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Gesundheit

Missionarische Veganer

Der Irrglaube

Noch dürfen Menschen fast alles essen, was sie möchten. Doch viele Veganer scheint genau das zu plagen, klagt unser Autor Arno Frank. Warum sonst sollten sie Andersdenkende mit missionarischem Eifer verfolgen?

Getty Images/ Westend61
Samstag, 04.08.2018   12:01 Uhr

Jain müsste man sein. Die "Luftgekleideten" tragen Mundschutz, damit sie nicht versehentlich eine Mücke verschlucken. Mönche kehren mit einem weichen Besen den Weg vor sich, damit sie keine Ameise zertreten. Für die Angehörigen dieses hinduistischen Glaubens ist alles, was lebt, beseelt. Und was beseelt ist, das tötet man nicht. Das beutet man auch nicht aus. Weshalb ein echter Jain auch die Finger von Eiern und Honig lässt.

Ein indischer Jain könnte vermutlich mehrere Monate in einer komplett veganen Gesellschaft der näheren Zukunft leben, in Prenzlauer Berg oder Williamsburg, bevor er als Angehöriger einer Religion auffallen würde, die so alt ist wie die "Ilias" des Homer - und das vermutlich auch nur, weil das offizielle Symbol des Jainismus ein Swastika ist. Schließlich ist auch der Veganismus, zumindest in seiner ethischen Ausprägung, eine säkulare Religion unserer Zeit. Ein Veganizismus, sozusagen.

Eine Religion, kein Glaube. Der Glaube ist nur eine Gewissheit, die eher dem Gefühl als dem Belegbaren folgt. Lebten wir alle in einer komplett veganen Gesellschaft, dann lebten wir in einer besseren Welt. Es wäre besser für unsere Gesundheit, für andere Menschen, für die Tiere, für das Klima. Das ist kein diffuses Gefühl. Sondern Tatsache auf einem abgegrasten Planeten. Wer hierauf reagieren wollte, wäre mit vegetarischer Ernährung eigentlich auf der sicheren Seite. Nicht so der Veganer. Dem geht es ums Prinzip. Er ist "holier than thou" und will auf der Seite des Guten stehen.

An der Grenze zum Heiligtum

Der Veganismus ist, wie jede Religion, der Glaube einer Gemeinschaft an etwas Höheres, das ans Heilige mindestens grenzt. "Leben und leben lassen", wie der Jain sagt - der übrigens keinen Gott kennt und sich allein auf sein persönliches spirituelles Fortkommen konzentriert. Nun ist Religion ohne Lehre nicht zu haben. Im Veganismus ist das ein überschauberer und ganz konkreter Katalog von Geboten und Verboten.

Diese kanonische Sammlung von Regeln betrifft zwar primär die Ernährung, strahlt allerdings von dieser dann doch elementaren Angelegenheit ab in alle anderen Lebensbereiche. Weshalb Veganismus nicht einfach eine "Gewohnheit" oder gar "Macke" ist, sondern ein Lifestyle. Wer Tier vermeidet, sieht Tier überall. Wer nach Mandelmilch für den Kaffee sucht, muss oft durch die Servicewüste gehen. Am Ende wartet ein höheres Bewusstsein. Darin sind sich die fundamentalistischen und die gemäßigten Anhänger dieser sehr jungen Religion einig.

Nach Slavoj ZizŽŽžžek hat jede Ideologie zwei Seiten. Hier die Gesamtheit der Werte, die uns die Gesellschaft als alternativlos und wunderbar verkauft. Dort deren dunkle Seite, beispielsweise die Ausbeutung von Tieren, Ackerflächen, Menschen. Der Veganer erkennt das kapitalistische Trugbild, verzichtet in einem utopischen Akt auf Nutella, Streichkäse, Frühstücksei - und gelangt so zur "Jouissance", dem wahren Genießen.

Ewiges Leben, besserer Sex?

Nichts anderes meint beispielsweise Bernd Ulrich, wenn er im aktuellen "Zeit Magazin" schwärmt: "Mittlerweile ist das Frühstück für mich ein Fest: geschrotetes Getreide, nachts eingeweicht, köstlicher Joghurt aus Kokosmilch, frische Früchte, gehackte Nüsse, vielleicht zwei getrocknete Datteln, ein Schluck Leinöl", und da möchte man sich doch sofort mit an den Tisch setzen und tüchtig reinlangen, pardon, genießen - jedenfalls nicht fragen, was das kostet. Wobei auch dieser Aspekt sich erledigt haben wird, wenn die wachsende Nachfrage erst die Angebote für Kokosmilch in den Keller getrieben hat.

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Wer sich vegan ernährt, lebt vielleicht nicht das richtige Leben im falschen. Er versucht es aber wenigstens. Und hat offensichtlich Spaß dabei. Und tolle Cholesterinwerte. Er wird ewig leben. Und dabei besseren Sex haben!

