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Gesundheit

Geburtshilfe in New York

Im Land ohne Hebammen

In Deutschland herrscht ein Mangel an Nachsorge-Hebammen - in den USA sind sie im Gesundheitssystem gar nicht erst vorgesehen. Viele Eltern fühlen sich hilflos. In New York füllt eine Deutsche erfolgreich diese Lücke.

DPA

Hebamme Stephanie Heintzeler (rechts) mit einer Mutter und deren Sohn in New York.

Freitag, 07.12.2018   12:41 Uhr

Vor dem großen Glasfenster liegen die Hausdächer Brooklyns unter einer dichten Wolkendecke. Lauren setzt sich auf das graue Sofa ihrer Wohnung und drückt Stephanie Heintzeler den kleinen Elliot in den Arm. Er ist 13 Wochen alt, trägt einen hellblauen Strampler und gluckst vergnügt. "Die einzelnen Stilleinheiten werden jetzt kürzer, oder?" fragt Lauren. "Ja genau", antwortet Heintzeler, "15 Minuten reichen völlig aus, manchmal sogar nur fünf."

Lauren ist 35, Elliot ihr erstes Kind und Heintzeler ihre Doula. So heißen in den USA Menschen, die nicht-medizinische Hebammen-Aufgaben übernehmen. Heintzeler war bei Elliots Geburt dabei und schaut nun regelmäßig bei Lauren vorbei oder ruft an, um Fragen zu beantworten und zu helfen, wo sie kann. In Deutschland, wo Heintzeler herkommt, ist das nichts Außergewöhnliches. Aber das hier ist New York - und in den USA sind Hebammen nach der Geburt vom Gesundheitssystem eigentlich nicht vorgesehen.

Wenn es keinerlei Komplikationen gibt und Mutter und Kind gesund sind, werden Eltern mit dem Neugeborenen schon kurz nach der Geburt aus dem Krankenhaus wieder nach Hause geschickt und sich selbst überlassen. Im Krankenhaus gibt es meist nur eine ganz kurze Einführung in Sachen Stillen und Wickeln.

Nur wer Geld hat, kann sich eine persönliche Hebamme leisten

Wer sich nach der Geburt eine Doula oder eine Stillberaterin wünscht, muss sie in den USA in den allermeisten Fällen selbst bezahlen - so wie Lauren. "Ich finde, dass diese Investition Sinn macht", sagt sie. "Wenn man zu viel über die Geburt und Babys liest, dreht man völlig durch. Eine Expertin an der Seite zu haben, die man fragen kann, beruhigt enorm. Das würde jeder Mutter in diesem Land guttun."

Stephanie Heintzeler ist gut ausgelastet. "Ich betreue etwa 50 Eltern pro Jahr", sagt die 41-Jährige, die selbst keine Kinder hat. "Ich mache bis zu sechs Geburten im Monat, drumherum Kurse und Hausbesuche." Die Tage der Hebamme sind vollgepackt und oft hektisch. "Ich habe zwei Telefone, eins für alle und ein Geburtstelefon. Das für alle schalte ich auch mal aus, gerade nach einer Geburt, wenn ich schlafe. Das Geburtstelefon ist immer an." Wenn bei einer ihrer Kundinnen die Wehen stärker werden, rast Heintzeler los.

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Der Job beherrscht ihr Leben. "Ich kann die Stadt nicht verlassen, an den Strand nach New Jersey oder wandern gehen, das geht nicht. In maximal anderthalb Stunden muss ich bei meinen Kundinnen sein können. Ich kann auch nichts trinken, mal in den Club gehen oder eine Stunde nicht aufs Handy gucken, das geht nicht. Man gewöhnt sich dran, aber es bestimmt das Leben schon sehr."

Aus der Kleinstadt in die Metropole

Heintzeler ist in den USA geboren, aber im hessischen Bad Homburg aufgewachsen. In Deutschland absolvierte sie eine Ausbildung zur Hebamme, bevor sie 2003 nach New York kam. Dort stellte ein Gynäkologe sie als Sprechstundenhilfe ein, später wechselte sie in ein Reisebüro und wurde Reiseleiterin. Irgendwann erzählte ihr jemand, dass es in den USA zwar offiziell keine Nachsorge-Hebammen gibt, aber sogenannte Doulas, die nicht selbst entbinden, aber Frauen vor, während und nach der Geburt begleiten. Hebammen, die medizinisch ausgebildet sind und in Kliniken und Praxen arbeiten, heißen in den USA Nurse-Midwives.

Die Berufsbezeichnung Doula ist nicht geschützt, theoretisch kann sich jeder so nennen, aber mehrere Organisationen bieten Zertifizierungen an. Heintzeler machte Kurse, ließ sich zertifizieren und begleitete schon bald die erste Frau bei ihrer Geburt. "Wir waren nachts in ihrer Wohnung im 15. Stock mit Blick über die Skyline und ich half ihr durch die Wehen. Alles war dunkel, bis auf die Lichter draußen - da hat es mich gepackt und ich dachte: Das mache ich jetzt immer." Inzwischen hat sich die Deutsche ein richtiges Doula-Business aufgebaut, sie betreut ein 15-köpfiges Team, dem sie Aufträge vermittelt.

Die Nachfrage und die Zahl der zertifizierten Doulas habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, berichtete jüngst die "New York Times". Die Vorteile für Mutter und Baby seien wissenschaftlich längst nachgewiesen. "Wenn doch nur jede Frau nach der Geburt eine Doula haben könnte", heißt es in dem Artikel.

Aber dies ist und bleibt in den USA weitgehend ein Luxus für Besserverdienende. Heintzeler verlangt 4000 Dollar (etwa 3500 Euro) für ihr Standardpaket: Betreuung in der Schwangerschaft per Telefon und SMS, je ein Hausbesuch vor und nach der Geburt, sowie Begleitung bei der Geburt selbst. Nur die wenigsten Amerikaner bekommen diese Kosten von ihrer Krankenkasse oder vom Arbeitgeber erstattet - anders als die meisten Deutschen und anderen Europäer, die rund die Hälfte von Heintzelers Kunden ausmachen.

Raues Klima im Kreißsaal

"Für meine europäischen Kundinnen bin ich auch ein kultureller Übersetzer. Viele sind regelrecht entsetzt darüber, wie es hier läuft." Deutsche Frauen fühlten sich im Kreißsaal oft degradiert, man spreche sie kaum mit ihrem Namen an, sondern nur mit "Mami". Zudem hätten sie weniger Mitbestimmungsrechte als in Deutschland.

"Wenn Interventionen nötig sind, sei es ein Venentropf, Schmerzmittel oder sogar ein Kaiserschnitt, wird gar nicht gefragt, sondern einfach gemacht." Dazu komme die größere rechtliche Verantwortung der Ärzte, wenn etwa schiefgeht. "Die sind hier sehr vorsichtig", sagt Heintzeler, "die stehen mit einem halben Fuß im Gefängnis."

Auch das Pflegepersonal auf der Geburtsstation hat es nicht leicht. "Dieses Jahr hatten wir schon 9500 Geburten", sagt eine Krankenschwester des New Yorker Mount Sinai Krankenhauses, die anonym bleiben möchte. Die 35-Jährige hat selbst zwei kleine Kinder und arbeitet mindestens 13 Mal im Monat in der Nachtschicht, von 19 Uhr bis 7.30 Uhr. "Wir haben hier ganz arme und ganz reiche Patienten. Ich werde oft angeschrien oder herabschauend behandelt."

Privat hätte die Krankenschwester nach der Geburt selbst gerne eine Doula gehabt. "Gerade bei meinem ersten Kind hatte ich große Probleme mit dem Stillen. Eine Doula hätte mir sicher geholfen, mit meinen Ängsten und meiner Nervosität umzugehen. Aber ich konnte es mir einfach nicht leisten."

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Textes hätte den Eindruck erwecken können, dass im Gesundheitssystem der USA überhaupt keine Hebammen vorgesehen sind. Dies ist nicht der Fall, in der klinischen Geburtshilfe spielen sie eine zentrale Rolle. Der Mangel besteht vor allem in der häuslichen Betreuung von Frauen nach der Geburt.

mah/ Christina Horsten, dpa

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