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Gesundheit

Psyche und Gesundheit

"Frauen leiden unterm Pendeln mehr als Männer"

Viele Menschen verbringen täglich Stunden auf dem Arbeitsweg. Welche gesundheitlichen Folgen das haben kann und wie man das Pendeln möglichst angenehm gestaltet, erklärt ein Psychologe.

AFP

S-Bahn in Berlin (Archivbild)

Ein Interview von
Donnerstag, 08.03.2018   10:43 Uhr
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SPIEGEL ONLINE: Herr Zacher, unter Ärzten und Psychologen hat das Pendeln eher einen schlechten Ruf. Warum?

Zacher: Pendeln hat positive und negative Seiten. Um mit dem Positiven zu beginnen: Erwerbstätige können sich beruflich eher selbst verwirklichen, wenn sie durchs Pendeln einen Job ausüben, den es an ihrem Wohnort nicht gibt.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Und die Nachteile?

Zacher: Bei längeren Strecken leidet die physische und psychische Gesundheit. Pendeln kann sehr passiv sein. Die Zeit, die in Zügen oder Bussen verbracht wird, empfinden Menschen oft als verschenkt. Hitze im Sommer, Lärm und Enge sind zudem Stressfaktoren. Im Winter steigt im öffentlichen Nahverkehr das Risiko, sich mit einer Erkältung anzustecken, wenn alle niesen und husten. Wer täglich lange im Auto oder im Zug sitzt, den plagen möglicherweise eher Rückenschmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Was stört denn besonders beim Pendeln?

Zacher: Akuten Stress bereiten Probleme, die man selbst nicht beheben kann - Züge, die zu spät kommen oder ausfallen; Baustellen, die Staus verursachen. Die körperliche Reaktion darauf ist bei Pendlern messbar: Der Puls rast, der Blutdruck steigt. Hat jemand sowieso schon Herzprobleme, ist das sehr ungesund.

SPIEGEL ONLINE: Was hilft, wenn man sich gerade über eine Verspätung aufregt?

Zacher: Man kann zumindest versuchen, die negativen Gefühle abzumildern, sich auf etwas Positives zu konzentrieren und die Situation zu akzeptieren. Wenn sich der Zug um zehn Minuten verspätet, geht die Welt nicht unter! Falls es möglich ist, hilft ein Plan B: Kommt zum Beispiel die Bahn nicht, gehe ich eben bis zur nächsten Station zu Fuß und steige dort ein. Aktiv sein und den Arbeitsweg zumindest teilweise mit dem Fahrrad oder zu Fuß zu bewältigen, ist auch wegen der körperlichen Gesundheit empfehlenswert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit für den Arbeitsweg ist zu viel?

Zacher: Schwierig wird es, wenn die einzelne Strecke mehr als 45 Minuten Zeit beansprucht. Das ist natürlich ein Mittelwert. Manche leiden schon unter 20 Minuten, andere pendeln zwei Stunden, ohne dass es ihnen viel ausmacht. Im Durchschnitt leiden Ältere mehr unterm Pendeln als Jüngere und Frauen mehr als Männer.

Wie viele Menschen pendeln so wie Sie?

SPIEGEL ONLINE: Wieso stört es Frauen mehr, wenn sie pendeln?

Zacher: Weil sie immer noch mehr im Haushalt machen und sich mehr um die Kinder kümmern. Die Zeit, die durch das Pendeln wegfällt, belastet sie deshalb stärker. Es verstärkt den Konflikt, gleichzeitig einen Beruf auszuüben und sich um die Familie zu kümmern. Die Lebenssituation hat insgesamt einen wichtigen Einfluss: Wenn jemand kleine Kinder hat oder zum Beispiel kranke Eltern pflegt, dann wird der Zeitverlust durchs Pendeln noch negativer empfunden.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal liegen Arbeits- und Wohnort so weit auseinander, dass Berufstätige zum Wochenstart und -ende pendeln. Ist das ähnlich stressig wie tägliches Pendeln?

