Lade Daten...
10.02.2013
Schrift:
-
+

Weinunverträglichkeit

Schnaps- oder Schnupfennase?

Von Christian Gruber
REUTERS

Rotwein: Allergische Symptome durch Sulfite

Juckreiz, Durchfall, Herzrasen: Wein kann allergische Symptome auslösen, und das passiert häufiger als vermutet. Auf Weinetiketten dürfen daher Angaben wie "enthält Sulfite" nicht fehlen. Doch Wissenschaftler entwickeln bereits Getränke, die weniger allergene Stoffe enthalten sollen.

Neben Jahrgang, Alkoholgehalt und Abfüller steht auf Weinetiketten mitunter auch "enthält Sulfite". Die Salze der schwefeligen Säure machen Wein haltbar, indem sie unerwünschte Gärungsprozesse etwa durch eingeschleppte Hefen oder Bakterien verhindern. Doch die Substanzen wirken auch im menschlichen Körper: Allergiker können auf die Salze der schwefeligen Säure mit Symptomen reagieren, die vom leichten Schnupfen bis hin zum Herzrasen reichen können. Dafür genügt ein Glas. Bis zu 160 Milligramm Schwefeldioxid (SO2) pro Liter stecken in den handelsüblichen Flaschen.

Seit geraumer Zeit versucht deshalb das EU-finanzierte Projekt "SO2SAY", ohne das Schwefeln auszukommen. Koordiniert wird es vom Technologie-Transfer-Zentrum (ttz) Bremerhaven. Den Wissenschaftlern aus vier europäischen Ländern und Israel sei es gelungen, einen Versuchswein abzufüllen, der nahezu vollständig auf Schwefeldioxid verzichtet. "Unser Wein reduziert die SO2-Menge um über 95 Prozent, das liegt weit unterhalb der offiziellen Nachweisgrenze", sagt Claudia Krines, ttz-Forschungsleiterin Food, gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Die Wissenschaftler ersetzten die Sulfite durch spezielle, konservierende Extrakte, die ohnehin im Wein vorkommen. Die genaue Rezeptur sei geheim, dem Geschmack schade es aber nicht: "In sensorischen Verkostungen mit Durchschnittskonsumenten aus Großbritannien, Spanien und Deutschland wurde der neue Wein als gleichwertig im Vergleich zu einem hochwertigen Referenzwein beurteilt", versichert Krines. Bestehe der Wein eine weitere Prüfrunde im Mai, "dann steht dem Verfahren technisch nichts mehr im Weg."

Wein kann verschiedene Symptome auslösen

Das bedeutet freilich nicht, dass damit alle Probleme gelöst sind. Denn empfindliche Menschen können auch verschiedene Substanzen im Wein reagieren. Das zeigte eine Studie der Universität Mainz aus dem Jahr 2012. Darin wurden 4000 Landeshauptstädter zwischen 20 und 70 Jahren befragt, wie gut sie Wein vertragen.

Eine echte Allergie löse das Getränk in der Regel nicht aus, so die Wissenschaftler im "Deutschen Ärzteblatt". "Allerdings zeigt diese Studie, dass ein relativ hoher Prozentsatz der Befragten (7,2 Prozent, 68 Teilnehmer) von Unverträglichkeitssymptomen berichten, nachdem sie Wein getrunken haben", betont die Ökotrophologin und Studienautorin Petra Wigand. Am häufigsten wird von den Betroffenen genannt: gerötete Haut (57,4 Prozent), Juckreiz (35,3 Prozent), verstopfte Nase wie beim Schnupfen (32,4 Prozent), Durchfall (27,9 Prozent), Herzrasen (25 Prozent), Magen- und Darmkrämpfe (ebenfalls 25 Prozent). Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Zwei Befragte berichteten sogar von einem Kreislaufzusammenbruch nach Weingenuss.

Auf die Gesamtbevölkerung ließen sich die Ergebnisse aufgrund der niedrigen Rücklaufquote der Fragebögen nicht ohne weiteres übertragen, schreiben die Forscher. Dennoch deute die Studie darauf hin, dass mindestens 1,7 Prozent der Bevölkerung unter einer Weinunverträglichkeit leiden. Insgesamt haben die 68 Mainzer mit Wein-Problemen öfter auch Schwierigkeiten mit anderen Nahrungsmitteln genannt. 15 von ihnen vertrugen offenbar kein Bier, weitere 19 überhaupt keinen Alkohol.

