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26.12.2012
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Binge-Eating-Epidemie

Tausende Kilokalorien auf einen Streich

Von
Corbis

Immer mal wieder Gier am Kühlschrank: Zum Beispiel Gier nach Hähnchenschenkeln

Mit dem Kalorienzählen kommen Binge Eater nicht nach: Während eines Fressanfalls stopfen sie unkontrolliert Essen in sich hinein. Die Betroffenen sind stark übergewichtig. Experten schätzen, dass fünf Prozent der Deutschen an der Essstörung der Überflussgesellschaft leiden.

Wenn etwas schmeckt, dann isst man davon auch mal mehr. Zu Weihnachten oder auf Familienfeiern hat wohl jeder schon erlebt, wie schwer es fällt, mit dem Essen aufzuhören. Knapp vier Prozent der deutschen Bevölkerung hatten in ihrem Leben schon regelrechte Essanfälle. Experten sprechen von Binge Eating, einem übermäßigem Konsum. Was zunächst einfach nach Schlemmen klingt, ist jedoch ein wachsendes Phänomen in der industrialisierten Welt - mit gewichtigen Folgen.

Aus dem übermäßigen Verschlingen kann nämlich auch eine Essstörung entstehen. Treten solche Essanfälle jede Woche auf, auch mehrmals und über mehrere Monate hinweg, sprechen Experten von der Binge-Eating-Störung. Während die Fallzahlen von Magersucht (Anorexie) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie) in den vergangenen Jahren stagnierten, wird die Esssucht inzwischen zum Problem. Bis zu fünf Prozent der Erwachsenen leiden aktuellen Studien zufolge unter den unkontrollierten, ständig wiederkehrenden Essattacken. Die Bulimie betrifft hingegen nur etwa eine von 100 Personen, Magersucht ist noch seltener.

Gefahr für Essstörungen bei Übergewicht massiv erhöht

Jahrelang wurde kaum beachtet, dass übergewichtige Menschen viel häufiger unter einer Essstörung leiden als normal- oder untergewichtige Personen. Ihr Risiko zu erkranken ist sogar bis zu zwanzigfach erhöht. Zwar bemerkte bereits 1959 der Psychiater Albert Stunkard, dass Übergewichtige vermehrt Essanfälle erleben. Doch erst im kommenden Jahr wird die Binge-Eating-Störung als offizielle Diagnose im Psychiaterhandbuch DSM-5 aufgenommen.

Die neue Essstörung reiht sich neben den klassischen ein - und doch könnten die Betroffenen nicht unterschiedlicher aussehen. Menschen mit Binge-Eating-Störung sind nicht dürr, jung oder überwiegend weiblich. Im Gegenteil: Sie haben Übergewicht, sind in jeder Altersgruppe zu finden und männlich wie weiblich. Tatsächlich erleben Männer sogar öfter als Frauen Essanfälle, doch leiden sie seltener unter dem erlebten Kontrollverlust.

Die Betroffenen essen in kurzer Zeit deutlich mehr, als ein Mensch üblicherweise verspeisen würde. Sie verlieren die Kontrolle über das Essen, können nicht regulieren was und wie viel sie essen, meist süß und fettig. Bis zu 3000 Kalorien stopfen manche Binge Eater in kurzer Zeit in sich hinein. Viele schämen sich danach für ihren Essanfall und ekeln sich vor sich selbst. Im Gegensatz zu Patienten mit Bulimie erbrechen sie nicht, nehmen keine Abführmittel und treiben auch nicht exzessiv Sport. Zudem sind es nicht Essanfälle allein: Viele Binge Eater naschen den ganzen Tag über Lebensmittel, ohne geplant zu essen.

Nie wieder schlank

Psychotherapie ist die Behandlung der Wahl. Doch von einer Binge-Eating-Störung Betroffene haben oft zu hohe Erwartungen: Die meisten hoffen, drastisch abzunehmen - manche am liebsten ein Viertel ihres Körpergewichts. "Das ist aber nicht möglich", sagt die Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie erforscht seit mehr als 20 Jahren Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsmöglichkeiten von Essstörungen.

"Tatsächlich hilft die Psychotherapie nicht gegen die Pfunde, sondern vor allem, sich mit seinem Körper zu arrangieren und wieder normal zu essen", erklärt sie. Natürlich würden die Patienten durch geregeltes Essen und mehr Bewegung einige Kilos verlieren. "Aber adipöse Menschen werden nicht mehr auf Normalgewicht herunterkommen." Vielmehr verhindere die Behandlung, dass die Betroffenen noch mehr zunehmen.

Essstörung durch Überfluss

Veränderungen müssten daher viel früher ansetzen - auf gesellschaftlicher Ebene. Denn Essanfälle treten mittlerweile auch in der gesunden Bevölkerung auf. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Häufigkeit von Binge-Eating-Verhalten - nicht die Erkrankung - beinahe verdoppelt. Das hat eine australische Studie mit knapp 3000 Studienteilnehmern gezeigt, die 1998 und 2008 zu ihren Essgewohnheiten befragt wurden. Bei manchen kann die Einschätzung "ab und zu" ins Regelmäßige übergehen - in eine Essstörung.