Zacher: Wer nur das Wochenende mit Partner oder Familie verbringen kann, hat nicht nur die Belastung durchs Pendeln, sondern ist oft schlicht abwesend. Nur über Skype am Familienleben teilzunehmen, ist schwierig. Da kann die Balance zwischen Beruf und Familie schnell kippen. Solche Pendler sind dann auch häufiger geschieden. Sitzt jemand jede Woche im Flugzeug, kommt die Belastung durch die UV-Strahlung als gesundheitliches Risiko dazu. Meiner Einschätzung nach wiegen aber die sozialen Probleme schwerer.

SPIEGEL ONLINE: Manche Menschen entscheiden sich ohne Zwang dafür, längere Strecken zu pendeln, etwa weil sie in der Stadt arbeiten, aber auf dem Land wohnen wollen. Die dürfen sich doch eigentlich nicht beklagen.

Zacher: Es spielt eine Rolle, ob das Pendeln selbstgewählt ist oder nicht. Wer das Gefühl hat, die Kontrolle über eine Situation zu haben, kommt damit besser zurecht. Trotzdem können auch diese Menschen unterm Pendeln leiden.

SPIEGEL ONLINE: In der Bahn oder im Auto zu sitzen, ist ja nicht zwingend verlorene Zeit, man kann sie sinnvoll nutzen.

Zacher: Das ist ein wichtiger Punkt. In der Bahn kann man lesen, im Auto einem Hörbuch lauschen. Vielleicht sogar eine neue Sprache lernen. Bei einigen Berufen ist es möglich, im Zug zu arbeiten. Eventuell erkennt der Arbeitgeber sogar einen Teil der mit dem Pendeln verbrachten Zeit als Arbeitszeit an. Allerdings tun sich Arbeitgeber nach meiner Erfahrung damit bislang schwer.

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SPIEGEL ONLINE: Was können Arbeitgeber tun, um Pendlern das Leben etwas leichter zu machen?

Zacher: Wichtige Meetings nicht gleich frühmorgens ansetzen. Dann erzeugt es weniger Druck, wenn sich Pendler mal um ein paar Minuten verspäten. Flexible Arbeitszeiten helfen natürlich. Und wenn es an manchen Tagen möglich ist, Arbeit von zu Hause zu erledigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie eigentlich zur Arbeit?

Zacher: Ich brauche nur zehn Minuten mit der Straßenbahn oder eine halbe Stunde zu Fuß. In letzter Zeit gehe ich die Strecke häufiger, weil ich bereits einen Großteil meiner Aufgaben im Sitzen erledige und so mehr Bewegung in meinen Alltag kommt.

