Lade Daten...
17.11.2012
Schrift:
-
+

Scheinmedikamente

Persönlichkeit beeinflusst Placebo-Effekt

Von
Corbis

Medikament ohne Wirkstoff: Stressresistente Menschen sind empfänglich für Placebo-Effekt

Psychotrick, Gene oder doch Charakter? Warum und wie gut Placebos gegen Schmerzen helfen, ist nicht abschließend geklärt. Jetzt haben Forscher Hinweise darauf gefunden, dass die Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielen könnte: Demnach sind es nicht die Schwächlinge, die besonders empfänglich sind.

Beeinflussbar, schwach, nachgiebig: Wem Placebos helfen, dem werden mitunter negativ besetzte Attribute zugeordnet. Möglicherweise zu Unrecht, wie eine aktuelle Studie nahelegt. Demnach beeinflusst zwar der Charakter, wer wie stark auf die Scheinmedikamente anspricht. Typischerweise sind die Menschen demzufolge aber eher unnachgiebig, direkt und hilfsbereit.

Forscher beschäftigen sich seit langem mit der Frage, warum Menschen davon profitieren, wenn sie bloße Zuckerpillen schlucken: Da verschwinden Schmerzen wie von Zauberhand, die Muskelkraft nimmt zu, die Produktion von Stresshormonen ab. Und das, obwohl kein einziger pharmakologisch wirksamer Stoff im Körper zirkuliert.

Die wichtigste psychologische Erklärung für den Effekt der Scheinmedikamente ist die Erwartungshaltung eines Kranken: Wer etwa unter Schmerzen leidet und von seinem Arzt Pillen verschrieben bekommt, geht davon aus, dass die Schmerzen verschwinden. Und das tun sie dann zuweilen auch - allein aufgrund der positiven Aussichten. Untersuchungen konnten zudem zeigen, dass sich auch Größe, Farbe und Preis der Scheinmedikamente auf das Ausmaß des positiven Effekts auswirken.

Stressresistent und altruistisch

Außerdem spielt offenbar die Zuwendung des Therapeuten eine entscheidende Rolle: Das gilt etwa für die umstrittenen Therapien wie Akupunktur und Homöopathie. Kürzlich lieferten Wissenschaftler zudem einen Hinweis, dass auch bestimmte Gene darüber entscheiden könnten, ob ein Mensch anfällig ist für den Placebo-Effekt.

Zu den zahlreichen Ursachen haben US-Forscher von der University of Michigan nun bestimmte Charaktereigenschaften ausgemacht, die einen Menschen empfänglich machen könnten für Scheinmedikamente. An der Studie nahmen 50 gesunde Probanden teil, die Angaben dazu machten, wie offen, extrovertiert, neurotisch, empathisch oder altruistisch sie waren. Für die Untersuchung spritzten die Wissenschaftler ihren Probanden Flüssigkeiten in die Kiefermuskulatur, die entweder als schmerzhaft angekündigt waren oder nicht. Gleichzeitig bekamen sie ein Schmerzmittel mit Wirkstoff oder ohne. Welche Kombination sie bekamen, wussten die Probanden nicht.

Während der Maßnahmen beobachteten die Forscher die Hirnaktivität der Teilnehmer und bestimmten, wie hoch der Spiegel des Stresshormons Cortisol war. Die Auswertung ergab, dass jene Probanden, denen die Placebos gegen Schmerzen halfen, entsprechende Hirnaktivität aufwiesen und auch höhere Cortisol-Werte hatten. Bei dem Vergleich der angegeben Eigenschaften zeigte sich, dass vor allem direkte, stressresistente und altruistische Menschen auf die Placebos reagiert hatten.

Rätselhafter Nocebo-Effekt

Die Studie kann - wie viele Untersuchungen auf dem Gebiet - nur einen zusätzlichen Hinweis auf Ursachen des Placebo-Effekts liefern: Zum einen ist die Untersuchung mit nur 50 Probanden klein. Außerdem könnten auch andere Faktoren, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden, Einfluss nehmen. Die Autoren schreiben in der Fachzeitschrift "Neuropsychopharmacology": Wenn sich die Ergebnisse in einer größeren Studie reproduzieren ließen, könnte die Kenntnis von Charaktereigenschaften dabei helfen, Schwankungen von klinischen Studien zu erklären - und zu verkleinern.

