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Gesundheit

Magersucht und Sexualität

"Meinen Wunsch nach Beziehung habe ich weggehungert"

Viele Frauen mit Magersucht empfinden ihre Sexualität als unangenehm und belastend. In der Therapie spielt das Thema kaum eine Rolle - dabei gibt es gute Gründe, dies zu ändern.

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Montag, 12.03.2018   14:28 Uhr

Die Vorstellung mit einem anderen Menschen zu schlafen, von einem Mann angefasst zu werden, fand Clara Stein (Name geändert) lange Zeit eklig. Genauso wie ihren eigenen Körper. Als sie mit 36 Kilo und mit einem BMI von 12,5 in die Klinik eingeliefert wurde, fand sie ihren Bauch immer noch zu dick. Stein war damals 20 Jahre alt.

Dass Menschen mit Magersucht ihr Aussehen nicht richtig einschätzen können, sich mitunter vorm eigenen Spiegelbild ekeln, ist bekannt. Der Fachbegriff lautet Körperschema-Störung. Wie die Störung entsteht und wie sie sich therapieren lässt, dazu gibt es eine Reihe von Studien.

Weniger untersucht ist hingegen die Frage, wie sich die gestörte Wahrnehmung und die Essstörung auf die Sexualität und die Beziehungsfähigkeit der Frauen auswirken. In der Therapie spielt Sexualität meist kaum eine Rolle.

Kein Platz für Jungs, Beziehung, Sex

"Meinen Wunsch nach Beziehung und danach, angenommen zu werden, habe ich regelrecht weggehungert", berichtet Clara Stein. Als die Anorexie bei ihr anfing, war sie gerade mal 13. In der Schule hatte sie keine Freunde. Dagegen sollte das Abnehmen helfen. "Je weniger die Waage anzeigte", erinnert sich die mittlerweile 25-Jährige, "desto besser fühlte ich mich." Die Essstörung empfand sie, trotz ihrer verheerenden Auswirkungen, als eine Art Schutz. Je mehr Steins Gedanken um den Essensverzicht kreisten, desto weniger Platz blieben für Selbstzweifel und Einsamkeit. Jungs, Beziehung, Sex hatten in dieser Welt, in der sie sich abgeschottet hatte, keinen Platz.

Dass Stein damit keine Ausnahme ist, zeigt eine Studie der University of North Carolina , die 2010 im Fachblatt "Eating Disorders" erschien. Um herauszufinden, welchen Einfluss Essstörungen auf die Sexualität haben, befragten die Forscher 242 betroffene Frauen im Alter zwischen 13 und 65. Das Ergebnis: Frauen mit Anorexie gingen sexuellen Beziehungen meist aus dem Weg und verspürten nur wenig Lust auf Sex. Je stärker ihr Untergewicht war und je früher die Essstörung begann, desto stärker schien dieses Muster ausgeprägt.

Den Grund sehen die Wissenschaftler unter anderem in den körperlichen Auswirkungen der Krankheit: Durch Gewichtsverlust und Nährstoffmangel verändert sich der Hormonstoffwechsel, der Zyklus bleibt aus und das sexuelle Verlangen sinkt.

Sich fallen zu lassen, das fällt meist sehr schwer

Bei der Frage nach Sexualität geht es jedoch nicht nur um Biologie. Neben dem Körperlichen steht Sexualität auch für die Frage, was Frausein für die Betroffenen bedeutet. Wichtig ist auch das Zulassen von Nähe und das Vermögen, sich bei einem anderen Menschen fallen zu lassen. "Genau das fällt vielen Menschen mit Magersucht schwer", sagt Alexander Korte, Sexualmediziner und Oberarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum der Universität München. "Anorexie ist auch ein Kontrollversuch." Viele von Kortes Patientinnen erzählen, dass sie die eigene Sexualität als unangenehm und belastend empfinden.

