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Gesundheit

Kinder in Syrien

"Das Ausmaß des Leidens ist beispiellos"

Sie werden als Soldaten, Gefängnisaufseher oder Attentäter missbraucht, Hunderte sterben. Ein Unicef-Bericht zeigt, wie viele Kinderleben der Konflikt in Syrien zerstört.

AFP

Kinder in Aleppo

Montag, 13.03.2017   16:58 Uhr

Das Leiden der Kinder in Syrien hat 2016 ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef. 652 Kinder seien in dem Bürgerkrieg im vergangenen Jahr umgekommen, 20 Prozent mehr als im Jahr davor, berichtet die Organisation.

Mindestens 2,8 Millionen Minderjährige leben demnach in Gebieten, die schwer zu erreichen sind. 850 oder noch mehr Kinder seien zum Kriegsdienst herangezogen worden, so der Bericht. Einige müssten an die Front, wo sie als Gefangenenaufseher oder Selbstmordattentäter missbraucht werden.

"Das Ausmaß des Leidens ist beispiellos", sagt Geert Cappelaere, Unicef-Direktor in der Region. "Jedes der Kinder ist fürs Leben gezeichnet, und das hat furchtbare Folgen für seine künftige Gesundheit und sein Wohlergehen."

Sechs Millionen Kinder auf humanitäre Hilfe angewiesen

Im Überlebenskampf müssten Kinder in mehr als zwei Dritteln der Familien mitarbeiten, um den Familienunterhalt zu sichern, so der Bericht weiter. Manchmal sähen Eltern sich gezwungen, ihre noch minderjährigen Kinder zu verheiraten.

Viele Regionen seien nicht zugänglich und verlässliche Informationen nicht zu bekommen, schränken die Autoren ihre Ergebnisse ein. Womöglich liegen die Zahlen der betroffenen Kinder deshalb noch höher. Viele Kinder seien zudem an Krankheiten gestorben, die ohne den Bürgerkrieg hätten behandelt werden können, berichtet Unicef.

Nach Angaben des Kinderhilfswerks sind inzwischen sechs Millionen Kinder aus Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen, Millionen wurden mit ihren Familien vertrieben. 2,3 Millionen syrische Kinder lebten in Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon, in Jordanien, Ägypten und im Irak.

Save the Children: "Toxischer Stress"

Bereits in der vergangenen Woche hatte "Save the children" für einen Bericht mehr als 450 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in sieben syrischen Regierungsbezirken befragt. 71 Prozent der Erwachsenen berichteten, dass Kinder immer häufiger von Bettnässen und unbeabsichtigtem Wasserlassen betroffen seien.

Beides sind nach Angaben von "Save the Children" Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen und toxischem Stress. Dabei handelt es sich nach Angaben der Harvard University um die gefährlichste Form von Stress. Sie entsteht, wenn dauerhaft eine große Menge an Stresshormonen ausgeschüttet wird. Das kann die Entwicklung des Gehirns und anderer Organe behindern - mit Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter.

"Die Mehrheit der syrischen Kinder lebt in ständiger, teils panischer Angst vor Gewalt", ist das Fazit der "Save the children"-Studie. Die Hälfte von ihnen fühlten sich nicht einmal in der Schule sicher.

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irb/dpa

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