Beim Wein gebe es allerdings Alternativen, betont Wigand: Wer etwa mit Rotwein nicht klarkomme, der könne auch auf Rosé oder Weißwein umsteigen. Denn Rotwein löst der Mainzer Untersuchung zufolge häufiger Begleiterscheinungen aus als Weißwein. Ein möglicher Grund: Wein enthält geringe Mengen Eiweiße, die meist von der Traube stammen, aber auch durch Bakterien und die Hefe in das Getränk gelangen können. Vor allem das Lipid-Transfer-Protein (LTP) aus den Traubenschalen ist als mögliches Allergen bekannt. Rotwein hat deutlich mehr LTP, weil die Schalen in der Maische mitvergoren werden, während Weißwein ohne die Traubenhaut fermentiert wird und nur Reste in den Wein gelangen.

"Weinunverträglichkeit ebenso häufig, wie Nahrungsmittelunverträglichkeit"

Ähnlich häufig kommen in weißem und rotem Wein andere Eiweiße vor, zum Beispiel Thaumatin, das auch als Süßstoff eingesetzt wird, oder Enzyme wie die pilzangreifenden Glukanasen. Auch sie stehen im Verdacht, allergen zu wirken. Zudem enthalte Wein den Allergie-Botenstoff Histamin. Allerdings seien die Konzentrationen in den deutschen Rebsorten "insgesamt sehr niedrig", betonen die Mainzer Wissenschaftler.

Im Körper löst Alkohol unterschiedliche Prozesse aus: So werden bestimmte Stoffe im Alkohol gelöst, wodurch der Organismus sie besser aufnehmen kann und sie erst dann zum Problem werden. Alkohol fördert zudem die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut und hemmt die Wirkung des Enzyms Diaminoxidase, das Histamine abbaut. Eine erhöhte Histaminkonzentration kann etwa eine rote Nase machen, indem sie dort die Gefäße erweitert.

"Die Häufigkeit, mit der unserer Untersuchung zufolge eine Weinunverträglichkeit zu beobachten ist, steht der anderer, häufig auftretender Nahrungsmittelunverträglichkeiten in nichts nach", betonen Wigand und ihre Kollegen. Trotzdem werde die Empfindlichkeit gegenüber Wein bislang wenig beachtet. "Das aber sollte bei der ärztlichen Untersuchung künftig berücksichtigt werden", fordern die Mainzer Wissenschaftler.

Trotzdem sei Wein - was eine echte Allergie betrifft - "ein relativ sicheres Nahrungsmittel", schränkt Biophysikprofessor und Studienleiter Heinz Decker gegenüber SPIEGEL ONLINE ein. "Die Menschen denken nur in der Regel nicht darüber nach, was sie vertragen und was nicht."

