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13.01.2013
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Panikstörung

Wenn Angst das Leben beherrscht

Von
Corbis

Panikattacken: Jeder Regung des Körpers wird überprüft und interpretiert

Das Herz hämmert, Schweiß rinnt den Körper herab: Bei Panikattacken erleben Menschen Todesängste aus dem Nichts. Viele suchen anschließend nach körperlichen Ursachen - und die Angst vor der Angst beginnt, ihr Leben zu bestimmen.

Es war ein heißer Sommertag, die Sonne brannte unerbittlich über der Stadt. Am Abend beschloss Laura Flügel (Name von der Redaktion geändert), mit ihrem Freund ins Kino zu gehen. Schon seit Stunden spürte sie einen Schwindel, ein ungutes Gefühl zog ihr den Magen zusammen. Doch sie schob es beiseite. Sie hatte Semesterferien, die ersten ihres Lebens. Gerade erst war sie ausgezogen in eine fremde Stadt, hatte sich eine eigene Existenz aufgebaut und an der Freiheit des Studiums geschnuppert.

Nun war sie zurückgekehrt in ihr Kinderzimmer. Es sollten ein paar freie Wochen werden mit Freunden, mit Familie, mit Ruhe. Doch es kam anders. Das ungute Gefühl in ihr wuchs.

Während Homer Simpson über die Leinwand flimmerte, spürte Laura Hitze in sich aufwallen. Panik erfasste ihren Körper, ihr Herz hämmerte immer kräftiger gegen die Brust. Sie rang um Luft. Etwas Schlimmes passiert mit mir, schoss es durch den Kopf der 21-jährigen Leistungssportlerin. Ich kann es nicht kontrollieren. Vielleicht muss ich sterben? Ich brauche Hilfe. Die Ärzte in der Notaufnahme versuchten, sie zu beruhigen. "Du hast nur hyperventiliert", sagten sie ihr und ließen sie in eine Tüte atmen. "Dein Kreislauf hat die Hitze nicht vertragen." Einen Moment schämte sie sich für ihre Bedenken. Das ungute Gefühl in ihr blieb.

Dreißig Prozent aller Menschen erleben eine Panikattacke

Etwa dreißig Prozent aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Panikattacke. Nach einer Zeit voller Stress oder einem einschneidenden Erlebnis wie dem Tod eines Elternteils kann eine Kleinigkeit ausreichen. Dann eskaliert der psychische Stress in eine starke Angstreaktion. Der Körper verhält sich, als würde er einem Löwen gegenüberstehen. Er mobilisiert alle Kräfte, die Durchblutung von Muskeln und Gehirn steigt, der Puls schnellt in die Höhe. "Das kann dann aus heiterem Himmel kommen", sagt Franziska Einsle, die als Psychotherapeutin an der Technischen Universität Dresden auf Angststörungen spezialisiert ist.

Die Tage nach der Notaufnahme wurden zu den schlimmsten ihres Lebens. Stück für Stück verlor Laura das Vertrauen in ihren Körper, ihre Aufmerksamkeit richtete sich nach innen. Immer wieder spürte sie, wie ihr Herz anfing zu hämmern und die Angst sie packte. Die Sportlerin begann, sich zu schonen, wo sie nur konnte. Plötzlich schien der Tod so nah.

Die meisten Betroffenen deuten die Beschwerden einer Panikattacke als Warnung ihres Körpers, sich wieder mal auszuruhen; manche tun sie sogar ganz ab. Bei einigen wenigen aber kann die Panikattacke in einen Teufelskreis münden. Sie beginnen, das Erlebte zu hinterfragen und ihren Körper nach Ursachen abzusuchen. Das Grübeln führt bald schon zur nächsten Panikattacke und verstärkt die Furcht, dass etwas nicht stimmt. Es ist die Angst vor der Angst, die die Betroffenen aus ihrem Alltag reißt. Etwa fünf Prozent der Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer solchen Panikstörung, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Experten schätzen, dass in der EU im Jahr 2011 rund 7,9 Millionen Menschen betroffen waren.

"Und wenn sich alle irren?"

Eine Woche nach dem Kinobesuch traute Laura sich nicht mehr, sich zu bewegen. Zu groß war die Angst, dass sie ihr Herz überlasten könnte. Zwei Tage lang lag sie zitternd und zusammengekrümmt in ihrem Kinderbett und starrte an die Wand. Mit ihrem Leben hatte sie innerlich abgeschlossen. Schließlich zwang ihr Vater sie aus dem Bett und jagte sie die Berge ihres Heimatorts hoch. "Dein Herz kann das", schrie er sie an. "Siehst du, du bist gesund!" Doch ihre Zweifel blieben.

Noch einmal ließ sich Laura in die Notaufnahme bringen. Sie ging zu Spezialisten, machte ein Belastungs-EKG und sah ihr Herz auf dem Bildschirm bei der Ultraschalluntersuchung. Immer wieder hörte sie dasselbe: "Sie sind kerngesund, wir wünschen Ihnen ein langes Leben" Immer wieder antwortete die innere Stimme in ihrem Kopf: "Wenn ich doch etwas habe? Wenn ich plötzlich tot umfalle? Dann habe ich es schon immer gesagt." Sie versuchte, ihr Leben weiterzuleben, aber der Schwindel überkam sie immer wieder.

Nach und nach koppelte sie die Angst an Situationen, in denen sie Panikattacken erlebt hatte. Lange Schlangen im Supermarkt, Busfahrten, Seminare und Barbesuche wurden zur Bedrohung. "Ich dachte immer, du kommst hier nicht schnell raus. Wenn jetzt eine Attacke kommt, kannst du nicht fliehen", erzählt sie. Zur Panikstörung kam bei ihr, wie bei vielen anderen Betroffenen, die Angst vor bestimmten Plätzen, die Agoraphobie. Um dennoch den Alltag zu meistern, entwickelte sie Vermeidungsstrategien. Musste sie Busfahren, spannte sie alle Muskeln ihres Körpers an, wenn sie eine Attacke zu überrollen drohte. Manchmal wachte sie morgens mit Muskelkater auf, obwohl sie keinen Sport gemacht hatte, und wunderte sich.

Im Schnitt sieben Jahre bis zur Diagnose

Schließlich kam der Bruch, und Laura suchte sich einen Psychologen. Von einer Therapeutin erfuhr sie, was Panikattacken sind. Und dass ihr Körper nie so geschützt ist, wie in diesen Momenten, in denen er alle seine Kräfte mobilisiert. Im Schnitt vergehen sieben Jahre, bis die Angsterkrankung richtig diagnostiziert ist. Bei Laura waren es nur vier Monate. Sie begann eine kognitive Verhaltenstherapie, die typische Behandlung bei Panikstörungen.

Das Ziel der Verhaltenstherapie ist nicht, dass die Angstsymptome nie wieder auftauchen. Stattdessen sollen die Patienten die Angst vor der Angst verlernen. "Das geht nach unserer Erfahrung nur, indem man sich der Angst stellt", sagt Anna Voßbeck-Elsebusch, die an der Universität Münster zur Behandlung der Angststörungen forscht. Die Betroffenen müssen sich gezielt den Situationen aussetzen, vor denen sie sich am meisten fürchten. Sie müssen die Panikattacken durchleben, um zu erfahren, dass ihnen nichts passiert.

Manche brechen die Therapie ab, weil sie die Ängste nicht aushalten können. Andere beginnen gar nicht erst, sondern arrangieren sich mit ihren Ängsten. Laura aber fuhr Bus, ohne ihren Körper anzuspannen. Sie stellte sich im Supermarkt an das Ende langer Schlangen, immer wieder. Und sie hielt durch. Die Therapie half ihr, in ihr Leben zurückzufinden.

Blickt Laura heute zurück, hadert sie oft und fragt sich, warum das gerade ihr passieren musste. Manchmal aber empfindet sie die Panik auch als Bereicherung. "Die Auseinandersetzungen mit dem Tod haben mir geholfen, das Leben mehr zu schätzen", sagt sie. Überkommt sie noch eine Panikattacke, weiß sie, dass gerade etwas nicht stimmt. Und noch etwas anderes hat sie gelernt: Die Verhaltenstherapie half ihr zwar dabei, mit der Angst umzugehen. Die psychische Ursache der ersten Panikattacke, konnte sie aber nicht lösen. Der Grund steckt wahrscheinlich in Lauras Familienleben. Damit will sie sich nun endgültig auseinandersetzen, mit Hilfe einer tiefenpsychologischen Therapie. Auch dahin haben ihr die Attacken den Weg gewiesen.

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insgesamt 150 Beiträge
1. tiefenpsychologisch?
pirkal 13.01.2013
Na dann viel Spaß! Bachblüten sollen auch helfen. Oder Pendeln.
Na dann viel Spaß! Bachblüten sollen auch helfen. Oder Pendeln.
2. Angst gehört zum Leben
Stauss 13.01.2013
Es ist die alte Fluchtreaktion des Menschenaffens, die diesen vor schlimmeren bewahrte. Und manchmal steigt sie eben noch heute hoch. Aber es gibt immer einen Anlass. Bei Laura war es ein verdrängtes Erlebnis in dem [...]
Es ist die alte Fluchtreaktion des Menschenaffens, die diesen vor schlimmeren bewahrte. Und manchmal steigt sie eben noch heute hoch. Aber es gibt immer einen Anlass. Bei Laura war es ein verdrängtes Erlebnis in dem Kinderzimmer.
3. Hypraventrikuläre Tachikardien....
sagmalwasdazu 13.01.2013
...hatte ich auch zu meinen höchsten " Stresszeiten ",- sporadich zwar, aber immer wieder, und an den einsamsten Orten. Bis ich mich nicht mal mehr z.B zum Angeln traute. Das ganze (medizinisch) unerklärbare [...]
...hatte ich auch zu meinen höchsten " Stresszeiten ",- sporadich zwar, aber immer wieder, und an den einsamsten Orten. Bis ich mich nicht mal mehr z.B zum Angeln traute. Das ganze (medizinisch) unerklärbare Phänomen, dauerte ca. 4 Jahre an, in denen ich sicherlich 50 x auf der Intensivstation Notversorgt und meine Herzfrequenz von bis zu 225 p/M auf erträgliche 130 heruntergeschraubt werden konnte. Danach verschwanden meine Beschwerden, so wie sie kamen. Aus dem Nichts,- ins Nichts. Die 4 Jahre jedoch waren ein Alptraum.
4.
eifelhippe 13.01.2013
Ihr Tip spricht dafür, dass sie keine Ahnung von Angststörungen haben.
Zitat von pirkalNa dann viel Spaß! Bachblüten sollen auch helfen. Oder Pendeln.
Ihr Tip spricht dafür, dass sie keine Ahnung von Angststörungen haben.
5.
bart80 13.01.2013
Wo ist eine Studie die den Beweis erbring,t daß "Psychotherapie" bei einem wie auch immer geschulten "Seelenkundler" in Form der "Verhaltenstherapie" irgendetwas bewirkt? Wie wird der [...]
Wo ist eine Studie die den Beweis erbring,t daß "Psychotherapie" bei einem wie auch immer geschulten "Seelenkundler" in Form der "Verhaltenstherapie" irgendetwas bewirkt? Wie wird der Erfolg gemessen? Was ist der Unterschied zwischen "Tiefenpsychologie" und Quaksalberei? Wissenschaftliche Methodik etwa? Kant würd sich im Grabe umdrehen. Zuletzt die Frage, was diesen Artikel vom Horoskop in der Bildzeitung unterscheidet. Die länge des Textes?

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Zur Autorin

  • Iris Carstensen
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Definition Panikstörung

Das wesentliche Kennzeichen sind wiederkehrende schwere Angstattacken (Panik), die sich nicht auf eine spezifische Situation oder besondere Umstände beschränken und deshalb auch nicht vorhersehbar sind. Wie bei anderen Angsterkrankungen zählen zu den wesentlichen Symptomen plötzlich auftretendes Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsgefühle, Schwindel und Entfremdungsgefühle (Depersonalisation oder Derealisation). Oft entsteht sekundär auch die Furcht zu sterben, vor Kontrollverlust oder die Angst, wahnsinnig zu werden. Die Panikstörung soll nicht als Hauptdiagnose verwendet werden, wenn der Betroffene bei Beginn der Panikattacken an einer depressiven Störung leidet. Unter diesen Umständen sind die Panikattacken wahrscheinlich sekundäre Folge der Depression.

Quelle: ICD-10-GM Version 2013

Symptome einer Panikattacke

1. Herzrasen oder kräftiges Herzklopfen

2. Schwitzen

3. Zittern oder Beben

4. Kurzatmigkeit, flacher Atem

5. Erstickungsgefühle

6. Schmerzen oder Engegefühl in der Brust

7. Übelkeit oder Verdauungsprobleme

8. Ohnmachtsgefühl, wackeliges, benommenes, schwindeliges Befinden

9. Realitätsverlust oder Entpersonalisierung

10. Angst, etwas Unkontrolliertes zu tun oder verrückt zu werden

11. Todesangst

12. Parästhesien (Taubheitsgefühl oder Prickeln in den Gliedmaßen)

13. Kälteschauer oder Hitzewallungen


Treten mindestens vier der Symptome abrupt auf, ohne dass eine lebensbedrohliche Situation besteht, handelt es sich um eine Panikattacke. Sie erreicht innerhalb von zehn Minuten ihren Höhepunkt.

Quelle: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder IV

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