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18.12.2012
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Psychotherapie

Das ignorierte Leiden der Männer

Von
Corbis

Frau und Mann: Die Therapie muss sich auf Geschlechterunterschiede einlassen

Bisher behandeln Psychotherapeuten Frauen und Männer gleich - doch jetzt regt sich Widerstand, immer mehr Wissenschaftler erforschen geschlechtsspezifische Seelenleiden. Von ihren Erkenntnissen könnten vor allem männliche Patienten profitieren.

Feurige Augen wie eine Viper, schwarzes Blut und ein ungezügeltes Verhalten wie Tiere: So beschrieb Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert melancholische Männer. Schwermütige Frauen hingegen hätten ein wenig widerstandsfähiges Naturell, klagten über Kopfleiden und Rückenschmerzen.

Was die Äbtissin vor 900 Jahren erkannt hat, ist erst seit kurzem wieder Thema unter Psychotherapeuten: Männer und Frauen leiden unterschiedlich - auch psychisch. Neu ist die Überlegung, dass sie auch eine Psychotherapie benötigen, die auf ihre männlichen oder weiblichen Bedürfnisse zugeschnitten ist.

Auf diesen Gedanken hätten Experten allerdings schon früher kommen können. Denn in Studien zeigt sich seit Jahrzehnten, dass Männer und Frauen nicht in gleichem Ausmaß und auch nicht von denselben Störungen gleichmäßig stark betroffen sind. Während Frauen im Vergleich zu Männern deutlich häufiger unter Angststörungen und Depressionen leiden, treten Männer generell seltener wegen psychischer Probleme in Erscheinung und wenn, dann eher durch Suchterkrankungen.

Exklusive Frauenleiden

Zudem gibt es seelische Erkrankungen, die nur Frauen erleiden können: Zum Beispiel Depressionen oder Psychosen, die während oder nach der Schwangerschaft auftreten, psychische Erkrankungen in der Menopause oder auch die Prämenstruelle Dysphorische Störung - eine Art Depression, die immer kurz vor Beginn der Regelblutung auftritt. "Gerade für solche Erkrankungen brauchen wir eine geschlechtssensible Behandlung", sagt der Psychologe und Psychiater Niels Bergemann. Er ist Mitgründer der deutschen Marcé-Gesellschaft, die sich auf psychische Erkrankungen in Verbindung mit der Schwangerschaft spezialisiert hat.

"Tatsächlich wurde aber in der Psychiatrie viele Jahrzehnte ignoriert, dass Frauen anders auf Psychopharmaka reagieren, dass sie spezielle Bedürfnisse haben und auch Situationen emotional anders verarbeiten", sagt Stephanie Krüger, Chefärztin am Zentrum für Seelische Frauengesundheit in Berlin.

Nicht nur Frauen, auch Männer haben spezielle Bedürfnisse. Die Stiftung Männergesundheit und die Deutsche Gesellschaft für Mann und Gesundheit veröffentlichten deshalb 2010 den ersten "Männergesundheitsbericht". Sie betonen darin, dass psychische Störungen bei Männern oft unerkannt und unbehandelt blieben. Dabei nähmen die Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Probleme vor allem bei männlichen Angestellten stark zu. Zwischen 1994 und 2003 habe sich die Zahl bei Männern um 82 Prozent erhöht, bei Frauen um 57 Prozent.

Die Autoren des Berichts beklagen, der Versuch, den Geschlechterunterschied populärer zu machen, hebe bisher vor allem die Unterschiede von Frauen hervor. Dabei seien schon in der Schule eher die Jungen Problemkinder.

Männliche Depression hinter der Suchtfassade

Vor allem der Suizid ist ein Männerphänomen. Von den jährlich rund 10.000 Selbsttötungen in Deutschland werden knapp drei Viertel von Männern begangen. Oft steckt dahinter eine Depression.

"Depressionen bei Männern werden oft übersehen, weil sie sich anders äußern", sagt Chefärztin Krüger. Tatsächlich ähnelt Krügers Beschreibung der von Hildegard von Bingen: Die Männer sind dann eher aggressiv und aufbrausend, trinken viel Alkohol oder nehmen Drogen. "Aber auch ein ausschweifendes Sexualleben und Fressanfälle können Hilferufe der männlichen Seele sein."

Hinter einer Sucht kann sich also auch eine Depression verstecken. "Männer versuchen oft, sich mit Alkohol oder Drogen selbst zu behandeln. Das lindert subjektiv ihre Symptome. Nach und nach rutschen sie dabei aber in die Abhängigkeit", erklärt Psychiater Bergemann. Die eigentliche Erkrankung wird dann oft nicht erkannt. In der Suchttherapie von Männern müsse daher genauer geprüft werden, woher die Sucht kommt, um dann gezielt zu behandeln.

