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Gesundheit

Achilles' Classics

Der Kaffee drückt, die Kälte zieht

Morgens laufen könnte so schön sein - wenn nur der Druck auf der Blase nicht wäre. Achim Achilles wittert eine Verschwörung der Körperteile.

DPA

Jogger in Hamburg

Dienstag, 13.02.2018   16:45 Uhr

Achilles-Klassiker

In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2009.

Von den vielen Problemen, die zwischen mir und einem sportlichen Erfolgserlebnis liegen, ist das größte ein Hohlorgan mit einem guten Liter Fassungsvermögen. Nein, nicht das Hirn, ich bin ja kein Walker. Es ist ist Vesica Urinaria, eine tückische Dame.

Dieser Speichersack ist einfach nicht belastbar, er winselt schon nach 300 Millilitern um Entleerung, auch wenn noch Platz für fast zwei Halbe ist. Der Beutel namens Harnblase ist fast in der geografischen Mitte des Läufers angebracht, ein physiologisches Bebra und insofern ein steter Quell von Peinlichkeit und Ungemach.

Bestialischer Druck

Der gute Vorsatz des neuen Jahres, öfter mal morgens zu laufen, steht dank Vesica unter bestialischem Druck. Denn ein Fitness-Programm vor dem Frühstück funktioniert nur mit Hilfe von Drogen. Ich röchele mit dem italienischen Kaffeekraftwerk um die Wette, ringe dem Nullautomaten einen Espresso ab und kippe einen Schluck Milch dazu, was blasenstandsmäßig keine 100 Milliliter bedeutet. Vor lauter Entleerungsangst trinke ich den Kaffee auf dem Klo.

Draußen dann der Schockmoment: männlicher Unterleib, nur geschützt von einem Hauch Funktionsfaser, wird von Kaltluft schockgefroren. Erster gefühlter Druck, völlig grundlos. Offenbar liegt eine Körperverschwörung vor. Die Wade flüstert zur Blase: "Heute lassen wir ihn wieder mal ins Grüne springen, am besten noch im eigenen Vorgarten." Sagt die Blase prustend: "Vielleicht kriegen wir ihn ja noch im Treppenhaus." Die Wade nickt begeistert. Und ich lege einen im Biorhythmus nicht vorgesehenen Sprint ein, um es wenigstens bis zum ersten Baum zu schaffen.

In Angeberkneipen wie dem "Schumann's" in München bekommen Stammgäste eine Messingtafel an ihrem Tresenplatz montiert. Ich bin auch Stammgast. Würde ich bei jedem Baum, den ich in meinem Läuferleben wässerte, so eine Tafel anschrauben, käme zur Finanz- noch eine weltweite Messingkrise hinzu. Zumal winterlicher Wasserabschlag mit einer Sondergröße belohnt werden müsste.

Zum Glück ist kein Wind

Denn Pinkeln bei Minusgraden ist auch psychologisch eine Tortur. Der Auslassstutzen scheint sich am einem solchen Wintermorgen nach innen ziehen zu wollen. Wahrscheinlich kollaboriert der Kerl nicht nur mit der Wade, sondern auch noch mit anderen Körperteilen; er verkriecht sich jedenfalls. Die Kunst besteht darin, nicht auf die Schuhspitzen zu tröpfeln, sondern dazwischen. Zum Glück ist kein Wind.

Zurück auf die Strecke. Laufen ist zwar keine reine Freude um die Tageszeit, aber immer noch besser als Freiluft-Pinkeln.

Vesica hat natürlich größte Freude daran, sich nie vollständig zu entleeren. Der Kaffee drückt zusätzlich. Und die Kälte zieht. Keine 500 Meter später meldet sich Bebra schon wieder. Wenn man ganz leise ist, kann man die Blase kichern hören. Und die Wade prusten. Ich drohe beiden mit Organspende. Ist ihnen aber egal.

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Ich habe schon alles versucht beim Harnkampf, 48 Stunden konsequente Dehydrierung zum Beispiel. Die Lippen bröseln zwar weg vor Dürre, aber in der Blase lagern immer noch genug Vorräte, um mich zu quälen. Wahrscheinlich leide ich an gefühltem Harndrang. Eigentlich meldet sich die Blase gar nicht, aber ich bilde es mir ein. Im Ergebnis ist es allerdings das gleiche: Ich könnte schon wieder.

Aber diesmal lasse ich mich nicht kleinkriegen. Ich ziehe die Eingeweide bis unter den Rippenbogen und laufe einfach weiter. Doch die Blase lässt sich nicht unterkriegen. Sie will den Machtkampf. Na gut, lege ich mich also noch mal in die Kurve und biege ins Grün. "Drop on wood" - wer hat das noch mal gesungen? Eddie Floyd? Wird Zeit für einen Remix. Mit einer Klospülung als Intro.

Faszinierend, wie langsam man laufen kann, wenn man pausenlos an Bäumen herumlungert. Morgen werde ich meine Blase in die Knie zwingen, garantiert.

insgesamt 1 Beitrag
pamhalpert 13.02.2018
1. die weibliche blase...
fasst ja meines wissens nach etwas mehr als die männliche. Ich habe das Problem jedenfalls so gut wie nie, auch nicht bei morgendlichen läufen. es mag aber auch einfach mehr Psychologie sein, so einfach an den baum pinkeln ist [...]
fasst ja meines wissens nach etwas mehr als die männliche. Ich habe das Problem jedenfalls so gut wie nie, auch nicht bei morgendlichen läufen. es mag aber auch einfach mehr Psychologie sein, so einfach an den baum pinkeln ist als frau schließlich etwas schwieriger. der kopf weiß "ich kann jetz nicht" ergo meint die blase, sie will jetzt nicht.

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