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Gesundheit

Katharina Saalfrank antwortet

Warum tritt mich mein Kind?

Der Vierjährige wütet und tobt, tritt und beschimpft seine Mutter. Was kann sie tun? Antworten von Katharina Saalfrank.

Getty Images

Wütender Junge (Symbolbild)

Donnerstag, 30.11.2017   15:11 Uhr

Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Eine Mutter schreibt: Liebe Frau Saalfrank, mein Sohn ist gerade vier Jahre alt geworden, er ist ein fröhliches, willensstarkes, empathisches Kind. Er hat eine große Schwester (7 Jahre).

Meinen Erziehungsstil würde ich als sehr kooperativ beschreiben. Mit meinem Mann gerate ich immer wieder aneinander, weil er der Meinung ist, die Kinder sehen mich als Freundin und haben keinen Respekt vor mir. In gewisser Weise stimmt es, dass die Kinder bei mir ihren Gefühlen freien Lauf lassen, bei meinem Mann trauen sie sich das einfach nicht. Er steckt sie in die Zimmer und verbittet sich respektlosen Umgang.

Mein Sohn flippt immer wieder aus, wenn ich nicht das mache, was er will. Zum Beispiel, wenn ich ihn mal nicht ins Auto trage (weil ich die Hände voll habe), oder weil der Papa ihm die Hosen anzieht (und nicht ich) oder wenn ich ihm etwas verbiete. Dann reagiert er trotzig und wütend und meint: Das mach ich aber trotzdem, und macht es dann auch.

Ich habe das Gefühl, dass meine kooperative Art ihn dazu verleitet, mich herumzukommandieren. Neulich hat mein Sohn mich sogar in der Kita getreten, weil er im Auto hinten sitzen musste. An dem Morgen hatte er einen Wutanfall, weil ich ihm nicht "gehorcht" habe und ihn nicht ins Auto getragen habe. Er bepflasterte mich dann mit "blöde Mama". "Zur Strafe" musste er hinten sitzen.

Ich finde, es ist ein unheimlich schmaler Grat zwischen: "Ich erziehe meine Kinder kooperativ" und "Die Kinder machen, was sie wollen". Haben Sie ein paar Tipps für mich?

Katharina Saalfrank: Ihr Mann spricht davon, dass er sich "respektlosen Umgang verbittet". Ich kann nachvollziehen, dass er sich wünscht, dass seine Kinder respektvoll mit ihm umgehen. Wenn er die Kinder jedoch "ins Zimmer steckt", wird etwas anderes passieren: Sie lernen zwar, dass ihr Vater offensichtlich ungehalten und ärgerlich ist. Die elterliche Reaktion ist allerdings wenig wertschätzend und warm. So entstehen eher Angst und Unsicherheit als Vertrauen und Nähe. Auf Dauer werden sie sich also nicht trauen, sich ihm gegenüber zu öffnen, sondern sich eher zurückziehen. Die Beziehung wird insgesamt eher von Angst als von Vertrauen und Wertschätzung geprägt sein.

Wie lernen Kinder Respekt?

Indem sie selbst konstant respektvolle Erfahrungen mit ihren Bindungs- und Bezugspersonen machen. Indem sie in einer dauerhaft wertschätzenden Atmosphäre aufwachsen und spüren, dass ihre eigenen Grenzen bedingungslos gewahrt und geachtet werden - insbesondere wenn Konflikte entstehen.

Zur Person

Wenn wir uns alle gut verstehen, ist es leicht, die Grenze des anderen zu achten. Wie sieht es aber in Konfliktsituationen aus? Dann geht es darum, die Bedürfnisse aller Beteiligten zu sehen, zu achten und in Kontakt und Austausch zu kommen - und gute Konfliktlösungen zu finden.

Das heißt nicht, dass wir alle Wünsche der Kinder erfüllen müssen oder sie machen dürfen, was sie wollen. Hier liegt oft ein Missverständnis: Es ist kein Widerspruch, liebevoll auf Kinder einzugehen und gleichzeitig wertschätzend die elterliche Führung zu übernehmen. Die Verantwortung und die Qualität in der Führung liegt bei uns Erwachsenen - und zwar zu 100 Prozent. Wenn Eltern diese Aufgabe nicht klar ausfüllen, übernehmen die Kinder die Führung. Nicht, weil sie "Tyrannen" sind, wie manche immer wieder behaupten, sondern weil sie Sicherheit brauchen und auf der Suche nach Halt und Führung sind.

