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15.11.2012
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Achilles' Ferse

"Laufen ist wie ein kleiner Urlaub von Zuhause"

DDP

Joggerin am See: Das Laufen kann ein positives Erlebnis darstellen - daran mangelt es depressiven Mensch oft

Die Berliner Psychotherapeutin Marieta Erkelens läuft mit Depressiven: Der Sport kann die Krankheit vertreiben helfen. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt Erkelens, wie sie Depressive motiviert und weshalb Gruppenzwang auch helfen kann.

SPIEGEL ONLINE: Frau Erkelens, Sie therapieren seit rund 20 Jahren Depressive mit Ausdauersport. Kann man vor der Depression weglaufen?

Erkelens: Ganz so einfach ist es sicher nicht. Wobei Untersuchungen gezeigt haben, dass Menschen, die regelmäßig laufen, weniger an Depressionen erkranken, als Menschen, die nicht sportlich aktiv sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist Laufen so wirksam gegen Depressionen?

Erkelens: Da ist zum einen die körperliche Komponente: Der Körper wird gut durchblutet, der Stoffwechsel verändert sich positiv. Viel entscheidender ist aber, dass Menschen, die unter Depressionen leiden, schon lange keine Erfolgserlebnisse mehr hatten. Sie haben das Gefühl: Ich kann nichts. Ich erreiche nichts. Beim Laufen erfahren sie, dass sie Stück für Stück besser und fitter werden. Gerade bei Anfängern stellt sich sehr schnell Erfolg ein - und der tut gut.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen sich Depressive nicht schnell unter Druck in der Gruppe?

Erkelens: Oft äußern Menschen im Vorgespräch, dass sie Angst haben nicht mitzukommen und sicher ganz hinten sein werden. Dann antworte ich: Keine Sorge, da werden sie nicht alleine sein, denn gerade eben war eine Frau hier, der geht es genauso. Es ist wichtig, dass die Teilnehmer in jeder Stunde die Erfahrung machen, dass sie gut mitkommen und hinterher merken: Ich habe es geschafft. Man glaubt es kaum, aber wenn man seit der Schulzeit keinen Sport mehr gemacht hat und jetzt mittleren Alters ist, bedeutet eine Minute lockeres Traben schon richtig Anstrengung.

SPIEGEL ONLINE: Aber es geht in den Kursen ja nicht um Wettkampf und Bestzeiten.

Erkelens: Nein, es geht darum, sich mit einer Sache zu beschäftigen, die Spaß macht. Menschen, die unter Depression leiden, neigen dazu, sich zurückzuziehen. Unser Sporttherapie-Programm findet immer draußen in der Natur statt. Es tut unheimlich gut, im Wald zu sein, sich gemeinsam mit anderen zu bewegen und zu spielen. Man spricht von der Ablenkungshypothese: In der Zeit, in der ich Sport treibe, kann ich schlecht über meine ganzen Probleme grübeln.

SPIEGEL ONLINE: Selbst Nicht-Depressiven fehlt oft der Antrieb, in den Wald zu gehen und Sport zu treiben. Wie gelingt es Ihnen, dass Ihre Teilnehmer regelmäßig zum Lauftreff erscheinen?

Erkelens: Nur mit reinem Lauftraining locken wir niemanden in den Wald. Deswegen haben wir ein Programm aufgestellt, wo auch viele Spiel-, Spaß- und Entspannungsmomente vorhanden sind. Ein ganz wichtiger Faktor ist dabei aber auch das Gruppengefühl. Die Gruppe motiviert. Auch wenn man mal keine Lust hat, rafft man sich doch auf, da man die anderen nicht warten lassen will. Und wenn man den inneren Schweinehund überwunden hat und einmal dort ist, dann hat man viel geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt die Gruppe nicht abschreckend auf die meisten?