Das berichtet auch Jana Schulz (Name geändert). Sie ist 31 und hat wegen ihrer Magersucht zahlreiche Klinikaufenthalte hinter sich. Wie bei Stein begann bei ihr die Anorexie recht früh. Auch sie fand in der Schule keinen Anschluss. Dazu kamen die ständigen Streits der Eltern. "Das Hungern war meine Methode, mit dem emotionalen Stress umzugehen." Mit zwölf wog sie kaum mehr als 30 Kilo und die Ärzte mussten ihr eine Magensonde legen. Mit 21 kam die zweite schwere Krise: Die Eltern trennten sich, ihre Oma starb und die Beziehung mit ihrem Freund war problematisch. "Statt mit ihm Schluss zu machen und meinen Eltern zu sagen, dass sie mich mit ihren Problemen in Ruhe lassen sollen, hungerte ich mich zurück zum Kind" - raus aus dem Frausein, raus aus der Verantwortung.

In der Klinik musste sie erstmal zunehmen, erklärt Elisabeth Rauh, Chefärztin der Schön Klinik Bad Staffelstein. "Ist der BMI sehr niedrig, sind die meisten Patientinnen gedanklich viel zu sehr in ihrer Essstörung gefangen und kaum in der Lage, aktiv an der Therapie teilzunehmen."

Ihr wurde klar, dass sie Kinder will

Sexualität, die Frage wie Schulz sich als Frau sieht, war in der Therapie zunächst kein Thema - bis sie es selbst ansprach. Im Nachhinein ein wichtiger Schritt. Denn das Thema Sexualität führte Schulz zu der Frage, was sie von einer Partnerschaft erwartet und wie sie sich ihr Leben in zehn Jahren vorstellt. "Dabei wurde mir schnell klar, dass ich Kinder haben möchte", sagt Schulz - für sie eine wichtige Motivation, die Essstörung zu überwinden.

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Sexualität ist natürlich nicht für alle Betroffenen gleich wichtig. Dennoch findet Schulz, dass dem Thema mehr Beachtung geschenkt werden sollte. Der Meinung ist auch Oberarzt Korte: "Sexualität ist ein wichtiger Baustein der persönlichen Entwicklung und sie bietet die Grundlage einer funktionierenden Partnerschaft." Natürlich sei es wichtig, das Thema altersgerecht zu adressieren.

Offen über Sexualität sprechen

"Je offener wir in der Therapie über Sex und Sexualität sprechen, desto besser", ist Korte überzeugt. Zum Einstieg kann es helfen, wenn Therapeuten Erfahrungen anderer Betroffener schildern - natürlich ohne deren Namen zu nennen. Patientinnen können sich in diesen Schilderungen möglicherweise wiedererkennen. "Wichtig ist, Sexualität als eigenen Themenkomplex begreifen und unabhängig von der Essstörung zu betrachten", sagt Korte.

Clara Stein hat sich in der Therapie nicht mit ihrer Sexualität auseinandergesetzt. Für sie waren damals andere Dinge entscheidend - etwa Jura zu studieren und ihren Alltag irgendwie zu meistern. Mit ihrem Körper ist die 25-Jährige zwar nach wie vor unzufrieden, doch hat sie gelernt, dem nicht mehr so viel Bedeutung beizumessen. Seit einiger Zeit hat sie auch einen Freund. Das Gefühl, dass da jemand ist, der sie um ihrer selbst willen mag, half ihr, die Magersucht in den Griff zu kriegen.