Wenn wir also wollen, dass unsere Kinder andere Menschen respektieren und mit ihnen wertschätzend umgehen, dann geht das nur, wenn wir das in der Beziehung selbst leben und auch wir ihre Grenzen nicht absichtlich übertreten. Strafen sind verletzend, sie demütigen und machen den anderen klein. Sie prägen die Beziehung im Sinne von "Wie du mir, so ich dir". Die fatale Botschaft für das Kind lautet: 'Du hast meine Grenze übertreten - deine Grenze ist mir aber nichts wert!' Das hat langfristig Einfluss auf den Selbstwert von Kindern.

Hinzu kommt: Weder die Erwachsenen noch das Kind erfahren, was in ihm vorgeht und zu diesem Verhalten geführt hat. Im Gegensatz zu einem Erwachsenen kann es seine Gefühle (noch) nicht benennen. Es kann nicht sagen: "Das ärgerst mich!" Oder: "Das macht mich traurig" oder auch "Du fehlst mir". Wenn man bei Schmerz, Angst oder Wut keine Möglichkeit hat, sich angemessen auszudrücken, äußert sich das in Aggressivität. Wird das Kind für seine kindliche Reaktion bestraft, lernt es im schlimmsten Fall, dass es seine Gefühle unterdrücken muss, um dazuzugehören.

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Was können Sie stattdessen tun? Viele Eltern wollen es heute anders machen und spüren, dass ein sanktionierender Umgang die Beziehung belastet und Kraft raubt. Ich nehme an, dass Sie deshalb auch geschrieben haben.

Wenn Ihr Sohn Sie tritt, kann das zweierlei heißen: Entweder er muss sich so von Ihnen abgrenzen, oder er versucht auf diese Weise, Kontakt zu Ihnen zu bekommen. Er befindet sich in einer emotionalen Ausnahmesituation und hat noch keine anderen Handlungsstrategien, als seinen Unmut über körperliche Reaktionen auszudrücken. Dazu schimpft er und drückt so zusätzlich seinen Ärger verbal aus.

Gehen Sie nicht auf den Inhalt der Schimpftirade ein, sondern spüren Sie zunächst seine Not dahinter: Er ärgert sich und schimpft deshalb. Er meint nicht Sie persönlich! Sagen Sie ihm, dass Sie ihn jetzt nicht tragen können, weil Sie die Hände voll haben. Erwarten Sie aber nicht, dass er mit Ihnen einig ist. Ziel ist nicht, dass er aufhört zu wüten, sondern dass er mit dem Ärger und seiner Wut nicht alleine ist.

Sie könnten auch sagen: "Ich sehe, dass du dich ärgerst, und ich verstehe, dass du getragen werden möchtest. Es tut mir leid, dass es nun so ist, wie es ist." Diese Rückmeldung ist wichtig für Ihren Sohn. Er erfährt so eine wirkliche Antwort auf emotionaler Ebene: Er lernt etwas über seinen Zustand (aha, ich fühle Wut) und die Beziehung zu seiner Mutter (Mama sieht mich und lehnt mich nicht ab. Mein Gefühl ist okay). Diese Reaktionen beanspruchen nicht viel Zeit oder lange Diskussionen. Im Gegenteil. Sie können diese Botschaften in wenigen Minuten transportieren.

Gefühle kennenzulernen, ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe, und Kinder brauchen hier die Begleitung und emotionalen Halt von uns Erwachsenen. Wir können an ihrer Seite sein und ihre starken Gefühle wie Ärger, Wut und Frustration spiegeln und mit ihnen aushalten. Das ist manchmal nicht einfach und doch eine notwendige Unterstützung für eine gesunde psychisch-emotionale Entwicklung von Kindern.

