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Gesundheit

Katharina Saalfrank antwortet

Warum fährt die Zweijährige den Bruder an - und freut sich?

Muss eine Zweieinhalbjährige ihren Bruder trösten, wenn sie ihm wehtut? Und verwahrlosen unter Dreijährige in der Kita? Die Pädagogin Katharina Saalfrank hat klare Antworten.

Getty Images

"Autounfall! Autounfall!"

Montag, 06.11.2017   08:52 Uhr

Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Eine Mutter fragt: Vielen Dank für das interessante Interview im SPIEGEL. Ich habe ein aktuelles Thema mit meinen Kindern, das mir Sorgen bereitet: Meine Tochter, zweieinhalb, hat neulich mit dem Bobbycar ihren einjährigen Bruder fast umgefahren. Sie ist ihm dann, als er schon geweint hat, noch hinterhergefahren und hat gerufen: "Autounfall, Autounfall!" Das war einer dieser Momente, wo ich einfach ausgeflippt bin und meine Maus leider ganz schön angeschrien habe. Da sie sonst sehr empathisch ist, war mir ihr Verhalten hier ein Rätsel. Ich fand es so gemein! Können Sie mir helfen? Wen eine ähnliche Situation erneut auftritt, würde ich gerne verstehen, was das soll, und deutlich anders und ruhiger reagieren.

Zur Person

Katharina Saalfrank antwortet: Sie erwarten von Ihrer Tochter etwas, was sie in dieser Form noch nicht leisten kann. Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere Personen hinzuversetzen und deren Gefühle und Gedanken stellvertretend nachempfinden zu können.

Sie berichten, dass Sie bei Ihrer Tochter mitfühlende und helfende Reaktionen beobachtet haben. Das ist noch nicht die oben beschriebene Form der Empathie. Kinder können sich in diesem Alter noch nicht wirklich in andere Person einfühlen, sondern gehen in ihren Überlegungen ausschließlich von sich selbst aus: Wenn ich Kummer habe, tröstet mich mein Teddy. Wenn jemand anders traurig ist, hole ich also meinen Teddy. Was mich tröstet, tröstet auch den anderen.

Kinder spüren die Gemütslage von anderen, jedoch können Bedürfnisse und Gefühle, die abweichend sind vom eigenen Erleben, noch nicht verstanden und nachempfunden werden. Ihre Tochter ist mit ihren zweieinhalb Jahren noch klein, ihre eigenen Gefühle und auch die Empathie entwickeln sich gerade. Sie kann die Folgen ihres Handelns noch nicht bis ins Detail abschätzen und überblicken. Sie ist also in ihr Spiel vertieft und baut den "Beinahe-Unfall" mit dem Bruder spielerisch ein, indem sie "Autounfall" ruft.

Um Empathie entwickeln zu können, brauchen Kinder Bezugspersonen, die selbst empathisch reagieren. Wenn Sie sich vor Augen halten, dass Ihre Tochter nicht aus Boshaftigkeit, sondern entwicklungsbedingt so reagiert und möglichst viele einfühlsame Reaktionen Ihrerseits benötigt, können Sie in der nächsten Situation vielleicht selbst eher empathisch reagieren und Verständnis aufbringen und müssen sich nicht mehr so ärgern.

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Ein Leser fragt: Steht nicht zu befürchten, dass eine Kita-Erziehung von unter Dreijährigen unter heutigen Umständen (oder überhaupt) zu seelischer, geistiger und körperlicher Verwahrlosung führt? Gelten alle Erkenntnisse der Kinderpsychologie nichts mehr?

Katharina Saalfrank antwortet: Für mich geht es vor allem um die Qualität der Betreuung. Wenn wir Kinder immer früher in Einrichtungen geben, ist es aus meiner Sicht wesentlich, dass wir endlich den Beruf der Erzieher aufwerten, dass der Betreuungsschlüssel erhöht wird und die Ausbildung entsprechend um die wesentlichen Aspekte Bindung und Beziehungen erweitert wird.

Die Zeit der Eingewöhnung ist in vielen Einrichtungen wenig bindungs- und beziehungsorientiert angelegt. Ich erlebe immer wieder, dass Eltern suggeriert wird, sie "stören" ihre Kinder bei diesem wichtigen Schritt der Ablösung. Auch wird die Phase der Eingewöhnung auf einen bestimmten Zeitraum festgelegt. Dabei kann die Eingewöhnung nur gelingen, wenn Kinder in der Krippe oder im Kindergarten eine weitere Bezugs- und Bindungsperson finden, eine Person, die sie beruhigen und regulieren kann. Eine Person, der sie vertrauen, an die sie sich wenden können und bei der sie sich sicher fühlen.

