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06.08.2013
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Fassbrause

Biergeschmack ohne Alterskontrolle

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OBS

Genau hinschauen: Manche dieser Fassbrausen enthalten alkoholfreies Bier

Erfrischend herb, nicht so süß, so erinnern sich vor allem Ostdeutsche an Fassbrause. Heute vermarkten Getränkehersteller sie als alkoholfreie Alternative mit leichten Bieranklängen. Verbraucherschützer warnen: Kinder werden so an den Geschmack gewöhnt.

Holger W. war auf der Suche nach einer klassischen Brause: spritzig, würzig, erfrischend. Beim Discounter entdeckte er "Fassbrause Zitrone" und griff zu. Was dann kam, war unerwartet: Die Brause schmeckte nach Bier. Bei genauem Hinsehen entdeckte W. auf der Flasche den Hinweis, dass das Getränk zu einem Drittel aus alkoholfreiem Bier besteht. "Ich finde das unter dem Aspekt der Kennzeichnungspflicht ein Unding", sagt der Mann aus Jena.

Die meisten Menschen im Osten Deutschlands assoziieren mit Fassbrause ein alkoholfreies Getränk aus Limonade und Malz, frisch gezapft. In dieser Form findet man das Getränk heute allerdings nur noch selten. Dagegen erlebt die Fassbrause im Westen der Republik eine Renaissance, als eine Art Radler oder Alsterwasser aus Limonade und alkoholfreiem Bier. Die Verwirrung ist groß.

"Bei einer Brause erwarten Verbraucher zu Recht ein - vielleicht nicht besonders empfehlenswertes, aber harmloses - Erfrischungsgetränk, das auch für Kinder oder Menschen, die auf Alkohol verzichten möchten oder müssen, geeignet ist", schreiben die Verbraucherzentralen einer Kundin, die sich beim Verbraucherportal "Lebensmittelklarheit" über die neuen Fassbrausen beschwert hat. Problematisch sei vor allem, dass sich auf der Flaschenvorderseite kein Hinweis auf den Biergehalt findet. Die Brauerei, welche das Getränk vermarktet, hält die Kennzeichnung auf der Flaschenrückseite für ausreichend.

Getränk gewöhnt Kinder an Biergeschmack

Alkoholfreies Bier enthält in der Regel noch etwas Restalkohol - laut Gesetz maximal 0,5 Prozent. In Fruchtsäften kann durch natürliche Gärung sogar doppelt so viel Alkohol entstehen. Der Alkoholgehalt selbst stellt für Kinder daher kein Risiko dar, das Problem ist ein anderes: "Zwar sind bei Kindern keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten, aber sie können schon frühzeitig an Biergeschmack gewöhnt werden", berichtet die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät davon ab, Kindern Getränke mit Biergeschmack zu geben.

Erstmals in der neuen Form zusammengebraut wurde die moderne Fassbrause 2010 in Köln mit alkoholfreiem Kölsch. Der Umsatz steigt rasant. Inzwischen sind zahlreiche Marken in das Geschäft eingestiegen. Das Getränk gibt es wie Limonaden in verschiedenen Geschmacksrichtungen von Apfel bis Holunder. Dass die Brauereien die alkoholfreien Radler als Fassbrausen vertreiben, lässt sich wohl nicht verbieten: Nirgendwo ist festgeschrieben, welche Zutaten ein Getränk mit diesem Namen enthalten muss.

Fassbrause sollte von Anfang an nach Bier schmecken

Betrachtet man die Geschichte der Fassbrause, führen die neuen Sorten alte Traditionen fort: Von Anfang an war der Begriff Fassbrause irreführend, denn im Gegensatz zu einer klassischen Brause, die ihren Geschmack durch zugesetzte Aromastoffe erhält, befanden sich in dem Getränk Früchte. Damit hätte es streng genommen als Limonade bezeichnet werden müssen.

Auch der neue Geschmack würde dem Erfinder der Fassbrause vermutlich gefallen: Herumgesprochen hat sich, dass der Chemiker Ludwig Scholvien 1908 in Berlin zu Wasser, Malz und einem Konzentrat aus Äpfeln und Süßholzwurzeln griff, um seinem Sohn ein Getränk zu brauen, das wenig Alkohol enthält, aber ähnlich schmeckt wie Bier. Das genaue Rezept ist öffentlich nicht bekannt.

Besser als Cola, aber kein Durstlöscher

Was die Kalorien- und damit auch die Zuckermenge angeht, schneidet die neue Fassbrause gut ab. Zum Vergleich: 100 Milliliter Cola enthalten etwa 40 Kilokalorien (etwa 170 Kilojoule) und etwa zehn Gramm Zucker, ähnlich wie das geschmacklich ebenfalls an Bier erinnernde Malzbier. Fassbrause mit einem Drittel alkoholfreiem Bier dagegen hat ungefähr 25 Kilokalorien (etwa 105 Kilojoule) und sechs Gramm Zucker - in etwa so viel wie eine Apfelsaftschorle aus dem Getränkehandel.

