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02.01.2013
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US-Studie

Leichtes Übergewicht verlängert das Leben

Von
Corbis

Dick und gesund: Leichtes Übergewicht kann schützen

Wer leicht über dem Normalgewicht liegt, lebt länger. Erst deutliches Übergewicht führt zum früheren Tod. Das ergibt eine Studie, für die Daten von fast drei Millionen Menschen ausgewertet wurden. Sie facht den Streit darüber neu an, was eigentlich die Norm für das Gewicht sein sollte.

Mit einer einfachen Formel kann jedermann schnell errechnen, ob das eigene Gewicht noch normal ist: Wer seinen sogenannten Body-Mass-Index, kurz BMI, wissen will, nimmt sein Gewicht in Kilogramm und teilt es durch seine Körpergröße in Metern zum Quadrat. Heraus kommt eine Zahl, die bestenfalls zwischen 20 und 25 liegen sollte, denn da liegt definitionsgemäß die Norm. Darüber beginnt das Übergewicht, jenseits der 30 sagen Mediziner vornehm Adipositas und meinen: Fettsucht.

Doch seit Jahren gibt es ernstzunehmende Kritik am BMI: Er vereinfache zu stark, sagen Kritiker, für Kinder sei er sowieso ungeeignet. Der BMI berücksichtige nicht, dass Fett am Bauch schädlicher sei als an den Oberschenkeln, und überhaupt: Wo geht Übergewicht eigentlich los?

Eine neue Übersichtsarbeit nährt jetzt die Zweifel an dem, was derzeit als Normalgewicht definiert wird. Jahrzehntelang galt als ausgemacht, dass man mit einem Normalgewicht wohl am gesündesten leben sollte. Bereits 2007 rüttelte die US-Epidemiologin Katherine Flegal am Dogma, dass man normalgewichtig am längsten lebt: Ihre Untersuchung von Sterberegistern ergab damals, leicht Übergewichtige hätten ein niedrigeres Risiko an verschiedenen Krankheiten zu sterben.

Länger leben mit einem BMI zwischen 25 und 30

Jetzt legt Flegal nach. In einer neuen Übersichtsarbeit hat sie gemeinsam mit Kollegen 97 Studien mit insgesamt 2,88 Millionen Teilnehmern ausgewertet. Im Ergebnis haben Menschen mit einem BMI zwischen 25 und 30 ein niedrigeres Risiko, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, als die sogenannten Normalgewichtigen, berichten die Forscher im Fachmagazin "JAMA". Erst ab einem BMI von über 30 steigt das Risiko an. Im Klartext: Ein kleiner Rettungsring verlängert das Leben.

Nach den Studienergebnissen ist das Sterblichkeitsrisiko bei übergewichtigen Menschen (BMI zwischen 25 und 30) sechs Prozent niedriger als bei normalgewichtigen Menschen (BMI zwischen 18,5 und 25), bei leicht Fettleibigen (BMI zwischen 30 und 35) ist es fünf Prozent niedriger. Bei Fettleibigen (BMI über 35) dagegen steigt das Risiko um 29 Prozent an. An den Ergebnissen änderte sich auch nichts, als die Wissenschaftler verzerrende Faktoren wie Rauchen, Krankheiten oder die Art und Weise, wie Körpergewicht und -größe in unterschiedlichen Studien ermittelt wurden, berücksichtigten.

Die Studie im Detail
Ziel
Die Autoren wollten in einer Übersichtsarbeit (Review) Studien untersuchen, die das Risiko für die Sterblichkeit (Mortalität) in einem bestimmten Studienzeitraum in Abhängigkeit von Übergewicht und Fettsucht (Adipositas) der Studienteilnehmer im Vergleich zu normalgewichtigen Menschen untersuchen.
Studiendesign
In die Übersichtsarbeit eingeschlossen wurden Studien, in denen die Sterblichkeit und der Body-Mass-Index (BMI) der Teilnehmer angegeben wurden. Die Autoren akzeptierten nur solche Studien, die neue Daten erhoben hatten (prospektiv) und ihre Teilnehmer in der Allgemeinbevölkerung gesucht hatten. Und die Studien mussten einheitliche Kriterien zu den Übergewichtskategorien verwenden, die Autoren entschieden sich für die allgemein verwendeten Empfehlungen des National Heart, Lung and Blood Institute der USA von 1998.