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
1. Was soll dieser Quatsch?
marcop 10.02.2013
Weine ohne Schwefel gab es schon immer und sie gibt es immer noch. Viele Winzer verzichten mittlerweile darauf. Das Schwefeln des Weines ist eine Erfindung des letzten Jahrhunderts und es gibt vielerorts Bestrebungen, diese [...]
Weine ohne Schwefel gab es schon immer und sie gibt es immer noch. Viele Winzer verzichten mittlerweile darauf. Das Schwefeln des Weines ist eine Erfindung des letzten Jahrhunderts und es gibt vielerorts Bestrebungen, diese abzuschaffen.... was genau machen also diese Wissenschaftler dort? Forschungsgelder verschleudern? Man sollte sich vielmehr mit den Produzenten unterhalten und die richtigen Fragen stellen....dann benötigt man diesen Quatsch nicht.
2. im Wein liegt
fritzi_60 10.02.2013
Wahrheit sagte man früher. Heute liegen Allergien und Unverträglichkeit im Wein. Sollte es doch an der Herstellung liegen? Man kann auch aus Trauben Wein machen. Aber es muß ja immer Mundgerecht hergepanscht sein.
Wahrheit sagte man früher. Heute liegen Allergien und Unverträglichkeit im Wein. Sollte es doch an der Herstellung liegen? Man kann auch aus Trauben Wein machen. Aber es muß ja immer Mundgerecht hergepanscht sein.
3. Qualitätsjournalismus ist das nicht !
martin-hamm 10.02.2013
Wenn man nichts zu berichten hat sollte man keine Sachen ausgraben von denen man nichts versteht. Es ist immer wieder eine Freude wenn Journalisten über etwas berichten von dem sie so wirklich keine Ahnung haben. Manchmal sollte [...]
Wenn man nichts zu berichten hat sollte man keine Sachen ausgraben von denen man nichts versteht. Es ist immer wieder eine Freude wenn Journalisten über etwas berichten von dem sie so wirklich keine Ahnung haben. Manchmal sollte man erst darüber nachdenken welchen Schaden man anrichtet bevor man etwas publiziert. Einfach nur Gränzwerte an zu geben und ein paar Informationen negativ zu verknüpfen kann jedes Kind. Der Autor sollte sich Gedanken machen ob er den richtigen Beruf gewählt hat . Ach und wenn ihr fragen zu diversen Inhaltsstoffen oder auch besonders zu Schwefel habt fragt Fachleute aus der Praxis. Beispielsweise auf der Hochschule Geisenheim auf der ich auch studiere, dort wird sich mit diesen Themen etwas besser beschäftigt als man denken sollte.
4. Na und?!
artusdanielhoerfeld 10.02.2013
Wer keinen Wein verträgt, der soll halt Bier trinken! Mein Gott!
Wer keinen Wein verträgt, der soll halt Bier trinken! Mein Gott!
5. Es nervt...
doc 123 10.02.2013
... der Artikel ist von einem Laien für Laien geschrieben nicht schlecht und ziemlich unfassend dargestellt, jedoch die Schlussfolgerungen der angeblichen "Wissenschaflter" sind einfach nur grotesk. Gerade an die [...]
Zitat von sysopJuckreiz, Durchfall, Herzrasen: Wein kann allergische Symptome auslösen, und das passiert häufiger als vermutet. Auf Weinetiketten dürfen daher Angaben wie "enthält Sulfite" nicht fehlen. Doch Wissenschaftler entwickeln bereits Getränke, die weniger allergene Stoffe enthalten sollen. Allergische Reaktion durch Sulfite im Wein: Allergie bei Alkohol - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/allergische-reaktion-durch-sulfite-im-wein-allergie-bei-alkohol-a-881199.html)
... der Artikel ist von einem Laien für Laien geschrieben nicht schlecht und ziemlich unfassend dargestellt, jedoch die Schlussfolgerungen der angeblichen "Wissenschaflter" sind einfach nur grotesk. Gerade an die Histamin-Intoleranz, die gelegentlich durch Rotwein ausgelöst werden kann und teils starke Kopfschmerzattacken und mehrere weitere Symptome auslösen kann, könnte auch ein "normaler" Arzt schon längstends denken, für diese Erinnerung brauchts ganz sicherlich keine "Pseudo-Wissenschaflter". Sämtliches Beschriebenes ist eigentlich nämlich bereits seit Jahren oder Jahrzehnten bekannt, insbesondere auch die Sulfit-Unverträglichkeit, die jedoch nahezu ausschließlich bei Asthmatikern zu beobachten ist; lediglich der Hinweis auf das Lipid-Transfer-Protein der Weintrauben ist von neueren Erkenntnissen, jedoch spielt dies bei der Auslösung einer Wein-Allergie so gar keine Rolle mehr, da durch den Herstellungsprozess maximalst zerstört. Und was nur beiläufig erwähnt wurde, Wein oder andere Alkoholika können die Darmdurchlässigkeit für andere Allergene, die ansonsten problemlos toleriert werden, erhöhen und so tatsächlich indirekt bei der Auslösung von allergischen Reaktionen beteiligt sind. Die vollständig "normale" Frage ist daher bei jedem Allergiker in der Praxis, haben Sie bei dem fraglichen Ereignis Alkohol genossen. Bei einer "echten" Allergie dürfte dies das entscheidende Problem darstellen, ansonsten sind nach Weingenuss nahezu ausschließlich Psedoallergische Reaktionen/Intoleranzreaktionen zu beobachten. Allergen Wein Allergie rotwein Allergologie (http://www.alles-zur-allergologie.de/Allergologie/Artikel/4395/Wein/Rotwein.html)

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Zum Autor

  • Christian Gruber leitet das Wissensressort bei der "Rheinpfalz am Sonntag" und bildet an der Hochschule Darmstadt Studenten zu ordentlichen Journalisten aus. Das ist nicht immer leicht. Beides nicht.

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Allergien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten