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Gesundheit

Ex-160-Kilo-Mann

Glücksmomente und echte Leidenschaft

Von seinem Wunschgewicht ist Micha Klotzbier noch immer weit entfernt. Deshalb erklärt er das Projekt "Micha halbiert sich" für beendet. Aber mit dem Training aufhören - kurz vor dem Triathlon? Kein Stück.

Micha Klotzbier

Klotzbier beim Schwimmtraining

Freitag, 25.08.2017   16:11 Uhr

Soll ich noch weiter abnehmen? Schaffe ich das überhaupt? Es gelingt mir ja nicht wirklich, weniger Kilos auf die Waage zu bringen. Seit Monaten pendelt die Anzeige um die 115 Kilo. Ich fühle mich nicht schlecht damit, aber ich habe ja mal angekündigt, unter die hundert Kilo zu kommen, mich zu halbieren. Und es nagte bislang an mir, dass ich nicht Wort gehalten habe.

Zur Person

Kann man mit 160 Kilo Marathon laufen? Eher nicht. Deswegen hat Michael Klotzbier abgespeckt - und es geschafft. 2016 startete er beim Berlin-Marathon. Seitdem verfolgt ihn allerdings der Lauf-Blues. Wo ist die Motivation geblieben?

Andererseits befinde ich mich aber doch in guter Gesellschaft: Erstmals gibt es auf dieser Welt mehr fettleibige Menschen als dünne. Ich liege voll im Trend der Zeit, bin einer von vielen, gehöre quasi zur breiten Masse. Ich bin en vogue - warum also was ändern?

Bislang wurden die Dicken ja immer belächelt. Verächtlich heißt es: Dick, doof, faul und gefräßig. Dick sein war - und ist - ein Makel. Habe ich neulich erst wieder erfahren. Der Ort des Geschehens: McDonalds (lacht nur!). Klar, eine Steilvorlage für das junge, schlanke Pärchen, das mich in meinen Sportsachen kritisch musterte. Aber jeden Samstagvormittag gehen wir nach dem Gruppentraining auf einen Kaffee dorthin und plaudern noch ein bisschen. Ich stehe da also in meiner kurzen Laufhose, Pulli und Laufschuhen, als sich das Pärchen mokiert: "Guck mal, der Dicke da. Tarnt sich mit Sportklamotten, um sich hier alibimäßig die Burger reinzuhauen. Geht gar nicht."

Ich steh da inzwischen drüber. Es macht mir nichts aus. Denn sowohl an diesem Morgen als auch in den letzten Wochen fand ich meine Bilanz gar nicht schlecht. Makellos sozusagen: Ich fahre jede Woche Rad, gehe schwimmen und laufen, habe im Sommer an etlichen Läufen und drei Radrennen teilgenommen. Ich habe den Reiz des Koppeltrainings "Rad plus Laufen" entdeckt, ich bin für den Frankfurt-Marathon am 29. Oktober voll im Training und werde vorher Achim Achilles beim Erkner-Triathlon abziehen.

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Neulich hat mich sogar mein Trainer gelobt, was er selten macht. Zumindest habe ich so etwas wie Lob herausgehört, als er meinte, dass ich die Intervalle hätte langsamer absolvieren sollen, als ich es getan habe.

Ja, ich mag für viele noch immer dick sein und nach der reinen Body-Mass-Index-Formel gelte ich noch immer als adipös. Tatsächlich aber fühle mich in meinem Körper momentan insgesamt ganz wohl. Der Sport ist im Alltag integriert und selbst das Essen kontrolliere ich ab und zu mit einer Ernährungs-App. Ich bekomme es schon gut hin, Portionen abzuschätzen und mich zu disziplinieren, wenn ich mal essensmäßig über die Strenge geschlagen habe. Dem stelle ich dann ausreichend Sport entgegen - ohne Zwang und auch nicht zur Gewissensberuhigung. Sondern ganz schlicht, weil ich es inzwischen kann. Die Zahl auf der Waage hat keinen großen Einfluss mehr darauf, ob ich gut oder schlecht gelaunt bin.

Micha Klotzbier

Was habe ich in den vergangenen drei Jahren von den Leuten nicht alles gehört, weshalb ich zu dick sei. Es liegt an den Genen, behaupten die einen. Alles eine Frage der Disziplin, meinen die anderen. Negative Energiebilanz hier, Darmflora dort. Muskelmasse, Bauchfett, Fettverbrennung, Zuckerstoffwechsel, Belohnungssystem.

