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Gesundheit

Kälte-Weltrekordler Wim Hof

"Der Winter wird zu einer schönen Jahreszeit"

Wann er das letzte Mal gefroren hat, weiß der Niederländer Wim Hof nicht mehr. Er erträgt Stunden im Eisbad und trainiert andere, besser mit Kälte klarzukommen.

Innerfire B.V.

Wim Hof

Ein Interview von Frank Joung
Dienstag, 09.10.2018   09:52 Uhr

Zur Person: Wim "The Iceman" Hof, Jahrgang 1959, hält mehr als 20 Weltrekorde. Zu den eindrucksvollsten zählt das Ausharren im Eisbad von fast zwei Stunden. Er gibt Onlinekurse und Workshops und lebt in Amsterdam.


SPIEGEL ONLINE: Herr Hof, wann haben Sie das letzte Mal richtig gefroren?

Hof: Oh, das ist eine schwierige Frage. Ich kann mich nicht erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten Menschen mögen die Kälte nicht, Sie dagegen scheinen sie zu lieben.

Hof: Ich fühlte mich schon immer durch die Kälte angezogen. Sie gibt mir Kraft und hält mich wach und gesund.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mehr als 20 Kälte-Weltrekorde aufgestellt. Unter anderem harrten Sie fast zwei Stunden in Eiswasser aus. Wie ist das möglich?

Hof: Ich habe eine Atemtechnik entwickelt, die mich die Kälte aushalten lässt und die man trainieren kann. Sie geht so: 30 bis 40 Mal tief einatmen und loslassen, kein aktives Ausatmen. Nach dem letzten Ausatmen versuchst du, deinen Atem für eine bis drei Minuten zu halten. Wenn du wieder Luft holen musst, halte den Atem für 10 bis 15 Sekunden. Das machst du drei bis vier Mal. Ganz entspannt, aber fokussiert und bewusst.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert im Körper, wenn ich so atme?

Hof: Dein Körper schüttet vermehrt Adrenalin aus, was dich leistungs- und widerstandsfähiger macht. Das Blut wird basischer. Achtung: Du kannst dich schwindelig fühlen. Der Körper kribbelt. Du kannst sogar ohnmächtig werden. Deshalb sollte man die Atemtechnik auf keinen Fall im Wasser oder im Auto ausüben. (Anmerkung der Redaktion: Es sind bereits Menschen ertrunken, weil sie die Atemübung in flachem Wasser ausführten und ohnmächtig wurden.)

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie noch, um die Kälte zu ertragen?

Hof: Meine drei Säulen sind: Atemtraining, das sukzessive Sich-der-Kälte-Aussetzen und Meditations- und Konzentrationsübungen, um den Geist zu stärken.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten wir uns überhaupt der Kälte aussetzen?

Hof: In unserer modernen Welt versuchen wir, die Kälte künstlich auszusparen. Der Körper ist aber von Natur aus dafür gemacht, extreme Temperaturen auszuhalten. Wir müssen nur wieder dahinkommen. Es ist eine Art Fitnesstraining. Die Kälte tut außerdem gut, weil sie Entzündungen im Körper eindämmt.


Forschung mit Wim Hof

Die ungewöhnliche Kältetoleranz des Niederländers ist auch für die Wissenschaft interessant. 2014 erschien eine Studie in "PNAS", bei der einige Probanden in Hofs Technik geschult wurden. Nach der Trainingsphase wurde den Probanden und einer untrainierten Kontrollgruppe ein Bakteriengift verabreicht. Die trainierten Teilnehmer schütteten danach durch Anwendung der erlernten Atem- und Meditationsübungen größere Mengen Adrenalin aus. Auch wurden in ihrem Blut mehr entzündungshemmende und weniger entzündungsfördernde Stoffe gemessen. Die Forscher vermuten, dass dies eventuell bei der Behandlung von chronischen Entzündungen helfen könnte.

2018 untersuchten Forscher, was in Hofs Hirn und Körper genau passiert, wenn er Kälte ausgesetzt ist. Demnach führt seine Atemtechnik dazu, dass die Muskeln im Rippenbereich ihren Stoffwechsel ankurbeln und Wärme abgeben. Dies wärmt das Blut in den Lungengefäßen. Der Blutfluss wiederum sorgt dafür, dass auch seine Extremitäten nicht extrem auskühlen. Gleichzeitig werden in Hofs Gehirn bestimmte Regionen besonders aktiv, die unter anderem körpereigene Substanzen aktivieren, die das Schmerzempfinden drosseln, berichten die Wissenschaftler in "Neuroimage" .


SPIEGEL ONLINE: Wann waren Sie das letzte Mal krank?

Hof: Keine Ahnung. Als ich jung war, und das ist sehr lange her. Wenn du regelmäßig bewusst in die Kälte gehst, nicht forciert, sondern langsam, Schritt für Schritt, dann gewöhnt sich dein Körper daran und lernt so, alle möglichen Gefahren abzuwehren.

SPIEGEL ONLINE: Wie setze ich mich konkret der Kälte aus?

Hof: Kalt duschen ist das beste Training. Setz dich kaltem Wasser aus und beobachte, was passiert. So war es schon bei Sebastian Kneipp. Nur habe ich sein Grundprinzip aktualisiert und eine neue Atemtechnik entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Kälte mein Freund ist, ist die Hitze dann mein Feind?

Hof: Nein. Hohe Temperaturunterschiede trainieren generell den Hypothalamus, den Teil des Gehirns, der unter anderem die Regulation der Körpertemperatur steuert. Wenn wir den trainieren, können wir besser mit Hitze und Kälte auskommen. Wir werden einfach noch stärker.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hof, der Winter naht. Für viele die schlimmste Zeit im Jahr.

Hof: Ich kenne viele, die den Winter gehasst haben, aber sich jetzt freuen. Der Winter wird zu einer schönen Jahreszeit. Du kannst im T-Shirt herumlaufen, draußen bei jeder Temperatur schwimmen gehen. Durch die Aktivität draußen fühlst du dich super.

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