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Gesundheit

Glyphosat-Streit

"Es hat keine Verschwörung gegeben"

Proteste, eine Klage, jetzt auch noch ein Sonderausschuss im EU-Parlament: Glyphosat ist ein Reizthema. Bernhard Url, Chef der EU-Lebensmittelbehörde Efsa, rechtfertigt die Nutzung des Unkrautvernichters.

DPA

Ausbringung von Glyphosat in Niedersachsen

Ein Interview von , Brüssel
Montag, 22.01.2018   17:58 Uhr

Wo Glyphosat ist, ist Streit. Im EU-Parlament wird auf Betreiben der Grünen demnächst ein Sonderausschuss die Zulassung des Unkrautvernichters und verwandter Produkte untersuchen.

Die Mitgliedstaaten haben kürzlich die Benutzung von Glyphosat für weitere fünf Jahre genehmigt - weil Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Alleingang zugestimmt hat. SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks war erzürnt und hat für Deutschland den "systematischen Ausstieg" aus der Glyphosat-Nutzung binnen vier Jahren angekündigt - EU-Entscheid hin oder her.

Auch in der Wissenschaft gibt es einen Konflikt. Die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das global meistgenutzte Herbizid als wahrscheinlich krebserregend eingestuft und sich damit unter anderem gegen die Bewertungen der Efsa und des deutschen Bundesamts für Risikobewertung (BfR) gestellt.

Bernhard Url, Chef der Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa, verteidigt im Interview die Bewertung, dass Glyphosat für Menschen bei sachgerechter Anwendung ungefährlich ist - und wirft seinen Kritikern einen Angriff auf die Wissenschaft vor.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Url, die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation hat Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, dennoch ist die Benutzung in der EU weiterhin erlaubt. Halten Sie die Ängste und Proteste für berechtigt?

Bernhard Url: Wenn es darum geht, ob die menschliche Gesundheit von Glyphosat geschädigt werden könnte, dann sind diese Ängste unberechtigt. Glyphosat ist eine der am besten untersuchten Substanzen am Markt. Kürzlich ist eine US-amerikanische Studie erschienen, für die 50.000 Landwirte über Jahre beobachtet wurden. 40.000 von ihnen hatten Glyphosat angewendet, und man hat keinen Zusammenhang mit einem erhöhten Krebsrisiko gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Die IARC glaubt dennoch, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist - anders als die Efsa oder das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR). Wie erklären Sie sich das?

Url: Die IARC bewertet ausschließlich Studien, die in Fachblättern publiziert wurden. Der europäische Bewertungsprozess basiert dagegen sowohl auf publizierten Studien als auch auf Untersuchungen der Hersteller, betrachtet also ein viel größeres Spektrum von Daten. Das erklärt im Wesentlichen den Unterschied.

SPIEGEL ONLINE: Nur weiß niemand, wie die Daten der Hersteller aussehen - und Sie weigern sich, sie zu veröffentlichen. Kürzlich haben vier EU-Abgeordnete deshalb vor dem Europäischen Gerichtshof Klage erhoben. Warum geben Sie die Daten nicht heraus?

Url: Wir haben den vier Abgeordneten Zehntausende Seiten mit Rohdaten übergeben. Hätten wir noch mehr veröffentlicht, hätten wir europäisches Recht gebrochen. Diesen Rechtsrahmen hat das EU-Parlament selbst gesetzt - und es hat es in der Hand, die Gesetze zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie dafür?

Url: Natürlich. Wir als Efsa würden am liebsten alles veröffentlichen, denn Wissenschaft lebt von dem Prinzip, das sie hinterfragt und auch falsifiziert werden kann.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand. Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum fließen überhaupt Industriedaten in Ihre Bewertungen ein? Immerhin ist nicht zu erwarten, dass Hersteller ihre eigenen Produkte in ein schlechtes Licht rücken.

Url: Auch hier gibt es eine Entscheidung des Gesetzgebers: Der Antragsteller hat zu beweisen, dass seine Produkte sicher sind, und er hat dafür die Kosten zu tragen - nicht der Steuerzahler. Zudem müssen diese Studien unter Bedingungen erstellt werden, die es den Behörden erlauben, den Daten zu vertrauen. Auch die Rohdaten müssen verfügbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Manche Politiker fordern die Veröffentlichung aller Daten, die in Ihre Bewertungen einfließen. Könnte man damit das Vertrauen der Öffentlichkeit stärken?