Die einen raten: Iss wie in der Steinzeit. Die anderen: Werde Vegetarier, mindestens! Und ich habe tatsächlich vieles gemacht und ausprobiert, war tief drin im Dschungel der Ratgeber, Ernährungstipps, Richtlinien, Quoten, Empfehlungen.

Angekommen bin ich schließlich an einer Kreuzung, an der ich den richtigen Weg wählen musste. Ich bin die letzten drei Jahre vielen Hinweisschildern gefolgt, die mich nicht wirklich ans Ziel brachten, aber genau auf diesen Weg - den Weg zu mir selbst. Was will ich wirklich? Was genügt mir? Was macht mich zufrieden und glücklich?

Ich weiß, dass ich nie mehr 160 Kilo wiegen möchte, weil es mich unglücklich gemacht hat. Auch keine 130 oder 120. Auch 115 Kilo machen mich nicht zufrieden. Aber sie sind gar nicht so weit weg von meinem Wohlfühlbereich. Vielleicht schaffe ich tatsächlich, mal weniger als hundert Kilo zu wiegen, aber womöglich machen mich die dafür nötigen Umstände unglücklich. Ich weiß es nicht.

Ich laufe mehrmals die Woche, was zunächst nur Mittel zum Zweck war - schließlich hatte ich eine Marathon-Wette zu erfüllen. Inzwischen habe ich beim Laufen Glücksmomente. Vielleicht entwickelt sich auch aus der Triathlon-Wette mit Achim Achilles eine neue Leidenschaft.

Ein Beitrag geteilt von Micha Klotzbier (@micha_klotzbier) am

Es ist ein ständiges Ausprobieren, neugierig und aufmerksam sein - beim Essen, beim Sport. Den Ballast, der mich lange Zeit daran gehindert hat, habe ich abgeworfen. Ich habe - bei allen Herausforderungen des Lebens - eine Leichtigkeit erreicht, die nichts mehr zu tun hat mit meinem eigentlichen Ziel, 80 Kilo wiegen zu wollen. Das Projekt "Micha halbiert sich" ist passé.

Wie es mit Michael Klotzbier weitergeht, lesen Sie in regelmäßigen Abständen auf SPIEGEL ONLINE und auf Michas Abnehmblog.

insgesamt 26 Beiträge
ineskind 25.08.2017
1.
Mach Sport und rede nicht immer darüber.So wichtig sind zu viele Kilos nicht.
Mach Sport und rede nicht immer darüber.So wichtig sind zu viele Kilos nicht.
Worldwatch 25.08.2017
2. Big five, Gratulation Micha!
Dranbleiben! Du bist juut!! Und, für Schwimmer, jedenfalls die Harten, die Freischwimmer, ein Troesterchen; n'bueschen Fett op de Rippen, hält länger warm und fitt beim Schwimmen. Wissen alle Robben!
Dranbleiben! Du bist juut!! Und, für Schwimmer, jedenfalls die Harten, die Freischwimmer, ein Troesterchen; n'bueschen Fett op de Rippen, hält länger warm und fitt beim Schwimmen. Wissen alle Robben!
blueberryhh 25.08.2017
3. na ja...
wenn nix mehr hilft, dann redet man sich das Elend eben schön...
wenn nix mehr hilft, dann redet man sich das Elend eben schön...
mimamausebär 25.08.2017
4. Redaktionelle Dissonanz
Warum muss Micha eigentlich für einen Triathlon trainieren? Weiter oben auf der Startseite lese ich noch, er müsste seinen Körper einfach nur akzeptieren und ein gesellschaftliches Umdenken fordern. Die Mr.-Mollig-Goldmedaille [...]
Warum muss Micha eigentlich für einen Triathlon trainieren? Weiter oben auf der Startseite lese ich noch, er müsste seinen Körper einfach nur akzeptieren und ein gesellschaftliches Umdenken fordern. Die Mr.-Mollig-Goldmedaille hat er dann so gut wie in der Tasche, plus Modelvertrag. Hier gibt's ja auch noch einen Kommentarbereich.
spon-41d-frm9 25.08.2017
5. Tolle Leistung
man muss dem Körper auch Zeit geben. Es hat ja auch eine Weile gedauert bis die Kilos drauf waren. Einfach mal ne Abnehmpause machen, und unbedingt mit dem zufiedensein was man erreicht hat. 45kg ist immerhin ein kleiner [...]
man muss dem Körper auch Zeit geben. Es hat ja auch eine Weile gedauert bis die Kilos drauf waren. Einfach mal ne Abnehmpause machen, und unbedingt mit dem zufiedensein was man erreicht hat. 45kg ist immerhin ein kleiner Mensch, der da abgenommen wurde. Das ist wirklich großartig!!!! Gratulation!!!!

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