Die Entwicklung ist gefährlich. Denn die Binge-Eating-Störung ist eng mit starkem Übergewicht, der Adipositas, verknüpft. Die Essstörung gilt neben genetischen und psychischen Auslösern als eine Ursache. Die Fettsucht wiederum löst viele körperliche Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder auch Schlaganfälle mit aus. Rund jeder vierte Deutsche ist bereits adipös. Die Zahl steigt seit Jahren an.

Essstörungsexpertin de Zwaan sieht in der Zunahme von Essanfällen einen Zusammenhang zur Überflussgesellschaft: "Nahrung muss natürlich verführerisch sein. Das sichert unser Überleben. Aber inzwischen gibt es in den Industrieländern einfach zu viel Nahrung." Genetisch sei der Mensch aber auf einen Nahrungsmangel programmiert und esse daher eher mehr als zu wenig. "Überall, wo es genug Essen gibt, kommen daher auch Essanfälle vor", sagt sie.

Gleichzeitig betreiben mehr Menschen extreme Diäten, übergeben sich nach dem Essen oder treiben übermäßig Sport nach großen Mahlzeiten. Die Menschen erfüllen dann zwar nicht die Kriterien für eine vollwertige Magersucht oder Bulimie. Doch die Entwicklung sei auch hier offensichtlich, meint de Zwaan: "Die Menschen zeigen immer öfter ein gestörtes Essverhalten."

Forum

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insgesamt 56 Beiträge
1. Der Eine
wschwarz 26.12.2012
verfrisst sein Geld, der Zweite versäuft sein Geld, der Dritte verhurt es, der vierte verraucht es, der fünfte verspielt es, der Letzte kommt gar nicht erst an Geld heran.
verfrisst sein Geld, der Zweite versäuft sein Geld, der Dritte verhurt es, der vierte verraucht es, der fünfte verspielt es, der Letzte kommt gar nicht erst an Geld heran.
2.
HaioForler 26.12.2012
Blöd ist halt nur, wenn die erstgenannten 5 eigentlich gar nicht wollen, was sie da tun.
Zitat von wschwarzverfrisst sein Geld, der Zweite versäuft sein Geld, der Dritte verhurt es, der vierte verraucht es, der fünfte verspielt es, der Letzte kommt gar nicht erst an Geld heran.
Blöd ist halt nur, wenn die erstgenannten 5 eigentlich gar nicht wollen, was sie da tun.
3. Neue Erkrankung?
hostalneutral 26.12.2012
Was soll an der Fresssucht denn neu sein und warum nennt man sie plötzlich binge eating? und klar: Natürlich leiden Fresssüchtige an Adipositas. Irgendwie verständlich. Und es gibt entgegen der Behauptung des SPON hunderte [...]
Was soll an der Fresssucht denn neu sein und warum nennt man sie plötzlich binge eating? und klar: Natürlich leiden Fresssüchtige an Adipositas. Irgendwie verständlich. Und es gibt entgegen der Behauptung des SPON hunderte wissenschaftliche Artikel weltweit. Und es wird nicht zur Essstörung, es ist eine. Tsssh... Weihnachtsartikel pfui!
4.
testuser300 26.12.2012
Ich hoffe doch, dass das „aus dem Zusammenhang gerissen” wurde: Abnehmen von Adipositas Grad I auf Normalgewicht bedeutet zum Beispiel für einen 1,80 m großen Durchschnittsbürger, von 100 kg auf 80 kg abzunehmen. Das scheint [...]
Zitat von sysop"Aber adipöse Menschen werden nicht mehr auf Normalgewicht herunterkommen."
Ich hoffe doch, dass das „aus dem Zusammenhang gerissen” wurde: Abnehmen von Adipositas Grad I auf Normalgewicht bedeutet zum Beispiel für einen 1,80 m großen Durchschnittsbürger, von 100 kg auf 80 kg abzunehmen. Das scheint mir ein erreichbares Ziel zu sein; ich habe auch schon öfters Halbierungen mit jahrzehntelang anhaltendem Erfolg im Bekanntenkreis erlebt. Falls das doch so gemeint ist, wie es hier steht, wäre man ja geradezu gezwungen dazu, die üblichen Vorwürfe gegen die Vertreter der Psychologie zu erheben...
5. erkenntniswert?
mephisto1997 26.12.2012
ich habe den artikel gleich zweimal gelesen und frage mich nun immer noch, wo darin auch nur eine einzige neue erkenntnis versteckt sein soll. das für mich einzige neue daran ist die wortschöpfung "binge eating" aber die [...]
ich habe den artikel gleich zweimal gelesen und frage mich nun immer noch, wo darin auch nur eine einzige neue erkenntnis versteckt sein soll. das für mich einzige neue daran ist die wortschöpfung "binge eating" aber die sache an sich ist die gleiche geblieben...ich verstehe den artikel wahrscheinlich nicht...

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Zur Autorin

  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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