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Gesundheit

Babys

Forscher ermitteln optimales Streichel-Tempo

Streicheln kann bei Babys Schmerzen lindern. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher nach Versuchen mit Neugeborenen. Damit die Liebkosungen wirken, braucht es jedoch das richtige Tempo.

Getty Images/iStockphoto

Mutter mit Baby (Symbolbild)

Mittwoch, 19.12.2018   14:49 Uhr

Manche Eltern mögen es geahnt haben: Langsames Streicheln wirkt auf Babys nicht nur beruhigend, sondern auch schmerzlindernd. Die rhythmischen Berührungen könnten sogar medizinisches Potenzial haben, berichten Forscher im Fachblatt "Current Biology". Der Effekt hängt allerdings von der Geschwindigkeit des Streichelns ab.

In der Studie prüfte das Team um Kinderärztin Rebeccah Slater von der University of Oxford die Auswirkungen des Streichelns an mehr als 60 gesunden Neugeborenen. Dafür beobachteten die Mediziner, wie Gehirn und Körper der wenige Tage alten Babys auf einen Stich zur Blutentnahme in die Ferse reagierten. Während manche Kinder Streicheleinheiten bekamen, mussten andere ohne auskommen.

Langsam gewinnt

Tatsächlich linderte das Streicheln die Schmerzreaktion im Gehirn des Babys. Am stärksten war der Effekt bei einem langsamen Tempo von drei Zentimetern pro Sekunde. Wurden die Babys mit einer weichen Bürste in dieser Geschwindigkeit am Bein gestreichelt, fiel die Hirnaktivität durch den Schmerz deutlich schwächer aus als bei Gleichaltrigen ohne Streicheleinheit.

Auch Kinder, die sehr schnell - mit 30 Zentimetern pro Sekunde - gestreichelt wurden, waren wesentlich schmerzempfindlicher als die langsam gestreichelten. Der Effekt der Liebkosungen entspreche etwa dem äußerlich angewandter Betäubungsmittel wie Cremes, Pflaster oder Sprays, betont das Team um Slater. Für ihre Messungen nutzten die Forscher Elektroden auf der Kopfhaut der Neugeborenen.

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In allen Gruppen gleich war, dass ähnlich viele Kinder während des Einstichs das Gesicht verzogen. Die langsam gestreichelten Babys zeigten diese Schmerzgrimasse aber nur etwa halb so lang wie die Kinder ohne Streicheleinheiten. Keinerlei Auswirkung hatte das Streicheln auf das Wegziehen des Fußes. Dabei handele es sich aber um einen Reflex, der ohne Beteiligung des Gehirns ablaufe, berichtet das Team um Slater.

Auch Erwachsene könnten profitieren

Die Linderung der Schmerzen erklären die Forscher mit einer bestimmten Gruppe von Nervenfasern in der Haut, den sogenannten afferenten C-Fasern. Diese würden bei einer Streichelgeschwindigkeit um etwa drei Zentimeter pro Sekunde aktiviert - übrigens auch bei Erwachsenen.

"Eltern streicheln ihre Kinder intuitiv mit diesem optimalen Tempo", sagt Slater. "Wenn wir die neurobiologischen Grundlagen von Techniken wie Babymassage besser verstehen, können wir Eltern besser beraten, wie sie ihre Kinder beruhigen."

"Die Studie ist seriös", sagt die Präsidentin der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Ingeborg Krägeloh-Mann, die nicht an der Untersuchung beteiligt war. "Die Forscher haben den positiven Effekt des Streichelns auf Babys erstmals neurophysiologisch belegt."

Auch der Mechanismus der Schmerzlinderung über eine bestimmte Gruppe von Nervenfasern sei durchaus plausibel, erklärt die Leiterin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen.

irb/dpa

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