insgesamt 85 Beiträge
joG 08.03.2018
1. Ist es politisch korrekt....
....darauf aufmerksam zu machen, dass es Unterschiede zwischen den Leistungs-/Kostenkriterien von Männern und Frauen gibt? Gerade an einem Tag an dem Frauen fordern, dass sie gleiche Bezahlung wollen. Eine solche Aussage ist in [...]
....darauf aufmerksam zu machen, dass es Unterschiede zwischen den Leistungs-/Kostenkriterien von Männern und Frauen gibt? Gerade an einem Tag an dem Frauen fordern, dass sie gleiche Bezahlung wollen. Eine solche Aussage ist in diesem Zusammenhang subtiler Hinweis, dass man die Gleichstellungsforderung auch als Bevorzugungsforderung interpretieren kann.
bettyblue 08.03.2018
2. Grenzgänger?
Das Formular für die Umfrage akzeptiert leider keine Arbeitsorte im Ausland. Damit kann ich als Grenzgängerin (Deutschland - Schweiz) meine Angaben bedauerlicherweise nicht einfügen. Für die Analyse wäre die Gruppe von [...]
Das Formular für die Umfrage akzeptiert leider keine Arbeitsorte im Ausland. Damit kann ich als Grenzgängerin (Deutschland - Schweiz) meine Angaben bedauerlicherweise nicht einfügen. Für die Analyse wäre die Gruppe von Pendlern, die vom Wohnsitz in Deutschland aus ins benachbarte Ausland pendeln, sicher auch von Interesse gewesen.
Zauberhexe 08.03.2018
3. Keine Belastung
Mein Pendeln hat schon zur Schulzeit mit dem Übergang aufs Gymnasium angefangen. Damals waren das 45 Minuten einfach mit dem Bus. Jetzt bin ich 60 und pendele morgens und abends je 1 Stunde mit der Bahn ins Büro. Auch wenn ich [...]
Mein Pendeln hat schon zur Schulzeit mit dem Übergang aufs Gymnasium angefangen. Damals waren das 45 Minuten einfach mit dem Bus. Jetzt bin ich 60 und pendele morgens und abends je 1 Stunde mit der Bahn ins Büro. Auch wenn ich mich ab und zu noch über die Bahn oder andere Fahrgäste ärgere - es ist mit steigendem Alter weniger geworden -, stört mich das Pendeln nicht. Gerade abends nutze ich die Zeit, um vom Büroalltag runterzukommen und morgens lese ich die Zeitung. Ich lebe auf dem Land, arbeite in der Stadt und so soll es bleiben.
Kanalysiert 08.03.2018
4. Stinkende Geisterbahn
Aha, wer pendelt denn noch, um sich "beruflich zu verwirklichen"? Ich kenne nur Pendler, die sich in Arbeitsplatznähe keine Wohnung leisten können. Pendeln als Frau ist in der Tat manchmal grauenvoll, wenn man viel zu [...]
Aha, wer pendelt denn noch, um sich "beruflich zu verwirklichen"? Ich kenne nur Pendler, die sich in Arbeitsplatznähe keine Wohnung leisten können. Pendeln als Frau ist in der Tat manchmal grauenvoll, wenn man viel zu oft blöde angeglotzt/angefasst wird oder sich der Sitznachbar viel zu weit rüberschiebt und man die Berürhung nicht vermeiden kann, so dass man lieber den Platz aufgibt. Im Winter werden die Dinger noch dazu so überheizt, dass man im Winteroutfit schier platzt vor Hitze, ist super, wenn man eh schon keine Hand mehr frei hat und dann noch den Mantel ausziehen muss, weil es einfach zu heiss in der Bahn ist. Und im Sommer erstickt man im Schweissgeruch mancher Menschen, für die Deo wohl eher ein griechischer Gott ist, als ein wichtiger Hygienefaktor. Öffentliche sind der Horror, nein - Korrektur - die Menschen ohne Manieren und ohne Dusche/Deo sind es - drum werden sie das Auto auch nicht ablösen können. Ohne Sagrotan und Handschuhe kriegen mich keine zehn Pferde in die Massenblechbüchse.
u30 08.03.2018
5. Als Frau stressen mich die Mitfahrer...
Mich stresst das pendeln an manchen Tagen mehr als an anderen nicht weil ich den Haushalt machen muss (da macht mein Mann mehr - weil er den kürzeren Arbeitsweg hat) sondern weil man manchmal mit komischen Gestalten in der Bahn [...]
Mich stresst das pendeln an manchen Tagen mehr als an anderen nicht weil ich den Haushalt machen muss (da macht mein Mann mehr - weil er den kürzeren Arbeitsweg hat) sondern weil man manchmal mit komischen Gestalten in der Bahn sitzt. Ich kann mir vorstellen, dass Männer diese Situation deutlich weniger bedrohlich erleben als Frauen. Schon Kleinigkeiten wie Betrunkene die morgens in der Bahn vor sich hin brabbeln (aber ansonsten eigentlich nichts machen) führen dazu, dass ich mir eine Exit-Strategie zurecht lege und mich nicht mehr so recht auf mein Buch konzentrieren kann. Oder das angestarrt werden einiger Menschen - vor allem Männer - empfinde ich schon als Bedrohung weil ich schon erlebt habe wie solche Situationen umgeschlagen sind. Das stresst mich.

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