Jana Schulzes Wunsch hat sich erfüllt: Sie hat vor gut einem Jahr eine Tochter zur Welt gebracht. Ein weiterer Ansporn für sie, die Essstörung hinter sich zu lassen.

insgesamt 9 Beiträge
lachina 12.03.2018
1. Anorexie ist ein Autonomieproblem
ich war lange Jahre magersüchtig und das bedeutete: Ich brauche niemanden, ich will niemanden - und ich brauche schon gar keinen Sex. Ich wollte eh kein Körper sein, sondern reiner Geist . Alles Körperliche war widerlich. [...]
ich war lange Jahre magersüchtig und das bedeutete: Ich brauche niemanden, ich will niemanden - und ich brauche schon gar keinen Sex. Ich wollte eh kein Körper sein, sondern reiner Geist . Alles Körperliche war widerlich. Männer, die auf so extrem dünne Mädels standen wie ich eines war, empfand ich als irgendwie abartig. Erst wenn man sich die eigene Autonomie erlkämpft hat, kann man überhaupt an eine Partnerschaft denken. - dann ist man schon wieder auf dem Weg der Gesundung. Einen Therapeuten, der mit mir über Sex hätte sprechen wollen, den hätte ich im besten Fall als inkompetent betrachtet.
dr.eldontyrell 12.03.2018
2. 1+1=2
Also für mich klingt es total plausibel, dass jemand, der seinen Körper im Grunde hasst, keine Beziehungen sexueller Art zu anderen Menschen aufbauen kann. Und ich wette mein spärliches Monatsgehalt, dass dieser Sachverhalt [...]
Also für mich klingt es total plausibel, dass jemand, der seinen Körper im Grunde hasst, keine Beziehungen sexueller Art zu anderen Menschen aufbauen kann. Und ich wette mein spärliches Monatsgehalt, dass dieser Sachverhalt auch auf andere Persönlichkeitsstörungen, die mit Selbsthass verbunden sind, zutrifft. Fallenlassen bedeutet ja, dass das Bewusstsein in diesem Moment völlig egal ist, man ist reiner Instinkt, Tier. Was nur klappt, wenn es einem egal ist, wie man dabei aussieht, riecht, was man für Laute von sich gibt, etc. Und das ist das genaue Gegenteil von Menschen, bei denen es sich krankhaft nur um die eigene Wahrnehmung dreht. Dass hormonelle Veränderungen ab einem gewissen Grad der Krankheit (Adipositas, Anorexie) das noch verstärken, ist auch nur logisch. Mit tun die Mädels leid, verpassen sie doch die schönste und aufregendste Entdeckungsfahrt der Welt.
heinrichhaine 12.03.2018
3. Wenn auch kein Trost...
...aber jede Sucht wirkt sich vermutlich negativ auf das Sexualleben aus. Sucht ist auch immer eine Art Flucht - Flucht vor anderen, Flucht vor der Realität, oder auch Flucht vor sich selbst. Als "Süchtige/r" strotzt [...]
...aber jede Sucht wirkt sich vermutlich negativ auf das Sexualleben aus. Sucht ist auch immer eine Art Flucht - Flucht vor anderen, Flucht vor der Realität, oder auch Flucht vor sich selbst. Als "Süchtige/r" strotzt man nicht gerade vor Selbstbewusstsein.
doitwithsed 12.03.2018
4.
Im Artikel wird es ja auch gesagt: Es nicht nur eine die psychologische Komponente. Der Körper ist bei serartiger Unterernährung im absoluten Notmodus und alle überflüssigen Funktionen auf das notwendigste reduziert. Dazu [...]
Im Artikel wird es ja auch gesagt: Es nicht nur eine die psychologische Komponente. Der Körper ist bei serartiger Unterernährung im absoluten Notmodus und alle überflüssigen Funktionen auf das notwendigste reduziert. Dazu gehört auch die Libido. Die wird einfach abgeschaltet und somit wird auch Sex nicht vermisst. Der Trieb ist einfach nicht mehr da.
ardbeg17 12.03.2018
5.
Was nicht zur Sprache kam: Sexualhormone werden im Fettgewebe gespeichert und sind somit bei mageren Menschen in geringerer Menge vorhanden. Dies dürfte die psychischen Beweggründe deutlich verstärken.
Was nicht zur Sprache kam: Sexualhormone werden im Fettgewebe gespeichert und sind somit bei mageren Menschen in geringerer Menge vorhanden. Dies dürfte die psychischen Beweggründe deutlich verstärken.
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