In einer Literaturrecherche fanden die Autoren zunächst 7034 Veröffentlichungen, übrig blieben schließlich 141, in denen über 97 Studien berichtet wurde. Diese 97 Studien schlossen die Autoren in ihren Review ein. Die Daten stammen von insgesamt 2,88 Millionen Menschen, von denen mehr als 270.000 in den untersuchten Studienzeiträumen starben.
Ergebnisse
Die BMI-Grenzen entsprechend der verwendeten Klassifikation:
- Normalgewicht: von 18,5 bis 25
- Übergewicht: von 25 bis 30
- Fettsucht ersten Grades: von 30 bis 35
- Fettsucht zweiten und dritten Grades: über 35.

Die Abweichungen für das Sterblichkeitsrisiko beziehen sich auf den Wert für die definitionsgemäß Normalgewichtigen. Gegenüber diesen sinkt das Risiko um sechs Prozent für Übergewichtige und steigt um 18 Prozent für alle Fettsuchtgrade zusammengenommen.

Bei der Fettsucht ersten Grades alleine sinkt das Sterblichkeitsrisiko ebenfalls um fünf Prozent, für die Fettsucht zweiten und dritten Grades steigt es allerdings um 29 Prozent an.
Schwächen der Studie
Eine mögliche Fehlerquelle ist die Form der Datenerhebung des BMI: Haben Forscher den Wert berechnet und Körpergröße und Gewicht der Studienteilnehmer erhoben oder waren es die Studienteilnehmer selbst? Bei den untersuchten Studien haben die Review-Autoren festgestellt: Solche Studien, in denen die Forscher die Werte ermittelt haben, ergeben ein grundsätzlich niedrigeres Sterblichkeitsrisiko und weniger Unterschiede, als wenn die Studienteilnehmer selbst gemessen haben.

Der sogenannte Publication Bias kann ebenfalls eine Rolle spielen: Studien, die keinen oder nur einen geringen Zusammenhang zwischen Übergewicht, Fettsucht und Sterblichkeit entdecken, werden entweder gar nicht veröffentlicht oder präsentieren die Ergebnisse weniger prominent.

Die Autoren haben nur die allgemeine Sterblichkeit betrachtet, ohne Rücksicht auf die Todesursache der verstorbenen Studienteilnehmer. Es spielte auch keine Rolle, wie das Fett im Körper verteilt war. Schließlich haben sie wenig Informationen zum Alter der Teilnehmer ermittelt und die im Review untersuchten Studien decken nicht alle Kontinente und Hautfarben ab.
Die Ergebnisse sind aber alles andere als ein Freibrief zum Schlemmen. Es ist unbestritten, dass Übergewicht das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs und Nierenkrankheiten erhöht. Eine klare Grenze zu ziehen, ist aber offenbar schwieriger als gedacht.

Werden Dicke einfach nur häufiger untersucht?

Auf der Suche nach einer Erklärung für ihre Ergebnisse mutmaßen die US-Wissenschaftler, Menschen mit einem BMI über 25 würden möglicherweise besser medizinisch betreut - gerade weil sie sich der höheren Krankheitsrisiken Übergewichtiger bewusst seien. Oder das beim Gesunden überflüssige Fett könnte zum Beispiel bei akuten Krankheiten eine wichtige Energiereserve sein, wodurch möglicherweise weniger Patienten sterben würden.

BMI-Rechner

Corbis

kg cm

23,3

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Die neuen Ergebnisse passten zu ähnlichen Daten in früheren Studien, kommentieren die Mediziner Steven Heymsfield und William Cefalu vom Pennington Biomedical Research Center im US-Bundesstaat Louisiana die Ergebnisse in der gleichen Ausgabe des Fachmagazins "JAMA". Und sie stellen die entscheidende Frage: Sind unsere Befürchtungen rund um das Übergewicht, so wie es heute definiert wird, überhaupt begründet?