Wie kann das gehen? Kinder binden sich in dieser Zeit vor allem über ihre eigenen Bindungspartner. Das heißt, die Mutter oder der Vater spielen bei der Eingewöhnung eine ganz wesentliche Rolle, sie sollten möglichst viel mit der neuen Bezugsperson im Kontakt sein und sich an dem Prozess beteiligen. Oft sitzen Eltern bei der Eingewöhnung jedoch am Rand, sind wenig im Kontakt mit den Erziehern und kommen im Konzept häufig gar nicht vor.

Ich würde mir wünschen, dass es gelingt, achtsame Orte für Kinder zu erschaffen, indem wir die entwicklungsbedingten Voraussetzungen für Betreuung berücksichtigen und bindungsorientierte Aspekte deutlich in den Vordergrund der Betreuung rücken. Wir sollten nicht immer nur neue und möglichst viele Betreuungsmöglichkeiten bereitstellen. Vielmehr gilt es, vor allem emotionale Voraussetzungen für alle Seiten (Kinder, Eltern, Erzieher) dafür zu schaffen, die Grundbedürfnisse von Kindern auch in diesem Rahmen ausreichend zu beachten.

Weitere Folgen der Serie: Katharina Saalfrank antwortet

insgesamt 37 Beiträge
m.ecker 06.11.2017
1. m.ecker
....wenn wir es schaffen Einrichtungen zu schaffen...... Nähe und Zuneigung der Eltern, und insbesondere der Mutter, sind nun mal eine biologische Notwendigkeit für die frühkindliche Entwicklung. Die Vergangenheit zeigt, das [...]
....wenn wir es schaffen Einrichtungen zu schaffen...... Nähe und Zuneigung der Eltern, und insbesondere der Mutter, sind nun mal eine biologische Notwendigkeit für die frühkindliche Entwicklung. Die Vergangenheit zeigt, das frühzeitige Krippenerziehung nicht das ideale Umfeld ist, um empthische Fähigkeiten zu entwickeln. Ich würde mir wünschen, dass es eine Familienpolitik gibt, die es ermöglicht, dass sich Mütter ohne Sorgen um die Entwicklung ihrer Kinder kümmern dürfen und das die Rolle als Mutter wieder eine gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. Väter die in Elternzeit gehen werden gefeiert. Frauen, die ihre Mutterrrolle ermst nehmen wollen, dagegen nicht. Im Gegenteil, sie fühlen sich unwohl, den anerkannt wird nur die Karierefrau.
Strafjurist 06.11.2017
2. Vertrauen in die Kita
Ich bin selbst Vater von vier Kindern zwischen 4 und 16. Da wir beide voll arbeiten, wenn auch mit langen Heimarbeitsphasen, sind wir auf eine externe Kinderbetreuung angewiesen - einerseits. Andererseits sagt mir meine Erfahrung, [...]
Ich bin selbst Vater von vier Kindern zwischen 4 und 16. Da wir beide voll arbeiten, wenn auch mit langen Heimarbeitsphasen, sind wir auf eine externe Kinderbetreuung angewiesen - einerseits. Andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass auch ein früher Kita-Besuch schon für Einjährige eine immense Bereicherung sein kann. Denn einiges können wir zu Hause bei aller Liebe und allem Einsatz nicht anbieten: Vor allem den Umgang mit Gleichaltrigen und auch größeren Kindern. Es dauert zwar noch eine Weile, bis Kinder dann wirklich miteinander spielen, aber auch Einjährige sind sehr daran interessiert, was andere Kinder tun, sie ahmen nach und lernen unglaublich schnell unglaublich viel, gerade im zweiten Lebensjahr. Auch Spielumgebungen wie in einer Kita können wir in einer Innenstadtetagenwohnung zu Hause nicht gestalten, weder Indoor noch als Freigelände, da fehlen und räumlich wie auch finanziell die Ressourcen. Vor allem aber können wir uns rein zeitlich eben zu Hause nicht so 100%ig immer auf die Kinder einlassen, wie das Erzieher in einer Kita können. Wir haben eben ständig irgend etwas anderes zu tun. Ich will keinesfalls sagen, dass dies der einzig richtige Weg ist, aber in einer gut ausgestatteten Kita mit einem guten Konzept und wirklich guten Erzieherinnen und Erziehern (sogar im Plural) wusste und weiß ich meine Kleinen un unserer Kita sehr gut aufgehoben. Den Appell zur Aufwertung des Berufs von Erzieherinnen und Erziehern sowie die Forderung nach einer deutlich besseren personellen (und gerne auch sachlichen) Ausstattung der Kitas. und zwar flächendeckend, unterschreibe ich aber sofort, hier gibt es meines Erachtens mit den größten Handlungsbedarf in der gesamten Familienpolitik. Wenn wir dafür einen erheblichen Teil der je derzeit sprudelnden Steuereinnahmen ausgeben würden, wäre das eine echte Zukunftsinvestition...