Und als wäre das nicht schon schlimm genug, fordert er Rücksicht und Entgegenkommen. Wer's am Grillabend gerne halal, koscher oder vegan hätte, der nervt. Und nervt umso mehr, als er sich dabei auch noch weigert, einen freudlosen und abgehärmten Eindruck zu machen. Als Fleischesser bekommt man allmählich eine Ahnung davon, warum Anhänger der antiken Götter diese Urchristen so gerne ans Kreuz genagelt haben. Dieses aufreizende Grinsen, diese Seligkeit!

Zumal, und hier kippt's, auch Veganer gerne in den Urlaub fliegen, SUV fahren, aus Versehen doch mal Schuhe aus Leder tragen - kurzum: ihre eigenen Gebote nicht immer mit der mönchischen Strenge befolgen, die wir ihnen insgeheim neiden. Mein Bruder betreibt den Veganismus als eine spirituelle Variante der Selbstoptimierung, wird von Jahr zu Jahr jünger und trug bei seinem letzten Besuch ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Post Milk Generation". Dennoch erlaubt er sich "hin und wieder" ein Snickers oder ein Kinder Bueno.

An einem Satz wie "Ich bin Veganer!" erkennt man den Extremisten, der seine schrulligen Ernährungsgewohnheiten zur Identität hochgejazzt hat und dafür Applaus erwartet, Applaus oder das Kreuz. Den Gemäßigten erkennt man an Sätzen wie "Ich ernähre mich möglichst vegan!", weil er sein Hadern mit den Umständen und die Möglichkeiten seines Scheiterns bereits reflektiert hat.

Wer mit sich und seiner Religion wirklich im Reinen ist, der missioniert nicht. Leben und leben lassen, mit Betonung auf lassen. Jain müsste man sein. Je älter die Religion, desto entspannter ist sie auch.

Video: Besser essen ohne Zwang - Die neuen Veganer

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 240 Beiträge
Herr Knigge 04.08.2018
1. Sehr schwieriges Gebiet!
Wo anfangen und wo aufhören? Eigentlich sollte man Fruktarier sein - nur was bereits am Boden liegt, darf verzehrt werden. Das wäre konsequent - und gleichzeitig der Gipfel der Unvernunft, weil das Leben nur noch aus [...]
Wo anfangen und wo aufhören? Eigentlich sollte man Fruktarier sein - nur was bereits am Boden liegt, darf verzehrt werden. Das wäre konsequent - und gleichzeitig der Gipfel der Unvernunft, weil das Leben nur noch aus Nahrungssuche bestehen würde. Diese komische Idee eine willkürliche Grenze zwischen mobilen Lebewesen (Tiere) und immobilen Lebewesen (Pflanzen) zu ziehen ist jedenfalls wieder einmal typisch. Ich sehe da jedenfalls keinen grossen Unterschied. Wir sind nun einmal Alles-Fresser, genau wie viele andere Tiere - die einen ernähren sich nur vom immobilen Lebewesen, die anderen nur von mobilen und manche von beidem. Aus meiner Sicht kann man nur versuchen zu reduzieren, Verschwendung zu vermeiden, gut produziert zu kaufen - da setzt der Geldbeutel der Verschwendung dann eh die Grenzen. Geschrieben von einem Flexitarier (wo ist das Wort eigentlich im Artikel?) mit fleischfressender Katze (die konnte ich leider nicht verhindern).
FrankZimmermann 04.08.2018
2. Andersrum wird ein Schuh draus
Lustigerweise ist es meistens aber genau andersrum, da wird der Grillabend mit möglichst viel FLEISCH zu einer spirituellen Messe hochstilisiert (siehe auch u.a. Edeka-Werbung) und jedem Vegetarier erzählt, wie toll doch FLEISCH [...]
Lustigerweise ist es meistens aber genau andersrum, da wird der Grillabend mit möglichst viel FLEISCH zu einer spirituellen Messe hochstilisiert (siehe auch u.a. Edeka-Werbung) und jedem Vegetarier erzählt, wie toll doch FLEISCH ist. Da geht der missionarische Eifer deutlich stärker vom Fleischesser aus. Aber bei den meisten Vegetarieren/Veganern bekommt man es ja häufig gar nicht mit, daß sie Vegetarier/Veganer sind, da sie das für sich entscheiden haben und alle anderen damit in Ruhe lassen. Die aggressiven Veganer sind da eher die Ausnahme (und zahlenmäßig den aggressiven Fleischessern deutlich unterlegen).
hup 04.08.2018
3. Wirklich ein Problem?
Es mag sie geben, die Missionare, und dann fallen sie gleich so unangenehm auf, dass man das gut im Gedächntis behält, aber die Wahrheit ist: Das ist nur eine kleine extreme Minderheit wie es sie überall gibt. Die meisten [...]
Es mag sie geben, die Missionare, und dann fallen sie gleich so unangenehm auf, dass man das gut im Gedächntis behält, aber die Wahrheit ist: Das ist nur eine kleine extreme Minderheit wie es sie überall gibt. Die meisten Veganer - und alle die ich unter meinen Freunden habe - und das sind nicht wenige, sind alles andere als missionarisch und akzeptieren sogar wenn sie Auswärts oder bei Freunden essen, dass ein Essen mal nur vegetarisch ist und nicht komplett vegan, ohne darum ein grosses Gewese zu machen. Wenn sie es selbst kontrollieren können essen sie natürlich Vegan. Ich glaube die meisten nicht-veganer projezieren ihr schlechtes Gewissen bezüglich der Umweltbelastung und der tatsächlichen moralischen Fragwürdigkeit des Fleisch essens (vor allem wenn nicht bio) auf die Veganen und hassen sie, selbst wenn sie nicht aktiv missionieren, denn sie erinnern Fleischesser immer an ihr potenzielles moralisches Defizit. Und diese Negativität, dieses Defizitäre dreht man dann um und wirft Veganen vor, dass sie es dauernd einem selbst vorwerfen - auch wenn sie es gar nicht wirklich tun. Ach ja: Ich esse Fleisch, und ich habe ein ziemlich utilitaristisches Verhältnis zu Nutztieren (wenn ich auch will, dass sie artgerecht gehalten und nicht von der Wiege zur Wursttheke gefoltert werden um Profit zu machen). Wenn man das offen vertritt, dann wird es auch oft akzeptiert vom veganen Gegenüber, bzw. zumindest selten auf einem persönlichen Level diskutiert.
blauerapfel 04.08.2018
4. Jain sind Jain, Hindu sind Hindu
Jain sind keine Hindu. Jainismus, Buddhismus und Hinduismus sind vergleichbar mit Christentum, Judentum und Islam: alle drei haben eine gemeinsame Wurzel, sind aber eigenständige Religionen.
Jain sind keine Hindu. Jainismus, Buddhismus und Hinduismus sind vergleichbar mit Christentum, Judentum und Islam: alle drei haben eine gemeinsame Wurzel, sind aber eigenständige Religionen.
michael_gumnor 04.08.2018
5. Veganismus ist eine Lebensweise
Guten Tag! Es freut mich, dass in ihren drei Artikeln zum Thema Veganismus eine Entwicklung in Richtung besseres Verständnis zu entdecken ist. Der erste Artikel mit der Kita war unterirdisch, der mittlere auch nicht so gut, aber [...]
Guten Tag! Es freut mich, dass in ihren drei Artikeln zum Thema Veganismus eine Entwicklung in Richtung besseres Verständnis zu entdecken ist. Der erste Artikel mit der Kita war unterirdisch, der mittlere auch nicht so gut, aber in dem letzten, aktuellen, den ich jetzt grade kommentiere, kommen wir Veganer ja fast gut weg. Nur ist es keine Religion oder so etwas ähnliches, es ist eine Lebensweise. Man glaubt auch nicht, man weiß, dass man Gutes tut. Bei mir ist es so, dass die Lebensmittel, seit sie vegan sind, zu mir sprechen. Sie erklären mir die Welt aus der Sicht der Pflanzen, der Tiere und eben der Welt selbst. Ich bin vereint mit allen Lebewesen. Ich bin eins mit der Welt und dem Universum. Ich bin ein neuer, besserer Mensch geworden, seitdem ich vegan lebe. Ich kann es nur jedem empfehlen. Ich selber habe eine Transformation erlebt. Etwas hat die Gewalt über mein Bewusstsein übernommen und mich mit Zwang in diese Richtung gelenkt, in der ich jetzt lebe. Im Moment spüre ich wie die Pflanzen, die ich verspeist habe, mir mein Leben diktieren. Sie, die Pflanzen, sind Teil einer Ökodiktatur durch den Planeten. Der Planet ist auch ein Lebewesen. Er leidet etwas unter den Menschen und will sie in eine bessere Richtung lenken. Der Kapitalismus wird abgelöst werden durch ein neues Vegansystem. Die Rettung wird kommen. Man muss nur etwas warten. Es ist schade, dass in der Zwischenzeit Milliarden Tiere sterben müssen. Aber ich bin auch nur einer mit allem verbundener Mensch. Das alles ist kein Glaube, den man anderen aufzwingen will, sondern das Wissen über einen besseren Lebensstil. Man ist so wütend, weil man die Tiere nicht leiden und sterben sehen kann. Man ist die Tiere. Wir sind sie und wir spüren ihr Leiden ganz konkret selbst.
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