Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit

Nach Berlin-Lauf

Klotzbiers Blues nach dem Marathon

Der Traum ist gelebt. Micha Klotzbier, der Ex-160-Kilo-Mann, hat den Berlin-Marathon geschafft. Jetzt steckt er in einem Tief. Kann er sich noch mal motivieren?

Jasmin Bühler

Micha Klotzbiers Entspannungsübungen gegen das Marathon-Loch

Mittwoch, 21.12.2016   08:57 Uhr

Ist das jetzt schon eine Winterdepression oder bin ich noch im Nach-Marathon-Loch? Seit einigen Wochen habe ich keine Kraft mehr. Als hätte man mir den Stecker gezogen.

Schon wenn ich morgens in der winterlichen Dunkelheit aufwache, habe ich schlechte Laune. Und das Schlimmste: Ich kann nicht sagen, warum. Mein Kopf sagt, ich soll stolz auf mich sein, und das bin ich auch. Wenn ich daran denke, wie ich vor eineinhalb Jahren nicht mal in die Badewanne gepasst habe, komme ich mir vor wie eine super-fitte und mega-schlanke Version meiner selbst. Aber irgendwie baut mich das momentan nicht mehr auf.

"Das Loch nach dem Marathon kommt ganz sicher", haben alle gesagt. "Abwarten", habe ich in Gedanken geantwortet. Ich würde einfach um das Loch herumtänzeln, das war mein Vorhaben. Noch fast einen Monat nach meinem freudestrahlenden Zieleinlauf war ich total high. Nix von Tief oder Loch oder Wand. Ich habe mich so ausgeglichen wie noch nie gefühlt.

Aber dann ging es einfach nicht weiter. Die Aufmerksamkeit wurde weniger, der Winter rückte näher. Ja, ich laufe noch regelmäßig - die Routine habe ich beibehalten. Ich bewege mich noch.

Ein von Micha Klotzbier (@micha_klotzbier) gepostetes Foto am

Aber meinen ganz großen Lebenstraum habe ich erreicht. Wenn das Ziel hinter einem liegt, wohin soll man dann laufen?

Du brauchst eine neue Herausforderung, sagen alle. Mein Kopf sagt ja, klar, sicher, gerne. Aber mein Körper kommt nicht aus dem Ruhemodus raus.

Ich habe es mit einem Trick versucht. Öffentlicher Druck - das hat doch bislang auch so gut geklappt. Eine neue Wette. Ich habe mich während des Achim-Achilles-Podcasts weit aus dem Fenster gelehnt und mich auf eine Triathlon-Wette eingelassen.

Wenn ich gegen Achim in einem Triathlon gewinne, muss er sich etwas auf den Hintern tätowieren lassen. Etwas, was ich aussuchen darf. Ha! Das Blöde ist nur: Wenn ich verliere, naja, dann trage ich bald das Achilles-Logo auf dem Po. Und ich habe noch nie Triathlon gemacht. Ich hoffe, dass Achim seinen eigenen Podcast nicht hört und diesen Text hier nicht liest. Angeblich trainiert er bereits dafür. Aber das halte ich für ein Gerücht.

Ich bräuchte jemanden, der mich anschiebt, mich pusht, wie es heutzutage heißt. Ein Fitness-Guru wäre gut. Gleichzeitig weiß ich, dass ich gerade einfach leer bin. Vielleicht muss das auch so ein. Hoffentlich ist das nur eine Phase, eine kurze Phase.

Neues Jahr, neues Glück

Ein paar Ausreden lasse ich für mich aber auch gelten. Es ist ständig dunkel, kalt und nass. Und ich habe mir die Auszeit auch verdient. Schließlich habe ich eineinhalb Jahre fast ohne Pause Gas gegeben. Ich sehne mich nach dieser Zeit. Es war aufregend, spannend und befriedigend - aber eben auch anstrengend. Das merke ich erst jetzt.

