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26.02.2013
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Achilles' Verse

Hilfe, mein Schlüsselbein ist gebrochen!

Kowalski / DRK-Klinikum Westend

Achims geflicktes Schlüsselbein: Röntgen, Schmerzmittel, Decke - von überall Hilfe

Ego sei unsere neue Religion, behauptet ein verschwörerischer Beststeller, ein kalter Krieg habe unsere Herzen erobert. Unsinn, sagt Freizeit-Havarist Achim Achilles. Das gute alte "Wir" gibt es reichlich und überall: Man muss sich nur mal auf die Schnauze legen - und das Schlüsselbein brechen.

Jetzt mal ökonomisch: Wenn Teilzeit-Irre in der Midlife Crisis im eisglatten Wald Radrennen fahren oder Sportlaien die schwarze Piste hinabdonnern, um mit einem Spiralbruch erst gen Tal und dann ins Spital zu fliegen, wenn Heranwachsende angeheitert mit den Schneidezähnen im Bordstein stecken, sollten wir sie liegen lassen, vor allem Wiederholungstäter - selbstverschuldet, persönliches Risiko, Eigenverantwortung.

Nein, diesen Trotteln helfen wir nicht, sondern machen Frühstückspause und legen unser Geld online an. Konsequenter Eigennutz wird die Welt beherrschen, behauptet Bestsellerautor Frank Schirrmacher in seinem wirren Werk "Ego". Eine globale Verschwörung habe Menschen in Monstren, ihre Herzen in Eisklötze verwandelt. Alles Ich.

Was muss früher beim kleinen Frank oder im großen Feuilleton schiefgelaufen sein, dass ihm ein gewaltiges Paralleluniversum verborgen geblieben ist? Denn neben dem "Ich" gibt es ein "Wir". Dort leben auch Menschen, ganz schön viele übrigens, denen übermäßiger Egoismus immer fremd bleiben wird.

Wie stark dieses "Wir" ist, durfte ich vergangenen Samstag erfahren. In einem weiteren Anfall von Selbstüberschätzung war ich bei einem Cross-Duathlon gestartet, um mich mit dem Mountainbike auf schneeglatter Piste prompt zu maulen. Schon im Aufprall signalisierte ein trockenes Knurschen, dass ein Knochen geborsten war.

Hundert Meter weiter stand eine Helferin seit über einer Stunde bibbernd im Schnee, Vereinsmitglied wahrscheinlich, für genau diesen Moment des Notfalls. Sie rief Hilfe. Nach fünf Minuten waren die Johanniter da, Freiwillige, und stützten mich. Ein Unbekannter schleppte derweil mein havariertes Rad ins Ziel. Die Sanis chauffierten mich samt dreckigem Rad im Sanitätswagen durch den Wald zum Auto und packten das Bike sorgsam in den Kofferraum. Trinkgeld? "Dürfen wir nicht." Dafür entschuldigten sie sich dreimal, dass es auf dem Waldweg so geruckelt habe. Erste Rührung.

Anteilnahme von überall

Meine Arzt-Freundin beriet mich umgehend telefonisch und sagte den wichtigsten Satz: "Halb so schlimm." Mona fuhr mich ins DRK-Klinikum Westend. Schwester Tina hätte meine Laufklamotten zerschneiden können, um an das geviertelte Schlüsselbein zu kommen, aber sie behielt die Sachen heil. Arzt, Röntgen, Schmerzmittel, Decke - von überall Hilfe, Hände und die ersten netten SMSen. Keine Spur von Ego-Welt. Stattdessen eine Welle des Wir.

Am nächsten Morgen die OP. Lustige Leute hier: der Assistenzarzt mit türkischem Namen, ein OP-Facharbeiter mit polnischen Wurzeln, ein heiterer Anästhesist verabreicht süffige Pharmazie. Unfallchirurg Kowalski meldet sich im Alba-Fleece zum Dienst. Super: Wer Basketball-Profis zusammenflicken kann, wird ein banales Schlüsselbein ja wohl hinkriegen.

Zum Dienstende schaut Kowalski rasch noch mal rein und erklärt Röntgenbilder. Die großartigsten Sportkameradinnen der Welt schauen nach dem Schwimmtraining vorbei, natürlich ohne jegliche Nahrung, "damit du nicht gleich wieder zulegst". Kohldampf um Mitternacht. Schwester Monika schiebt den zehnten Nachdienst in Serie und bereitet außerplanmäßig ein zweites Abendbrot, handgeschmiert. Mit dem Verzehr des Schinkenbrots habe ich zwar gegen mein Vegetarier-Gelübde verstoßen - aber das war's wert. Ego, wo steckst du? In einer einsamen Frankfurter W-Lan-Zelle?

Aber hier herrscht Wir. Sportsfreunde, Sanitäter, Krankenhauspersonal - überall vorwiegend heiteres Miteinander. Bekommt einer dieser vielen Menschen Boni oder Sozialprestige oder Applaus? Nein. Sie tun es einfach so. Weil die Welt nicht automatisch egoistisch ist, sondern so, wie wir sie sehen, wie wir sie wollen und wie wir sie gestalten. Hut ab dafür. Und danke.

Aufmunterungen, Gesundheitstipps und Besserwissereien nimmt Schlüsselbeinbruch-Patient Achim gerne auf seiner Facebook-Seite entgegen.

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insgesamt 8 Beiträge
1. Nachdem ich vor wenigen Wochen
michaelkaloff 26.02.2013
beim Schneeräumen einen beeindruckenden Stunt hingelegt habe und mich ordentlich am Hüftgelenk verletzt habe, ging es mir ähnlich. Auch mein RTW-Fahrer entschuldigte sich für den Straßenzustand, das Krankenhauspersonal war [...]
beim Schneeräumen einen beeindruckenden Stunt hingelegt habe und mich ordentlich am Hüftgelenk verletzt habe, ging es mir ähnlich. Auch mein RTW-Fahrer entschuldigte sich für den Straßenzustand, das Krankenhauspersonal war ebenfalls sehr lieb, nette Menschen haben für mich eingekauft. Ich wollte gerade in mein neues Haus umziehen, meine nette Vermieterin verlängerte meinen Mietvertrag, Verständnis auch bei meiner Nachmieterin. Mein Arbeitgeber zeigte sich sehr rücksichtsvoll als ich zum Arbeitsplatz gekrückt kam, ich bekomme überall die Tür aufgehalten, auch von den angeblich so böbösen Kindern und Jugendlichen. Kollegen nahmen mich nach Hause mit.... Schirrmacher kann mir nur leid tun, Ihnen Herr Achilles wünsche ich gute Besserung.
2. optional
brathähnchen 26.02.2013
Mir ist leider genau das Gegenteil passiert. Im Gelände den Fuß verletzt (wußte bis dahin nicht, daß er zertrümmert ist), Ich habe Leute angesprochen mir mal bitte zu helfen, keine Reaktion, Freund hat sich abgeseilt kam dann zu [...]
Mir ist leider genau das Gegenteil passiert. Im Gelände den Fuß verletzt (wußte bis dahin nicht, daß er zertrümmert ist), Ich habe Leute angesprochen mir mal bitte zu helfen, keine Reaktion, Freund hat sich abgeseilt kam dann zu mir stütze mich auf dem Weg. Lief dann aber vor um das Auto zu holen (hatten für das Gebiet eine Genehmigung im Wald zu fahren). Ich hab mcih über die Brücke geschleppt, die Leute sind fröhlich an mir vorbei, es nicht einer mal geholfen. Im Krankenhaus war man dann auch nur genervt, weil eigentlich Fußball war.
3. Achtung!
kalligog 26.02.2013
Lieber Achim, mache mir große Sorgen, dass diese ungewöhnliche Brüchigkeit Deiner Klavikula nicht schon ein Frühzeichen einer bedrohlichen Osteoporose ist, die wissenschaftlich gesicherte Folge veganer Ernährung ist. Ok, Ok, noch [...]
Lieber Achim, mache mir große Sorgen, dass diese ungewöhnliche Brüchigkeit Deiner Klavikula nicht schon ein Frühzeichen einer bedrohlichen Osteoporose ist, die wissenschaftlich gesicherte Folge veganer Ernährung ist. Ok, Ok, noch nicht lang genug dabei... Auf jeden Fall war das Schinkenbrot eine super Idee! Wünsche Dir beste Genesung. Leichte (!!) Vibration verbessert übrigens die Frakturheilung. Alles Gute! Fontana L, Shew JL, Holloszy JO, Villareal DT. Low Bone Mass in Subjects on a Long-term Raw Vegetarian Diet. Arch Intern Med. 2005;165(6):684-689. doi:10.1001/archinte.165.6.684
4. Es gibt sie noch....
schlümpfle 26.02.2013
Es gibt sie noch,die Engel,die einem nicht die Hoffnung nehmen.Krankenachwestern,die mal eben nach ihrer Schicht noch ein Duschgel besorgen,weil es keine Angehörigen gibt.Oder die eine Stunde ihres Feierabends opfern,weil sie [...]
Es gibt sie noch,die Engel,die einem nicht die Hoffnung nehmen.Krankenachwestern,die mal eben nach ihrer Schicht noch ein Duschgel besorgen,weil es keine Angehörigen gibt.Oder die eine Stunde ihres Feierabends opfern,weil sie wissen,hier stirbt gerade ein Mensch und ein anderer Verzweifelt daran.... Ja,und leider gibts auch die anderen! Aber ihr Engel vertreibt mit Eurer bescheidenen,menschlichen Art die anderen.Danke dafür!!
5. Vorsicht
brehn 27.02.2013
Sie sollten lernen zwischen Mikro- und Makrokosmus zu unterscheiden guter Herr Achilles. Auch in meinem Umfeld habe ich viele liebe und nette Menschen und an Hilfsbereitschaft mangelt es auch nicht. Was Schirrmacher beschreibt hat [...]
Sie sollten lernen zwischen Mikro- und Makrokosmus zu unterscheiden guter Herr Achilles. Auch in meinem Umfeld habe ich viele liebe und nette Menschen und an Hilfsbereitschaft mangelt es auch nicht. Was Schirrmacher beschreibt hat hiermit aber herzlich wenig zu tun... Das Problem welches er beschreibt, ist, dass versucht wird, mit solch stark Vereinfachten Modellen (der Mensch handelt 100% egoistisch) das Verhalten des menschen zu modellieren und vorherzusagen. Dass diese Theorien falsch und abwegig sind hat nie jemand bestritten, trotzdem werden sie angewandt.. eine eben solch dumme Vereinfachung machen sie, wenn Sie einfach von ihrem persönlichen Mikrokosmus auf den Makrokosmus der Weltwirtschaft oder der Finanzbranche schliessen wollen.....

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ZUR PERSON

  • Beatrice Behrens
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

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