Zwar decke der Body-Mass-Index etwa zwei Drittel der Unterschiede zwischen dem Körpergewicht verschiedener Menschen ab - doch Faktoren wie Geschlecht, Hautfarbe, Alter und Fitness flössen überhaupt nicht in den BMI ein. Diese Faktoren spielten aber eine Rolle sowohl für Krankheitsrisiken als auch die Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Zeitraum zu sterben. Und auch die Verteilung des Körperfetts - was für Erkrankungsrisiken wichtig ist - unterscheide sich zwischen Menschen, die für sich denselben BMI errechnen.

Möglicherweise wird es Zeit, einen neuen Standard für das Übergewicht zu suchen. Mit Hilfsmitteln wie dem Hüftumfang, der zusätzlich zum BMI gemessen wird, versuchen Ärzte bereits gegenzusteuern.

Verräterisch ist auch die Entstehungsgeschichte des BMI: Nicht etwa Mediziner oder Epidemiologen entwickelten ihn, sondern ein Statistiker in Diensten der US-Lebensversicherung Metropolitan Life Insurance. Er hatte 1942 einen statistischen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und dem Körpergewicht festgestellt.

Die Versicherung stellte Tabellen für das Idealgewicht auf - später wurde relativ willkürlich festgelegt, dass als übergewichtig gilt, wer ein Fünftel über dem Idealgewicht liegt. Schließlich flossen diese Werte in den neu geschaffenen BMI ein - dessen Stufen die Weltgesundheitsorganisation WHO 1997 noch einmal verschärfte. Obwohl sich das Überleben von Studienteilnehmern an diese Grenzen nicht hält, gilt man bis heute ab einem BMI von 25 als übergewichtig. Möglicherweise ließen sich durch andere Grenzen jedoch deutlich besser zusammenhängende Gruppen beschreiben, für die ähnliche Krankheits- und Sterblichkeitsrisiken definiert werden könnten.

In ihrem Kommentar schließen die Ärzte Heymsfield und Cefalu: Anhand der neuen Studienergebnisse erscheine es fraglich, ob alle als übergewichtig oder leicht fettsüchtig eingestuften Patienten abnehmen sollten - insbesondere bei Menschen mit chronischen Krankheiten sei das unklar.

Mit Material von AFP

Forum

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insgesamt 133 Beiträge
1. Was mich am BMI stört
glitterflie 02.01.2013
ist, dass besonders große und sportliche Menschen (Männer) im BMI als Übergewichtig definiert werden, obwohl das eigentlich die Muskelmasse ist. Vll. ist das ja auch der Grund, warum die vermeintlich [...]
ist, dass besonders große und sportliche Menschen (Männer) im BMI als Übergewichtig definiert werden, obwohl das eigentlich die Muskelmasse ist. Vll. ist das ja auch der Grund, warum die vermeintlich "Übergewichtigen" länger leben- weil diese Gruppe dort mit hinein gezählt wird. Das ist wieder so eine Studie wie vor ein paar Monaten, in der die Theorie aufgestellt wurde, das Schokolade schlank macht- nur weil eine Befragung ergab, das schlanke Menschen vermehrt Schokolade essen. Könnte ja auch einfach sein, dass sie vermehrt Schokolade essen, gerade weil sie es sich erlauben können- Wer was das so genau?
2.
Mans Heiser 02.01.2013
Kausalität und Korrelation sollten hier erstmal geklärt werden. Wenn jemand saumäßig fettes stirbt, weil er nicht schnell genug vorm Laster wegkam, oder jemand dünnes, weil ihm bei ner Flut die Reserven für 3 Tage ohne [...]
Zitat von sysopCorbisWer leicht über dem Normalgewicht liegt, lebt länger. Erst deutliches Übergewicht führt zum früheren Tod. Das ergibt eine Studie, für die Daten von fast drei Millionen Menschen ausgewertet wurden. Sie facht den Streit darüber neu an, was eigentlich die Norm für das Gewicht sein sollte. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/uebergewicht-mit-wenigen-kilos-zu-viel-lebt-man-laenger-a-875379.html
Kausalität und Korrelation sollten hier erstmal geklärt werden. Wenn jemand saumäßig fettes stirbt, weil er nicht schnell genug vorm Laster wegkam, oder jemand dünnes, weil ihm bei ner Flut die Reserven für 3 Tage ohne Nahrung fehlen, sind das ziemlich blöde Faktoren.
3.
dahier 02.01.2013
Krank wird nicht der, der zu viel ißt. Sondern der, der ohne Genuß, zu schnell und das Falsche ist. Und wenn man länger leben will, soll man nicht zwanghaft irgendwelchen Idealen nachrennen, sondern fröhlich und lustvoll [...]
Krank wird nicht der, der zu viel ißt. Sondern der, der ohne Genuß, zu schnell und das Falsche ist. Und wenn man länger leben will, soll man nicht zwanghaft irgendwelchen Idealen nachrennen, sondern fröhlich und lustvoll leben. Und dazu gehört nun mal gutes Essen...
4. Vergesst diese künstlichen Normen!
Zoroaster1981 02.01.2013
Lt. BMI war auch Schwarzenegger unglaublich fettleibig. Ich habe nie verstanden, wie man heutzutage auch in Medizinerkreisen noch einer derart dümmlichen Formel, die lediglich Größe und Gewicht berücksichtigt, folgen [...]
Zitat von sysopCorbisWer leicht über dem Normalgewicht liegt, lebt länger. Erst deutliches Übergewicht führt zum früheren Tod. Das ergibt eine Studie, für die Daten von fast drei Millionen Menschen ausgewertet wurden. Sie facht den Streit darüber neu an, was eigentlich die Norm für das Gewicht sein sollte. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/uebergewicht-mit-wenigen-kilos-zu-viel-lebt-man-laenger-a-875379.html
Lt. BMI war auch Schwarzenegger unglaublich fettleibig. Ich habe nie verstanden, wie man heutzutage auch in Medizinerkreisen noch einer derart dümmlichen Formel, die lediglich Größe und Gewicht berücksichtigt, folgen kann. Die beste Möglichkeit zu erkennen, ob man ein gesundes Gewicht hat bzw. generell in einer gesunden Gesamtkonstitution steht, ist ein natürliches Bewusstsein für seinen Körper zu entwickeln: schwitzt man leicht, machen kleine Anstrengungen, wie Treppensteigen, starke Mühe, fühlt man sich insgesamt wohl oder eher eingeengt in seinen Körper, kränklich, etc.? Ich denke jeder, der äußerst fettleibig oder auch unnatürlich - also nicht gemäß Genotyp - dünn ist, fühlt sich, sofern er sich nicht über seinen Lebenswandel hinweglügt, unwohl in seiner Haut. Das Wichtigste ist m. E. immer die abgedroschene, aber wahre Lebenseinstellung: man darf (fast) alles, solange es nicht extrem wird. Mit einem gehörigen Schuss Lebensfreude klappts dann auch meistens mit einem langen Leben, sofern keine unvermeidliche Krankheit aufgrund anderer Faktoren (Vererbung, Umweltverschmutzung) einwirkt.
5. Was
Steinwald 02.01.2013
das Erschreckende ist doch, daß man sich offenbar nicht mal mehr auf Experten verlassen kann. Mal heißt es, Fette stürben, dann sterben nicht nur nicht, sondern auch noch später als alles anderen. Und was für diesen Artikel [...]
das Erschreckende ist doch, daß man sich offenbar nicht mal mehr auf Experten verlassen kann. Mal heißt es, Fette stürben, dann sterben nicht nur nicht, sondern auch noch später als alles anderen. Und was für diesen Artikel hgilt, gilt für so viele mehr. Mal ist im Unterricht eine U-förmige Sitzordnung besser, dann wieder ist der Frontalunterricht überlegen. Meine Fresse. Wie wärs mit weniger Hyperventilation und Hysterie? Danke.

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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