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Gesundheit

US-Studie

Früh eingeschulte Kinder bekommen häufiger ADHS-Diagnose

Können viele Kinder in der Schule nicht ruhig sitzen, weil sie dafür noch zu jung sind - bekommen aber eine ADHS-Diagnose? Eine Studie aus den USA nährt diesen Verdacht, ein deutscher Experte widerspricht.

Getty Images

Verzweifelt im Klassenraum (Symbolbild)

Dienstag, 04.12.2018   11:23 Uhr

Werden Kinder früh eingeschult, erhalten sie häufiger ADHS-Diagnosen als ihre älteren Mitschüler. Das berichten US-Forscher der Harvard Universität im "New England Journal of Medicine". Eine frühe Einschulung könnte somit zu falschen Rückschlüssen und letztlich zu Fehldiagnosen führen, warnen die Mediziner.

ADHS ist die häufigste psychische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter. Die Betroffenen lassen sich leicht ablenken, sind impulsiv und oft unruhig. Viele der Kinder werden mit Medikamenten behandelt.

Für ihre Untersuchung hatten die Forscher Versichertendaten von mehr als 400.000 amerikanischen Mädchen und Jungen ausgewertet. In vielen US-Staaten ist der 1. September der Stichtag für die Einschulung in eine Art Vorschule:

Die Rate von ADHS-Diagnosen und ADHS-Therapien war bei den früh eingeschulten Augustkindern um 34 Prozent höher als bei den knapp ein Jahr später eingeschulten Septemberkindern, berichten die Forscher. In US-Staaten, in denen die Einschulung flexibler gehandhabt wurde, gab es diese Auffälligkeit nicht.

Möglicherweise werde ADHS bei vielen Kindern überdiagnostiziert, weil sie in den ersten Schuljahren im Vergleich zu ihren Klassenkameraden noch relativ unreif seien, sagte Erstautor Timothy Layton.

Ähnliche Daten auch aus Deutschland

Die Studie deckt sich mit den Ergebnissen vergangener Untersuchungen, darunter auch eine 2015 veröffentlichte Auswertung von Arzneiverordnungsdaten aus Deutschland. Demnach erhielten 5,3 Prozent der jung eingeschulten Grundschüler im Verlauf ihrer Schulzeit eine ADHS-Diagnose, bei den spät eingeschulten waren es nur 4,3 Prozent.

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"Es kann sein, dass manche Kinder ein falsches Etikett bekommen", sagt ADHS-Experte Marcel Romanos. An eine große Anzahl von Fehldiagnosen glaubt der Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg trotzdem nicht. Schließlich werde die Diagnose nur dann gestellt, wenn die Betroffenen in mehreren Lebensbereichen beeinträchtigt seien, nicht nur in der Schule. "Ältere Kinder mit einer ADHS-Problematik können diese möglicherweise besser kompensieren und fallen den Lehrern im Unterricht deshalb nicht auf", sagt er.

Kinder später einzuschulen, sei keine Lösung, meint der Psychiater. Positiv findet Romanos, dass Lehrkräfte heute sehr aufmerksam sind und Eltern darauf hinweisen, wenn Schüler Konzentrationsprobleme hätten oder nicht still sitzen könnten. "Das machen sie sehr gut und das muss auch so sein, weil die Schule der neue Lebensmittelpunkt der Kinder ist."

Zahl der ADHS-Diagnosen dramatisch gestiegen

Die Autoren der aktuellen Studien sind jedoch nicht die einzigen, die vor zu vielen ADHS-Diagnosen warnen. In den USA ist die Zahl der Betroffenen in den vergangenen 20 Jahren dramatisch angestiegen, allein 2016 wurden einer Mitteilung der Harvard Medical School zufolge mehr als fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Medikamenten behandelt.

In Deutschland wird ADHS laut Robert Koch-Institut bei rund 4,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen diagnostiziert. Zwar ist die Zahl der Betroffenen in den vergangenen Jahren etwas zurückgegangen - allerdings ausschließlich bei Jungen in der Altersgruppe von drei bis acht Jahren. Medikamente erhalten Romanos zufolge ein bis zwei Prozent der Kinder.

Am weitesten verbreitet ist der Wirkstoff Methylphenidat, besser bekannt unter dem Namen Ritalin. Seit kurzem darf das Medikament schon bei mittelschwerer Ausprägung von ADHS verschrieben werden, häufig kombiniert mit einer Verhaltenstherapie.

Video: Pillen für den Störenfried - Psychopharmaka im Kinderzimmer

Foto: SWR

irb/dpa

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