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Gesundheit

Ernährungsberaterin Stepfanie Romine

"Gut essen bedeutet Planung"

Wer sich gesund ernähren möchte, braucht hochwertige Zutaten - und Zeit, sagt Stepfanie Romine. Die Ernährungsberaterin und Buchautorin übers kreative Kochen, das generelle Misstrauen zu Gemüse und vegane Sportlernahrung.

Getty Images
Ein Interview von Frank Joung
Montag, 17.09.2018   13:17 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Romine, Sie sagen, man sollte lieber ohne Rezept kochen - aber Sie haben ein Kochbuch herausgebracht. Wie passt das zusammen?

Romine: Ich erhoffe mir, dass die Menschen nicht nur ein Gericht nachkochen, sondern sich trauen, es zu verändern. Wir stellen in unserem Kochbuch viele Basisrezepte vor, die einfach zuzubereiten sind und die man dann nach Belieben aufpeppen kann und soll. Viele Zutaten, die sich geschmacklich ähneln, sind austauschbar, Birnen und Äpfel zum Beispiel oder Brokkoli und Blumenkohl.

SPIEGEL ONLINE: Ändern nicht ohnehin die meisten Menschen Rezepte ab?

Romine: Ja, aber viele trauen sich nicht, richtig kreativ zu werden, weil sie meinen, dass ihnen das Wissen dazu fehle. Kochbücher sind wunderbar, aber wichtiger ist, dass Menschen lernen, ihren eigenen Fähigkeiten in der Küche zu vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kochen ausschließlich pflanzenbasiert. Das klingt für viele nicht nach Genuss, sondern eher nach Verzicht.

Romine: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich auf etwas verzichte - im Gegenteil. Ich finde es logisch, dass wir Pflanzen, Früchte und Gemüse als Basis unserer Ernährung ansehen - und dem, falls gewollt, Dinge hinzufügen. Und nicht umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich das genau vor?

Romine: Ein Beispiel: Früher gab es bei uns zu Weihnachten immer nur ein oder zwei vegetarische Beilagen. Alles andere war mit Fleisch. Als Veganerin muss ich in so einer Situation immer wieder sagen: "Das kann ich nicht essen." Und das ist manchmal unangenehm. Man könnte das Ganze auch so angehen: Alles ist erstmal vegetarisch oder sogar vegan. Und dann kann man Käse und Fleisch dazu stellen. So muss keiner auf irgendetwas verzichten.

SPIEGEL ONLINE: Was mache ich, wenn ich kein Gemüse mag?

Romine: Klar, nicht jeder mag jede Gemüsesorte. Aber es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Eltern ihren Kindern neues Essen öfter als drei- oder fünfmal anbieten sollten, damit diese es probieren und vielleicht auch mögen. Erwachsene sollten sich die gleiche Chance geben. Ich zum Beispiel mochte nie Sauerkraut. Ich kannte immer nur das eine Gericht: Sauerkraut mit Fleisch und fand, dass es komisch roch. Aber jetzt fermentiere ich selber und liebe Sauerkraut. Man sollte Essen eine zweite, dritte, zwölfte Chance geben. Vor allem, wenn es einen gesundheitlichen Mehrwert hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber ich muss mich doch nicht zwingen, etwas zu mögen, was nicht nach meinem Geschmack ist.

Romine: Natürlich nicht. Das generelle Misstrauen zu Gemüse und Pflanzen hat ja auch einen evolutionären Hintergrund.Viele Pflanzen tragen Bitterstoffe in sich und bitter bedeutete, dass etwas giftig ist. Aber heute können wir uns umgewöhnen und zum Beispiel den speziellen Geschmack einer grünen Paprikaschote schätzen lernen.

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SPIEGEL ONLINE: Haben Sie immer Zeit, ausgiebig zu kochen?

