Lade Daten...
07.08.2013
Schrift:
-
+

Kleinkinder

Bei Sprachproblemen zum Ohrenarzt

Corbis

Mädchen bei der Ohrenuntersuchung: Wenn Kleinkinder nicht sprechen

Hörstörungen treten bei Kindern relativ häufig auf. Während die einen immer wieder Mittelohrentzündungen haben, kommen andere bereits schwerhörig zur Welt. Moderne Therapien und Hörgeräte beugen Sprachproblemen vor und unterstützen die Entwicklung.

Münster - Wenn Säuglinge nach sechs Monaten aufhören zu brabbeln oder Kleinkinder mit zwei Jahren noch nicht sprechen, sind sie möglicherweise schwerhörig. Reagiert ein Kind nur auf laute Ansprache von vorn und nicht auf Geräusche aus der Umgebung, sollten Eltern aufmerksam werden. "Etwa zwei bis drei von 1000 Kindern kommen bereits mit einer höhergradigen Schwerhörigkeit zur Welt", erläutert Robin Hübner, Facharzt für Phoniatrie, Pädaudiologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Münster.

Egal ob angeboren oder erworben - die Früherkennung und richtige Behandlung sind das A und O, um den kleinen Patienten eine weitgehend normale Entwicklung zu ermöglichen. "Eine frühe Behandlung der Schwerhörigkeit innerhalb des ersten Lebensjahres ist wichtig, um irreversible Defizite in der Hörbahnreifung zu verhindern", sagt Hübner. "Erfolgt eine Stimulation der Hörbahn im ersten Jahr nicht oder nur unzureichend, kann dies später nicht nachgeholt werden."

Gerade im ersten Lebensjahr werden wesentliche Strukturen des Hörsystems angelegt. Es ermöglicht dem Kind, akustische Signale richtig und schnell zu verarbeiten. Eine nicht behandelte Schwerhörigkeit in dieser besonders sensiblen Phase führt dazu, dass die Kinder nicht mehr richtig hören lernen und die Sprachsignale nicht angemessen analysieren können.

Hörscreening für alle Neugeborenen

Bei angeborener oder frühkindlicher Schwerhörigkeit liegt der Defekt häufig im Innenohr. Dort liegt neben dem Gleichgewichtsorgan die Hörschnecke (lateinisch Cochlea). "Innenohrschwerhörigkeiten im Kindesalter sind sehr häufig erblich bedingt, können aber auch nach Infektionen, Frühgeburt oder einer Schädelverletzung auftreten", erklärt Hübner.

Um Hörstörungen früh zu erkennen, gibt es seit 2009 das Neugeborenen-Hörscreening. Die kostenlose, aber umstrittene Vorsorgeuntersuchung, die seit 2009 jedem Kind gesetzlich zusteht, wird standardmäßig in den ersten Lebenstagen des Säuglings in den Geburtskliniken durchgeführt. Bei Entbindungen im Geburtshaus oder zu Hause muss der Kinderarzt den Säugling im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen zu einem spezialisierten HNO-Arzt oder Pädaudiologen überweisen.

Wird eine Innenohrschwerhörigkeit festgestellt, können moderne Hörgeräte vielen Kindern helfen, gut zu hören und sich normal zu entwickeln. Ihr Einsatz ist schon bei ganz jungen Säuglingen möglich. "In den letzten Jahren sind neue leistungsstarke Minihörsysteme speziell für Kinder entwickelt worden", sagt Jens Pietschmann, Hörgeräteakustiker in Frankfurt am Main. "Technisch lassen sich alle Hörtestverfahren in diese Hörgeräte programmieren und somit an das Gehör des Kindes anpassen."

Paukenröhrchen bei Entzündungen des Mittelohrs

Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder vollständiger Ertaubung reicht ein Hörgerät allerdings zumeist nicht mehr aus. In diesen Fällen können Ärzte spezielle elektronische Innenohrprothesen, sogenannten Cochleaimplantate, einsetzen. Bislang wurden meist Kinder ab einem Jahr operiert und vorab mit Hörgeräten versorgt. Heute erhalten jedoch immer häufiger auch schon jüngere Kinder ein Cochleaimplantat, wenn das Hörgerät nicht ausreicht.

"Rein technisch können wir die meisten Kinder in den Bereich der Normalhörigkeit bringen", sagt Pietschmann. Eltern sollten vor allem Berührungsängste ablegen, damit das Kind rechtzeitig die richtige Therapie bekommt. "Die Entwicklung der Hörfähigkeit ist mit dem dritten bis vierten Lebensjahr abgeschlossen", betont der Hörgeräteakustiker.

Ob Kinder mit Schwerhörigkeit Hörgeräte, eine Hörprothese oder eine andere Behandlung benötigen, hängt von der Ursache der Schwerhörigkeit ab. Im Kleinkindalter neu auftretende Schwerhörigkeiten sind meist keine Innenohrschwerhörigkeiten, sondern am häufigsten durch Paukenergüsse bedingt. Dabei sammelt sich Flüssigkeit im Mittelohr an. Der Schall kann deswegen nicht wie im Normalfall vom Trommelfell über das Mittelohr ins Innenohr weitergeleitet werden.

"Wenn Kinder im Alter von zwei Jahren schlecht sprechen, stellen wir häufig fest, dass eine Schallleitungsstörung vorliegt, also das Gehör für die verzögerte Sprachentwicklung verantwortlich ist", erklärt die niedergelassene Kinderärztin Mechthild Vocks-Hauck aus Berlin. Auch diese Hördefizite werden meist im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt entdeckt. Bei länger bestehenden Paukenergüssen wird das Trommelfell meist operativ geöffnet und dort ein sogenanntes Paukenröhrchen eingelegt. Damit lässt sich in den meisten Fällen sicherstellen, dass sich das Kind gesund entwickelt.

hei/dpa

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
RSS
alles zum Thema Kindergesundheit
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten