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06.12.2012
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Achilles' Ferse

In sieben Tagen um die Welt

Mike King

Von der Antarktis über Ägypten bis nach Australien: Andrew Murray ist in sieben Tagen um die Welt gelaufen. Jeden Tag hat er einen Ultramarathon auf einem anderen Kontinent absolviert. Im Interview mit achim-achilles.de erzählt der Schotte, warum er sich die Strapazen angetan hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Murray, Sie haben gerade mehr als 40.000 Kilometer Reisestrecke in den Knochen, sind um die Welt gereist und jeden Tag mindestens 50 Kilometer gelaufen. Wie fühlen Sie sich?

Murray: Meine Füße sind noch etwas geschwollen, und ich bin etwas übernächtigt, aber ich fühle mich ganz gut. Es war eine fantastische Erfahrung. Ich wollte die Tour in sieben Tagen schaffen. Ich war aber schneller und habe nur fünfeinhalb Tage benötigt.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren in der Antarktis, in Chile, in den USA, London, Kairo, Dubai und Sydney. Und immer waren Sie nur Laufen. Wie oft haben Sie gedacht: Was mache ich hier bloß?

Murray: Auf meinen Läufen habe ich wunderbare, spektakuläre Dinge gesehen. Aber, klar, man denkt ständig: Warum tue ich mir das an? Alles tut weh, und man versucht die ganze Zeit, Ausreden zu erfinden, um nicht weitermachen zu müssen. Aber so ist das bei echten Herausforderungen. Es gibt immer Hochs und Tiefs und die Gefahr, dass man scheitert.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das Ganze auf sich genommen?

Murray: Laut einer Studie von diesem Jahr sterben neun Prozent der Weltbevölkerung an mangelnder Fitness. Mir ist es wichtig, dass die Menschen begreifen, wie wichtig regelmäßiges Training für die Gesundheit ist. Sie sollen aktiv und fit bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass Sie mit dieser Aktion Leute zu mehr Fitness bewegen? Das, was Sie getan haben, ist doch höchst ungesund.

Murray: Ich sage nicht, dass jeder das nachmachen soll, was ich getan habe. Ich denke aber, dass sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten bewegen kann. Jeder findet etwas, wozu er Lust hat. Das muss nicht Laufen sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind selber Arzt. Was würden Sie jemandem raten, der als Patient zu Ihnen kommt und mitteilt: Ich möchte sieben Ultramarathons in sieben Tagen auf sieben Kontinenten machen?

Murray: (lacht) Wenn er vorher schon lange Strecken absolviert hat, fit ist und sich adäquat vorbereitet, würde ich ihm raten: Versuch es, es ist okay. Der menschliche Körper kann außerordentliche Dinge vollbringen. Es ist faszinierend, welchen Herausforderungen sich Menschen stellen, und es ist sogar noch toller, was sie am Ende erreichen. Als Arzt würde ich natürlich auch auf mögliche Risiken aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich vorbereitet?

Murray: Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich so etwas in der Art getan habe. Ich bin ja schon einmal von Schottland bis in die Sahara gelaufen. Da war ich zweieinhalb Monate unterwegs. Zur Vorbereitung bin ich jede Woche rund 300 Kilometer gerannt. Schwierig war aber vor allem die Logistik. Wir mussten sichergehen, dass die Abflugzeiten von Ort zu Ort passen. Ganz wichtig ist auch die angemessene Laufausrüstung für die einzelnen Stationen. Wenn du in der Antarktis läufst, brauchst du Bekleidung, die dich vor Kälte und Wind schützt. In den Wüsten von Dubai und Kairo brauchst du ein leichtes Outfit.

SPIEGEL ONLINE: Mit wie vielen Koffern sind Sie gereist?

Murray: Ich hatte nur einen, ich reise gerne mit wenig Gepäck. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den wenigen Tag mehre Zeitzonen durchflogen, extreme Klima- und Temperaturunterschiede erlebt, Reisestrapazen ertragen und sind zusätzlich 50 Kilometer am Tag gelaufen - dieser Trip wird Sie ein paar Jahre Ihres Lebens kosten, meinen Sie nicht?

Murray: Ich glaube, genau das Gegenteil ist der Fall. Regelmäßiges Training verlängert das Leben. Aber natürlich war ich am Ende des Trips sehr müde. Ich habe in der ganzen Woche nur zehneinhalb Stunden geschlafen. Die Temperaturschwankungen waren extrem. Erst der Ice Marathon in der Antarktis bei minus 20 Grad, einen Tag später in Santiago de Chile war es 50 Grad wärmer. Aber wichtiger als die reine sportliche Leistung sind die Erfahrungen, die du machst. Erfahrung ist ein großartiger Lehrer, und wenn du schwierige Dinge durchgemacht hast, stärkt es deinen Charakter und dein Selbstbewusstsein. Ich habe diese Herausforderung wirklich genossen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Welt im Schnelldurchlauf gesehen. Woran erinnern Sie sich besonders?

Murray: Meine Ankunft an der Oper von Sydney. Ich war jahrelang nicht in Australien - es war wie nach Hause kommen. Ich habe große Erleichterung gespürt und mich darauf gefreut, endlich wieder lange schlafen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Was war der härteste Teil dieser Welttour?

Murray: Kairo. Ich hatte vorher kaum geschlafen und bin nachts gelaufen. Die Luft ist sehr verschmutzt. Dafür war der Sonnenaufgang bei den Pyramiden atemberaubend.

SPIEGEL ONLINE: Und der Höhepunkt?

Murray: Der Ice Marathon in der Antarktis (den er gewann - d. Red.). Die Chance, einen Marathon in der Nähe vom Südpol zu laufen, haben nicht viele. Die Natur ist wunderschön und spektakulär - gleichzeitig ist sie wild und grausam. Dieser Marathon ist völlig anders als alles, was ich bisher erlebt habe. Würde ich jedem empfehlen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie irgendetwas total unvorbereitet getroffen?

Murray: Ich hätte gedacht, dass ich besser schlafe. Du bist so müde, aber kannst einfach nicht schlafen, weil du ständig sitzt oder stehst. Du tust die ganze Zeit nichts anderes als rennen, essen oder auf deinen Flug warten. Dann kommt auch noch der Jetlag dazu.

SPIEGEL ONLINE: Wieso musste es denn überhaupt diese kurze Zeitspanne sein? Hätten Sie die Welt nicht auch in 17 statt 7 Tagen bereisen können?

Murray: Wir haben hier in Schottland nicht so lange Urlaub wie ihr in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns kurz Ihren Trip durchgehen. Ich nenne Ihnen den Ort, und Sie sagen, was Ihnen als Erstes dazu einfällt. Los geht's: Ice Marathon, Antarktis.

Murray: Gletscher, Berge, sehr kalt, sehr windig, unglaubliche Landschaft, tolle Atmosphäre, phantastischer Ort zum Laufen. Ich habe viele phantastische Läufer aus der ganzen Welt getroffen. Ich glaube, einige von den harten Jungs waren etwas neidisch auf meine Tour.

SPIEGEL ONLINE: Patagonien, Chile.

Murray: Da wollte ich ursprünglich laufen, ich bin dann aber die meiste Zeit in den Hügeln um Santiago de Chile gelaufen, zwischen Zitronenhainen und Weinbergen. Sehr heiß.

SPIEGEL ONLINE: Was ist besser: In der Hitze oder in der Kälte laufen?

Murray: In der Kälte war es leichter, weil ich gute Kleidung hatte, die mich geschützt hat.

SPIEGEL ONLINE: Atlanta, USA.

Murray: Die Heimat von Coca-Cola und CNN. Es war ein schöner Tag mit angenehmen Temperaturen. Ich habe mich gut amüsiert.

SPIEGEL ONLINE: London.

Murray: Zurück in Großbritannien. Es hat stark geregnet wie immer. Konnte meine Frau für ein paar Minuten sehen. Musste zu meinem Flug sprinten.

SPIEGEL ONLINE: Kairo.

Murray: Schwierige Stadt zum Laufen, bin nachts gelaufen; es ging nicht besser aufgrund der Flugverbindungen. Verschmutzte Luft, die Belohnung war, bei den Pyramiden zu laufen.

SPIEGEL ONLINE: Dubai.

Murray: Spektakulär. Habe Freunde getroffen, die da wohnen und bin mit ihnen gelaufen. Danach saßen wir zusammen und haben geredet und gelacht, es war fast wie eine Party oder eine Feier.

SPIEGEL ONLINE: Sydney, Australien.

Murray: Toller Ort. Die Ankunft am berühmten Opernhaus war wunderbar. Das Tolle an der Reise war, dass ich sie mit so vielen Menschen teilen konnte. Die Plätze, an denen ich war, haben so einen Kultcharakter.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie als Nächstes vor? Können Sie diese Tour überhaupt noch toppen?

Murray: Jetzt arbeite ich erst mal wieder, und dann werden wir sehen, was die Zeit bringt. Vor allem brauche ich viel Schlaf.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 2 Beiträge
1. weitere Superleistungen:
Christofkehr 06.12.2012
Z.B. einen Monat lang jeden Tag in einer anderen Megacity sich mindestens eine Stunde in der Nase bohren und so der Welt mitteilen, dass Nasensprays mitunter Abhängigkeit schaffen. Oder ... Oder ein Jahr lang jeden Tag mit dem [...]
Z.B. einen Monat lang jeden Tag in einer anderen Megacity sich mindestens eine Stunde in der Nase bohren und so der Welt mitteilen, dass Nasensprays mitunter Abhängigkeit schaffen. Oder ... Oder ein Jahr lang jeden Tag mit dem linken Fuß aufstehen und das filmen und in Zeitraffer auf Youtube stellen. Die Message: man muss fünfe auch mal gerade sein lassen. Mehr fällt mir gerade zum Lauf "um die Welt" nicht ein, allerdings würde mich mal die Ökobilanz der Aktion interessieren.
2.
mm71 07.12.2012
Die Laufleistung an sich finde ich durchaus bemerkenswert. Dass man dazu aber mit dem Flugzeug von Kontinent zu Kontinent fliegen muss, verstehe ich auch nicht und es konterkariert m.E. die gesamte Aktion. "Um die Welt [...]
Zitat von ChristofkehrMehr fällt mir gerade zum Lauf "um die Welt" nicht ein, allerdings würde mich mal die Ökobilanz der Aktion interessieren.
Die Laufleistung an sich finde ich durchaus bemerkenswert. Dass man dazu aber mit dem Flugzeug von Kontinent zu Kontinent fliegen muss, verstehe ich auch nicht und es konterkariert m.E. die gesamte Aktion. "Um die Welt fliegen" ist eben gerade nicht "um die Welt laufen".

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Zur Person

  • Mike King
    Andrew Murray ,ist ein schottischer Arzt, Extremläufer und Autor. Der 32-Jährige hat sowohl den diesjährigen Nordpol-Marathon als auch den Icemarathon in der Antarktis gewonnen. Ende November ist Murray zu einer ambitionierten Welttour aufgebrochen. Bei seiner ¿Run the World¿-Tour hat er sieben Ultramarathons innerhalb von sieben Tagen auf allen sieben Kontinenten absolviert - Rekord. Mit dieser Aktion möchte der Arzt die Menschen zu mehr Bewegung und gesunder Lebensführung animieren.
  • Homepage von Doc Andrew Murray

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  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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