Immerhin schaffe ich durch das regelmäßige Laufen, mein Gewicht einigermaßen zu halten. Auch wenn die Unter-100-Kilo-Grenze wieder ein Stück weiter weg rückt. Süßigkeiten hier, Plätzchen da, Glühwein, Dominosteine. Ich bin zwar neuerdings ein Marathon-Finisher, aber eben auch Genießer, und das bin ich schon mein Leben lang.

Ich habe viele Tipps bekommen, wie ich mit meiner Antriebslosigkeit und schlechten Laune umgehen soll. Unmengen an Anleitungen, wie man aus einem Marathon-Blues rauskommt, habe ich gelesen. Mentalcoaching, Yoga, sowas. Ich bin offen dafür. Aber langsam habe ich das Gefühl, dass das einfach eine Zeit ist, durch die ich hindurch muss.

Meine Hoffnung: Dass es so läuft wie im vergangenen Winter. Da hatte ich auch schon ein Tief und dann ging es auch wieder voran. Bald ist 2017. Neues Jahr, neues Glück. Bis dahin habe ich bestimmt meine guten Vorsätze gefunden. Und wenn nicht, gibt's eben ein neues Tattoo.

Wie es mit Michael Klotzbier weitergeht, lesen Sie in regelmäßigen Abständen auf SPIEGEL ONLINE und auf Michas Abnehmblog.

SPIEGEL TV Magazin (25.09.2016)

insgesamt 18 Beiträge
g3cd 21.12.2016
1.
Sie können sich Laufschuhe mit Spikes kaufen (von Icebug), dann gibt es im Winter keine Ausrede mehr. Oder sich einen neuen, tollen Marathon aussuchen, auf den Sie sich freuen können: Big Sur an der Pazifikküste entlang, die [...]
Sie können sich Laufschuhe mit Spikes kaufen (von Icebug), dann gibt es im Winter keine Ausrede mehr. Oder sich einen neuen, tollen Marathon aussuchen, auf den Sie sich freuen können: Big Sur an der Pazifikküste entlang, die Northern Marathons durch die Mitternachtssonne oder der Marathon du Medoc, wo es über alle Weingüter bei Bordeaux geht, mehr Rotwein als Wasser gibt und bei km 35 Austern (!).
Newspeak 21.12.2016
2. ...
Ich bin zwar neuerdings ein Marathon-Finisher, aber eben auch Genießer, und das bin ich schon mein Leben lang. Man sollte sich den "Genießer" nicht einreden, in 8 von 10 Fällen ist man Dinge aus Gewohnheit, weil [...]
Ich bin zwar neuerdings ein Marathon-Finisher, aber eben auch Genießer, und das bin ich schon mein Leben lang. Man sollte sich den "Genießer" nicht einreden, in 8 von 10 Fällen ist man Dinge aus Gewohnheit, weil es das Angebot gibt, weil man einen schwachen Moment hat, weil man sich falsche Vorstellungen über den tollen Geschmack macht. Merke ich selber bei mir. Die Tüte Chips gekauft, weil man mal wieder richtig Lust danach hatte, die ersten paar Chips erfüllen das Versprechen, die nächsten isst man aus Reflex, die letzten sind, wenn man in diesem Moment wirklich mal ehrlich sich selbst befragt, ungenießbar. Was stopft man da gerade in sich hinein, ist dann eher die Frage. Wenn man wirklich wissen will, ob man Genießer ist, sollte man sich im Moment des Genusses mal beobachten. Isst man wirklich nur ein Stückchen Schokolade, oder gleich die halbe Tafel? Isst man langsam, konzentriert, achtet man auf die Aromen, nimmt man den Moment wahr, oder schlingt man? Kann man dann leicht wieder aufhören, oder nicht? Wer das Essen wirklich intensiv wahrnimmt, wenig und langsam isst, und dann auch wieder aufhören kann, DER ist ein Genießer. Und was das Motivationsloch betrifft. Verständlich. Aber die Kunst ist nicht, sich sofort ein neues Ziel zu suchen, sondern auch mal längere Zeit ohne Ziel zu leben. Das ist nämlich, anders als uns der Optimierungswahn einreden will, der Normalfall. Die allermeisten Menschen haben keine Ziele, jedenfalls nicht so gut definiert und konkret, wie z.B. die Sache mit dem Abnehmen und dem Marathon. Eher allgemein. Wenn man immer neue Ziele findet und die abarbeitet, schön und gut, aber man sollte mal wirklich zufriedene bzw. glückliche Menschen betrachten. Das sind oft die, die gerade keinem Ziel hinterherrennen, nichts (mehr) anstreben, zufrieden sind, mit dem, was sie erreicht haben. Man kann es vielleicht so sehen...das Abnehmen, der Marathon, die großen Ziele, das sind die Ausnahmen, die seltenen Ereignisse...das Gewichthalten, das Sich-Bewegen, ohne Marathon, die kleinen Ziele...das ist der Alltag und das Erstrebenswerte. Ein neues "großes Ziel" lenkt nur von diesem Alltag und den Alltagsherausforderungen ab.
meister_proper 21.12.2016
3. Den Winterblues haben viele...
Jetzt nicht aufgeben und nicht in den alten Trott fallen. Wenn's mit dem Laufen mal nicht so klappt (Wetter, Knochen, etc. - ich kann wegen der Gelenke nicht joggen): Sit-Ups! Bauchmuskeltraining hilft auf zweierlei Weise: erstens [...]
Jetzt nicht aufgeben und nicht in den alten Trott fallen. Wenn's mit dem Laufen mal nicht so klappt (Wetter, Knochen, etc. - ich kann wegen der Gelenke nicht joggen): Sit-Ups! Bauchmuskeltraining hilft auf zweierlei Weise: erstens wird der Bauch flacher und zweitens wird man in der Folge schneller satt. Ist wie 'ne Magenverkleinerung ohne OP. Wenn ein kompletter Sit-Up nicht klappt (wg. zu schwerem Oberkörper), dann erst mal nur halb aufsetzen und das eine Weile halten. Nichts übers Knie brechen. Ich hab einige Jahre daran gearbeitet wieder mein Zielgewicht zu erreichen. Was auch sehr gut hilft, ist den Alkohol wegzulassen. Finde ich persönlich einfacher als auf Süßkram zu verzichten :-D
Cobalt60 21.12.2016
4. nicht so kritisch
Hallo Micha, geht mir jedes Jahr so, inzwischen zelebriere ich die "Gammelzeit" richtig. Im Januar beginnt ein neuer Trainingsplan und dann geht´s , bis auf kurze Pausen, durch bis Oktober. Gib Körper und Geist Zeit, [...]
Hallo Micha, geht mir jedes Jahr so, inzwischen zelebriere ich die "Gammelzeit" richtig. Im Januar beginnt ein neuer Trainingsplan und dann geht´s , bis auf kurze Pausen, durch bis Oktober. Gib Körper und Geist Zeit, sich zu regenerieren. ;o)
lady_amanda 21.12.2016
5. Triathlon
Das ist kein schlechter Ansatz. Ich mache es auch so. Wenns hyper langweilig wird ändere ich die Sportart. Und im Winter gehe ich grundsätzlich ins Freibad und ziehe Bahnen. Das Erlebnis im dampfenden Wasser bei Nacht ist [...]
Das ist kein schlechter Ansatz. Ich mache es auch so. Wenns hyper langweilig wird ändere ich die Sportart. Und im Winter gehe ich grundsätzlich ins Freibad und ziehe Bahnen. Das Erlebnis im dampfenden Wasser bei Nacht ist wundersam und schön. Lass uns nächstes in Istanbul trefen um den den Bosporus zu durchschwimmen. Deal? Ich wiege übrigens auch 110kg. :) Läuft.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP