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Gesundheit

Das dritte Geschlecht

Was bedeutet Intersexualität?

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass im Geburtenregister künftig ein dritter Geschlechtseintrag für intersexuelle Menschen möglich sein muss. Doch was ist Intersexualität eigentlich?

imago/ Ikon Images
Mittwoch, 08.11.2017   16:42 Uhr

Welche Geschlechtsidentität ein Mensch entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab. Dabei spielen sowohl körperliche Merkmale als auch soziale Einflüsse eine Rolle. Wie eine Person sich geschlechtlich einordnet und welche sexuelle Identität sie dabei herausbildet, beruht auf der Anatomie, den Hormonen und dem Stoffwechsel. Hinzu kommen das psychische Empfinden und die Biografie der Person. Eine wichtige Rolle nimmt die kindliche Erziehungsphase ein sowie die soziale Geschlechterrolle, die eine Person in der Gesellschaft einnimmt.

Intersexuelle Menschen können entweder nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden. Oder es lässt sich zwar genetisch eindeutig ein Geschlecht identifizieren, dieses entspricht aber nicht der körperlichen Ausprägung.

Der Deutsche Ethikrat plädierte bereits 2012 dafür, dass bei Menschen, deren Geschlecht nicht eindeutig feststellbar ist, neben der Eintragung als weiblich oder männlich auch "anderes" gewählt werden können solle. Das Bundesverfassungsgericht hat jetzt ein drittes Geschlecht für den Eintrag im Geburtenregister gefordert.

Zahl der Betroffenen

Verlässliche Statistiken zur Zahl der Intersexuellen in Deutschland gibt es nicht, da auf Geburtsurkunden bis Ende 2013 entweder männlich oder weiblich eingetragen werden musste. Erst seitdem kann das Geschlecht offen bleiben.

Schätzungen aus dem Jahr 2012 zufolge gibt es rund 80.000 intersexuelle Menschen in Deutschland. Dem Beschluss des Verfassungsgerichts zufolge könnten in Deutschland allerdings bis zu 160.000 intersexuelle Menschen leben. Die Richter berufen sich dabei unter anderem auf das medizinische Fachlexikon Pschyrembel, das von einer Häufigkeit von 1:500 Intersexuellen in der Bevölkerung ausgeht.

Unterschied zu Transgender und Transsexuellen

Für Intersexualität kann es verschiedene Ursachen geben:

Genetische Zuordnung

Das Geschlecht eines Menschen unterscheidet sich danach, welche Chromosomen er von seinen Eltern erhält. Männliche Spermien enthalten 23 Chromosomen, eines davon ist ein X- oder ein Y-Chromosom. Die weibliche Eizelle hat ebenso 23 Chromosomen, davon üblicherweise ein X-Chromosom. Wenn nach der Vereinigung von Ei- und Samenzelle ein Individuum mit 46 Chromosomen entsteht gilt es als männlich, wenn darunter ein X- und Y-Chromosom sind, und als weiblich, wenn zwei X-Chromosomen dazu zählen. Die übrigen 44 Chromosomen sind paarweise gleich und unterscheiden sich in Einzelheiten, den Genvarianten.

Von den typischen Unterschieden kann es Abweichungen geben:

Entwicklung im Mutterleib

Die Geschlechtsorgane entstehen beim weiblichen wie beim männlichen Embryo aus denselben Anlagen. Daher kann es zu Uneindeutigkeiten beim Geschlecht kommen. Die Keimdrüsen (Gonaden) bestimmen das "gonadale Geschlecht". Dabei charakterisieren paarige Hoden das männliche, paarige Eierstöcke das weibliche Geschlecht. In sehr seltenen Fällen sind sowohl Hoden- als auch Eierstockgewebe in einem Individuum vorhanden.

Die Gonaden entwickeln sich in der Embryonalzeit. Sie entstehen aus zunächst undifferenzierten gemeinsamen Vorläufern. Bis zum Ende der 6. Embryonalwoche sind männliche und weibliche Anlagen praktisch nicht zu unterscheiden. Ist kein Y-Chromosom vorhanden oder wird es blockiert, werden zunächst die inneren weiblichen Geschlechtsorgane ausgebildet.