Url: Das bezweifle ich. Verbraucher können mit diesen Daten nichts anfangen, sie könnten nur für Wissenschaftler nützlich sein. Ich finde diese Diskussion aber ohnehin bizarr. Erst schafft man eigens Organisationen wie die Efsa oder das BfR, damit unabhängige, von der Öffentlichkeit bezahlte und ohne Einfluss der Industrie arbeitende Experten die Daten bewerten. Und dann schenkt man ihnen keinen Glauben, weil einem die Ergebnisse nicht passen.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt kamen an der Unabhängigkeit der Efsa einige Zweifel auf. So hat ein Mitarbeiter Ihrer Behörde in einer E-Mail erklärt, die Efsa widerspreche der Krebsgefahr-Warnung der IARC - obwohl es zu dem Zeitpunkt noch gar keine Begründung seiner Bewertung veröffentlicht hatte.

Url: Die IARC hatte im März 2015 schon eine Vorab-Veröffentlichung im Fachblatt "The Lancet". Ab diesem Zeitpunkt wusste man, dass das IARC Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend einstuft. Unser Bewertungsverfahren, das 2012 begonnen hatte, stand zu der Zeit kurz vor dem Abschluss, und es war klar, dass wir zu einem anderen Ergebnis kommen würden. Da hat es keine Verschwörung gegeben.

SPIEGEL ONLINE: In den sogenannten "Monsanto Papers" tauchten auch Hinweise darauf auf, dass der Konzern Forscher bezahlt hat, um Einfluss auf Studien zu gewinnen. Kritiker folgern daraus, dass die gesamte Studienlage wertlos sei.

Url: Hinweise auf Einflussnahme auf Studienergebnisse sind mir nicht bekannt. Sollte es Ghostwriting für Übersichtsartikel gegeben haben, ist das ethisch inakzeptabel. Wir sind die ersten, die sagen, dass wir gute Wissenschaft brauchen. Aber soweit wir heute wissen, gibt es zwei Studien, die von diesen Vorwürfen betroffen sind. Ihr Einfluss auf die Bewertungen von Efsa und BfR war gleich Null, denn sie basieren auf jeweils 700 Studien.

Wie gefährlich ist Glyphosat für den Verbraucher?

Foto: dpa; SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie überhaupt so sicher, dass von Glyphosat keine Gefahr ausgeht? Völlig ausschließen lässt sich das bekanntlich nie.

Url: Ein Risiko setzt sich aus zwei Faktoren zusammen: Wie gefährlich ist ein Stoff, und wie sehr sind Menschen dieser Gefahr ausgesetzt? Welches Risiko am Ende akzeptabel ist, ist keine wissenschaftliche, sondern eine politische Frage. Bei sachgemäßer Anwendung von Glyphosat aber ist das Risiko durch Aufnahme über Nahrungsmittel gering. Die Gefahr, dass es beim Menschen zu gesundheitsschädigenden Konzentrationen kommt, besteht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Am Widerstand gegen Glyphosat hat diese Einschätzung aber wenig geändert. Fehlt es Ihrer Behörde an Glaubwürdigkeit?

Url: Wir liefern Ergebnisse, die auf Fakten und anerkannten Methoden basieren. Ob sie jemandem gefallen oder nicht, spielt keine Rolle. Als wir beispielsweise Neonicotinoide als gefährlich für Bienen eingestuft haben, haben uns dieselben Leute gelobt, die uns jetzt wegen unserer Glyphosat-Bewertung vorwerfen, in der Hand der Industrie zu sein. Politiker und NGOs diskreditieren die Efsa und das BfR vorsätzlich, um den eigenen Argumenten mehr Gewicht zu verleihen. Am Ende bleibt die Wissenschaft auf der Strecke, und wir gehen zurück in ein dunkles Zeitalter von Aberglauben und " Fake News".