Romine: Nicht immer. Ich arbeite viel von Zuhause. Manchmal passiert es mir auch, dass ich den ganzen Tag nur snacke oder so lange warte, bis ich super hungrig bin und dann irgendwas zu mir nehme. So sollte es nicht sein. Gut zu essen bedeutet Planung - und etwas Zeit. Es ist so wichtig, sich für einen kurzen Moment in Ruhe hinzusetzen, weg vom Rechner oder Handy, um eine Mahlzeit mit Freunden oder Kollegen zu genießen. Essen ist mehr als Kalorienzählen oder Treibstoff.

SPIEGEL ONLINE: Welches Gemüse ist aus Ihrer Sicht unterschätzt?

Romine: Ich bin ein großer Fan von Kohl, der in den USA nicht sehr ernst genommen wird. In Südkorea, wo ich ein Jahr gelebt habe, ist er überall enthalten, in Kim-Chi zum Beispiel. Weiß- oder Rotkohl ist günstig, leicht zu verarbeiten und hält sich im Kühlschrank für Monate.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kochbuch ist für Sportler. Müssen Läufer anders essen als Menschen, die Yoga machen?

Romine: Nicht unbedingt. Ausdauersportler müssen mehr essen, aber nicht drastisch anders. Langstreckensportler brauchen schnelle oder einfache Kohlenhydrate, also zucker- oder stärkehaltige Speisen, die der Körper leicht verwerten kann. Mein Mann zum Beispiel fährt täglich vier bis acht Stunden Rennrad. Wir essen abends dasselbe, nur er isst dann eben zwei Portionen mit extra Getreide oder Brot. Wenn man pflanzenbasiert isst, kann der Körper die komplexen Kalorien schneller verdauen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihrer Meinung nach der größte Ernährungsirrtum unter Sportlern?

Romine: Es gibt zwei: Erstens, dass viele denken, dass man unendlich viele Proteine zu sich nehmen muss, um ein guter Athlet zu sein. Wir brauchen zwar Proteine, aber sich damit vollzuladen ist nicht der richtige Weg.

SPIEGEL ONLINE: Und der zweite Irrtum?

Romine: Ich verstehe nicht, warum so viele Sportler, die ihren Trainingsalltag perfekt planen, beim Training oft abgepackte Nahrung wie teure Proteinriegel oder Sportsdrinks zu sich nehmen. Das ist oft pure Chemie. Man kann sie sehr einfach durch echte Lebensmittel tauschen. Datteln etwa ersetzen Gels und Riegel. Reiskekse, Sushi mit Früchten, Hülsenfrüchte, Nüsse - es gibt so viele einfache Alternativen.