Einige Experten sprechen bereits von einer Männer-Depression. Einig sind die Therapeuten sich nicht, ob die Unterscheidung sinnvoll ist. "Manche scheuen sich, bei jeder Behandlung auf das Geschlecht des Patienten Rücksicht nehmen zu müssen. Das ist ihnen zu kompliziert", sagt Ute Habel, Expertin für neuropsychologische Geschlechterforschung am Universitätsklinikum Aachen.

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Stress, Schlafstörungen, Depressionen und Burnout: Ungleich verteilt

Therapieschäden durch Ignoranz

"Dabei ist es unverzichtbar, dass Psychotherapeuten sich des Faktors Geschlecht bewusst sind und auf die besonderen Bedürfnisse von Mann oder Frau eingehen", sagt die österreichische Psychotherapeutin Brigitte Schigl. Das zu vernachlässigen, berge Risiken, könne sogar zu Therapieschäden führen.

Darauf weisen auch die Ergebnisse einer Studie der Donau-Universität Krems hin, an der Schigl mitgewirkt hat. Die Lebenszufriedenheit von Patientinnen, die bei einem männlichen Psychotherapeuten in Behandlung waren, verschlechtere sich deutlich häufiger, als wenn ein Mann bei einer Frau in Behandlung ist oder wenn eine gleichgeschlechtliche Kombination vorliegt. Gleichzeitig können zwischen Männern in der Therapie Konkurrenzgefühle entstehen, die den Aufbau einer tragfähigen Therapiebeziehung erschweren. Bei Frauen kann zu große Nähe die nötige Konfrontation der Patientin mit ihren Problemen behindern.

Auch gemischte Gruppentherapien können schwierig sein: "Patientinnen können besser ihre Gefühle mitteilen, Patienten fällt das schwer. In einer Gruppenbehandlung reden dann oft nur die Frauen, während die Männer dabeisitzen und zuhören", sagt Frauenspezialistin Stephanie Krüger. Der Psychiater Niels Bergemann findet die Mischung meistens therapeutisch sinnvoll. Die Themen würden mehr variieren, beide Geschlechter könnten voneinander lernen.