Erkelens: Depressive haben ein unglaubliches Bedürfnis, wieder lachen zu können und fröhlich zu sein. Es ist erstaunlich, wie schnell eine lockere und entspannte Atmosphäre entsteht. Der Hallenwart von der Halle, an der wir uns treffen, sagt auch: "Was macht ihr da im Wald? Wenn ihr wiederkommt, sehen alle viel gelöster und fröhlicher aus." Das ist auch unsere Erfahrung. Bereits während der Trainingseinheit verändert sich ganz viel bei den Leuten.

SPIEGEL ONLINE: Die Stimmung ist also überhaupt nicht ernst und angespannt?

Erkelens: Man denkt, eine Gruppe von Depressiven ist ein vor sich hin muffelnder Haufen - überhaupt nicht. Wir betonen immer wieder: Eine Sporttherapie ist keine Psychotherapie. Das heißt, wir besprechen keine dahinter liegenden Probleme. Hier geht's darum, etwas für sich zu tun, etwas Schönes zu erleben. Es ist ein kleiner Urlaub von den stressigen Momenten zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Wer kommt vermehrt zu Ihnen?

Erkelens: Das Verhältnis von Frauen und Männer ist relativ ausgewogen. Im Gegensatz zu der Psychotherapie, wo mehr Frauen zu finden sind. Der Altersdurchschnitt liegt bei etwa 44 Jahren, also eher die etwas Älteren. Jüngere haben mehr Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Auch ein Faktor: Die Depressionen nehmen im Alter zu, die Abwehrkräfte lassen nach.

SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen spüren die Patienten langfristig?

Erkelens: Bei unseren Kursen stellt sich schon nach ein, zwei Monaten eine Veränderung auf der Depressionsebene ein. Die Teilnehmer merken, dass sie allmählich kräftiger und ausdauernder werden. Die Muskeln bauen sich auf, das Treppensteigen fällt leichter. Sie entwickeln ein besseres Körpergefühl und auch die Ängste und die körperlichen Beschwerden nehmen ab. Ein weiterer positiver Faktor des Sports ist, dass der Mensch bemerkt, dass es ihm durch sein eigenes Handeln, durch seine eigene Anstrengung besser geht. Das ist der große Unterschied zu einer Pille, die mir womöglich auch hilft, mich aber abhängig und passiv macht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Gefahr, dass Menschen "laufend" vor ihren Problemen flüchten?

Erkelens: Die wirklich hartnäckigen Probleme holen einen wieder ein. Die sind schneller. Und wenn man fällt, haben sie einen im Griff, etwa in Form einer Verletzung - dann bleibt womöglich kein Ausweg mehr, als sich mit dem Problem zu beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Reicht Laufen als Therapie aus?

Erkelens: Das hängt von der Schwere der Depression ab. Sport kann in einzelnen Fällen dazu führen, dass man aus der Depression heraus findet. Es gibt aber auch Patienten, die schwerwiegende Probleme haben, die eher in einer Psychotherapie behandelt werden sollten.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft muss man denn laufen, damit sich ein positiver Effekt dauerhaft einstellt?

Erkelens: Ich rate jedem, der eine Depression hat, wenigstens einmal am Tag rauszugehen, selbst wenn es nur ein Spaziergang um den Block ist. Nicht zurückziehen - raus! Durch das Sporttherapie-Programm soll sich das Gefühl einstellen: Wenn ich Sport treibe, geht's mir hinterher besser. Im günstigen Fall führt das zu einem lebenslangen Sporttreiben .


Gegen Stimmungstief und Tunnelblick: "Bewegt Euch! Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles". Das aktuelle Buch von Hajo Schumacher.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 10 Beiträge
1. Antidepressiva machen nicht süchtig
_____ 15.11.2012
Interessant ist, dass der Dame in diesem Interview nicht mal bekannt ist, dass Antidepressiva nicht süchtig machen. Setzen, 6!
Interessant ist, dass der Dame in diesem Interview nicht mal bekannt ist, dass Antidepressiva nicht süchtig machen. Setzen, 6!
2. Selber setzen.
Tom Joad 15.11.2012
Die Dame sprach davon, dass Tabletten "abhängig" machen, das ist schon der medizinischen Definition nach etwas anderes als "süchtig". Vielleicht meinte sie nur das subjektive Gefühl, von Medikamenten [...]
Zitat von _____Interessant ist, dass der Dame in diesem Interview nicht mal bekannt ist, dass Antidepressiva nicht süchtig machen. Setzen, 6!
Die Dame sprach davon, dass Tabletten "abhängig" machen, das ist schon der medizinischen Definition nach etwas anderes als "süchtig". Vielleicht meinte sie nur das subjektive Gefühl, von Medikamenten abhängig zu sein - in dem Sinne, ohne diese nicht auskommen zu können. Übrigens: Laufen kann, wie andere Sportarten auch, sehr wohl "süchtig" machen (nehmen Sie dies bitte mit einem Augenzwinkern).
3. Zwischenruf
artusdanielhoerfeld 15.11.2012
Wer das ständige und nicht direkt zweckgebundene Laufen zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Lebensführung macht und diese Tätigkeit darüber hinaus Dritten gegenüber moralisch überhöht, hat ein Problem. Entweder hetzt er [...]
Wer das ständige und nicht direkt zweckgebundene Laufen zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Lebensführung macht und diese Tätigkeit darüber hinaus Dritten gegenüber moralisch überhöht, hat ein Problem. Entweder hetzt er permanent etwas hinterher, das er nicht hat aber gerne hätte, oder er rennt vor etwas weg das er fürchtet oder los sein will. In beiden Fällen ist das als Begründung vorgebrachte körperliche und psychische Wohlbefinden lediglich eine "Schmerzstillung" für den tiefer gelegenen Missstand. Lässt diese zeitlich begrenzte Betäubung nach, entsteht der Drang zum Laufen erneut. Wie bei einem Drogensüchtigen rechtfertigt der Abhängige seine Tätigkeit mit zahlreichen Ausflüchten und konstuierten Gründen, um in seiner Umwelt eine Akzeptanz seiner Sucht zu erreichen. Der Teufelskreis kann nur durch Entzug und einer gleichzeitigen Therapie durchbrochen werden, die das psychische Defizit aufzuarbeiten hilft.
4. optional
psychologiestudent 15.11.2012
naja, die Dame hat vmtl. in den 70ern studiert, da waren Medizin und Psychologie sich noch ziemlich feindlich gesinnt, vielleicht übernimmt sie noch die alten Vorurteile ;) Für wahrscheinlicher halte ich aber, dass sie mit [...]
naja, die Dame hat vmtl. in den 70ern studiert, da waren Medizin und Psychologie sich noch ziemlich feindlich gesinnt, vielleicht übernimmt sie noch die alten Vorurteile ;) Für wahrscheinlicher halte ich aber, dass sie mit "abhängig" einfach meinte, dass man das Gefühl hat, sich nicht selbst helfen/stützen zu können, sondern auf Hilfe von außen, von einer Tablette angewiesen ist. Das Gefühl sich "selbst da raus zu ziehen", wenn auch mit etwas Unterstützung, ist ein Vorteil aller aktiv betriebenen Psychotherapien und Bewegungstherapien.
5.
Tom Joad 15.11.2012
Das beste Antidepressivum ist und bleibt das Lachen. Danke!
Zitat von artusdanielhoerfeldWer das ständige und nicht direkt zweckgebundene Laufen zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Lebensführung macht und diese Tätigkeit darüber hinaus Dritten gegenüber moralisch überhöht, hat ein Problem. Entweder hetzt er permanent etwas hinterher, das er .....
Das beste Antidepressivum ist und bleibt das Lachen. Danke!

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ZUR PERSON

  • Marieta Erkelens
    Marieta Erkelens, Jahrgang 1953, arbeitet als Psychotherapeutin in Berlin. Seit rund 20 Jahren bietet sie mit ihrem Kollegen Wolf Bahr Laufkurse an für Menschen mit Depressionen oder depressiven Verstimmungen

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