insgesamt 25 Beiträge
dasfred 17.09.2018
1. Unsere wöchentliche Ernährungsberatung gib uns heute
Gut, viele nutzen heutzutage das schnelle Angebot, dass überall verfügbar ist. Es gibt auch eine Menge Möglichkeiten, sich ausgewogen und gesund zu ernähren, aber diese ganzen Foodapostel, die uns hier Gemüse predigen, nehmen [...]
Gut, viele nutzen heutzutage das schnelle Angebot, dass überall verfügbar ist. Es gibt auch eine Menge Möglichkeiten, sich ausgewogen und gesund zu ernähren, aber diese ganzen Foodapostel, die uns hier Gemüse predigen, nehmen langsam überhand. Wer seine Ernährung umstellen will, weil er sich davon Vorteile erhofft, ist hoffnungslos überfordert. Auch gesundes Essen muss man genießen können, sonst wird das nichts. Außerdem gibt es keinen Ernährungsplan, der für jeden geeignet ist. Also bitte nur Anregungen aufnehmen, ausprobieren und bei Nichtgefallen vergessen.
Romiman 17.09.2018
2. Gemüsechancen
Hab dem Spinat inzwischen über 15 Chancen gegeben. Er hat keine genutzt... Aber immerhin bei Paprika, Brokkoli oder grünen Bohnen hat es tatsächlich geklappt.
Hab dem Spinat inzwischen über 15 Chancen gegeben. Er hat keine genutzt... Aber immerhin bei Paprika, Brokkoli oder grünen Bohnen hat es tatsächlich geklappt.
PRAN1974 17.09.2018
3.
Eine Verfechterin veganer Küche hier als Ernährungsexpertin hinzustellen, ist grenzwertig. Dann vertritt sie die Auffassung, dass Ausdauersportler hauptsächlich Kohlenhydrate und keine Unmengen Proteine brauchen. Da stimme ich [...]
Eine Verfechterin veganer Küche hier als Ernährungsexpertin hinzustellen, ist grenzwertig. Dann vertritt sie die Auffassung, dass Ausdauersportler hauptsächlich Kohlenhydrate und keine Unmengen Proteine brauchen. Da stimme ich zu, aber was ist mit den Kraftsportlern? Um Muskeln aufzubauen, sind Proteine nämlich doch wichtig. Grundsätzlich kann ein Mensch sogar ganz ohne Kohlenhydrate alt werden, aber nicht ohne Proteine und essentielle Fette. Die Proteine muss man natürlich nicht aus tierischen Nahrungsmitteln beziehen, aber die Erfahrung zeigt, dass proteinreiche Hülsenfrüchte im Allgemeinen doch etwas schwerer verdaulich sind als Käse oder ein mageres Hähnchenfilet. Natürlich nicht mein Problem. Dass man nicht nach Rezept kochen sollte, sehe ich auch ganz anders. Erst durch das Nachkochen neuer Rezepte haben sich meine Kochfähigkeiten weiterentwickelt und ich habe frische und gesunde Zutaten schätzen gelernt, die ich als Kind noch gar nicht kannte.
Marillax 17.09.2018
4. Ernährungsratgeber, der 2768.
Ich bin jemand, der wirklich seeehr wenig Fleisch und Wurst ist. Aber von Veganern und anderen selbsternannten Ernährungsaposteln lasse ich mir ganz sicher nicht vorschreiben, wie mein Speiseplan auszusehen hat. Es wird sowieso [...]
Ich bin jemand, der wirklich seeehr wenig Fleisch und Wurst ist. Aber von Veganern und anderen selbsternannten Ernährungsaposteln lasse ich mir ganz sicher nicht vorschreiben, wie mein Speiseplan auszusehen hat. Es wird sowieso spätestens aller zwei Jahre eine neue "Das ist jetzt aber wirklich das Allergesündeste"-Sau durchs Dorf getrieben. Verdient sich ja gut Geld mit all diesen Ernährungsratgebern. Das Gesündeste ist immer noch, von allem zu essen, und das in Maßen. Wichtig ist das Genießen. Und das geht nicht, indem ich mir fast alles verbiete, was mir schmeckt.
g_bec 17.09.2018
5. Ohne Rezept
Ohne Rezept kochen bedeutet aber auch, dass man etwas Ahnung vom "Verhalten" der Produkte bei der Verarbeitung haben sollte. Und da ist gerade für Anfänger und Interessierte ein Rezept dann doch wieder ganz [...]
Ohne Rezept kochen bedeutet aber auch, dass man etwas Ahnung vom "Verhalten" der Produkte bei der Verarbeitung haben sollte. Und da ist gerade für Anfänger und Interessierte ein Rezept dann doch wieder ganz empfehlenswert. Und Zeit braucht man auch, wenn man sich "ungesund" aber mit lecker Selbstgekochtem ernähren möchte;-) PS: Sauerkraut passt ja auch am Besten zu fettem Fleisch, besonders zu einem Eisbein, frischen Grütz-, Blut- oder Leberwürsten, 'ner Bratwurst oder zu einem guten Gulasch;-) Allerdings schmeckt es auch roh und pur sehr gut, wenn es ein richtiges SAUERkraut ist und kein süßliches westliches Industrieprodukt. Oder gar totgekocht auf bayrische Art mit Möhren drin. Und es reinigt den Darm schnell und geräuschvoll;-)

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