Forum

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insgesamt 64 Beiträge
1. Neuigkeit? Eher nicht.
fpa 18.12.2012
Das einzige erstaunliche ist, dass das hier wie eine geradezu sensationelle Neuigkeit verkauft wird. Zumindest bei jenen psychischen Störungen mit einem relativ hohen genetischen Risikoanteil (wie Depressionen, Bipolar, ADHS, [...]
Zitat von sysopCorbisBisher behandeln Psychotherapeuten Frauen und Männer gleich - doch jetzt regt sich Widerstand, immer mehr Wissenschaftler erforschen geschlechtsspezifische Seelenleiden. Von ihren Erkenntnissen könnten vor allem männliche Patienten profitieren. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/gender-psychotherapie-maenner-leiden-anders-als-frauen-a-870021.html
Das einzige erstaunliche ist, dass das hier wie eine geradezu sensationelle Neuigkeit verkauft wird. Zumindest bei jenen psychischen Störungen mit einem relativ hohen genetischen Risikoanteil (wie Depressionen, Bipolar, ADHS, Alkoholismus und andere Suchterkrankungen) gehen doch gerade Insider jener Szenen seit mindestens 20 Jahren davon aus, dass die biologische Basis dafür im Grunde schon bei der Geburt, spätestens aber mit Ende des ersten Lebensjahres, vorhanden ist (z.T. genetisch begründet, z.T. in der Entwicklung des Embryos, z.T. in frühkindlichen Traumatas). Auch wenn aus einer solchen biologischen Vorraussetzung nicht unmittelbar ein Störungs- oder gar Krankheitscharakter erwächst, zumindest führt sie bereits in frühem Alter zu leichten biochemischen Imbalancen, die z.T. gewisses Unwohlsein bewirken, dem dann durch kompensatorisches Verhalten intuitiv entgegengewirkt wird. Beschreibt man jene Kompensationsversuche systematisch, merkt man schnell, dass das Geschlecht einen enormen Unterschied ausmacht. Und neben dem Geschlecht sind es vor allem Alterstufen, wo die Auffälligkeiten entsprechend gemeindsam und typisch sind. Wobei der Wechsel dieser Altersstufen wiederum mit den alterstypischen Umstellungen der Sexualhormone zusammenfällt. Ganz zu schweigen, dass Frauen, die Psychopharmaka mit Kurzzeitwirkungen einnehmen, fast immer berichten, dass deren Wirksamkeit stark von ihrem Monatszyklus abhänge, d.h. an bestimmten wenigen Tagen stärker, und an einigen wenigen anderen Tagen fast gar nicht wirke. Der Einfluß von Alter und Geschlecht auf psychische Krankheiten und deren Erscheinungsbild ist eigentlich unstrittig. Schade ist, dass der mögliche dritte Parameter (Seitigkeiten a'la Behan-Gschwind-Galaburda-These) mittlerweile in Vergessenheit geraten ist.
2. Unterschiede zwischen Männern und Frauen?
Halodri73 18.12.2012
Die gibt es doch gar nicht, wenn man neo-Feministinnen Glauben schenken mag. Spaß beiseite. Es wird Zeit für eine Rückbesinnung auf die Tatsache, dass wir zwar alle gleichwertig und gleichberechtigt aber eben nicht [...]
Zitat von sysopCorbisBisher behandeln Psychotherapeuten Frauen und Männer gleich - doch jetzt regt sich Widerstand, immer mehr Wissenschaftler erforschen geschlechtsspezifische Seelenleiden. Von ihren Erkenntnissen könnten vor allem männliche Patienten profitieren. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/gender-psychotherapie-maenner-leiden-anders-als-frauen-a-870021.html
Die gibt es doch gar nicht, wenn man neo-Feministinnen Glauben schenken mag. Spaß beiseite. Es wird Zeit für eine Rückbesinnung auf die Tatsache, dass wir zwar alle gleichwertig und gleichberechtigt aber eben nicht gleich sind!
3. Pech gehabt
matthias_b. 18.12.2012
"Auf diesen Gedanken hätten Experten allerdings schon früher kommen können. Denn in Studien zeigt sich seit Jahrzehnten, dass Männer und Frauen nicht in gleichem Ausmaß und auch nicht von denselben Störungen [...]
"Auf diesen Gedanken hätten Experten allerdings schon früher kommen können. Denn in Studien zeigt sich seit Jahrzehnten, dass Männer und Frauen nicht in gleichem Ausmaß und auch nicht von denselben Störungen gleichmäßig stark betroffen sind." Sicher doch, aber das auszusprechen war genderpolitisch nicht korrekt. Da nimmt man doch lieber das Leid der Patienten in Kauf, als die politisch-berufliche Ächtung.
4. erschütternd
schna´sel 18.12.2012
"Dabei nähmen die Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Probleme vor allem bei männlichen Angestellten stark zu. Zwischen 1994 und 2003 habe sich die Zahl bei Männern um 82 Prozent erhöht, bei Frauen um 57 [...]
"Dabei nähmen die Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Probleme vor allem bei männlichen Angestellten stark zu. Zwischen 1994 und 2003 habe sich die Zahl bei Männern um 82 Prozent erhöht, bei Frauen um 57 Prozent." Ist das wirklich wahr? 82 bzw. 57 % mehr Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Probleme? Da muss man sich doch fragen was dieser Druck und diese Arbeitsethik in unserer Gesellschaft am Ende wirklich bringen. Und wer dafür bezahlt. Denn das alles sind Kosten, die letztlich von der Gemeinschaft (der Versicherten in dem Fall) getragen werden müssen. Nicht von den Unternehmen in deren Arbeitsabläufen diese Menschen krank werden.
5. Danke Spon!
hr_schmeiss 18.12.2012
Es ist wichtig, in diesen schweren Zeiten (siehe die Berichte zu Armut&Krise, zu Suicid in Griechenland) darauf hinzuweisen, dass Depression eine KRANKHEIT ist. Sie ist daher auf individueller Basis zu behandeln, der Onkel [...]
Es ist wichtig, in diesen schweren Zeiten (siehe die Berichte zu Armut&Krise, zu Suicid in Griechenland) darauf hinzuweisen, dass Depression eine KRANKHEIT ist. Sie ist daher auf individueller Basis zu behandeln, der Onkel Doktor steht hier schon bereit. Depression ist also keinesfalls ein gesellschaftliches Phänomen. Sie ist auch kein existentielles Problem, hängt also nicht mit diesem Scheiss-Leben zusammen, in dem man sich für nix abrackert, sich nicht mal mer die Pflege leisten kannk, nur um sich dann in die Kiste zu legen, während andere den Reibach machen. Depression hängt nicht damit zusammen, dass man -so man Kinder mag- diese besser erst gar nicht in diese Welt setzt. Depression hat nichts damit zu tun, dass man ausgegrenzt ist und in seiner Gesellschaft keinen Fuss mehr auf den Boden bekommen kann. Wenn Leute wie Fromm etwa von "kranker Gesellschaft" faseln, dann ist das völliger Stuss. Depression IST eine Krankheit und damit höchst individuell. Die Ursache ist also biologisch-medizinisch im Hirn zu suchen, ersatzweise können wir an den Transmittern rumrühren.

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Zur Autorin

  • Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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Depressionen

Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen und Formen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.

Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.

Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist lange Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich Hilfe bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa

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