insgesamt 111 Beiträge
wo_st 22.01.2018
1.
Hoffentlich kann sich Herr Uhrl ohne das Gift im Essen ernähren.
Hoffentlich kann sich Herr Uhrl ohne das Gift im Essen ernähren.
rainer goetzendorf 22.01.2018
2. Neuerdings Nachsorgeprinzip?
Es ist schon heftig, was der Vertreter der Efsa erzählt. Haben wir inzwischen schon das Nachsorgeprinzip der USA übernommen wie beim PCB, das jahrzehntelang erlaubt worden ist, bis eindeutig nicht mehr abzustreiten war, dass [...]
Es ist schon heftig, was der Vertreter der Efsa erzählt. Haben wir inzwischen schon das Nachsorgeprinzip der USA übernommen wie beim PCB, das jahrzehntelang erlaubt worden ist, bis eindeutig nicht mehr abzustreiten war, dass es umweltschädlich ist? Wenn Bedenken hinsichtlich der Gesundheit der Menschen bestehen und - was ebenso wichtig ist - hinsichtlich der Wirkung auf Insekten - dann dürfte nach dem in Europa geltenden Vorsorgeprinzip das Mittel nicht weiter zugelassen werden.
fin2010 22.01.2018
3. ich glaube nur, was mir passt, und bin damit nicht allein.
> schafft man eigens Organisationen wie die Efsa oder das BfR, damit unabhängige, von der Öffentlichkeit bezahlte und ohne Einfluss der Industrie arbeitende Experten die Daten bewerten. Und dann schenkt man ihnen keinen [...]
> schafft man eigens Organisationen wie die Efsa oder das BfR, damit unabhängige, von der Öffentlichkeit bezahlte und ohne Einfluss der Industrie arbeitende Experten die Daten bewerten. Und dann schenkt man ihnen keinen Glauben, weil einem die Ergebnisse nicht passen. Da könnte ja jeder mit Daten kommen.
Luna-lucia 22.01.2018
4. Glyphosat
hat die besonders guten Eigenschaften (biochemische Reaktionen), um fast widerstandslos durch die feinsten Haarwurzeln in die Pflanzen zu gelangen. Und, Glyphosat macht dabei keinen Unterschied, ob es sich um Gurken, Spinat, oder [...]
hat die besonders guten Eigenschaften (biochemische Reaktionen), um fast widerstandslos durch die feinsten Haarwurzeln in die Pflanzen zu gelangen. Und, Glyphosat macht dabei keinen Unterschied, ob es sich um Gurken, Spinat, oder eine beliebige Getreideart handelt! Und, Glyphosat wird natürlich auch von Wind und Wetter verbreitet. Es gibt keinen Zaun dafür. Und dann essen wir natürlich auch das von Glyphosat belastete Gemüse aus dem eigenen Garten. Die Frage, wie lange es dauert, und in welche, vielleicht noch giftigere Stoffe, sich Glyphosat im Laufe der Zeit, in der Erde verbracht, umwandelt, ist scheinbar noch nie geklärt worden. Und somit ist eine echte Langzeitgefahr für uns alle! Dabei währen einfache Prüfungen mit Hilfe von z. B. Regenwürmern, und anderen „Unterweltbewohnern“ ganz einfach!
marialeidenberg 22.01.2018
5. Sancta Simplicitas
Oder ist es gespielte Naivität? Die Interviewpartner schränken das Thema klug ein: "Wenn es darum geht, ob die menschliche Gesundheit von Glyphosat geschädigt werden könnte...". So bleibt die Kausalkette der [...]
Oder ist es gespielte Naivität? Die Interviewpartner schränken das Thema klug ein: "Wenn es darum geht, ob die menschliche Gesundheit von Glyphosat geschädigt werden könnte...". So bleibt die Kausalkette der Folgeschäden 'Wildkräuter - Insekten - Bestäubung von Nutzpflanzen - Artenvielfalt - menschliche Ernährung' gänzlich unberücksichtigt. Man beschränkt sich auf das Reizthema 'Krebs', hält sich gegenseitig die letzten und neuesten Studien zu dem Thema unter die Nase uns erzeugt so den Eindruck besonderer Seriosität. Genaugenommen ein durchsichtiges Verwirrspiel. Schade.
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