Ikarus Schmidt 06.11.2017
3. Keine echte Antwort
Frage 2 ist meiner Meinung nach jetzt nicht wirklich beantwortet worden. Klingt eher so, als würde sie versuchen nicht sagen zu müssen, dass es aktuell eher schädlich ist, sein Kind zu früh in die Kita zu geben. Denn leider [...]
Frage 2 ist meiner Meinung nach jetzt nicht wirklich beantwortet worden. Klingt eher so, als würde sie versuchen nicht sagen zu müssen, dass es aktuell eher schädlich ist, sein Kind zu früh in die Kita zu geben. Denn leider deutet sehr vieles genau darauf hin. Aber die meisten Eltern haben ja auch nicht wirklich eine Wahl...
katja78 06.11.2017
4. bestürzt bin ich
über diese Frage: "eine Kita-Erziehung von unter Dreijährigen unter heutigen Umständen zu seelischer, geistiger und körperlicher Verwahrlosung führt?" Ich weiß nicht, wie gut oder schlecht andere Kitas [...]
über diese Frage: "eine Kita-Erziehung von unter Dreijährigen unter heutigen Umständen zu seelischer, geistiger und körperlicher Verwahrlosung führt?" Ich weiß nicht, wie gut oder schlecht andere Kitas sind. Unsere stinknormale Kita hat auch keine perfekte Eingewöhnung wie von Frau Saalfrank beschrieben geleistet (obwohl uns beliebig viel Zeit gelassen wurde). Von seelischer, geistiger oder körperlicher Verwahrlosung sind wir jedoch ganz, ganz weit weg. Die Kinder gehen gerne in die Kita, der 1,5-jährige mag die Routinen dort, macht selbstbewusst mit, ist stolz, schon vieles zu können. Rennt morgens freudestrahlend in die Krippengruppe und verabschiedet sich von uns. Wir ernten "Beschwerden" seitens der Kinder, dass wir sie "so früh" abholen. Die Kinder werden nicht verwahrt sondern altersgerecht gefordert und gefördert. Ich erinnere mich an diverse U-Untersuchungen, bei denen Dinge getestet wurden, die wir mit den Kindern (zumindest dem älteren, da hat ja noch nicht so im Gefühl, wann was dran ist) noch gar nicht gemacht hatten und die diese immer souverän meisterten "aber Mama, das habe ich doch schon lange in der Kita gelernt". Das Programm, das in der Kita geboten wird, könnte ich selber niemals leisten, gleichzeitig bleibt aber trotzdem genug Freiraum für Rückzug und Kuscheln, Vorlesen (gerade die Krippenkinder haben einen sehr engen körperlichen Bezug zu ihren Erzieherinnen). Auch der Umgang der Kinder miteinander, Konflikte lösen, sich abgrenzen können, usw. profitiert. Es ist einfach schön, anzusehen, wie beim Spielen am Wochenende 2 und 3-jährige untereinander genau und gewissenhaft verhandeln, wer nun in welchen Reihenfolge das attraktivste Fahrzeug nutzen darf, wie sie Abwechseln einfordern und dem auch nachgeben ohne großes Gezanke. Ich bin fassungslos, wie man da auf die Idee von Verwahrlosung kommen kann. Und "körperliche Verwahrlosung"? In der Kita? Wie soll das funktionieren?
m.ecker 06.11.2017
5. m.ecker
So lese ich jetzt, dass es offensichtlich Eltern gibt, die ihren Kleinsten nicht das bieten können, was die Kita bietet, nicht das leisten können, was die Kita leistet. Denken Sie mal darüber nach ob sie Ihren Kindern das [...]
So lese ich jetzt, dass es offensichtlich Eltern gibt, die ihren Kleinsten nicht das bieten können, was die Kita bietet, nicht das leisten können, was die Kita leistet. Denken Sie mal darüber nach ob sie Ihren Kindern das später mal erklären können und wollen. Es gibt sehr wohl Gründe ein Kind früh in die Kita zu geben, aber die Eltern sollten der letzte Grund sein. .... sich selber zu Beschränken gehört eben auch zur Elternrolle. Meine 3 Kinder sind erwachsen und erfolgreich und waren auch zur rechten Zeit im " Kindergarten". .... am Ende klagen alle gemeisam über die Entwicklung unsererJugend, Bildungsmisere, Desinteresse, Desorientierung, Gewalt, Mobbing usw. Aber mit den Kindern gibt man auch ein Stück Verantwortung an der Kitatüre ab.

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