Wie rätselhaft der Placebo-Effekt trotzdem bleibt, zeigt auch eine weitere Untersuchung: Wissenschaftler von der Harvard Medical School konnten kürzlich zeigen, dass eine Scheinbehandlung selbst dann wirkt, wenn sie vom Bewusstsein gar nicht wahrgenommen wird. Ähnlich subtil funktioniert offenbar auch der Nocebo-Effekt, das Gegenteil des Placebos: Dabei machen Ärzte ihre Patienten mit unbedachten Äußerungen ebenso krank wie mit einer zu ausführlichen Aufklärung über Behandlungsrisiken.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
1. Autosuggestion ist etwas Tolles...
BettyB. 17.11.2012
Einerseits glaubt man, stark und unbezwingbar zu sei, andererseit hilft auch eine Zuckerkapsel. wen wunderts da, dass die bekannlich Starken besser auf Placebos reagieren?
Einerseits glaubt man, stark und unbezwingbar zu sei, andererseit hilft auch eine Zuckerkapsel. wen wunderts da, dass die bekannlich Starken besser auf Placebos reagieren?
2. |||||
sample-d 17.11.2012
Mich wunder das überhaupt nicht. Man sieht doch gerade hier im Forum, dass Selbstbewusstsein und Überzeugung oftmals schlechte Partner für objektive Masstäbe sind. Ich denke der Dunning-Kruger-Effekt [...]
Mich wunder das überhaupt nicht. Man sieht doch gerade hier im Forum, dass Selbstbewusstsein und Überzeugung oftmals schlechte Partner für objektive Masstäbe sind. Ich denke der Dunning-Kruger-Effekt (http://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt) hängt auch sehr stark mit dem Selbstbewusstsein zusammen - und die meisten Crackpots die oftmals bei naturwissenschaftlichen Themen mitdiskutieren verfügen, wenn man ihre Formulierungen und Durchhaltevermögen betrachtet, über ein grosses Ego. Und solche Persönlichkeiten sind natürlich auch gut darin sich selbst in der eigenen Überzeugung zu stärken. Folglich wirken Placebos auch besser als bei unsicheren Zweiflern.
3. ...:-)))
UweZ+ 17.11.2012
Für deren herzallerliebst hirnleistungsschwächelnde Deutung, dass eine schwächere Leistung mit einer höheren Selbsteinschätzung einhergehe, während eine höhere Selbsteinschätzung NICHT mit schwächerer Leistung korreliere, wurde [...]
Zitat von sample-dMich wunder das überhaupt nicht. Man sieht doch gerade hier im Forum, dass Selbstbewusstsein und Überzeugung oftmals schlechte Partner für objektive Masstäbe sind. Ich denke der Dunning-Kruger-Effekt (http://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt) hängt auch sehr stark mit dem Selbstbewusstsein zusammen...
Für deren herzallerliebst hirnleistungsschwächelnde Deutung, dass eine schwächere Leistung mit einer höheren Selbsteinschätzung einhergehe, während eine höhere Selbsteinschätzung NICHT mit schwächerer Leistung korreliere, wurde Dunning und Kruger nicht ohne Grund der Spott-Nobelpreis verliehen...! Trotzdem Danke für den Link - denn kaum einer unserer töricht elite-gläubigen Mitmenschen, ganz gleich ob mit höherer der tieferer Selbsteinschätzung beseelt, ob zu stärkerer oder zu schwächerer Leistung befähigt, ist sich ja bewusst, welche zwei (wie auch immer verknüpfte) depperte Nonsense-Seelen da tief in seiner Brust schlagen müssen...:-) P.S.: Kennen sie den schon: Privilegierte Mitmenschen tendieren zum ruhmvollen "Ehrgeiz", während exakt selbige Charaktereigenschaft zum schändlichen "Neid" mutiert, falls der mit Ehrgeiz Ausgestattete unterprivilegiert sein sollte...! Letztere tasächlich bahnbrechende Erkenntnis verdanken wir übrigens nicht Dunning und Kruger, sondern einem vor bereits knapp zweieinhalb Jahrtausenden (nicht nur) abendländisch kulturschaffend tätigen Philosophen. "*Die Ehrgeizigen haben mehr Neigung zum Neid als die, welche vom Ehrgeiz frei sind*." Aristoteles (384-322 v.Chr.) - Psychologie
4. optional
psychologiestudent 18.11.2012
der im Artikel verlinkte Versuch über unbewusst eingenommene Placebos hat mitnichten irgendeinen tollen "neuen Effekt" gefunden. Das ist klassische Konditionierung, das ist nicht neu sondern 100 Jahre alt... Außerdem [...]
der im Artikel verlinkte Versuch über unbewusst eingenommene Placebos hat mitnichten irgendeinen tollen "neuen Effekt" gefunden. Das ist klassische Konditionierung, das ist nicht neu sondern 100 Jahre alt... Außerdem hat der Versuch gar nicht wirklich was mit Placebos zu tun, die haben ja kein Scheinmedikament gekriegt. Teilweise frage ich mich echt wer hier auswählt, was einem als "neue ENtdeckung" verkauft wird.
5. Nichts Neues!
Spiegelleserin57 18.11.2012
Sie haben Recht, das ist wirklich nichts Neues. Nur unsere lieben Mediziner sind sich der Effekte nicht ausreichend bewußt. Sie haben auch keine Zeit für Patienten und fertigen sie oft nur ab und da wundert es doch niemand [...]
Zitat von psychologiestudentder im Artikel verlinkte Versuch über unbewusst eingenommene Placebos hat mitnichten irgendeinen tollen "neuen Effekt" gefunden. Das ist klassische Konditionierung, das ist nicht neu sondern 100 Jahre alt... Außerdem hat der Versuch gar nicht wirklich was mit Placebos zu tun, die haben ja kein Scheinmedikament gekriegt. Teilweise frage ich mich echt wer hier auswählt, was einem als "neue ENtdeckung" verkauft wird.
Sie haben Recht, das ist wirklich nichts Neues. Nur unsere lieben Mediziner sind sich der Effekte nicht ausreichend bewußt. Sie haben auch keine Zeit für Patienten und fertigen sie oft nur ab und da wundert es doch niemand dass "Heilen" schwieriger wird. Z.B. bei Herzops hängt der Erfolg auch davon ab ob der Patient die Operation wirklich wollte oder dazu überredet wurde. Qualifizierte Mediziner die sich einfühlsam und engagiert um einen Patienten kümmern sind sehr selten geworden. Es geht doch nur noch ums Geld und selbst Privatpatienten haben da keine Vorteile. Wenn es eben möglich ist mache ich einen großen Bogen umdiese Berufsgruppe.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Placebo
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten