Grill steht und Frühlingszwiebeln, Fenchel, Wolfsbarsch und selbstgemachte Würstchen grillt. Im Sommer mit Sonnenbrille, im Winter mit Schal.
  • BEEF! Das Magazin für Männer mit Geschmack
  • Jan Spielhagen auf Facebook

Verwandte Themen

Sprechstunde

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Speis und Zank
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten