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Gesundheit

Gesundheitskrise

Suizidraten steigen in den USA stark an

Seit Jahren beenden immer mehr Menschen in den USA ihr Leben, lange wurde darüber geschwiegen. Der Tod zweier Prominenter hat jetzt eine längst überfällige Debatte entfacht.

Getty Images/First Light
Dienstag, 03.07.2018   14:04 Uhr

Erst Kate Spade, dann Anthony Bourdain: Die Suizide der beliebten Designerin und des scheinbar so unverwüstlichen Kochs und TV-Stars haben die USA schockiert - und zum Reden gebracht über ein Thema, das noch immer zu den Tabus zählt. Dabei drängt das Problem schon lange, in den USA steigen die Suizidraten seit Jahren stark an.

Fast 45.000 Amerikaner haben sich 2016 das Leben genommen, berichtete die US-Gesundheitsbehörde CDC. Das sind 25 Prozent mehr als 1999 und mehr als doppelt so viele Menschen, wie 2016 ermordet wurden. "Verstörend" nennt Anne Schuchat, stellvertretende CDC-Geschäftsführerin, die Daten. Mehr als vier Fünftel der Suizidopfer sind Weiße und etwa drei Viertel Männer.

Bis auf Nevada sind alle Staaten von dem Anstieg betroffen. "Das legt nahe, dass das ein nationales Problem ist, das so gut wie alle Orte betrifft", so Schuchat. Besonders ausgeprägt ist der Trend im mittleren Westen. In Montana begingen 2016 von 100.000 Einwohnern 29,2 Suizid. Zum Vergleich: Im US-Durchschnitt lag die Quote bei 13,4, in Deutschland 2015 bei 12,3.

Wie lässt sich der Anstieg in den USA erklären?

Im Durchschnitt nehmen sich in Staaten mit strikteren Waffengesetzen etwas weniger Menschen das Leben. Vor allem weiße Männer greifen häufig zur Waffe, wenn sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Trotzdem bleibt die Frage: Woher kommt dieser drastische Anstieg? Gesundheitsexperten sehen ebenso wie Ökonomen und Soziologen einen Grund in der Finanzkrise, die das Land 2008 traf.

Eine weitere Rolle spielt die Opioid-Krise. Immer mehr Menschen in den USA sind von den Schmerzmitteln abhängig, die seit den Neunzigerjahren sehr großzügig verordnet wurden. Studien hatten die Suchtgefahr der Mittel massiv unterschätzt. Bei Todesfällen unter Betroffenen lässt sich oft nur schwer feststellen, ob es sich um Suizide oder unbeabsichtigte Überdosierungen handelt. Die CDC geht jedoch davon aus, dass sich Selbsttötungen durch die Schmerzmittel von 1999 bis 2014 fast verdoppelt haben.

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Wer psychische Probleme hat, an Depressionen oder Angsterkrankungen leidet, hat es im Gesundheitssystem der USA außerdem oft schwer, wirksame medizinische und therapeutische Hilfe zu bekommen. Dazu braucht es Geld, eine Krankenversicherung und vor allem mehr als nur einen Besuch in der Krankenhausnotaufnahme im Extremfall.

"Ein dunkler Spiegel"

"Der Anstieg der Suizide hält der amerikanischen Gesellschaft einen dunklen Spiegel vor", schreibt die "New York Times". Das Land leide unter einer gehetzten, zersplitterten Kultur, einem fadenscheinigen Gesundheitssystem und der Verzweiflung vieler Einzelner, die hinter Wogen lächelnder Social-Media-Fotos verschwinden. Das Problem wurde lange ignoriert.

Dabei könnte mehr Offenheit nicht nur den Angehörigen, sondern auch den Gefährdeten helfen. Reden Menschen offener darüber, wie sie Selbstmordgedanken überwunden haben, kann das anderen Mut machen und einen Weg auch aus den eigenen Problemen aufzeigen. Experten sprechen vom Papageno-Effekt.

Zumindest einige der Betroffenen in den USA haben sich jetzt getraut, ihre Geschichten zu teilen. In "USA Today" berichtete die Kolumnistin Kirsten Powers von einer schweren Depression nach dem Tod und der Krankheit naher Menschen. Sie glaubt, dass auch eine Kultur, die Impulse des Immer-mehr-haben-Wollens anstelle echter Bindungen fördert, ein Grund für die wachsende Verzweiflung in den USA ist.

Auch auf Twitter meldeten sich Betroffene zu Wort. "Es ist sechs Jahre her, dass ich barfuß auf dem Geländer einer Brücke stand, im Regen", beginnt Josh Raby einen langen Twitter-Thread, der von mehr als 30.000 Menschen geteilt wurde. Ein Nachbar habe ihn gerettet - einfach, indem er da war.

Die Filmkritikerin Sheila O'Malley twitterte, wie Freunde ihr in der tiefsten Krise Hilfe förmlich aufdrängten. Sie hätte sehr verletzt reagieren können, schreibt die Filmkritikerin. Aber Freunde sollten dieses Risiko eingehen und sich einmischen (hier finden Sie Tipps für Angehörige).

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Video: Endstation Heimat - Die Armee der zerstörten Seelen

Foto: SPIEGEL TV

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels ist es zu einem Übersetzungsfehler gekommen. Die "Die New York Times" schreibt nicht von einer unter ethnischen Spannungen leidenden Kultur, sondern von einer gehetzten Kultur. Wir haben den Fehler korrigiert.

irb/dpa

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