Lade Daten...
27.02.2013
Schrift:
-
+

Schlaf statt Meditation

Pennen muss der Mensch!

Von
Corbis

Schlaf: Kein Vergleich zur Massage des Blasenmeridians

Die Lebensenergie sitzt in den Nieren, und der Harndrang bestimmt das Leben - solch absonderlichen Quatsch muss man sich in Meditationskursen anhören. Dabei gibt es eine viel bessere Entspannungstechnik: Schlaf. Ein subjektiver Erfahrungsbericht.

Ich gehe zum Entspannen in den Keller einer Mehrzweckhalle, ein Kurs in den Sporträumen der Uni. Vor mir schlurft ein junger Mann im Afro-Look die Treppe herunter, er blickt durch die Glasscheibe in der Tür, in den Raum, in dem der Kurs stattfinden soll. "Boah näh!", sagt er, dreht sich um und geht, ohne die Tür auch nur geöffnet zu haben.

Ich trete ein. Vor mir sitzen fünf Frauen auf Isomatten, gegenüber vor einer Spiegelwand eine weitere Dame: augenscheinlich die Kursleiterin. Bin ich der einzige Mann, der Entspannung braucht? Vorstellungsrunde. Julia hat Stress im Medizinstudium, Anna ein Ziehen im unteren Rücken, Mathilde will was für den Beckenboden tun, Claudia ging es die letzte Zeit nicht so gut, und ich bin oft gestresst und will mal runterkommen. Mir scheint das eine recht heterogene Interessenslage zu sein, doch Gaby, die Kursleiterin, hat für jeden ein Lächeln und sagt: "Wir werden daran arbeiten."

Sie erklärt, dass sie uns Praktiken aus West und Ost lehren wird, von der Progressiven Muskelentspannung bis zu Zen. "Wir wollen den Fluss der Lebensenergien harmonisieren", sagt sie. Das ist genau das, was ich will. Ich bin dabei.

Wir sollen uns aufstellen. Sie spricht leise und eindringlich. "Unser Scheitelpunkt strebt zum Himmel, das Steißbein Richtung Boden, lasst dort alles rausfließen, was nicht mehr zu euch gehört, gebt es der Erde zurück." Ich schaue mich ängstlich um, hoffe, dass das keiner wörtlich nimmt. Doch so entspannt ist zum Glück noch niemand.

Dann sitzen wir wieder. "Unsere Energie sitzt in den Nieren, sie verbraucht sich mit den Jahren, wenn sie weg ist, sterben wir." Wie soll ich so ruhig werden? Dieser unfassbare Schwachsinn regt mich auf. Ich frage mich, warum die Medizinstudentin nicht rausrennt. Aber nein, sie sieht ganz entspannt aus - vielleicht hat sie in Urologie nicht aufgepasst. Hoffentlich werde ich nie ihr Patient. So was denke ich, statt zu entspannen. Ich weiß, das ist kontraproduktiv, aber ich kann es nicht ändern.

Existieren Meridiane überhaupt?

Zum Glück gibt es jetzt etwas Action. Wir klopfen unsere Meridiane ab, ganz wichtig der Blasenmeridian am hinteren Oberschenkel, am Rückgrat, am Hinterkopf, am Auge - der ist anscheinend überall! Das ganze Leben, einzig gesteuert vom Harndrang? Ich sehe ein, dass das manchmal der Fall ist, wenn man dringend muss - aber immer?

Die Medizinstudentin macht ungerührt mit. Dabei gibt es keinen Nachweis, dass Meridiane überhaupt existieren. Merkwürdigerweise fühle ich mich aber besser, fitter, nachdem ich auf meinem Körper rumgetrommelt habe. Wahrscheinlich die Durchblutung, die Bewegung oder beides. Dann legen wir uns hin. "Wir atmen tief ein und sagen uns dabei Ruuuhe - und beim Ausatmen lächeln wir." Das gefällt mir, es erinnert mich an autogenes Training.

Als Oberstufenschüler habe ich darin einen Volkshochschulkurs belegt. Meine Mitschülerinnen waren durchschnittlich dreimal so alt wie ich, wir lagen auf Matten im Musiksaal meines Gymnasiums und spürten, wie unsere Beine schwerer wurden - das ist ein Teil des autogenen Trainings. Wir sollten jeden Tag üben und das tat ich, immer mittags, wenn ich von der Schule kam. Irgendwann schlief ich ein dabei. Wenn ich 20 Minuten später wieder aufwachte, ging es mir bedeutend besser, als wenn ich nur autogenes Training gemacht hatte.

