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Gesundheit

Grimassen-Imitation

Warum Babys Gesichtsausdrücke doch nicht nachahmen

Eltern hoffen oft, dass ihre Neugeborenen ihre Gestik imitieren - vergebens, sagen Forscher nun. Tatsächlich ist es wohl eher umgekehrt.

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Vater und Kind

Montag, 09.05.2016   12:58 Uhr

Zunge raus - freudiges Gewackel, große Augen und fröhliches Gequieke: Diese Gesten von Babys sind schon in den ersten Lebenswochen ihr Versuch, die Mimik und Gestik ihres Gegenübers nachzuahmen, so hieß es lange.

Doch Wissenschaftler haben in einer neuen Untersuchung die aufgekommenen Zweifel an diese Hypothese untermauert. Säuglinge seien während der ersten Monate zwar höchst interessiert am Gebaren ihres Gegenübers, aber keineswegs in der Lage, gezielt vorgemachte Grimassen, Handbewegungen oder Geräusche nachzuahmen.

Die Forscher um Janine Oostenbroek und Virginia Slaughter von der University of Queensland (Australien) prüften bei 106 Babys jeweils im Alter von ein, zwei, sechs und neun Wochen, ob sie vorgemachte Gesichtsausdrücke oder Gesten imitierten. "Die Ergebnisse waren klar und deutlich: Die Kinder imitierten keine der Verhaltensweisen, die sie zu sehen bekamen", erklären die Wissenschaftler im Fachmagazin "Current Biology".

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine identische Grimasse zeigten, sei jeweils genauso hoch gewesen wie für irgendeine andere. Zudem weise die Studie darauf hin, dass Nachahmung gar kein angeborenes, sondern ein in den ersten Lebensmonaten erlerntes Verhalten sei.

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Zur Nachahmungsfähigkeit von Babys in den ersten Lebenswochen hatten Untersuchungen in den Achtziger- und Neunzigerjahren widersprüchliche Ergebnisse erbracht, so die Forscher. "Wir wollten die Konfusion beseitigen, weil der 'Fakt' des Nachahmens bei Neugeborenen so oft genannt wird, nicht nur in Psychologie, Neurowissenschaften und Kinderheilkunde, sondern auch in populärwissenschaftlichen Quellen für Eltern."

Warum aber kamen so viele Untersuchungen zu dem Schluss, dass schon Neugeborene Gesten und Mimiken nachzuahmen vermögen? Entscheidend sei vor allem die stark eingeschränkte Wahl vorgemachter Ausdrücke in den früheren Studien, glaubt Slaughter. Meist hätten die "Vormacher" lediglich die Zunge herausgestreckt oder den Mund geöffnet. Beim Kind wurde die Vorwölbung der Zunge und die Mundöffnung jeweils erfasst, bevor und nachdem der Erwachsende ihm etwas vorgrimassierte.

Auf diese Weise werde nicht berücksichtigt, ob das Baby schlichtweg vor lauter Aufregung über sein Gegenüber und sein interessantes Verhalten die Zunge bewege, erklärt Slaughter. Ihr Team nutzte darum eine weit größere Zahl ganz verschiedener Gesten und Ausdrucksformen, die den Kleinen jeweils 60 Sekunden lang gezeigt wurden.

Zu den elf Verhaltensweisen zählten neben herausgestreckter Zunge und offenem Mund zwei weitere Gesichtsausdrücke: ein Lächeln und ein trauriges Gesicht. Hinzu kamen zwei Gesten (Fingerzeig und Greifen) und drei Laute ("mmm", "eee", "click"). Zudem wurden mit zwei Objekten Handgesten nachgeahmt: ein aus einer Röhre herausgestreckter Löffel (als Finger-Kopie) sowie eine sich schließende Box (als Entsprechung zum Greifen).