Anatomische Zuordnung

In der späteren Embryonalphase bilden sich die äußeren Geschlechtsorgane. Sie sind entscheidend für die Zuschreibung des Geschlechts bei Neugeborenen. Bei einem zwischengeschlechtlichen anatomischen Erscheinungsbild kann es unentscheidbar sein, ob das Organ als Klitoris oder Penis zu bezeichnen ist. Sexualhormone differenzieren diese körperlichen Merkmale von der fetalen Phase bis zum Ende der Pubertät.

Fehlbildung der Genitalorgane

Im Zuge der embryonalen Entwicklung kann es zu einer Reihe von Fehlbildungen der inneren und äußeren Geschlechtsorgane kommen. So ist bei der sogenannten vaginalen Atresie die Verbindung vom Uterus nach außen verschlossen. Zwar sind die Betroffenen weiblich, jedoch kann es nach der Geburt möglicherweise zu einer männlichen Geschlechtszuordnung kommen. Beim Müller-Gang-Persistenz-Syndrom haben die Neugeborenen männliche Genitalien, aber weibliche innere Geschlechtsorgane. In seltenen Fällen kann es schwere Fehlbildungen geben, die behandelt werden müssen.

Hormonelle Ursachen

Auch Hormonstörungen können die Anlage und die Ausprägung der Geschlechtsorgane verändern. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Syndrome, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und sowohl Mädchen als auch Jungen betreffen.

Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte Adrenogenitale Syndrom (AGS). Verschiedene Mutationen führen dabei dazu, dass bestimmte Hormone wie Cortisol zu wenig produziert werden. Weil diese in einen komplizierten Regelkreislauf über das Gehirn eingebunden sind, wollen die zentralen Schaltstellen den Mangel kompensieren.

Das führt aber dazu, dass viel zu viele Sexualhormone ausgeschüttet werden, deren Bildung nicht gestört ist - betroffene Mädchen vermännlichen: Die Klitoris ist stark vergrößert und sieht mitunter aus wie ein Penis. Die Kinder sind zunächst oft groß für ihr Alter, aber das Knochenwachstum stoppt zu früh und sie werden unbehandelt nur unterdurchschnittlich groß. Oft sind sie später unfruchtbar.

Die Therapie besteht aus dem lebenslangen Ersatz jener Hormone, die der Körper durch die Mutation nicht ausreichend produzieren kann. Dadurch verschwinden die Symptome und viele Betroffene können ein normales Leben führen und sogar Kinder bekommen.

Ein anderes Beispiel betrifft Jungen: Weil ein Enzym in ihrem Körper nicht richtig funktioniert, die sogenannte 5-alpha-Reduktase, wandelt der Körper das Geschlechtshormon Testosteron nicht ausreichend in seine biologisch aktive Form um, das sogenannte Dihydrotestosteron. Dieses ist aber wichtig für die Ausprägung und das Wachstum der Geschlechtsorgane.

Die betroffenen Kinder haben einen intersexuellen Phänotyp, das heißt, sie tragen beide Geschlechtsmerkmale an sich. Sie kommen zwar mit Hoden und der Anlage für einen Penis zur Welt. Die Hoden verbleiben aber oft im Unterleib und der Penis ist mitunter nicht als solcher zu erkennen, sondern wirkt wie eine etwas vergrößerte Klitoris. Manchmal bildet sich auch eine Art Vaginaltasche aus, die aber blind endet.

Die Folge: Die Kinder werden meist für Mädchen gehalten und in der Kindheit auch so erzogen. In der Pubertät wachsen durch die vermehrte Ausschüttung von Testosteron die angelegten Genitalien: Die vermeintliche Klitoris vergrößert sich zu einem Penis, die Körperbehaarung nimmt zu, die Stimme sinkt. Für die Betroffenen entstehen schwierige Fragen: Bin ich nun ein Mädchen, so wie ich es zehn, zwölf Jahre lang dachte? Oder doch eher ein Junge? Und muss ich mich überhaupt für ein Geschlecht entscheiden?

Diese Fragen stellen sich auch viele andere Intersexuelle. Oft sind sie jahrelang auf der Suche nach Antworten.

brt/hei

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