Als regelmäßiger Durstlöscher sind Fassbrausen ähnlich wie andere Limonaden, Nektare oder zuckerhaltige Eistees und Kaffeegetränke laut DGE dennoch nicht geeignet. "Zuckergesüßte Getränke sollten generell nur in geringen Mengen getrunken werden, denn sie enthalten viele Kalorien und können zur Entstehung von Übergewicht beitragen", schreiben die Ernährungsexperten. Stattdessen empfehlen sie als Durstlöscher im Sommer Wasser und ungesüßte Kräuter- und Früchtetees. Fruchtsaftschorlen aus einem Teil Saft und drei Teilen Wasser seien "akzeptabel" und lieferten Vitamine und Mineralstoffe.

Lesen Sie mehr über Ernährung: Kalorienempfehlungen bei McDonald's sind sinnlos +++ Farbstoffe: Bunt und gefährlich +++ So gefährlich sind Energy-Shots

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insgesamt 92 Beiträge
1. die lebensmittelindustrie ist grundsaetzlich vollkommen verantwortungsfrei
micromiller 06.08.2013
und nutzt den freiraum, den unsere volksvertreter gesetzlich dokumentiert vorgegeben haben. kritik ist einzig und allein bei unseren politlautsprechern angebracht, die wie ueblich ihren job nur ungenuegend und nicht immer im [...]
und nutzt den freiraum, den unsere volksvertreter gesetzlich dokumentiert vorgegeben haben. kritik ist einzig und allein bei unseren politlautsprechern angebracht, die wie ueblich ihren job nur ungenuegend und nicht immer im sinne der buerger machen. es ist dringend notwendig, dass die anzahl lebensnaher intelligenter politiker erhoeht wird.
2. Fassbrause iss dat net
tomkey 06.08.2013
Mir erging es ähnlich wie dem Kollegen aus Jena. Ich sah den Artikel "Fassbrause" im Regal und es machte sofort Klick im Gehirn und irgendwie erinnerte ich mich an die gute alte Fassbrause aus dem Schwimmbad, aus dem [...]
Mir erging es ähnlich wie dem Kollegen aus Jena. Ich sah den Artikel "Fassbrause" im Regal und es machte sofort Klick im Gehirn und irgendwie erinnerte ich mich an die gute alte Fassbrause aus dem Schwimmbad, aus dem Stadion oder bei schulischen Veranstaltungen. Als ich mir dann das Etikett durchlas, wurde ich bereits skeptisch. die neue Fassbrause gabs in verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Apfel, Zitrone usw. Trotzdem kaufte ich mir eine zum Probieren .. Nie wieder! Mit Fassbrause so wie ich sie kannte hat das überhaupt nix zu tun. Mit dem einzigartigen Geschmack aus den 70/80ern hat dieses Gesöff gar nichts zu tun. Fassbrause ist das definitiv nur vom Namen her.
3.
madra2006 06.08.2013
Wenn ich richtig informiert enthält die Krombacher Fassbrause kein alkoholfreies Bier sondern nur Malz. Sie wird hergestellt wie die traditionelle Fassbrause von 1908. Das sollte im Artikel Erwähnung finden, zumal die Krombacher [...]
Wenn ich richtig informiert enthält die Krombacher Fassbrause kein alkoholfreies Bier sondern nur Malz. Sie wird hergestellt wie die traditionelle Fassbrause von 1908. Das sollte im Artikel Erwähnung finden, zumal die Krombacher Fassbrause auch abgebildet ist...
4. was?
gaiusbonus 06.08.2013
"Kinder werden so an den Geschmack gewöhnt" Fassbrause ist also schädlich und die Tonnen an Zucker im Babybrei sind okay ? Sorry aber haben unsere "Verbraucherschützer" nicht dringendere Baustellen - [...]
"Kinder werden so an den Geschmack gewöhnt" Fassbrause ist also schädlich und die Tonnen an Zucker im Babybrei sind okay ? Sorry aber haben unsere "Verbraucherschützer" nicht dringendere Baustellen - Stichwort "Bio"
5. Fassbrause schmeckt einfach lecker,
dorfeller 06.08.2013
mich wundert es echt das es das leckere Getränk mittlerweile wieder überall gibt. Und das die Gefahr besteht Kinder an den biergeschmack zu gewöhnen ist doch quatsch. Unsere gesamte Gesellschaft lebt es doch vor, deshalb werden [...]
mich wundert es echt das es das leckere Getränk mittlerweile wieder überall gibt. Und das die Gefahr besteht Kinder an den biergeschmack zu gewöhnen ist doch quatsch. Unsere gesamte Gesellschaft lebt es doch vor, deshalb werden Jugendliche zur Bier greifen auch wenn sie vorher keine brause getrunken haben.

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Zur Autorin

  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

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