Nachahmungsversuche beginnen erst später

Viele der 106 Babys seien bei einzelnen der Tests eingeschlummert oder hätten zu schreien begonnen, erläutern die Forscher. Ausgewertet wurden daher nur die Datensätze von 64 bis 90 der Kinder. Nicht einer davon ließ auf gezielte Nachahmung schließen.

In der Realität sei es oft so, dass es vielmehr zunächst die Eltern seien, die die Mimik und Gestik ihrer Kleinen nachahmen, erklärt Slaughter. Im Mittel passiere das beim Umgang mit dem Baby einmal alle zwei Minuten, habe eine Auswertung ihrer Gruppe gezeigt. Wahrscheinlich lernten Babys auf diese Weise, eigene Ausdrücke mit denen anderer zu verlinken - und sie schließlich nachzuahmen.

"Die Ergebnisse sollten eine aufbauende Neuigkeit sein für all jene, die vergebens darauf gewartet haben, dass ihr Neugeborenes sie imitiert", lautet das Fazit der Forscher. "Das ist absolut normal - und irgendwann beginnen sie fast alle damit." Möglicherweise passiere dies erst mit sechs bis acht Monaten, vermuten die Wissenschaftler. Wann genau, sollen nun weitere Auswertungen zeigen.

Ohnehin gilt, Imitation hin oder her: Sich mit seinem Baby liebevoll zu beschäftigen, ist für dessen Entwicklung in jedem Fall förderlich und tut der Beziehung zwischen Eltern und Kind viel Gutes.

Bereits vor einigen Jahren hatten Forscher die Studienergebnisse aus früheren Untersuchungen angezweifelt. Sowohl die Methodik der Analysen als auch die Interpretation der Beobachtungen sei zu bemängeln, schrieben Elizabeth Ray vom University College London und Cecilia Heyes von der University of Oxford 2011 im Fachmagazin "Developmental Science".

Von Annett Stein, dpa/joe

insgesamt 14 Beiträge
crazy_swayze 09.05.2016
1.
Der Versuch einer Imitation, und eine Imitation, sind zwei paar Schuhe.
Der Versuch einer Imitation, und eine Imitation, sind zwei paar Schuhe.
gorlois7 09.05.2016
2.
Nu gut, aber haben diese Forscher auch nachgeprüft, ab wann ein Baby in der Lage ist zu abstrahieren? Eine Röhre samts Löffel gleicht selbst für mich als Nichtbaby nur sehr eingeschränkt einem Finger und eine sich öffnende [...]
Nu gut, aber haben diese Forscher auch nachgeprüft, ab wann ein Baby in der Lage ist zu abstrahieren? Eine Röhre samts Löffel gleicht selbst für mich als Nichtbaby nur sehr eingeschränkt einem Finger und eine sich öffnende und schliessende Box gemahnt mich eher an Kasperles Krokodil als an eine Greifgeste! Ich bin kein Forscher, aber ich würde Nachahmung an das Alter des Kindes anpassen, ich kenne kein Kind, das im Alter von 2-3 Wochen gezielt Laute bilden kann, weder Click noch sonstige! Kein Wunder ,dass die Gören geheult haben, vermutlich aus Frust wegen der ihnen demonstrierten Kleinheit des menschlichen Geistes!
Sumerer 09.05.2016
3.
"Eltern hoffen oft, dass ihre Neugeborenen ihre Gestik imitieren - vergebens, sagen Forscher nun. Tatsächlich ist es wohl eher umgekehrt." Das Gehirn Heranwachsender wird mindestens zweimal neu strukturiert. Die [...]
"Eltern hoffen oft, dass ihre Neugeborenen ihre Gestik imitieren - vergebens, sagen Forscher nun. Tatsächlich ist es wohl eher umgekehrt." Das Gehirn Heranwachsender wird mindestens zweimal neu strukturiert. Die Eltern werden zwei mal mit einem geänderten Individuum konfrontiert, mit dem sie interagieren. Beim zweiten Mal wird es hinsichtlich seiner Informationstransportfähigkeiten zusätzlich optimiert. Wer dann nicht fit ist, wird es auch nie wieder sein und werden.
Sumerer 09.05.2016
4.
Selbsterkenntnisfähigkeit und Selbstbewusstsein kann man doch schulen - würde ich so salopp formuliert meinen. Klar, Sie haben schon recht. Aber da können die Eltern ja durchaus behilflich sein. Indem diese ihrem Kind [...]
Zitat von crazy_swayzeDer Versuch einer Imitation, und eine Imitation, sind zwei paar Schuhe.
Selbsterkenntnisfähigkeit und Selbstbewusstsein kann man doch schulen - würde ich so salopp formuliert meinen. Klar, Sie haben schon recht. Aber da können die Eltern ja durchaus behilflich sein. Indem diese ihrem Kind beibringen, was mit diesem jeweils genau passiert. Anstatt einfach nur mit ihm zu sabbeln.
Knossos 09.05.2016
5. Erbe der Millionen Jahre im dritten Jahrtausend
Ob durch Imitation oder nicht, die frühe Adaption (um nicht von negativ belegter "Gefallsucht" zu sprechen) noch vor der Ausbildung des Bewußtseins ist in der genetisch angelegten Urangst begründet, nicht zu gefallen [...]
Ob durch Imitation oder nicht, die frühe Adaption (um nicht von negativ belegter "Gefallsucht" zu sprechen) noch vor der Ausbildung des Bewußtseins ist in der genetisch angelegten Urangst begründet, nicht zu gefallen / verstoßen zu werden. Keine Frage; soll das Baby einmal von Kompensationsverhalten, Minderwertigkeitskomplex, Geltungssucht, Gefühlsarmut, Kritikunfähigkeit, Karrierismus und Soziopathie beherrscht werden, dann nur zum Füttern und Wickeln hochnehmen und es ansonsten solange liegen lassen, bis es einen flachen Hinterkopf ausbildet. Soll es darüber hinaus ein kriminelles Gemüt ausbilden, dann ist zu seiner Klage auf Zureden, Beschwichtigung, Wiegen und Streicheln zu verzichten, bis es lernt sich selbst zu trösten. Die liebevolle Beschäftigung mit dem Baby ist nicht nur förderlich, sondern für natürliche / adäquate Bedingung zum Menschwerden unerläßlich. Das Baby ist darauf programmiert; und wenn Entsprechung ausbleibt, erfolgt Fehlprogrammierung (unbefriedbare Kompensation -> Selbstsucht, Raffgier etc.). Ähnliches gilt für das Stillen, das aus verquasten Gründen über wenige Monate der Anwendung hinaus zur zivilisatorischen Unschicklichkeit verklärt wurde. Doch Muttermilch (von Müttern, deren Brustfett keine übermäßige Ablagerung von Giften aufweist) ist in vielerelei Hinsicht perfekte Versorgung (Regulativ des Immun- und Hormonsystems) und der behütende Vorgang des Stillens auch über Jahre hinaus (in denen die Muttermilch sich den Erfordernissen jeweiliger Entwicklungsstufe anpaßt) von besonderem gesundheitlichem Wert. Einer speziellen Untersuchung zur Folge, ist das natürliche Aufziehen am ehesten in afrikanischen Kulturen gewährleistet, während westliche und asiatische Gepflogenheiten falsch verstandener Förderung zur Selbständigkeit dahinter zurückfallen. Zwar läuft die afrikanische Bemutterung / stete Aufgehobenheit auf Symptome vermeintlicher Unselbständigkeit hinaus (, wenn etwa ungern allein in eine fremde Stadt gefahren wird, u.ä.), aber auch auf eine höhere soziale Kompetenz sowie deutlich bessere Teamfähigkeit. Und Kooperation macht den Menschen aus.
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