Weitere Folgen der Serie: Katharina Saalfrank antwortet

insgesamt 106 Beiträge
ludna 30.11.2017
1. Sie könnten auch sagen:
"Ich sehe, dass du dich ärgerst, und ich verstehe, dass du getragen werden möchtest. Es tut mir leid, dass es nun so ist, wie es ist." Ok, finde ich gut. Was mache ich, wenn es nicht aufhört zu treten ?
"Ich sehe, dass du dich ärgerst, und ich verstehe, dass du getragen werden möchtest. Es tut mir leid, dass es nun so ist, wie es ist." Ok, finde ich gut. Was mache ich, wenn es nicht aufhört zu treten ?
fatfrank 30.11.2017
2. Nuff said
Liebe Frau Saalfrank, dem ist nichts hinzuzufügen. Bravo! Die Trotzphase ist eine enorm wichtige in der Entwicklung der Persönlichkeit unserer Kinder. Hier lernen sie vor allem, wie sie mit negativen Gefühlen konstruktiv [...]
Liebe Frau Saalfrank, dem ist nichts hinzuzufügen. Bravo! Die Trotzphase ist eine enorm wichtige in der Entwicklung der Persönlichkeit unserer Kinder. Hier lernen sie vor allem, wie sie mit negativen Gefühlen konstruktiv umgehen können. Wer das als Eltern als Vorbild nicht vorlebt und möchte, dass seine Kinder nur brav und angepasst sind (z.B. weil sie aus Angst ihre Gefühle unterdrücken) und das z.B. mit Strafen durchzusetzen versucht, wird sich später noch sehr, sehr wundern.
Leser161 30.11.2017
3.
Ausweichen. Der Kern der Tipps von Frau Saalfrank sind Geduld und Souveränität. Wenn ein 4jähriger tritt, heisst das nicht das die Welt untergeht. Ist halt so. Wir haben alle in die Hose gemacht, getobt und wollten immer [...]
Zitat von ludna"Ich sehe, dass du dich ärgerst, und ich verstehe, dass du getragen werden möchtest. Es tut mir leid, dass es nun so ist, wie es ist." Ok, finde ich gut. Was mache ich, wenn es nicht aufhört zu treten ?
Ausweichen. Der Kern der Tipps von Frau Saalfrank sind Geduld und Souveränität. Wenn ein 4jähriger tritt, heisst das nicht das die Welt untergeht. Ist halt so. Wir haben alle in die Hose gemacht, getobt und wollten immer nur Ketchup. Es ist kein Beinbruch wenn unsere Kinder dasselbe tun.
SkyNet_SO 30.11.2017
4. du du du
Grundsätzlich ist es natürlich richtig, dass man nicht auf jede Trotzreaktion oder jeden Wutanfall mit Ausrasten, Strafen oder ähnlichem reagiert. Auch sollte man Kinder ermutigen, Gefühle zu äußern und dazu gehören eben [...]
Grundsätzlich ist es natürlich richtig, dass man nicht auf jede Trotzreaktion oder jeden Wutanfall mit Ausrasten, Strafen oder ähnlichem reagiert. Auch sollte man Kinder ermutigen, Gefühle zu äußern und dazu gehören eben auch Wut oder Trauer. Dennoch brauchen Kinder auch Regeln und Grenzen und es gibt in meinen Augen rote Linien, die man dem Kind durchaus vermitteln sollte. Wenn das Kind die Eltern tritt oder schläft, dann sollte man es daran erinnern, dass dies eben keine angemessene Reaktion ist und eben auch eine entsprechende Reaktion, zB eine Entschuldigung einfordern. Nur mit "Du Du Du" oder "Ich verstehe dich" zu reagieren ist in meinen Augen keine angemessene Reaktion. Meine Tochter (5) kann sehr gut zicke, und wenn sie in der Phase drin ist, dann lasse ich ihr das auch. Sie hat aber gelernt, dass mit dem Kopf durch die Wand nicht weit kommt und dass es eben rote Linien gibt, die man nicht überschreitet. Trotzdem haben wir eine wunderbare emotionale Beziehung. Aber heutzutage gilt man ja schon als gestriger, wenn man den Grundsatz vertritt, dass Kinder durchaus Regeln und Führung brauchen. Das Kind soll sich ja schließlich frei entfalten und auf gar keinen Fall irgendwo eingeschränkt werden.
whitewisent 30.11.2017
5.
"Sagen Sie ihm, dass Sie ihn jetzt nicht tragen können, weil Sie die Hände voll haben. Ist das wirklich Ihr Ernst Frau Doktor? Scheinbar wird der Junge regelmäig in diesem Alter noch getragen! Wahrscheinlich damit die [...]
"Sagen Sie ihm, dass Sie ihn jetzt nicht tragen können, weil Sie die Hände voll haben. Ist das wirklich Ihr Ernst Frau Doktor? Scheinbar wird der Junge regelmäig in diesem Alter noch getragen! Wahrscheinlich damit die Windel nicht verrutscht. Solche Form der Fürsorge und Zuneigung muß begründbar sein, genauso wie die Ablehnung dessen. Erst recht bei einer kooperativen Erziehung. Die Trotzphase ist doch wesentlich damit verbunden, daß die Kleinkindjahre vorbei sind, und Eltern sich automatisch vom Kind mehr entfernen, als dieses es bis dahin gewohnt war. Vieleicht auch mal darauf achten, wieviel Zeit man mit einem schimpfenden Vierjährigen verbringt, und das man vieleicht genau diese Zeit von der Aufmerksamkeit für die ältere Tochter und den Ehemann abzweigt? Der Kleine ist nen Tyrann, und weiß genau, wie er das bekommt, was er möchte. Und vieleicht auch mal beobachten, was eigentlich sonst so mit dem Hose anziehen verbunden ist. Väter machen das meist praktisch, passt wackelt und hat Luft. Eine Mutter gibt dabei vieleicht genau die Streicheleinheiten, die ein Kind sonst vermisst. Und das kann man dann auch einem Vater sagen, dem der Unterschied gar nicht bewußt ist.

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