"Langsam wieder zurückkommen", sagt die Kursleiterin. Ich erschrecke - ich muss für ein paar Sekunden weggedöst sein. Verdammt, wie entspannend wäre es gewesen, kurz zu schlafen. Stattdessen muss ich mir noch anhören, dass das Chi durch meine Meridiane fließt. "Es ist unsere Lebenskraft, es ist das Lebendige in uns, das, was unsere Batterien am Laufen hält", sagt Gaby. Ich denke: Kann der bitte jemand die Batterien rausnehmen? Was mich am Laufen hält, ist Schlaf! Der ist älter als Autogenes Training, Qigong und sogar Zen-Buddhismus!

Vergesst den Entspannungsquatsch. Der Mensch muss einfach pennen. Ich will ins Bett.

Achtsamkeit: Entspannung als Nebenwirkung
Lesen sie im Interview mit Psychologe Volkmar Höfling mehr über Achtsamkeit: Wie man Entspannung als angenehme Nebenwirkung erzielt.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
1. Hier werden Dinge vermischt....
dborrmann 27.02.2013
Meditation ist Achtsamkeitstraining und hat mit Schlaf gar nichts zu tun. im gegenteil: Das EEG ist bei Meditation gegenüber normaler Wachheit beschleunigt, im Schlaf aber verlangsamt. Meditation und autogenes Training sind zwei [...]
Meditation ist Achtsamkeitstraining und hat mit Schlaf gar nichts zu tun. im gegenteil: Das EEG ist bei Meditation gegenüber normaler Wachheit beschleunigt, im Schlaf aber verlangsamt. Meditation und autogenes Training sind zwei paar Schuhe, im AT ist das EEG ebenfalls eher verlngsamt; es ist ein autosuggestives Verfahren im Vergleich zum heterosugestiven Verfahren der Hypnose. Mit Chi und Meridianen haben weder Meditation noch AT noch Hypnose etwas zu tun. Wahrscheinlich sind sie einem synkretistisch arbeitenden Esoteriker in die Hände gefallen.
2. Tausend Dank
quarterman 27.02.2013
für Ihren nur zu wahren Artikel! Leider ist es oftmals völliger Humbug, was in solchen Kursen verbreitet wird. Und die Krankenkassen zahlen so etwas auch noch, das ist schon Veruntreuung von Verichertengeldern... bei den wirklich [...]
für Ihren nur zu wahren Artikel! Leider ist es oftmals völliger Humbug, was in solchen Kursen verbreitet wird. Und die Krankenkassen zahlen so etwas auch noch, das ist schon Veruntreuung von Verichertengeldern... bei den wirklich Kranken wird auf Teufel komm raus gespart, Zuzahlung gefordert und Leistung verweigert.
3. knapp daneben ist auch vorbei
andreassimon66 27.02.2013
der herr jötten tut gut daran erstmal ordentlich zu recherchieren bevor er so viele verschiedene dinge in einen topf wirft. oder vielleicht hilft ihm pennen besser, seinen bewusstseinszustand verbessert er damit auf jeden fall nur [...]
der herr jötten tut gut daran erstmal ordentlich zu recherchieren bevor er so viele verschiedene dinge in einen topf wirft. oder vielleicht hilft ihm pennen besser, seinen bewusstseinszustand verbessert er damit auf jeden fall nur bedingt...
4. Meditation und Meditation
der-denker 27.02.2013
Auf jeden Fall witzig geschrieben. Diesen ganzen Quark würde ich als New Age bezeichnen, nicht Meditation. Fehlen nur noch die Engel und die Auren... Mit Zen hat das gar nichts zu tun. Zen, Advaita, Sufi-Mystiker und Meister [...]
Auf jeden Fall witzig geschrieben. Diesen ganzen Quark würde ich als New Age bezeichnen, nicht Meditation. Fehlen nur noch die Engel und die Auren... Mit Zen hat das gar nichts zu tun. Zen, Advaita, Sufi-Mystiker und Meister Eckehart weisen darauf hin dass unser Gefühl eine von der Welt getrennte Ich-Einheit zu sein hinterfragt werden kann. Die moderne Neurologie hat das mittlerweile auch bemerkt.
5. brauchbare Anregung
genesys 27.02.2013
Das Zitat der Kursleiterin werde ich gerne und dankbar in mein Repertoire für die gebotene Entschuldigung nach aufgetretener Spontanflatulenz aufnehmen: "Unser Scheitelpunkt strebt zum Himmel, das Steißbein Richtung Boden, [...]
Das Zitat der Kursleiterin werde ich gerne und dankbar in mein Repertoire für die gebotene Entschuldigung nach aufgetretener Spontanflatulenz aufnehmen: "Unser Scheitelpunkt strebt zum Himmel, das Steißbein Richtung Boden, lasst dort alles rausfließen, was nicht mehr zu euch gehört, gebt es der Erde zurück."

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Frederik Jötten

Verwandte Themen

Wir machen uns mal frei

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Wir machen uns mal frei
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten